Midnight in Paris

Streng genommen kommt dieser Artikel zu spät. Schließlich läuft „Midnight in Paris“, Woody Allens neuester Streich, bereits seit vier Wochen in Deutschlands Kinos. Aber irgendwie passt dieses Verspätete, Unzeitgemäße auch zu diesem Film. Es wird sich zeigen, weshalb.

Gil Pender, erfolgreicher Drehbuchautor in Hollywood, bereist mit seiner Verlobten Inez Paris. Er schreibt gerade an einem Roman, wird dabei nicht wirklich glücklich und erhofft sich von der Stadt an der Seine die nötige Inspiration. Inez hingegen nutzt die Zeit lieber für eine Mischung aus Kultur- und Shopping-Urlaub. Schnell bahnen sich diverse Konflikte an. Gils künftige Schwiegereltern sind ebenfalls in der Stadt und können weder ihn noch Paris leiden, Freunde von Inez, die sie zufällig treffen, findet sie belesen, Gil pseudo-intelektuell und schließlich brodelt der Konflikt, dass Gil gerne nach Paris ziehen würde, Inez aber ein Haus in Malibu bevorzugt.

So trennen sich eines Abends die Wege des Paares;  die einen gehen Tanzen, während der Schriftsteller angetrunken durch das nächtliche Paris spaziert. Irgendwann wird es Mitternacht, ein Oldtimer aus den 1920er Jahren fährt vorbei und eine Gruppe Franzosen überredet ihn, sie auf eine Party zu begleiten. Was Gil erst später realisiert: Nicht nur durch das alte Auto begibt er sich auf eine Zeitreise. Auf der Feier angekommen trifft er prompt Cole Porter, Scott und Zelda Fitzgerald und Ernest Hemingway. Gil ist verwundert, aber auch begeistert. Schließlich handelt es sich bei diesen Personen um seine Idole. Er behauptet stets, zu spät geboren zu sein – nicht umsonst arbeitet die Hauptfigur seines Romans in einem „Nostalgieladen“. Was zunächst nach einer Alkohol-Halluzination aussieht, entpuppt sich später als wesentlich realer, als er in den folgenden Nächten nüchtern erneut in das altertümliche Taxi steigt. Zu den Bekanntschaften, die er auf seinen weiteren Ausflügen macht, zählen Picasso, Dalí, Buñuel – und Adriana, die seine Verlobung plötzlich überhastet wirken lässt.

Woody Allen präsentiert sich bei „Midnight in Paris“ mal wieder in Höchstform. Durch die ständigen Zeitreisen zwischen Gegenwart und „Goldenen Zwanzigern“, die Darstellung der stilprägenden Künstler und die sich daraus ergebenden Situationen fliegen einem die Pointen regelrecht um die Ohren. Ob sich Gil in der Gegenwart mit Inez‘ Eltern über die „Tea Party“-Bewegung streitet oder in den 20ern Luis Buñuel die Idee für dessen späteren Klassiker „Der Würgeengel“ gibt, Woody Allen beherrscht auch mit seinen 75 Jahren noch den Umgang mit Wörtern und intelligente Anspielungen wie kein Zweiter. Ebenso versteht er es, seine Figuren mit Charakter zu versehen und die Schauspieler zu Höchstleistungen anzustacheln. Der konservative Snobbismus von Inez‘ Familie und deren Freunden ist derartig gut dargestellt, dass die Gewaltphantasien gegen sie mit dem Fortschreiten des Films immer konkreter werden.

Wer angesichts des Trailers eine dank Owen Wilson oberflächliche, kitschige Romanze befürchtet hat, sieht sich nach wenigen Minuten beruhigt. Die Rahmenhandlung wird für Inhalt und Aussage des Films nahezu irrelevant. Es geht nicht um eine Beziehungskiste, in der beide Partner fremdgehen. Dass Inez‘ Vater einen Detektiv auf Gil ansetzt, ist am Ende für einen großen Lacher gut, hat sonst aber keinerlei Bedeutung. Viel wichtiger ist die Beschäftigung mit der Vergangenheit. Es ist ein schmaler Grat zwischen Inspiration durch frühere Zeiten und Stillstand durch nostalgische Rückwärtsgewandtheit. Die Erkenntnis, dass man auch in den „Goldenen Zwanzigern“ der Meinung war, man lebe zu spät und früher sei alles besser gewesen, ist nicht wirklich neu, dafür aber besonders schön umgesetzt. Ob die Botschaft nun lautet „Finde dich damit ab, dass du in der Gegenwart lebst!“, oder „Freue dich, dass du in der Gegenwart lebst, später wird man dich darum beneiden!“, bleibt dem Zuschauer überlassen.

Schließlich müssen wir noch über die Ästhetik des Films reden. „Midnight in Paris“ stellt Frankreichs Hauptstadt wie so oft als schönste aller Städte dar. Selten ist das jedoch so gut gelungen wie in diesem Kunstwerk. Jedes Bild auf den Straßen Paris‘ könnte als Postkarte dienen. Auch die Personen stehen dem in nichts nach. Eine der großen Stärken Woody Allens ist es, die Schönheit seiner Hauptdarstellerinnen perfekt in Szene zu setzen. Diesmal ist es Marion Cotillard, die den Zuschauer verzaubert. Gut möglich, dass sie Allens neue „Muse“ wird. Schließlich scheint sie von Film zu Film hübscher zu werden.

„Midnight in Paris“ ist aufgrund des nötigen Hintergrund(basis)wissens einer der anspruchsvollsten Filme Woody Allens. Umso beachtlicher ist die Leichtigkeit, mit der er daherkommt. Die witzigen Ideen und Dialoge, die überaus schönen Bilder und die sehr passende Musik machen traurig, dass der Film schon nach 90 Minuten zu Ende ist. Selbst das allzu plumpe Product Placement des Luxus-Unternehmens Dior in den ersten paar Minuten wagt man zu verzeihen. Mit einem beseelten Lächeln auf den Lippen ist es zum Beginn des Abspanns sehr schwer, dem Verlangen nach Applaus zu widerstehen. Kein Wunder, dass „Midnight in Paris“ im Mai als Eröffnungsfilm der Festspiele in Cannes lief.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s