Biergespräche – Lizenz zum Scheiße sein.

Nach keiner wahren Begebenheit

„Machst du uns noch zwei?“
Es war spät geworden. Selbst der Barkeeper sah aus, als wollte er nur noch nach Hause, brachte uns aber verlässlich Nachschub. Wir waren in einer dieser Szenekneipen. Rauchen natürlich erlaubt, Sessel und Couches statt Stühle und Bänke, Slow Jazz aus den Boxen. Vor ein paar Stunden war es noch Hipster-Elektro gewesen. Keine Ahnung, warum wir ausgerechnet in dieser Bar gelandet waren. Noch nicht mal das Bier war hier besonders billig. Die meisten Gäste waren längst weiter gezogen, in Clubs, in die laue Sommernacht oder in ihr Bett. Ein paar Sitzecken waren noch belegt. Links neben uns saß, wenn man das so bezeichnen konnte, ein Pärchen so sehr ineinander verschlungen, dass sie wohl bald ermahnt werden würden, sich ein Zimmer zu nehmen, sollte es zu heiß werden. Auf der anderen Seite verabschiedete ein Junggeselle mit seinen Kumpels lauthals auch den letzten Gedanken an seine Verlobte.

Und dazwischen wir. Einfach so, ganz ohne Agenda. Wir kannten uns aus dem Sandkasten, hatten unser ganzes Leben gemeinsam erlebt. Schule, Fußballverein, Zivildienst, bis uns das Studium geographisch auseinander trieb. Jetzt war er zur Durchreise hier, unsere Freundschaft hatte gehalten, wie sie es immer getan hatte, wenn sie auf die Probe gestellt wurde. Auch damals schon, als wir uns nach pubertären Streitereien wieder versöhnten. Einmal hätte ich fast etwas mit seiner Schwester angefangen. Ich traute mich nicht, es brach ihr das Herz. Selbst dieser Zwischenfall konnte das Band zwischen uns nicht trennen, das lederhäutige Alphatiere gerne „Männerfreundschaft“ nannten.

Alle Neuigkeiten, die es gab, waren längst ausgetauscht, alle relevanten Themen abgehandelt. Außer „die Frauen“, darüber sprachen wir irgendwie nie. Wobei das nicht ganz stimmt. Er erzählte oft von seinen unglücklichen Beziehungen und ich hörte zu, ohne etwas erwidern zu können. Zählte das als „darüber sprechen“? Ich fand, nein. Die fehlenden Gesprächsthemen, die Uhrzeit und der mittlerweile beachtliche Deckel ließen uns nur eine Möglichkeit: Fragen stellen, die uns in unserem Zustand nicht nur philosophisch, sondern noch dazu elementar wichtig erschienen.

„Hast du eigentlich auch so ne panische Angst, deinen Schlüssel zu verlieren, wenn du über nen Gullydeckel läufst?“, begann Dominik. Er war größer als ich und kräftiger, aber dabei sportlich. Sein Kreuz und sein merklich dickerer rechter Arm verrieten sein jahrelanges Tennistraining, die Trinkfestigkeit sein Jurastudium und der lange Zopf die innere Rebellion gegen das Establishment.
„Nein.“, antwortete ich. „Aber ich weiß auch, wie Hosentaschen funktionieren.“
„Hm.“
Schweigen.

„Sag mal“, sinnierte Dominik nach einer Weile in der Stille zwischen zwei Songs, „hast du eigentlich schon mal einen Tag lang überhaupt keine Musik gehört? Also ich meine bewusst. So Hintergrundgedudel im Kaufhaus, das man nur als Geräusch wahrnimmt, mal nicht mitgezählt.“
„Hmm…“ Ich überlegte kurz. „Das kommt drauf an, wie eng du die Grenzen des Begriffs ‚Musik‘ definierst. Ich musste mal ein paar Tage ausschließlich Privatradio hören. Aber abgesehen davon… wüsste ich jetzt keinen.  Du? … Nik?“
Gedankenverloren musterte Dominik das Pärchen nebenan. Er hörte schon gar nicht mehr zu.

„Hast du die MTV Video Music Awards geschaut?“, fragte ich.
„Natürlich nicht.“
„Ich auch nicht. Hab nur gehört, dass Kanye West Präsident werden will.“
„Das hätten die Amis echt verdient.“, meinte Dominik beiläufig und zerriss bedächtig seine Serviette in kleine Stücke.
„Absolut.“, pflichtete ich bei. „Scheint sich ja jetzt jeder bewerben zu können. Wenn sogar Hulk Hogan Vize unter Donald Trump werden will.“
„Oah, wie geil das wäre. Stell dir mal vor: Ein alter Immobilien-Erbe mit künstlichen Haaren, der jetzt Milliardär ist, alles, was sich nicht wehren kann, nach sich benennt, mit drei Models verheiratet war… der Inbegriff des Hardcore-Kapitalisten, der sich nimmt, was er kriegen kann, ohne Rücksicht auf andere zu nehmen. Der und ein abgehalfterter Wrestler. Nichts könnte das Selbstverständnis der Amerikaner besser repräsentieren.“, feixte Dominik und formte kleine Kügelchen aus den Serviettenfetzen.
„Da wüsste ich auch sofort, wie das Kabinett aussieht“, stimmte ich ein. „Verteidigungsminister wird David Keene, der Chef der NRA. Gesundheitsminister ein McDonald’s-Lobbyist und Finanzminister… äh…“
„Bernie Madoff natürlich. Der Börsenbetrüger. Dem werden dafür extra per Präsidenten-Amnestie die restlichen 144 Jahre Haft erlassen.“

„Aber schon traurig eigentlich“, sagte ich. „Ich meine, das wäre ja als würden Carsten Maschmeyer und Axel Schulz fürs Kanzleramt kandidieren.“
„Mal hier mal nicht den Teufel an die Wand. Weiß doch keiner, was passiert, wenn die Merkel mal aufhört.“
„Naja, in den relevanten Bereichen der Ignoranz und Idiotie sind uns die USA schon noch einen Schritt voraus.“
„Aber die Bayern halten ganz gut Anschluss. Der Satz ‚It’s a free country‘ ist doch bloß das amerikanische Gegenstück zu ‚Mia san Mia‘ – eine Lizenz zum Scheiße sein.“, widersprach Dominik, während er die Stoffkügelchen unauffällig in Richtung des knutschenden Pärchens schnippte.

„Ach, das geht mir alles so auf den Sack.“, entfuhr es mir etwas lauter als geplant.
„Die Amis oder die Bayern?“
„Alles irgendwie. Politiker allgemein. Die sind doch alle scheiße.“
„Warte kurz!“ unterbrach mich Dominik und winkte die hübsche Kellnerin herbei, die ich mich seit drei Stunden nicht anzusprechen traute. „Habt ihr zufällig Alufolie da? Mein Freund hier würde sich gerne einen Hut basteln.“
„Na danke auch!“ Ich funkelte ihn kurz böse an, versuchte aber sofort so wenig durchgeknallt wie möglich zu schauen und fragte vielleicht etwas zu freundlich: „Aber habt ihr irgendwas da, was wach hält?“
„Also, wir hätten da normales Red Bull…“ begann sie zu antworten.
„Oder ‚Mitgliederbeitrag‘, wie man hier im Rasenballsport-Land sagt, richtig?“, grinste Dominik.
„… oder natürlich Mate.“ fuhr sie unbeeindruckt fort. Nik war ihr zu betrunken. Ich mochte sie.
„Dann ne Mate bitte.“
„Alter, du säufst das Zeug? Das ist so widerlich.“ sagte Dominik und sah angewidert sein Bier an, als hätte ich es schon mit der Bestellung vergiftet.
„Ach, kalt geht das sogar. Gibt doch viele Sachen, die nur kalt wirklich schmecken. Mate, Möhren…“
„…Eis…“

„Ja, Arschlecken. Auf jeden Fall bin ich kein Verschwörungstheoretiker, der glaubt, dass Deutschland nicht souverän ist. Willst du wissen, was mich so aufregt?“, versuchte ich den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen.
„Es wird mich – wie immer, wenn ich dir zuhöre – klüger machen, wenn du mir die Antwort nennst.“ Er versuchte jetzt, mich zu reizen und hatte sichtlich Spaß daran.
„Die Politiker und die Nazis und irgendwie alle öffentlichen Personen sorgen dafür, dass mich das ganze Flüchtlingsthema gerade nervt wie Sau. Diese Konzeptlosigkeit, Zerstrittenheit, die Renationalisierung Europas, die dafür sorgen, dass man überall, wo man hin schaut, leidende Flüchtlinge und Prügel- und Krawattennazis sieht. Die Bilder nerven mich. Und ich kann es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dass mich notleidende Menschen nerven. Das ist so gefährlich!“
„Deine Mudder ist gefährlich.“
„Nee, jetzt mal ernsthaft. Europa wird immer mehr zum Schimpfwort, weil die Leute zu faul sind, sich eine gemeinsame Lösung zu überlegen und lieber die einfachen, aber zerstörerischen Methoden des letzten Jahrhunderts anwenden. Diese Diskrepanz regt mich auf zwischen den geschriebenen europäischen Werten und den realen europäischen Taten.“
„Alter, die einzige Diskrepanz, die mich aufregt, sind Socken.“
„Socken?“ Verständnislos blickte ich Dominik an.
„Naja… kriegst nicht ansatzweise ne Waschmaschine damit voll, aber brauchst dafür den halben Wäscheständer. Darum sollte sich die EU mal kümmern.“

„Du hast Probleme…“
„Na, was soll ich dazu groß sagen? Erst Bürgerkriege befeuern und dann Flüchtlinge bekämpfen. Klassische Kondolenzentscheidung. Äh.. oder wie heißt das beim Fußball immer? Konfessionsentscheidung?“
„Konzessionsentscheidung.“, korrigierte ich reflexhaft und bereute es im selben Moment. Natürlich kannte er das Wort. Zufrieden grinste er mich an. „Ich sehe, du bist in deinem Zustand für das Thema nicht mehr sonderlich empfänglich?“
„Ganz recht.“, nickte Dominik. „Man sollte weder betrunken, noch mit Betrunkenen über Flüchtlingspolitik reden.“
„Dann darf die CSU ja gar nichts mehr dazu sagen.“
„So isses.“

Wir brachen auf. Das Pärchen hatte sich aufgerichtet und sortiert. Die Haare voller bunter Kügelchen.

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