Zurück auf Los!

RB Leipzig – Trainingsauftakt 2.0

Und damit ist alles hinfällig, was ich letzte Woche zum Trainingsauftakt von RB Leipzig geschrieben habe. Was egal wer letzte Woche zum Trainingsauftakt geschrieben hat. Denn wieder einmal haben Vereinsführung und Club-Mäzen Mateschitz beschlossen, alles auf links zu drehen. Der erst kürzlich eingesetzte neue Sportdirektor von Red Bull, Ralf Rangnick, macht sofort Ernst. Kaum eine Woche im Amt, hat er bereits den kompletten Trainerstab ersetzt. Alexander Zorniger (dieses Jahr fast mit  Großaspach in die 3. Liga aufgestiegen) ersetzt Peter Pacult, Tim Lobinger wird neuer Athletiktrainer und gestern wurde nun mit Tamas Bodog auch ein neuer Co-Trainer vorgestellt. Damit hat RB Leipzig im vierten Jahr das vierte Trainerteam.

v.l.n.r.: Tim Lobinger (Athletiktrainer), Alexander Zorniger (Cheftrainer), Ralf Rangnick (Sportdirektor), Dr. Florian Müller (Vorstandsvorsitzender)

Am Mittwoch stellten sich Rangnick, Zorniger und Lobinger erstmals der Leipziger Presse – und redeten gleich Klartext. Wenn man es mit so viel Geld und einem derartig prominent besetzten Kader zweimal hintereinander nicht schafft, aus der Regionalliga aufzusteigen, müsse ja etwas falsch gelaufen sein. Ein Kader mit einem Durchschnittsalter, so Rangnick, „von 28 Jahren oder wahrscheinlich sogar noch etwas mehr“, sei nicht zukunftsfähig. Der Verein müsse auf jeder Position mit Personen besetzt sein, für die RB „am aktuellen Punkt der Karriere der nächste logische Step“ sei. Diese Denkweise habe Pacult nicht geteilt, also musste man sich von ihm getrennt. Es sei zudem unverständlich, dass ein Spieler wie Carsten Kammlott seinen Stammplatz auf der Bank hatte, das könne nur an der Spielweise liegen, die nicht offensiv genug gewesen sei. Harte Kritik an den Vorgängern.

Erste Trainingseinheit unter Alex Zorniger

Ralf Rangnick war der gefragteste Gesprächspartner der zahlreichen Journalisten (darunter auch Vertreter von Sky Sport News, dem Deutschlandfunk und der Financial Times). Er sehe selbstverständlich auch das riesige Potenzial, das in dieser Stadt und diesem Stadion liege und freue sich auf die Aufgaben. Und das sollten auch die Leipziger tun. Wer nicht zu den Spielen von RB gehe, so Rangnick, soll etwas verpassen. Darin ist er sich mit seinem Cheftrainer Zorniger einig. Der beschränkte sich auf sportliche Aussagen. Perspektivisch wolle er das moderne 4-2-3-1 spielen lassen, dafür müsse das Team aber zuvor das 4-4-2 beherrschen. Tempofußball mit jungen Spielern lautet seine Wunschvorstellung. Daran muss er sich jetzt messen lassen. Denn offensiv wollte Pacult auch spielen lassen.

In Fan-Kreisen lautete anschließend der Tenor: Diese Pressekonferenz hätte zwei Jahre früher stattfinden sollen. Rangnick und Zorniger strahlen viel Fußballkompetenz aus und ihr Konzept klingt einleuchtend. Das Timing ist jedoch reichlich ungünstig. Die Mannschaft hat sich nach Mateschitz‘ Aussagen vom Frühjahr, Pacult würde seinen Vertrag erfüllen, auf eine weitere Saison mit dem Wiener eingestellt, wollte auf die letzte Saison aufbauen. Eine Woche lang trainierte sie sogar noch mit dem alten Coach. Doch jetzt, zum wiederholten Male, muss sich das Team auf einen ganz neuen Betreuerstab und eine dem Vernehmen nach völlig neue Spielweise einstellen. Für Zorniger selbst kommt der Wechsel auch sehr spät. Das Gespann Pacult/Loos hat längst sechs neue Spieler verpflichtet, von denen der neue Trainer mit Sicherheit den einen oder anderen nicht geholt hätte. Weitere Kaderveränderungen wurden bereits angekündigt. Es sollen gleichzeitig noch eine handvoll U23-Spieler kommen und der Kader ausgedünnt werden. Dementsprechend müssten mindestens fünf mutmaßlich ältere Herren schon bald ihre Koffer packen oder den Gang in die Reserve antreten. Eine geordnete Saisonvorbereitung sieht anders aus.

Erste sportliche Eindrücke

Testspiel beim FC Grün-Weiß Piesteritz. (1:6)

Den sportlichen Erfolg muss Alexander Zorniger erst noch erarbeiten, ebenso das Vertrauen der Mannschaft. Pacults Entlassung war zudem, wie schon zuvor bei Tomas Oral, von Red Bull nicht besonders freundlich organisiert. Und doch gibt es für Journalisten schon einen ersten handfesten Vorteil der Trainer-Neubesetzung: Zorniger spricht viel offener über seine taktischen Vorhaben, im Training wie im Spiel. Er überschüttet einen fast schon mit Fachbegriffen aus dem Trainerlehrgang.

Echte sportliche Erkenntnisse aus den ersten Trainings- und Testspiel-Eindrücken zu ziehen, verbietet sich von selbst. Auffällig sind jedoch viele Kleinigkeiten, die sich zu einem komplett veränderten Gesamtbild zusammensetzen. Vor und nach jedem Training, jeder Testspielhalbzeit wird ein Kreis gebildet, alle aus dem Trainer- und Betreuerstab klatschen nach dem Match mit den Spielern ab, Zorniger führt viele Einzelgespräche auf und neben dem Feld.

Testspiel RB Leipzig – VFL Halle am Cottaweg vor gut 900 Zuschauern. (2:0)

Präferenzen auf den einzelnen Positionen lassen sich noch nicht erkennen. In beiden Testspielen kamen alle Akteure zum Einsatz, inklusive der drei Torhüter. Von denen empfahl sich vor allem im Spiel bei Piesteritz Borel nachhaltig für die Bank. Die Neuzugänge gefallen bis auf Mrowiec bislang. Karikari gewinnt viele Zweikämpfe und spielt gute Pässe, Judt hat sich schon im Halle-Spiel gut an die Linksverteidiger-Position gewöhnt, zeigt dort vielversprechende Ansätze, Koronkiewicz flitzt auf der rechten Seite die Linie rauf und runter, belebt vor allem das Offensivspiel und „Jungbulle“ Tom Nattermann ist mein persönlicher Favorit auf die Durchstarter-Rolle des Jahres.

So etwas wie eine „Handschrift des Trainers“ ist selbstverständlich noch nicht auszumachen. Laut Zorniger werden dafür derzeit erst einmal die Grundlagen trainiert. Konkret seien das die schnelle Ballrückeroberung nach Ballverlust, das Einstudieren grober Laufwege, die gegenseitige Unterstützung von Innenverteidigung und defensivem Mittelfeld sowie die Reduzierung der Ballkontakte von Offensivspielzügen. Genügend Baustellen also, die es bis zum Saisonbeginn noch zu bearbeiten gilt. Zorniger ist jedoch zuversichtlich und mit der Arbeit seiner Mannschaft bisher sehr zufrieden. Die Spieler hätten hervorragende Qualitäten, jetzt müsse ihnen nur noch jemand einen Plan vermitteln, wie sie spielen sollen. Wie dieser aussieht und ob er aufgeht, wird sich in den kommenden Wochen und Monaten schrittweise zeigen.

RB-Trainingszentrum am Cottaweg beim Testspiel gegen den VFL Halle

Bis dahin wird noch viel passieren. Das defensive Mittelfeld wird mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit stark ausgedünnt, ein Torwart dürfte Leipzig verlassen sowie ein Innenverteidiger, möglicherweise noch ein Außenverteidiger und ein Stürmer. Stefan Kutschke bleibt jedoch bei RB. Einen Wechsel des Offensivmanns hält Zorniger für „sehr unwahrscheinlich“. Verstärkung könnte beispielsweise für die linke Offensivbahn kommen. Erst recht, wenn früher oder später im 4-2-3-1 gespielt wird, wie Zorniger durchklingen ließ, und Rockenbach zentral eingesetzt wird. Jetzt muss ich auch den letzten Ansatz journalistischer Distanz ablegen: Das, was da erzählt wird, klingt sehr vielversprechend für den Leipziger Fußball. Die Regionalliga-Saison beginnt am 12. August. RB Leipzig trifft dann auf die zweite Mannschaft des 1. FC Union Berlin.

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