„Ihr wisst, wo ihr mich wieder finden könnt“*

Fritzchen vor dem Bayreuther Festspielhaus

Fritzchen muss mal wieder zum Überbrücken herhalten. Die Stille auf meinem Blog in den letzten Tagen resultiert aus meinem alljährlichen Kurzurlaub in Bayreuth. Auf dem „Grünen Hügel“ finden dort jeden Sommer die Richard-Wagner-Festspiele statt. Deutschlands beste Musiker (und Sänger) führen dann die Opern rund um den „Ring der Nibelungen“ auf. Da der „Ring“ zwecks Neuinszenierung zum Wagnerjahr 2013 gerade eine Atempause einlegt, hieß es diesmal für mich nicht „Weia, weia, woge, du Welle!“ (Rheingold), sondern „Irgendetwas musst du doch wissen!“ (Parsifal)

Die Generalprobe zum „Parsifal“ unter der Regie von Stefan Herheim stand auf dem Programm. Da die Festspielordnung öffentliche Kritiken der Generalproben leider ausdrücklich untersagt, muss ich mich auf ein paar allgemeine Eindrücke beschränken. Allerdings läuft die Herheim-Inszenierung dieser Oper schon seit 2008, was das Berichten wesentlich angenehmer gestaltet.

Über die Musik muss kaum ein Wort verloren werden. Es gibt wohl keinen größeren Genuss als den Klang des Festspielorchesters in diesem wunderschönen Opernhaus. Dass selbst die Musiker, die schon seit vielen Jahren dieselben Wagner-Partien spielen, immer wieder begeistert aus dem Orchestergraben kommen, sagt schon alles. Deshalb steht in Bayreuth wie sonst nur sehr selten die Regie im Vordergrund. Mehr oder weniger lautstarke Buh-Rufe sind dort die Regel und nicht die Ausnahme. Immer mal wieder gelingt es Regisseuren, eine Inszenierung zu entwerfen, die durchgehend positiv aufgenommen wird (Philippe Arlauds „Tannhäuser“ oder aktuell Katharina Wagners „Meistersinger“). Noch nie zuvor habe ich es jedoch in meinen mittlerweile elfjährigen Bayreuth-Erfahrungen erlebt, dass ein Regisseur derartig gefeiert wurde wie Stefan Herheim am Donnerstag.

In Generalproben gibt es nicht den bei Aufführungen üblichen Einzelapplaus für die Sänger; der Vorhang bleibt nach dem Schlussakkord geschlossen. Dafür sitzt die künstlerische Leitung im Innenraum mitten im Publikum und ist dementsprechend dem Urteil der Gäste schonungslos ausgeliefert. In diesem Fall musste Herheim körperliche Anstrengungen vollbringen, um den Jubel des Publikums auf die Musiker zu lenken. Die vorderen Reihen hatten sich zu ihm umgedreht, um ihn wie der Rest des Saals stehend zu beklatschen. Und das vollkommen zu Recht.

Die Handlung des „Bühnenweihstückes“ findet hauptsächlich in wirren Erzählungen statt. In Verbindung mit der größtenteils sehr getragenen Musik Wagners führt das häufig dazu, dass sich eine gewisse Langeweile einstellt, wenn sich die Figuren auf der Bühne stundenlang gegenüberstehen und Geschichten erzählen. Herheim umgeht dieses Problem, indem er das Erzählte aufwändig, ästhetisch und mit einem sich ständig verändernden Bühnenbild illustriert. Es ist immer genau so viel los, dass es nicht fad wird, man sich aber zugleich immer noch auf die Musik konzentrieren kann. Dazu inszeniert er den „Parsifal“ als einen Gang durch die Geschichte Deutschlands. Gralsritter werden zu kaiserlichen Armeen im ersten Weltkrieg, Klingsors böses Zauberreich trägt Hakenkreuz, bevor sich die Tafelrunde im Bundestag versammelt. Das alleine ist schon schön und durchaus logisch. Doch Herheim würzt das Ganze mit der Einbindung des Publikums in die Handlung. Mehrmals während der fünf Stunden Spielzeit geht die Saalbeleuchtung an und die Zuschauer sehen sich in einem riesigen Spiegel als Teil des Bühnenbilds – beeindruckend! Der runde Spiegel, in dem man sich am Ende als Teil der befriedeten Weltkugel betrachten kann, sorgt zusammen mit den wunderschönen letzten Takten Wagners für ein Schlussbild, nach dem man für kurze Zeit glaubt, das Leben sei damit erfüllt.

Ich kann nur hoffen, dass von einer der Aufführungen eine DVD angefertigt wird und/oder diese Inszenierung ähnlich lange läuft wie die von Wolfgang Wagner zwischen 1989 und 2001. Wie es auch kommt, ich kann euch nur empfehlen, alles in eurer Macht stehende zu tun, um dieses Gesamtkunstwerk einmal zu erleben.

*abgewandeltes Zitat von Parsifal zu Kundry.

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