Eine offene Rechnung (USA 2010)

Rahel Berner ist eine ehemalige Mossad-Agentin und Volksheldin ihres Heimatlandes Israel. Ihre Tochter hat soeben ein Buch über ihr Leben veröffentlicht. Im Jahre 1966 bekam sie mit zwei jungen Männern den Auftrag, Dieter Vogel, den „Chirurg von Birkenau“, in Ostberlin zu stellen und Israel zu übergeben. Er soll an jüdischen Männern, Frauen und Kindern medizinische Experimente durchgeführt und dabei hunderte Menschen verstümmelt und getötet haben. Zwar können die drei Agenten den nun praktizierenden Gynäkologen in ihre Gewalt bringen, die Übergabe misslingt jedoch. Wochenlang sind sie nun gezwungen, mit dem Peiniger ihrer Elterngeneration in einer Wohnung versteckt zu leben. Eine Mischung aus Angst, Provokationen und Lagerkoller bringen die jungen Agenten an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit, verfolgt von dem Gedanken, dass keine Vergeltung der Nazigräuel wirklich befriedigend ist. Am Silvesterabend kann sich Vogel befreien – wird jedoch von Rahel auf der Flucht erschossen.

Parallel zu dieser in Rückblenden erzählten Geschichte spielt sich in der filmischen Gegenwart (1997) ein weiterer Thriller ab. Der Mossad holt einen der beiden Partner Rahels, ihren Geliebten, in seiner Wohnung ab. Bevor sie ihn mitnehmen können, läuft dieser jedoch vor einen Lastwagen. Also wird die seit mittlerweile 30 Jahren nicht mehr für den Geheimdienst aktive Rahel erneut auf eine Mission geschickt. Sie soll einen Mann töten, der ihnen allen und somit dem Land Israel gefährlich werden kann, der mit den drei Agenten noch eine Rechnung offen hat.

John Madden („Shakespeare in Love“) inszenierte 2010 seine Hollywood-Version des israelischen Films „Der Preis der Rache“ aus dem Jahr 2007. Entgegen der Befürchtungen einiger Kritiker ließ er die feinfühlig und unpathetisch geschriebene (fiktive) Geschichte dabei zu keinem actionbeladenen Agententhriller verkommen. Blut fließt zwar nicht zu knapp, wilde Verfolgungsjagden, Schießereien und Faustkämpfe werden jedoch auf das nötige Minimum beschränkt. Vielmehr geht es Madden und den Autoren um das Gefühlsleben der Figuren. Den psychischen Druck, dem die Agenten ausgesetzt sind, stellt er in den Vordergrund. Sei es Rahel, die sich von Vogel zur Bestätigung seiner Identität gynäkologisch untersuchen lassen muss, Stefan, der im Umgang mit dem Gefangenen selbst immer mehr zum Barbaren wird, oder David, der sich von Vogel anhören muss, dass seine Geliebte Rahel ein Kind von seinem Mossad-Partner erwartet.

Trotz dieser psychischen Studien gerät der Film nicht ins Stocken. Immer wieder inszeniert Madden hochspannende, fesselnde Szenen, die zur richtigen Zeit neuen Schwung verleihen. Mit geschickten und wohlüberlegten Überblendungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit schafft der Oscar-nominierte Regisseur zudem ein weiteres Spannungselement, sowie durch die Dialoge mit dem „Chirurgen“ Augenblicke, in denen Lachen, Entsetzen und Mitleid sehr nah beieinander liegen. Abgerundet wird der Film durch die tadellosen Schauspielleistungen der Darsteller rund um Helen Mirren, Tom Wilkinson und Sam Worthington.

„Eine offene Rechnung“ profitiert zweifellos vom grandiosen Drehbuch des israelischen Originals. Doch auch den Zweitverwertern muss man anerkennen, dass sie den Geist wohl bewahrt und einmal nicht die amerikanische Gier nach Heldengeschichten und Familientreue befriedigt haben. So entstand ein Thriller, der gleichermaßen spannend wie berührend und tiefsinnig ist.

Ab Donnerstag startet „Eine offene Rechnung“ in Deutschlands Kinos. (Trailer)

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Ein Gedanke zu „Eine offene Rechnung (USA 2010)“

  1. Fand den auch stark. Einfach mal ein überraschend kluges und erwachsenes Stück Hollywood-Kino. So stelle ich mir Polit-Thriller/Dramen vor. Sehr routiniert inszeniert, gut gespielt (ich mocht ja Jessica Chastain am Liebsten). Von der ersten Minute an mitreißend.

    Danke, dass du Du-weißt-schon-was nicht verraten hast. Leider keine Selbstverständlichkeit.

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