„Es war keine Beerdigung“

Ein letztes Mal Thomas Gottschalk bei „Wetten, dass…?“

Stehende Ovationen, emotionale Musik, die eine oder andere Träne im Publikum und in großen, leuchtenden Lettern „Danke Thomas“. Es muss ein großer Moment für Thomas Gottschalk gewesen sein, als gestern kurz nach 23 Uhr seine 151. und letzte Sendung Europas größter Unterhaltungs-Sendung, „Wetten, dass…?“, zu Ende ging. Sichtlich gerührt genoss er die letzten Momente einer Show, die gestern eindrucksvoll ihre eigene Unverzichtbarkeit demonstrierte.

Es herrschte ein Hauch von Jahresrückblicks-Stimmung in der Messe von Friedrichshafen. Alle Gäste (natürlich bis auf Til Schweiger und Jessica Biel) brachten Gottschalk kleine Geschenke mit, ehemalige Wettkandidaten waren zu Gast und diverse kurze Rückblicke auf die Höhepunkte der letzten 23 Jahre ergänzten den gewohnten Sendeablauf. Das Abschiedsmotiv zog sich zwar durch den Abend, beherrschte ihn aber nicht. Stattdessen lieferte der Franke eine der unterhaltsamsten Ausgaben seit langer Zeit ab. Lustige, spannende und beeindruckende Wetten waren erneut das Rückgrat der Sendung, aber auch die Gäste trugen entscheidend dazu bei. Mit Günther Jauch, Dirk Nowitzki und Iris Berben waren diese zwar nicht besonders ausgefallen, dafür sah man ihnen an, dass sie gerne auf der Couch saßen. Gottschalk selbst war wie gewohnt in Topform.

In den letzten Jahren waren die Wetten oftmals mau und die Gäste zwar von hoher Prominenz, aber ohne Spaß an der Sendung. Die gestrige Auswahl, von Jessica Biel mal abgesehen, sorgte für einen Abend, der dem ZDF zeigte, dass es sich den Verlust dieses Formats nicht leisten kann. Der Blick auf die Einschaltquoten untermauert diese Tatsache. Fast 15 Millionen Zuschauer, so viele wie sonst nur bei Fußballspielen, sahen Gottschalks Abeschiedssendung. Und bei dieser Qualität dürften auch im kommenden Jahr einige davon wieder einschalten. Auf eine so unterhaltende und in der Fernsehlandschaft einzigartige Show sollte man nicht verzichten müssen. Thomas Bellut sollte also unbedingt versuchen, das Format am Leben zu halten, es gegebenenfalls leicht zu überarbeiten und einen geeigneten Moderator zu finden.

Die Spekulationen darüber wurden gestern wieder angeheizt. Günther Jauchs geniale Cross-Promotion für den heutigen RTL-Jahresrückblick war die bisher positivste Antwort, die jemand auf die Nachfolge-Frage gegeben hat: Er möchte es sich bis zum Abend überlegen und dann mit Gottschalk „in aller Ruhe darüber reden“. Der spontane Beifall des Friedrichshafener Publikums deutet an, dass der Weg mit Jauch für das ZDF ein gangbarer sein kann. Kaum ein deutscher TV-Moderator ist so akzeptiert wie er; dass er nicht nur steifen Polit-Talk kann, hat er bei Übertragungen von Fußballspielen und Skispringen bereits bewiesen und die Produzenten aus Mainz müssten sich auch bei der Ehefrau des Showmasters keinen neuen Namen merken (sowohl Gottschalk als auch Jauch sind mit einer Thea verheiratet). Ob er allerdings neben RTL und der ARD nun für einen dritten Sender arbeiten sollte, ob er nicht etwas zu bieder für eine solche Sendung ist und ob diese Entscheidung unbedingt am Tag nach Gottschalks Abschied getroffen werden sollte, ist jedoch fraglich. Zumal es keine gute Aussage wäre, wenn Jauch ausgerechnet in einem alten Gottschalk-Anzug (Einlösung eines Wetteinsatzes) die Zusage geben sollte.

Fest steht nur, dass sich Thomas Gottschalk spätestens gestern ein Denkmal gesetzt hat. Ob mit Torte, mit überdimensionaler Schneeskulptur, mit Küssen oder mit Wortspielen, auch das Fahrrad habe keinen „Rücktritt“ – alle Beteiligten zollten dem Bamberger ihren Respekt oder versuchten ihn doch noch umzustimmen. Ein Zurück kann es nach so einem perfekten und erfrischend unpathetischen Abschied nicht geben, aber eine „Beerdigung“ des ganzen Formats war es mitnichten. Was also bleibt, ist die Erinnerung an unzählige Fernsehabende mit vielen überzogenen Minuten mal stärker, mal schwächer, mit bösen Sprüchen und kreativen Wettideen. Und die Hoffnung, dass noch viele weitere folgen. Eine Ära ist zu Ende. Ich hätte nichts dagegen, wenn eine neue folgt.

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Ein Gedanke zu „„Es war keine Beerdigung““

  1. Ich fand zwei Momente kurz vor Schluss bemerkenswert, interessant, denkwürdig, wie auch immer…

    1. Als Gottschalk verschwindet, kommt Jauch noch mal, und sie geben sich die Hand. Sonst niemand von der Couch. Sollte Jauch – was ich nicht glaube – die Show übernehmen, ließe sich das rückblickend großartig als „Zepterübergabe“ interpretieren.

    2. Als Gottschalk so gut wie weg war und sich in der „Tür“ nochmal Richtung Publikum dreht. In dem Moment hab ich mich mal in ihn reinversetzt und mir gedacht „Ich weiß genau, jetzt noch einmal Richtung Ausgang drehen und das war es dann für immer.“ Was muss das für ein schwerer Moment gewesen sein, ein letzte Mal Winken, ein letztes Mal Grinsen, ein letztes Mal das große, ihn vergötternde Publikum genießen. „Jetzt gehen? Nochmal winken? Ich muss gehen. Ich will aber nicht. Ich winke nochmal. Ich muss gehen. Ich gehe.“ Sowas würde mir in dem Moment jedenfalls glaube durch den Kopf gehen.

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