Die unglaubliche Reise in einem verrückten Fernbus

Oder: Murphy’s Law auf Tour

Leipzig – Stockholm. 24 Stunden, leicht bepackt, mit Bahn und Bus. Nicht ganz so beschwerlich wie eine Reise mit der Postkutsche, die Balkanroute oder eine S-Bahn-Fahrt nach Halle, zumindest im Normalfall. Man kann es sich aber auch kompliziert machen. Denn sagen wir mal so: Hätten die ersten Menschen beim Aufbruch aus Ostafrika diese Busfahrer gehabt – unsere Art wäre bis heute ein lokales Phänomen Äthiopiens geblieben.

Es begann mit einem Tabubruch. Erste Klasse in der Bahn. In den Jahren bis zur Liberalisierung des Fernbusmarktes hatte ich so viel Geld in Bahntickets investiert, dass mir eigentlich längst ein Zug gehören müsste, die Bahncard-Punkte reichten dann aber doch nur für ein Upgrade, das man sich getrost hätte sparen können. Mittwoch Nachmittag wären – wie in mancher ostsächsischer Grundschule – in der zweiten Klasse mehr leere Plätze gewesen als in der ersten. So war der einzige Unterschied im Headset-Telefonierer-Bereich des ICEs jener, dass sich alle paar Minuten eine Zugbegleiterin mit einem Tablett voller Dinge einschleimen kam, die kein Mensch braucht.

Klassenkampf ZugDa war es doch wirklich kein großer Verlust, dass der anschließende EuroCity aus Budapest, in Dresden nach Defekt ausgetauscht, gar keine erste Klasse mehr hatte. „Gut investierte Bonuspunkte“, dachte ich, als ich endlich von Servicemonstern ungestört „Klassenkampf“ von André Herrmann weiterlesen konnte. Eine innere Genugtuung. Demnächst würde ich eine Party bei der GEMA anmelden und dann keine Musik spielen. Ein Schlag ins Gesicht aller Statusdenker. Leider war gerade keiner da.

Das Nachtleben von Hamburg/ZOB

Nächste Station: Hamburg, Zentraler Omnibusbahnhof, 22:30 Uhr. Hier würde der Fernbus gen Skandinavien abfahren; der Bus einer Linie, die, nach ihrem Namen zu urteilen, Linien durch Europa zieht. Die Lines, die dort gezogen werden, sind allerdings nicht aus Asphalt, wie sich herausstellen sollte.

Der Hamburger ZOB bei Nacht hingegen ist wohl der Ort, an dem AfD-Wähler ihre Vorurteile sammeln. Ein bunter Mix aus Menschen, die so unhöfliche Dinge tun, wie nicht deutsch zu sprechen, in größeren Gruppen zu reisen oder auf ankommende Freunde zu warten, oder rauchend und trinkend auf dem Boden zu sitzen, der tagsüber von deutschen Touristen vollgemüllt wurde. Kurz: Eine Schande für jeden Bürger, der schon dann „besorgt“ ist, wenn er zu Hause nur einmal abgeschlossen hat.

Wie sehr die vielen Busse doch die Vorfreude auf die Fahrt steigen ließen! Durch ganz Europa würden sie fahren: nach Amsterdam, Sarajevo, Lissabon, sogar nach Dresden. Der nächste schon in einer Viertelstunde, der letzte um kurz nach 5. Nur eine Richtung fehlte: Norden. Ungünstig. Noch mal den Abfahrtenmonitor in der Wartehalle checken. Doch, endlich, da stand er: Hamburg über Malmö nach Oslo. Geplante Abfahrtzeit: 23:59 Uhr. Tatsächliche Abfahrtzeit: 22:16 Uhr. Vor einer halben Stunde. Bitte was?  Stand auf dem Ticket doch 300 Minuten vor Abfahrt einfinden und nicht 30? Zum fünften Mal lief ich alle Bussteige ab – wie hilfsbedürftig würde ich wohl auf die anderen wirken? – bis: „…haben Sie da irgendwelche Informationen? Hier steht nämlich nichts.“ Ein Backpacker-Pärchen in meinem Alter telefonierte mit der Hotline, ebenfalls auf der Suche nach dem verschollenen Bus. Durchatmen – immerhin nicht alleine warten.

Doch die Ungewissheit nagte an uns. Ich fühlte mich an das Ende von „Apollo 13“ erinnert: War wegen der hohen Geschwindigkeit der Funkkontakt zum Bus abgerissen? Bei einem Lebenszeichen würden wir uns auf jeden Fall in den Armen liegen. Aber die Zeit strich dahin, die Reisegruppe Öresund wuchs allmählich auf acht Personen aus vier Nationen. Alles nette Menschen, denn Idioten fahren nicht Fernbus. Informationen über unseren Bus hatte selbst der Betreiber nicht (jeder von uns hatte mindestens einmal angerufen), pünktlich Mitternacht machten Hotline und Notfallnummer dicht, Notfälle bitte nur zu Bürozeiten! Ein Zeitvertreib musste her.

Um Sternschnuppen zu suchen, war es zu hell, also beobachteten wir die um diese Jahreszeit besonders häufig vorbeiziehenden Zollbeamten. Im Rudel hetzten sie von Ankunft zu Ankunft, auf der Jagd nach argloser Beute. Ungewöhnlich für deutsche Beamte hatten Sie es jedoch nicht auf Dunkelhäutige abgesehen. Wollten sie etwa den Mindestlohn der Busfahrer kontrollieren? Nein. Ihr einziges Opfer blieb eine junge Rückkehrerin aus Amsterdam mit Rastalocken und einem bunten Hanfblatt auf dem Pullover, für Zöllner gleichbedeutend mit einem Durchsuchungsbefehl. Ich hatte schon länger vermutet, dass die Leute beim Zoll in Wirklichkeit nur keine Lust haben, sich einen Dealer zu suchen. Trotzdem mutig von der Dame, sich währenddessen eine zu drehen.

Die Nacht beginnt um 1

0:45 Uhr. Nur bei erheblichen Verspätungen würde man informiert, hieß es bei der Hotline. Ab wann begannen erhebliche Verspätungen? Wer kannte notfalls Leute in Hamburg? War deren Wohnung groß genug für uns acht? „Wenn ich jetzt bei Mäckes aufs Klo gehe, kommt er bestimmt – ich machs dann einfach im Bus.“ 0:50 Uhr. Danke, liebes langsames, Firewall-geschütztes Internats-Internet, dass du mich schon in meiner Jugend Geduld gelehrt hast. 0:52 Uhr schließlich erlebte Hamburg Jubelszenen, wie man sie dort nur von Last-Minute-Relegations-Siegen kennt – der Bus fuhr ein. Apollo 13 hatte Kontakt aufgenommen, Spiegel Online schickte eine Eilmeldung aufs Smartphone.

Ein Blick auf und in den Bus – und plötzlich ergab alles Sinn. So musste es also in diesen Massenunterkünften auf Lampedusa aussehen: Viel zu viele Menschen unterschiedlichster Couleur auf engem Raum, die sich gegenseitig nicht verstanden und deren Nerven derartig runter waren, als hätten sie einen CSU-Parteitag hinter sich. Und keine Toilette. Gegen das Gepäck im Laderaum war die Asse ein hervorragend sortiertes Archiv. Ich wünschte mir einen Lawinenhund, der umgehend nach Verschütteten sucht.

Die Stunde Verspätung versuchten die Busfahrer wieder herauszuholen, indem sie die Fahrgäste und ihr Gepäck sich selbst überließen und eine Stange Zigaretten aufsogen. Dass sie nur gebrochen deutsch und kaum englisch sprachen, während die meisten Fahrgäste bis dahin nur französisch konnten, beschleunigte den Prozess auch nicht und dass einige Sitze durch das Gepäck der Fahrer blockiert wurden, überforderte mehrere Beteiligte. Unser Vertrauen in die Chauffeure wurde schon zu Beginn hart auf die Probe gestellt, als sie unsere Tickets nicht nur sehen oder scannen wollten, sondern komplett einkassierten. Als sie uns eine halbe Stunde später im Bus zur Ticketkontrolle aufforderten, ihnen selbige nochmals zu zeigen, bestätigten sich unsere Befürchtungen: Wir waren wohl doch in einer Jerry-und-David-Zucker-Komödie gelandet. Fehlte nur noch Leslie Nielsen, der nicht Shirley genannt werden will.

Volle Fahrt

1:30 Uhr setzte sich unser fahrender Käfig völlig überraschend in Bewegung und wider Erwarten kamen wir auch recht flüssig durch. Nur einige Ampeln und Baustellen hielten uns auf, bis wir nach etwa fünf Minuten eine Tankstelle fanden, an der wir unsere erste halbstündige Pause einlegten. 20 Minuten zum Tanken, zehn damit die Fahrer noch in Ruhe rauchen konnten. An der Tankstelle.

Ich hatte den letzten freien Platz ergattert, ganz vorne hinter dem Beifahrer, der seinen Koffer dann doch noch anderswo verstaute – und wurde somit Augenzeuge von Dingen… Erwin Pelzig sagte mal, zu viel Transparenz sei nicht gut. Zu viel Transparenz mache knisternde Erotik zu harter Pornografie, bei der man Sachen sehen muss, die man vorher nicht für möglich hielt und niemals real erleben wollte. Dass der Beifahrer eine Flasche Wasser über die Elektronik kippt, gehört dazu. Dass er den Lappen zum Wegwischen auf der Auffahrt zur Autobahn bei Tempo 60 aus der offenen Fahrertür schmeißt, auch. Ebenso der Fahrer, der verzweifelt auf seinen Schaltknüppel einprügelt, damit das Automatikgetriebe den Vorwärtsgang findet. Und auch das orientierungslose Drücken sämtlicher Knöpfe am Armaturenbrett auf der Suche nach dem Gebläse bei derartig beschlagener Windschutzscheibe, als wären gerade Dementoren aufgetaucht, und anschließendes einhändiges Fahren im Stehen, um mit der anderen irgendwie das Glas sauber zu wischen, ist keine typische Handbewegung, die ein Busfahrer bei „Was bin ich?“ hätte demonstrieren sollen.

Immerhin zwei Dinge fielen positiv auf: Der lautere der beiden Fahrer hatte sich nach einiger Zeit in einen unbekannten Teil des Busses verabschiedet, um etwas Schlaf zu bekommen. Und sein Partner kannte sein Gefährt wenigstens gut genug, um zu wissen, dass es an Bord keinen Rauchmelder gab. Denn beherzt steckte er sich am Steuer Fluppe um Fluppe an. Konnte ich mir erlauben, kurz zu schlafen? Oder würde er, wenn er meinen kontrollierenden Blick nicht mehr im Nacken spürte, es mir gleichtun?

Die ordentlichen Schweden

Er hielt durch, bis zum Zwischenstopp in Kopenhagen, wo es auch eine kleine Pinkelpause geben sollte. „Wie lange haben wir denn Pause?“ – „7:15 Uhr geht’s weiter. Wie spät ist es? – „7:30 Uhr“. „Oh…“ Das Beine vertreten musste warten – aber nicht lange. Denn man hätte es ahnen können: Ein voll besetzter Reisebus, zur Hälfte besetzt mit Menschen aus Westafrika und dem arabischen Raum – das ließ sich der schwedische Zoll im Gegensatz zu seinen genügsamen Hamburger Kollegen nicht entgehen. Beim Ausräumen der Koffer aus dem Bauch des Busses entdeckten wir einen schmalen Hohlraum, ausgekleidet mit einer Isomatte und zerknittertem Kopfkissen. War der Busfahrerkollege zu Beginn der Nacht hierhin entschwunden, um seine Mütze Schlaf zu holen? Hier, zwischen Koffern und Dieseltanks? Auf der Autobahn? Muss wohl; die übrigen Plätze waren schließlich belegt. Zu seinem und unserem Glück war er vor der Zollkontrolle aufgewacht.

So blieb die Zollkontrolle eine harmlose Schnüffelparty für die Drogenhunde, die noch vor ein paar Stunden den Hamburger Kollegen mächtig geholfen hätten. Zur Enttäuschung der Vierbeiner gab es nichts zu Bellen, zur Freude der Alkoholflaschen zum „Eigenbedarf“, die über die Grenze „transportiert“ wurden, bekam das Gepäck immerhin anschließend so etwas wie eine Ordnung. Wenn auch nur kurz, denn wir waren ja praktisch schon in Malmö, also am Umsteigeort, wo offensichtlich nicht nur wir schnellstmöglich dem Bus entkommen wollten, sondern auch andersrum. Zwei junge Männer auf dem Weg nach Oslo mussten deshalb leider mit ihren Koffern am Straßenrand an der Geschichte schreiben, wie sie beinahe nach Norwegen gereist wären.

Ärgerlich für die beiden, uns Gefährten durchströmte beim Anblick des kleiner werdenden Gefährts jedoch ein unendliches Gefühl der Freiheit – als wäre der Bus gerade in den Schicksalsberg gefahren. Es wurde Licht, die Luft schmeckte frischer… zugegeben, das konnte auch an der Uhrzeit und den soeben abgereisten Tabakschleudern gelegen haben, aber es passte ins Bild. In Schweden sind nicht nur die Städte extrem sauber, sondern auch die Fernbusse. Für Deutsche seit eh und je das Kriterium Nummer eins für eine funktionierende Gesellschaft, aber auch mein Sitznachbar, der nicht in Reinheim in Oberspießingen indoktriniert wurde, wusste die neue Sterilität zu schätzen.

Dem Ende entgegen

Alles wäre perfekt gewesen – sogar das W-LAN funktionierte – aber dann war da diese schwedische Busfahrerin, die nur ein einziges Ziel hatte: Mit allen Vorurteilen über Schwedinnen aufzuräumen. Sie war so groß wie breit und fuhr Bus, seit sie der örtlichen Hells-Angels-Kneipe als Rausschmeißerin zu Angst einflößend wurde. Ihre Haare auf dem Kopf waren so dunkel, dicht und wild wie die auf den Zähnen, kurz: für sie wurde der Witz „Deine Mutter zieht LKW auf DSF“ erfunden. Kurz vor der Abfahrt biss sie beherzt in etwas, das von Form, Größe und Knackgeräusch nur eine rohe Kartoffel sein konnte – die Vorspeise für das süße Kind, das sie der bildhübschen, blonden Klischeeschwedin schräg vor mir in einem unachtsamen Moment klauen würde. Und dann heizte sie, wahrscheinlich noch angetrieben von der letzten Anabolika-Spritze, durch Schwedens Städtchen, als säße sie in einem tiefer gelegten Golf auf dem Weg zur nächsten Atzen-Disse. Oder in ihrem Fall wahrscheinlich eher im Batmobil.

Erstaunlicherweise dauerte es trotzdem noch neun Stunden bis nach Stockholm. Die verbrachte ich aber, die erste Etappe verfluchend, weil ich jetzt das schöne Schweden bei Tageslicht verpasste, im Stand-by-Modus. Nur hin und wieder aufgeweckt von den knackenden Halsknochen unserer Zuchtmeisterin am Steuer und der Stimme von Weird Al Yankovic in meinem Kopf, die immer wieder rief: „First World Problems!“ Ein Ohrwurm, der mich erst bei der Ankunft wieder verließ.

Zurück bin ich übrigens geflogen. Es war langweilig.

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