Altes aus der Anstalt – Teil 1

Rückblick auf drei Jahre BA KMW

Bis ich mein Zeugnis in der Hand halten darf, werden noch einige Wochen ins Land gehen; eine Hausarbeit will noch geschrieben werden. Trotzdem ist es an der Zeit, halb glücklich halb melancholisch auf die vergangenen drei Jahre zurück zu blicken, in denen ich mit Hundertschaften von Kommilitonen versucht habe, den Bachelor of Arts im Fach Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Universität Leipzig zu besiegen. Seit Juni 2009 konntet ihr hier diverse Zwischenberichte lesen, die für die Universität meistens weniger gut ausfielen. Auch dieser Rückblick – wie alle erfolgreichen Produktionen der letzten Jahre als Trilogie aufgebaut – wird vor allem die kuriosen bis fragwürdigen Highlights thematisieren. Zur Ehrenrettung der Uni ist eine sachliche Zusammenfassung des Studiums in Planung. Doch jetzt erst einmal hinein in die aktuelle Fragestellung. Stichpunktartige Antworten sind zulässig, sollten aber verständlich sein.

Wintersemester 2008/09

Das Studium beginnt mit der Erkenntnis, dass für den Universitätsalltag ein völlig neues Vokabular zu erlernen ist. Kommilitonen, Module, Schlüsselqualifikation, Credit Points, c.t./s.t. (wär doch mal ein netter Bandname…), Härtefall, Wahlbereich, Moodle, Tool, LSF. Beim ersten Organisationstreffen des Jahrgangs folgen die Feststellungen, dass außer mir noch viele viele andere Leute die Idee hatten, KMW zu studieren, die noch dazu größtenteils älter als ich und weiblich sind. Von diesen über 80% älteren Mädchen haben auch noch beunruhigend viele blondierte Haare. Na das kann ja was werden.

Die Moduleinwahl erweist sich als ähnlich kompliziert, wie sie in der erwähnten Veranstaltung dargestellt wurde. In meinem ersten Semester werde ich gleich zum „Härtefall“, bekomme nur zwei Module und denke mir: „Was solls, wird es halt ein ruhiger Studienbeginn.“ Eine Entscheidung, die mir beinahe zum Verhängnis geworden wäre, wie sich im fünften Semester herausstellen sollte. Meine Modulwahl fällt natürlich auf das Pflichtmodul „Einführung in die Kommunikations- und Medienwissenschaft und das wissenschaftliche Arbeiten“, kurz: 101 (nächste Lektion: KMWler unterhalten sich bei Modultiteln nur mit Zahlen). Im Wahlbereich bekomme ich aus den Politikwissenschaften das Modul „Wissen und Macht I“ zugelost. Der Titel klang so gut.

Da „die Universität“ als Gebäude gerade nicht existiert, muss ich zu meinen Veranstaltungen die halbe Stadt bereisen. Brühl, Uniklinik, GWZ, Grassimuseum – fast alles dabei. Einrichtungen im Westen und Süden sollten im Sommersemester folgen. Inhaltlich entpuppt sich Modul 101 als astreine Realsatire. „Vorlesung 1“ stellt jede Woche einen neuen Professor mit seinem Fachgebiet vor. In der ersten halben Stunde erzählen alle das gleiche, der Rest ist ein Schnelldurchlauf durch das jeweilige im weiteren Studienverlauf folgende Modul. Informationsüberflutung und Desorientierung statt sinnvolle Themeneinführung. „Vorlesung 2“ war von vornherein eine Schnapsidee. Als könnte man jemandem beibringen, wie man wissenschaftlich arbeitet, indem man ihm davon erzählt! Man kann nicht theoretisch wissenschaftlich arbeiten. Spätestens als uns eine bemitleidenswerte Dozentin 90 Minuten erzählt, dass man das Internet zur Recherche verwenden kann, gerät die Veranstaltung zur Farce.

Ganz anders die Politik. Kleine Arbeitsgruppen, interessante Themen, informative und unterhaltsame Vorlesungen. Nur das Seminar erinnert stark an den Ethikunterricht: Der Dozent stellt eine Frage, wer sich daraufhin zuerst bewegt, hat verloren.

Die fachlich/inhaltlichen Erkenntnisse des ersten Semesters nun im Überblick:

  • Substantivieren + Fremdwörter erfinden = wissenschaftliches Schreiben in der KMW
  • Es gibt für alles ein Modell – und sei es noch so primitiv
  • Auf den ersten Blick erscheint vieles trivial – auf den zweiten auch.
  • KMW lernen = Definitionen lernen
  • Es gibt in der KMW zwei Arten von vermitteltem Wissen: Das sinnvolle und das, was in der Klausur erfragt wird
  • Max Weber hatte überall seine Finger drin!
  • Die PR findet sich toll
  • Beim Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten muss man korrekt zitieren und belegen (hätten diverse Politiker mal Modul 101 besucht…)
  • Georg Jellinek wurde bei mir um die Ecke geboren

Sommersemester 2009

Neues Semester, neue Hörsäle. Die Eröffnung von Hörsaal- und Seminargebäude lässt weiter auf sich warten, deshalb müssen die Veranstaltungen erneut verteilt werden. Dieses Mal geht es in den Westen zum Sportforum, in den Süden zur HTWK, wiederum ins GWZ und ins Städtische Kaufhaus in der Innenstadt. Als Pflichtmodul ist wenig überraschend die 102 dran (Mediengeschichte, Mediensystem, Kommunikationswissenschaft), ergänzt durch „Wahlpflicht-Modul“ 108 („Normen&Recht“) und einen Wahlbereich aus der Amerikanistik namens „Society, History, and Politics I“.

Vor allem die Vorlesung zur Mediengeschichte erreicht schnell Kultstatus und inspiriert mich zu meiner Blogreihe „Neues aus der Anstalt“. Zusammenfassen lässt sich diese Veranstaltung mit dem Wort „differenziert“. Es taucht so oft auf, dass wir beginnen, Statistiken dazu aufzustellen. So schafft es der Dozent am 4. Mai 2009, jenes Wort in diversen Variationen 40 Mal in 80 Minuten Vorlesungszeit einzubauen. In der folgenden Woche bringt er es in den ersten sechs Minuten ganze zehn Mal unter. Es kommen Sätze zustande wie dieser hier:  „Die Binnendifferenzierung des Rundfunkprogrammes ist äußerst heterogen.“ Auch sonst gerät die Mediengeschichte immer wieder zum Kurs „Latein für Anfänger“. So zum Beispiel hier: „Dieses Faktum exemplifiziert zwei markante Strukturmerkmale der Tagespresse in den 1920er Jahren.“ Mehr dazu gleich.

Modul 108 lässt sich im Nachhinein als das einzige von vorne bis hinten ausschließlich sinnvolle Modul einordnen. Praxinahe Wissensvermittlung von aktiven Praktikern kombiniert mit der wissenschaftlichen Beurteilung der Inhalte. So soll das sein. Interessant ist die Amerikanistik auch, allerdings ziemlich frustrierend. Statt Inhalte zu besprechen, werden 75% der Seminarsitzungen darauf verwendet, fünfminütige Kurzreferate zu halten und in der Übung wird uns beigebracht, wie man wissenschaftliche Texte auf Kindergarten-Niveau schreibt. Schade eigentlich.

Die wichtigsten Erkenntnisse des zweiten Semesters nun wieder im Überblick. Dieses Mal handelt es sich hauptsächlich um Wortschatzerweiterungen durch Modul 102.

  • „Integrations- und Erweiterungspotenzial lassen sich an den merkmalen Transaktion, Dynamik und molarer Kontext demonstrieren.“
  • „Triadisches Ursachenfitting“
  • „Molarer Kontext“
  • „Typologische Differenzierung“
  • „Empirische Validierung“
  • „Massive Dezentralisierung“
  • „Auf dem Bild sehen Sie übrigens Adolf Hitler“
  • „50:50%“
  • „Vier Aggregatzustände der öffentlichen Meinung: fest, flüssig, gas- oder dunstartig, luftartig“
  • Die Hälfte der Reader-Texte ist das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden.
  • Das „Fetter-Mann-Problem“ ist kein Thema der Ernährungswissenschaft
  • Es ist möglich, zwei KMW-Klausuren am gleichen Tag, getrennt durch eine halbe Stunde Pause, zu schreiben

Fortsetzung folgt. Teil zwei unter anderem mit diesen Themen: Studentenrevolte in der Journalistik, Risiko in der SQ und vier Telefoninterviews zur Fußball-WM in vier Stunden.

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