Wer nicht wagt…

Ukraine – Deutschland 3:3

Ende 2009, wenige Monate vor der Kadernominierung zur Weltmeisterschaft in Südafrika, stellte Joachim Löw das Spielsystem der deutschen Nationalmannschaft in einem Testspiel gegen den späteren Gastgeber um. Das Experiment damals lautete 4-2-3-1 mit dem jungen Özil erstmals auf der Spielmacherposition. Gestern testete die DFB-Elf erneut kurz vor der Kaderbenennung gegen den künftigen EM-Gastgeber Ukraine und wieder stellte Löw das System um. Der will doch wohl nicht…?

Alle Augen richteten sich zunächst auf das Kreativ-Duo Götze/Özil („Gözil“), das erstmals gemeinsam agieren durfte. Schnell wanderten die Blicke jedoch von der Offensive in die Defensive. Löw stellte in der Abwehr erstmals eine Dreierkette auf. In der Nationalmannschaft hatte das zuletzt Rudi Völler getan. Das neue 3-5-2-System bereitete den Spielern lange Zeit sichtlich Probleme. Abstimmung und Raumaufteilung fehlten; die berühmten „Automatismen“ eben. Besonders bei Kontern der Ukrainer offenbarten sich die riesigen Lücken im deutschen Defensivverbund. Die kannte man zwar schon vorher, aber dass zwei Gegentore hintereinander nach eigenen Eckbällen fallen, war dann doch neu.

Aufgrund der drei Gegentore in der ersten Halbzeit und den ausbleibenden Glanzmomenten von „Gözil“ sehnte sich ARD-Kommentator Steffen Simon schon in der Pause das alte System zurück. Ich finde jedoch, man sollte hier nicht vorschnell urteilen. Denn betrachten wir mal die Argumente, die für Löws neue Formation sprechen: Spielt Philipp Lahm links, fehlt auf der Rechtsverteidiger-Position eine gleichwertige Besetzung. Anstatt sich mit halbgaren Lösungen wie Boateng, Höwedes oder Träsch zu plagen, hat es durchaus Sinn, auf den vierten Abwehrmann zu verzichten. Gute Innenverteidiger für die Dreierkette gibt es mit Hummels, Badstuber, Mertesacker oder Boateng genügend. Dass gestern die „Automatismen noch nicht griffen“, kann man dem Team kaum vorwerfen, da es vorher so noch nicht wirklich trainiert wurde. Auch offensiv ist das 3-5-2 eine Überlegung wert. Sollten Götze und Özil zusammen funktionieren, wäre es perspektivisch gesehen fahrlässig, einen der beiden auf der Bank zu lassen. Kommt das deutsche Offensivpotenzial zur Entfaltung, ist jeder Gegner schlagbar.

Dass Deutschland in Kiew kein offensiv-kreatives Feuerwerk abbrannte, liegt auch nicht nur am System. Gegen Ukrainer, die gefühlte 80 Prozent des Spiels mit zehn Mann hinter dem Ball verbrachten, hätte sich wohl jeder Gegner mit jeder taktischen Formation schwer getan. Nicht zu Unrecht sagte Lukas Podolski anschließend, man habe am Ende „gegen 15 bis 20 Ukrainer gekämpft“. Dass den Gästen trotzdem drei Tore gelangen und ihnen ein klarer Strafstoß verwehrt bliebt, ist daher schon eher als Erfolg zu werten. Wenn es Löw gelingt, die Defensive zu ordnen und Götze/Özil sich aneinander gewöhnen, kann Deutschland mit diesem System sehr gefährlich werden.

Und dennoch spricht viel dafür, dass wir das 3-5-2 zumindest in Pflichtspielen so schnell nicht wiedersehen. Zumindest nicht als Startaufstellung. Zu gut harmonierten die Adlerträger vorher und zu wenig Handlungsbedarf herrscht akut. Gut und sinnvoll war dieses Experiment trotzdem. Die Mannschaft wird dadurch noch vielseitiger und für den Gegner unberechenbarer. Man muss als Nationaltrainer hin und wieder auch Mut beweisen und langfristig denken. Da sollte auch ein 3:3 in der Ukraine mal erlaubt sein.

Die Spieler in der Einzelkritik

Ron-Robert Zieler: Erwischte ein äußerst undankbares Debüt. An allen drei Gegentoren schuldlos, rette nach der Pause zweimal stark. (Tim Wiese hätte das zweite Tor wohl verhindert, wäre dabei allerdings vom Platz geflogen…)

Jerome Boateng: Wie immer grundsolide. Schaltete sich auffällig oft ins Offensivspiel ein, wirkt nach hinten jedoch oftmals ungelenk und pomadig.

Holger Badstuber: Wie seine Kollegen mit Abstimmungsproblemen bei Kontern, sonst kaum gefordert.

Mats Hummels: Leitete das 0:2 ein, bereitete jedoch auch das 2:3 vor und zeigte sich bei Standards durchaus torgefährlich. Einige unnötige Fehlpässe, sonst aber auch kaum gefordert. Im DFB-Trikot nicht ausgerutscht.

Christian Träsch: Zunächst mit vielen Ballkontakten, bemüht sich einzubringen. Fiel jedoch vor allem durch schlechte Flanken und Fehlpässe auf. Nach 45 Minuten war zu Recht Schluss.

Toni Kroos: Bestätigte seine gute Form.

Sami Khedira: Zweikampfstark und ordnend im Mittelfeld, offensiv mit einigen guten Dribblings, allerdings ohne Durchschlagkraft und Präzision.

Dennis Aogo: Spielte sich wohl endgültig aus dem EM-Kader. Defizite in der Abwehrarbeit, nach vorne harmlos, keine Flanke fand ihr Ziel. Spielte wohl nur mangels Alternativen durch.

Mario Götze: Oft angespielt, engagiert. Deutete einige Male seine Klasse an, blieb jedoch ohne Glanzmomente. Beim ersten Gegentreffer im eigenen Strafraum unglücklich.

Mesut Özil: Ähnlich wie Götze. Nutzte die 66 Minuten Einsatzzeit, um sich an seinen neuen Kreativkollegen zu gewöhnen. Holte sich viele Bälle tief in der eigenen Hälfte.

Mario Gomez: Kam überhaupt nicht zum Zug. Hatte es im Sturmzentrum gegen viele Ukrainer schwer, sich durchzusetzen, bekam wenige Bälle.

André Schürrle (45. für Träsch): Belebte die rechte Seite sofort. Nach starker Anfangsphase auf der Außenbahn jedoch oft vergessen worden. Rettete einmal im Strafraum klasse.

Simon Rolfes (45. für Khedira): Ersetzte Khedira gleichwertig, war sofort im Spiel und schoss das 2:3. Immer anspielbar und sehr präsent.

Lukas Podolski (66. für Özil): Sehr agil, dribbelte sich jedoch einige Male fest, im Abschluss ungefährlich und oft geblockt.

Thomas Müller (66. für Götze): Seit längerem mal wieder zentral eingesetzt. Trotzdem oft auf den Außen zu finden. Lief viel, half hinten gut mit aus und erzielte (etwas glücklich) den Ausgleich.

Cacau (83. für Gomez): Ein guter Fernschuss, für mehr reichte es in der kurzen Einsatzzeit nicht.

Lars Bender (87. für Kroos): Ohne echte Bewertung. Allerdings beim ukrainischen Konter kurz vor Schluss nicht schuldlos.

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Ein Gedanke zu „Wer nicht wagt…“

  1. endlich eine ernstzunehmende Einschätzung des gestrigen Spiels und aufgrund der Kommentare zu Wiese und Hummels gabs auch was zu lachen. Danke!

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