Altes aus der Anstalt – Teil 2

Ein vollgepacktes Wochenende steht an, weshalb ich für ein paar Tage nicht an mein Blog komme. Um einem Mini-Sommerloch vorzubeugen, folgt daher schon heute Teil zwei der KMW-Rückblicks-Trilogie. Zusammen mit Teil eins sollte er bis Montag genügend Lesestoff liefern. Danach gibt es ein Double-Feature der „52 Songs“, da ich diese Woche etwas abgelenkt war. Doch um mit Jens Jeremies zu sprechen: „Das ist Schnee von morgen!“ Jetzt gibt es erst einmal eine Tour durch mein zweites Studienjahr.

Wintersemester 2009/10

Was für ein Semester! Nachdem in der ersten Jahreshälfte noch hauptsächlich die Studenten höherer Semester gegen die Studienbedingungen demonstriert und Seminarräume besetzt hatten, formiert sich auch in unserem Jahrgang eine Art Protestbewegung. Auslöser: Modul 104, „Einführung in die Journalistik“ und die (Bewertungs-)Methoden des Professors und seiner Mitarbeiter. In der ersten Vorlesung verkündet er, seine Klausur sei so anspruchsvoll, dass man im Vergleich alles bisherige im Schlaf hätte erledigen können. Mehrmaliges, auch entschuldigtes, Fehlen im Seminar habe das Nichtbestehen des Moduls zur Folge. Angst und Panik machen sich breit. Als dann auch noch erste journalistische Gehversuche bei einigen Seminarleitern ähnlich bewerten wie Bewerbungsschreiben an der DJS, während andere Dozenten die bloße Anwesenheit mit Topnoten belohnen, kommt auch noch Frust dazu und eine Front zur gerechten Behandlung der Studenten bildet sich – mit der Folge, dass die besseren Seminarnoten nach unten korrigiert werden.

Neben der Journalistik bekomme ich im Wahlbereich über die Restplatzbörse (ich bin schon wieder Härtefall) das Modul 107, „Empirische Forschung II“ zugeteilt. Natürlich bevor ich „Empirische Forschung I“ belegen konnte. In Erinnerung bleiben von diesen Veranstaltungen vor allem ein Interview mit einer Seniorin, die von ihrem morgendlichen Spaziergang berichtet, die verzweifelte Suche nach Fernsehzeitschriften aus dem Jahr 1990 und die Unterhaltung mit dem Professor über den Wechsel von Ruud van Nistelrooy zum HSV. In der Schlüsselqualifikation „Technik und Gesellschaft“ macht die Professorin den Fehler, ihre Vorlesung mit den Worten zu eröffnen: „Die Vorlesung ist nicht klausurrelevant, sondern nur zu Ihrem Interesse.“ Ab Woche zwei höre ich mir also mit zehn weiteren „Interessierten“ an, dass sich die Welt durch ihre technischen Entwicklungen selbst zu Grunde richtet und wir armen jungen Menschen diesen Verfall miterleben müssen. Nach vier Vorlesungen gebe ich das Mitschreiben auf, wenig später hält mich das gute Abschneiden des HSV in der Euro League endgültig vom weiteren Besuch der Veranstaltung ab.

Am 2. Dezember feiert die Universität ihren 600. Geburtstag. Oder anders ausgedrückt: Unter Polizeischutz bekommen Horst Köhler & Co. die wohl schönste Baustellenbesichtigung aller Zeiten. Das „Paulinum“ – halb Kirche, halb Aula – soll feierlich eröffnet werden. Daraus wird jedoch nichts. Bis heute, gut 20 Monate danach, konnten die Hauptgebäude der Uni nicht fertiggestellt werden. In der echten Welt feiern beim Lichtfest 100.000 Leipziger 20 Jahre friedliche Revolution, Barack Obama erhält den Friedensnobelpreis und CDU, CSU und FDP unterzeichnen ihr Todesurteil den Koalitionsvertrag. Die restlichen Erkenntnisse des Semesters wieder im Überblick:

  • Nicht nur die KMW, auch die Soziologie hat coole fremdsprachige Ausdrücke. Beispiel: Hyperbolischer Diskantismus.
  • Es gehört zum Risiko des Lebens, dass eine Federmappe plötzlich anfängt zu schweben und kalt wird.
  • Das Leben in Bielefeld muss hart sein. Oder warum schreiben Luhmann, Japp, Krohn und Weyer so absonderliche Texte?
  • Journalisten nutzen zum Recherchieren Telefon, E-Mail und Internet. Und Professoren wollen das in der Klausur wissen.
  • Google wird häufiger genutzt als Yahoo!. Und Professoren wollen das in der Klausur wissen.
  • Die erste Tageszeitung, die „Relation“, erschien 1605 das erste Mal. Professoren wollen das in der Klausur wissen. Und vergeben für die vierstellige Jahreszahl drei Punkte.

Sommersemester 2010

Auch an der Universität stand der Sommer 2010 ganz im Zeichen der Fußball-Weltmeisterschaft. In den Hörsälen läuft stets auf mindestens einem Laptop der Livestream des aktuellen Spiels, Vorlesungen fallen aus, weil der Professor „unterwegs ist“ und im Seminar sollen Fragebögen zur WM ausgearbeitet werden. Das Pflichtmodul 103, „Empirie I“, schafft nun die Grundlagen für die bereits bestandene „Empirie II“, es werden die Arbeitsmethoden erklärt, die man im vorigen Semester angewendet hat. Wer nicht in der Inhaltsanalyse mit Codebüchern und Kategoriensystemen beschäftigt ist, muss vier Stunden lang im Callcenter sitzen, per Telefon Umfragen zur WM führen und sich von den Interviewpartnern erzählen lassen, dass „die Ex-Frau von meinem Mann Portugiesin ist und Portugal verlieren soll, damit die blöde Kuh heult.“

Ins Gedächtnis brennt sich die Vorlesung zur Inhaltsanalyse. Der Name und die überschaubare Rhetorik des Professors machen verständlich, wieso in unserem Fach der Spruch kursiert „In der KMW muss man Früh schlafen gehen“. Meine persönliche Szene des Semesters passiert Ende April. Das zweite Mal in Folge ist der Hamburger SV im Halbfinale der Europa League knapp gescheitert. Aus Protest erscheine ich am nächsten Tag in meinem HSV-Trikot an der Uni, mein Professor sieht mich vor dem Hörsaal und gibt mir zum Trost spontan eine Umarmung.

Bei der obligatorischen Schlüsselqualifikation „Rationales Argumentieren“ liegt die Betonung nach einhelliger Meinung auf „Qual“. Vorlesung und Übung zu „Logik“ konfrontieren die Studenten mit der Mathematik, die sie längst verdrängt hatten und auch die Texte diverser Wissenschaftstheoretiker überfordern einige Kommilitonen. Als eine (leider sehr blonde) Studentin schließlich fragt, was das Wort „falsifizieren“ bedeutet, wird mir schlagartig klar, wieso KMW-Studenten an der Uni einen so schlechten Ruf haben. Nicht umsonst bekomme ich in meinem zweiten Politik-Modul zu hören „Was, du studierst KMW? Hätte ich nie gedacht!“

Und nun die Lehren des vierten Semesters im Überblick:

  •  Vier Stunden Callcenter reichen für 80 Anruf-Versuche… und vier beendete Interviews
  • „… weil unsere Hirnströme ja permanent… … ähm…“ (Zitat des gleichen Professors, der in der Einführungsveranstaltung sagte: „Sie erlernen hier auch Sprach-… Sprach-… ähm… -kompetenz!“)
  • Die Aussage, dass sowohl der vorgegebene Fragebogen als auch die Durchführung der Interviews schwer fehlerbehaftet waren, führt zu einer Bestnote in der Hausarbeit
  • Laut Logik-Professor herrschen an der Uni „Studienähnliche Zustände“
  • Laut Empirie-Professor herrschen in der Wissenschaft „Wahrheitsähnliche Zustände“ – oder auch: Eine Theorie ist OK, solange sie nicht zu falsch ist.
  • Die Eisenbahnschienen von heute haben die gleiche Spurbreite wie die Kutschen von früher
  • Neues von der Fremdwort-Front: Elaborate, Intercoderreliabilitätstest, Kopula

Teil drei, das große Finale, folgt nächste Woche. Darin: Die Abschlussarbeit mitten im Semester, die Übernahme des Instituts durch die PR und viele Versprechen in der Politikwissenschaft.

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Ein Gedanke zu „Altes aus der Anstalt – Teil 2“

  1. Vielen Dank für diese Serie! Ein gewisses Maß an Schadenfreude kann ich mir allerdings nicht verkneifen… wobei ich „Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben“ zwar als Spruch kreatriver fand, aber inhaltlich nicht so recht nachvollziehen konnte.

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