Verfassungsschutz-approved!

„Zeitungszeugen – Geschichte erlesen“

Mittwochabend während der Redaktionssitzung, als wir eigentlich auf erste Einschätzungen zum Wulff-Interview warteten, überfiel uns dieser Werbespot für das Magazin „Zeitungszeugen“. Seit Donnerstag ist diese Zeitschrift wieder im Verkauf. Sie sammelt Nachdrucke von Zeitungen aus der Zeit des Nationalsozialismus mit dem Ziel, dem Leser zu vermitteln, wie bestimmte Ereignisse damals verbreitet und aufgenommen wurden. Kommentare von Historikern sollen die Inhalte einordnen. Wir besorgten uns tags darauf die erste Ausgabe, denn Werbung und Aufmachung des Magazins waren für uns als Satire-Redaktion gefundenes Fressen. Erst recht, da unsere Sendung „Nachschlag“ heißt und folglich mit „NS“ abgekürzt werden kann… Hier nun das bissige Ergebnis mit Anmoderation:

Sie ist blond, sie ist blauäugig und sie liest die NSDAP-Zeitung „Der Angriff“. Ein Bild der Vergangenheit? Oh nein! Seit gestern ziert dieses durch und durch deutsche Stillleben den Titel einer am Kiosk erhältlichen Zeitschrift. Nach einem Jahr Pause erscheint das Magazin „Zeitungszeugen“ wieder regelmäßig. Warum das ein Grund zur Freude ist, verrät Ihnen unser Geschichts-Experte Guildo Knopf aus Wildbad Kreuth. 

„Zeitungszeugen“-Beitrag anhören/downloaden. (2:15 min.)

Aber ganz im Ernst:

Die Idee des Magazins ist durchaus interessant. Zeitungen sind wichtige historische Quellen und sagen viel darüber aus, wie über diverse Themen und Personen gedacht wurde. Es kann folglich tatsächlich „spannend“ sein, solche Dokumente zu lesen und Interessierten den Zugang zu erleichtern, ist per se löblich. Deshalb gab es „Zeitungszeugen“ von 2009 bis 2010 schon einmal für zwei Jahre.

Problematisch wird es beim genaueren Hinsehen. Nach Hitlers Machtübernahme wurde die Presse bekanntlich massiv kontrolliert. Selbst in den Zeitungen, die nicht von den Reichsbehörden herausgegeben wurden, war somit so etwas wie unabhängiger Journalismus nicht möglich. Was das Volk dachte, lässt sich in der Presse also kaum finden, sondern nur, was die NS-Propaganda dem Land vermitteln wollte. Der Erkenntnisgewinn hält sich in Grenzen. Das Abdrucken und Lesen von ideologieprägenden Propagandatexten Joseph Goebbels‘, dem Aufmacher der ersten „Zeitungszeugen“-Ausgabe, hat für meinen Geschmack mehr mit Sensationsgeilheit zu tun als mit Interesse am historischen Geschehen.

Bis hierhin ist das alles noch Ansichtssache. Auch über N24-Hitler-Dokumentationen kann man geteilter Meinung sein. Meine Kritik geht jedoch darüber hinaus. Die Menge der Nazi- und Kommunismus-Propaganda, die zumindest in Heft eins abgedruckt ist, steht in keinem Verhältnis zu den einordnenden Kommentaren. Dem kompletten KPD-Blatt „Der Kämpfer“ stehen beispielsweise zwei kleine Anmerkungen gegenüber.

Nicht nur die Menge, auch die Qualität der Kommentare lässt zu wünschen übrig. Viele Teilstücke der so genannten „Leser-Lupe“ fassen lediglich den Inhalt der Zeitungsartikel zusammen. Andere bleiben mit ihrer Einordnung stark an der Oberfläche, erklären beispielsweise, dass die Sprache der Nationalsozialisten von Gewalt geprägt war. Nur wenige haben einen echten Mehrwert für den Leser. Gefährlich werden die Einschätzungen zur Ausgabe der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, die der Zeitschrift beiliegt. Sie wird als vorbildlich arbeitendes, journalistisch unabhängiges Medium gelobt, das differenziert über die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler berichtet. Das ist zwar nicht verkehrt, allerdings fällt in dem gepriesenen Leitartikel von Fritz Klein auch der Satz: „Wir halten die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler unter diesen Umständen für richtig.“ Entscheidend wäre hier gewesen, dem Leser zu erläutern, weshalb auch unabhängige, kritische Journalisten Hitlers Machtübernahme nicht feierten, aber begrüßten, was sie sich erhofften und wie berechtigt diese Hoffnungen waren. Nichts dergleichen geschieht.

Für Schulunterricht und Studium ist „Zeitungszeugen“ sicherlich eine brauchbare Arbeitsgrundlage. Als Fach- oder Special-Interest-Zeitschrift taugt sie jedoch nicht. Dafür sind die kritischen Einordnungen viel zu dünn. Es wäre übertrieben, das Magazin als jugendgefährdend abzustempeln. Dennoch habe ich ein ungutes Gefühl, wenn so viel nationalsozialistische Pressearbeit derart ungefiltert an jedem Kiosk erhältlich ist. Ginge es den Herausgebern um die Wissensvermittlung, hätten sie ausgewählte Texte im Original abgedruckt und in Form einer klassischen Zeitschrift mit ausführlichen Kommentaren versehen. Die tatsächliche Aufmachung und Aufbereitung der Inhalte schürt stattdessen vielmehr die so zwielichtige Faszination am Nationalsozialismus. Was als Geschichtsmagazin vielversprechend klingt, verkommt so zu populärwissenschaftlicher Geldmacherei. Besonders in Zeiten, in denen über eine Verharmlosung der deutschen rechtsextremen Szene diskutiert wird, ist das äußerst fragwürdig.

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4 Gedanken zu „Verfassungsschutz-approved!“

  1. ich habe eben Deinen neuen Schmand- Artikel gelesen. ich kenne Das Blatt, das Du kritisierst, zwar nicht, aber Deine Argumentation finde ich sachlich und überlegt. Es ist besser, den ganzen Mist der Nazivergangenheit wegzuschmeißen, als dauernd darauf herumzuhacken. Wer diese Zeit nicht erlebt hat, kann sie auch nicht genau kommentieren. Ich habe selbst erfahren, wie junge Leute, die erst nach der Wende in den neuen Bundesländern aufgewachsen sind, ahungslos in bezug auf die DDR sind. Ich könnte lange über diese Problematik diskutieren.Dir einen guten Abend, Dein alter Opa

  2. Was ist das für eine „Zeitung“ die da veröffentlich wird. Diese Art und Weise der Darstellung ohne wirklichen Kontextbezug, ohne wirkliche Aufklärung wird meines Erachtens nach nicht gerade ein positives Echo finden. Was soll mit der „Zeitung“ eigentlich bewirkt werden? Der Werbespot im Fernsehen ist für den unreflektierten Leser ein Hinweis auf Zeitungen aus der Nazi-Zeit die jetzt „endlich“ wieder auf dem Marks sind. Mir dreht sich der Magen um! Die „Redakteure“ die sich diesen Spot und diese „Zeitung“ ausgedacht haben, sollten vielleicht noch mal die Schulbank drücken und eine Ausbildung machen. Unreflektiert Dinge so wieder zu geben ist sträflich.

  3. Mal ganz ernsthaft….welcher Historiker, Forscher, Lehrer oder sonstig historisch Interessierter kauft sich diese Zeitung? Niemand!Diese bedienen sich anderen seriösen Quellen, wie z.Bsp. Archiven. Hier wird irgendein Dokumantationswert suggeriert, der meines Erachtens nur als Deckmantel dient. Statt dessen versucht der Herausgeber ganz geschickt die Klientel, wie die der „National Zeitung“ des Dr. Gehrhard Frey, zu erreichen. Eine ideale Lektüre für Alt-Nazis und die, die es noch werden wollen. Hier geht es lediglich darum, an dem leider immer noch viel zu großen braunen Sumpf zu verdienen und der restlichen Gesellschaft dieses als harmlos zu verkaufen.

  4. Hallo ihr „evtl. lieben Leser“ – einer sich in der niedrigsten Spähre befindlichen Denkungsweise – habt Ihr es noch immer nicht kapiert – oder fehlt Euch im positiven Sinn gesehen nur der Verstand – daß wir eigenltlich auf dieser Erde sind um uns nicht nur ideell sondern auch kulturell weiter zu entwickeln. Reicht Ihnen den nicht, daß erst ein Vertrag auslaufen mußte, damit ein Land sich wiedervereinigen durfte – mit dem Segen der Sieger aus Ost und West – auch dies ist ein Teil der Wahrheit die es zu berücksichtigen gilt. Ich bin mir bewußt, daß die meisten Bürger unseres Landes auch Diese Wahrheit nicht wissen, doch auch dies sollten sie wissen. Ich selbst bin ein im Jahr 1947 geborener und benötige zum Glück keine solche beschämende Literatur – verbunden mit einer solchen naiven Werbung und daß im Fernsehen -, da ich in meiner Schulausbildung sehr gut aufgepaßt habe. Ich frage mich daher, wo war Ihr Verstand eigentlich als Sie zur Schule gingen?

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