Wo warst du?

Du fährst mit dem Zug stundenlang durch ein trostloses Nichts mit kargen Nadelwäldern und verlassenen Seen, fernab jeder Zivilisation mit einem Handy-Netzempfang, der in jedem Tunnel besser ist.

Du trittst aus dem Hauptbahnhof heraus und bestaunst die Mondlandschaft vor dem Palast der Republik der Stadthalle.

Du gehst weiter Richtung Süden und ergötzt dich am Charme der Plattenbausiedlungen.

Du läufst zwei Tage lang durch die Innenstadt und begegnest keiner Menschenseele.

Du hast beim Einkaufen im Supermarkt die Wahl zwischen vier Kassierern ohne einen Kunden.

Du erreichst die S-Bahn-Station, während das Glas einer Informationswand durch die Druckwelle eines Böllers zersplittert und sich der Verursacher mit erhobenen Daumen davor fotografieren lässt.

Du folgst einer Gruppe Menschen zum Strand, die gerade eine Klopapierrolle aus einer öffentlichen Toilette entführt hat und diese nun entrollt.

Du entgehst nur knapp einem Sprengsatz Böller, dessen Druckwelle du am ganzen Körper verspürst.

Du siehst an einer Haltestelle in das Logo des örtlichen Verkehrsverbundes ein Hakenkreuz geschmiert und stellst konsterniert die Alltäglichkeit dieser Begebenheit fest.

Du passierst am nächsten Morgen einen Jugendlichen, der mit leerem Blick alleine im Nieselregen an einer Haltestelle sitzt und zum Zeitvertreib die verbliebenen Böller vor sich zur Explosion bringt.

Du fährst zurück durch dieselbe Ödnis, diesmal in einem überfüllten Zug.

Du hattest trotzdem eine schöne Zeit.

Ja.

Du hast den Jahreswechsel in Rostock verbracht.

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