Altes aus der Anstalt – Teil 3

Bereit für das große Finale? Dann packt euch Proviant ein und schnallt euch an zur Tour durch das letzte Studienjahr.

Wintersemester 2010/11

Das Semester hat noch längst nicht begonnen und schon scheint es verloren. Im Sommer kommt die für mich erschreckende Erkenntnis, dass man zum Anmelden der Bachelor-Arbeit mindestens 120 Leistungspunkte auf dem Konto haben muss, beinahe zu spät. Durch mein erstes Semester mit nur zwei Modulen stehe ich bei soliden 110 Credits und bin somit dämliche zehn Punkte von meiner Abschlussarbeit entfernt. Ein Praktikum muss her. Und zwar schnell. Dieses Mal zeigt sich das Schicksal gnädig, es verschafft mir unter tätiger Mithilfe von Freunden und deren Verwandten einen Praktikumsplatz und die zehn dringend benötigten Punkte. Durchatmen.

Mit reichlich Restadrenalin geht es hinein in die Module- und BA-Arbeitsthemen-Auswahl. Oder anders: Die Drittwunschparade. Meine beiden selbst vorgeschlagenen Arbeitsthemen erweisen sich als zu umfangreich für den Bachelor (und der Professor forscht nicht daran), sodass mir meine dritte Wahl zugeteilt wird – 3D-Kino-Nutzung in Leipzig. Im Wahlbereich bekomme ich ausnahmsweise problemfrei mein Wunschmodul in der Politik zugewiesen. Der Zweitwunsch, Namenskunde, ist hoffnungslos überfüllt, also teilt mir das TOOL meine dritte Wahl zu – Afrikastudien. Was man halt so studiert, wenn man Sportjournalist werden möchte. Schließlich stehen im Pflichtmodul (106 – Public Relations/Öffentlichkeitsarbeit) verschiedene Seminartermine zur Auswahl. Ich bekomme – ihr habt es erraten – meinen Drittwunsch.

Die Recherche für meine Arbeit gestaltet sich zunächst kompliziert. Drei kürzlich verfasste Abschlussarbeiten sollen die Grundlage für meine bilden. Eine davon behandelt mein Thema nur am Rande, eine ist noch nicht bewertet, darf deshalb nicht heraus gegeben werden und die dritte hat die Bibliothek nie von innen gesehen. Improvisation ist angesagt – oder einfach Abwarten. Schließlich ist noch viel Zeit bis Juni. Einfacher haben wir es da in unserer PR-„Seminar“gruppe. Für die Aufgabe, eine Pressekonferenz zu organisieren und durchzuführen, brauchen wir keine großen Textmaterialien. Wir entscheiden uns für ein Dauerthema dieser Tage und stellen einen neuen Trainer bei RB Leipzig vor. Das Seminar besteht übrigens aus knapp 300 Studenten, die sich im Hörsaal jede Woche von einem anderen Dozenten einen Vortrag anhören.

Am Institut geht es wieder einmal hoch her. Zuerst sorgen ein KMW-Student und der Journalistik-Professor für einen Eklat, der bundesweit Aufsehen erregt, kurz darauf sind wieder alle auf seiner Seite, da die PR das Institut endgültig zu übernehmen scheint. Die Umstrukturierungspläne für die KMW werden vorgestellt, um die sich erneut anbahnende Presseschlammschlacht im Keim zu ersticken. Das gelingt mit mäßigem Erfolg. Eine Journalistik-Professur soll herunter gestuft werden, eine dritte in der PR dafür neu geschaffen. Teile der Studentenschaft sind aufgebracht. Es kommt zu Rudelbildungen, Team Journalistik gegen Team PR. Der Rest des Semesters verläuft ruhig, aber mit vielen (inhaltlichen) Highlights aus Vorlesungen und Seminaren:

  • Pressemitteilungen sind Mitteilungen an die Presse.
  • Kundenzeitschriften sind Zeitschriften für Kunden und werden im Fachjargon KuZe genannt.
  • Mitarbeiterzeitschriften sind Zeitschriften für Mitarbeiter, werden aber nicht MiZe genannt.
  • Der Gastprofessor twittert und hält uns für interessiert.
  • Der Begriff „Corporate Publishing“ klingt international – ist er aber nicht. Er wird nur in Deutschland verwendet und heißt vermutlich nur so, weil es cooler klingt als „Unternehmens-Presseerzeugnisse“.
  • Es gibt Politikstudenten, die lieber eine (unbenotete) Prüfungsvorleistung schreiben, als das Angebot der Professorin anzunehmen, selbige ausfallen zu lassen.
  • „Ich will den deutschen Text. Den englischen verstehe ich nicht.“ – „OK. Sind Sie Lehramts-Student?“ – „Ja.“ – „Oh. Das tut mir Leid.“

Sommersemester 2011

Semester Nummer sechs, das letzte im Bachelor, beginnt mit dem schlechten Humor des Modul-Einschreibesystems. Zweieinhalb Jahre kämpft man immer und immer wieder darum, zwei gute Module im Wahlbereich zu bekommen, scheitert zumeist und bekommt als Härtefall noch irgendwo einen Restplatz zugeteilt. Kaum ist man dann im letzten Semester angekommen, braucht nur noch ein Modul, bekommt man plötzlich Erst- und Zweitwunsch zugeteilt. Wie praktisch, dass der Name des Systems, „Tool“, im Englischen auch ein Schimpfwort ist.

Die Bachelorarbeit nimmt immer mehr Form an. Mittlerweile sind meine Quellen (wenn auch über Umwege) verfügbar, ich kann mit der Recherche beginnen und betrete erstmals für mein Kernfach die Bibliothek. Ich verbringe knapp 30 Stunden mit dem Verteilen von Fragebögen und mindestens das Doppelte mit der Auswertung selbiger. Allmählich wird mir klar, wieso diese Arbeit ursprünglich auf zwei Personen ausgelegt war. In der Vorlesung zum Pflichtmodul 105, Medienwissenschaft und -pädagogik, ist in Filmausschnitten und Bildern mindestens einmal pro Woche eine nackte Frau zu sehen, gegen Ende des Semesters werden die Inhalte thematisiert, über die ich gerade meine Arbeit geschrieben habe. Interessant wird es – mal wieder – in der Politik. Unser Professor sieht aus wie Peter Frey und trifft Aussagen wie Angela Merkel. Sein Vorlesungsskript beinhaltet mehr Fragezeichen als Punkte, sobald am Horizont eine Meinung zu vermuten ist, folgt schon die Relativierung. Dabei verwendet er das Wort „Versprechen“ annähernd so oft wie wir im zweiten Semester das Wort „differenzieren“ zählen.

Mitten im Semester ist die Bachelorarbeit fällig. Wer glaubt, mit dieser Abschlussarbeit sei das Studium beendet, wird schwer enttäuscht. In den nächsten vier Wochen bis zum Semesterende warten noch zwei Klausuren, ein Referat, eine Prüfungsvorleistung, eine zu gestaltende Seminarstunde und eine Hausarbeit. Die Motivation hat indes einen neuen Tiefststand erreicht. Die KMW-Bachelorstudenten haben sich mittlerweile zu großen Teilen verloren. Nur wenige haben sich wie ich die 105 bis zum Schluss aufgehoben, die meisten studieren nur noch Wahlbereich. Letztere Variante hat den Vorteil, dass mehr Zeit für die Arbeit bleibt, allerdings den großen Nachteil, dass man die ganzen armen Viertsemester nicht mehr erlebt, die alle über Journalistik und das Studium allgemein klagen. Man fühlt sich in solchen Momenten beinahe altersweise und lächelt über die rebellische Jugend. Erschreckend, an wie viel man sich in so kurzer Zeit gewöhnt. Es bleibt nicht viel vom letzten Semester. Nur folgende Erkenntnisse:

  • Nach allgemeiner Buchdefinition ist eine beschriebene Hauswand ein Buch.
  • Früher schrieb man auf Papyrus und Pergament, heute auf Papier.
  • Man kann, sollte aber nicht, das „Dritte Reich“ mit „Dr. R.“ abkürzen.
  • In Vorlesungen zur Geschichte der Weimarer Republik sitzen mehr Zeitzeugen Rentner als Studenten.
  • Hannah Arendt ist so etwas wie der „running gag“ der Politikwissenschaft.
  • Es ist zu verschmerzen, wenn man in seiner BA-Arbeit zehn Tage vor Abgabe noch etwas umschreiben muss, weil man sich noch einmal sein genaues Thema hat sagen lassen.
  • Tutorien sind nicht zu ersetzen – und doch ersatzlos gestrichen.

Eine Hausarbeit steht noch aus, der Bachelor verabschiedet sich schleichend. Auch wenn das Gesamtfazit nicht übermäßig gut ausfällt, hat das Studium doch auch Spaß bereitet. Man muss sich eben das nützliche Wissen und die persönlichen Unterhaltungsmomente suchen. Und ganz wichtig: Durch nichts entmutigen lassen!

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