Erfolgskalkül

Leipzig vor dem DFB-Pokal

Als Peter Pacult als neuer Trainer von Rasenballsport Leipzig vorgestellt wurde, sagte der damalige Geschäftsführer Dr. Dieter Gudel sinngemäß, dass es einen Imageverlust nur durch sportliche Misserfolge gäbe; eine Aussage, die er im Nachhinein nicht überbewertet wissen wollte. Dennoch ist es offensichtlich, dass die Umkehrung dieses Satzes – „Erfolg gibt Recht“ – genau die Strategie ist, die die Red-Bull-Zentrale in Salzburg verfolgt.

In den vergangenen Wochen hat man sich in Österreich alle Mühe gegeben, das Projekt RB Leipzig so unsympathisch wie möglich zu gestalten. Zentralistisch regiert und ohne das geringste Interesse, wie das hiesige Umfeld reagieren würde, vertrieb man mehr oder weniger freiwillig alle Personen, die in den ersten zwei Jahren das Gesicht des Vereins waren. Den üblichen Fußballmechanismen folgend wurden zuerst der Trainer und kurz darauf die Spieler ausgetauscht. Der kürzlich eingestellte Sportdirektor empfand seine Position ob des nicht vorhandenen Mitspracherechts als überflüssig und schmiss hin. Die Neubesetzung des Postens wurde dann vor einigen Wochen dem Geschäftsführer Gudel zum Verhängnis. Dieser wurde über die Verpflichtung von Wolfgang Loos im Urlaub informiert, sah seine eigenen Beteuerungen, in Leipzig handle man in Eigenverantwortung, ad absurdum geführt und schmiss das Handtuch. Um all dem die Krone aufzusetzen, wurde vor kurzem der Pressesprecher Enrico Bach nach nur vier Monaten Amtszeit entlassen und – wenigstens! – durch einen Pacult-Vertrauten ersetzt. Das wirft die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins nicht nur um Wochen zurück, sondern erweckt auch den Eindruck, man kümmere sich bei Red Bull nicht um die Personen, die man beschäftigt.

Kontinuität: Fehlanzeige. Geduld: Nicht vorhanden. Einbindung lokaler Fachkompetenz: Eher sinkend. Die Leipziger scheint all das jedoch kaum zu stören, so lange die Ergebnisse stimmen. Gestern wurden die ersten Vorverkaufszahlen für das DFB-Pokalspiel gegen den VFL Wolfsburg veröffentlicht. Zehn Tage vor der Partie wurden bereits 12.000 Karten verkauft. Zur Erinnerung: Vor den beiden Spielen gegen Chemnitz mit jeweils 12-13.000 Zuschauern wurden im Voraus lediglich 4000 Tickets verkauft. Der Verein steuert trotz nicht abreißender Negativschlagzeilen einen neuen Zuschauerrekord an. Es dürfte sich ein Zweikampf zwischen Dresden und Leipzig entwickeln, wer das größte Publikum in der ersten Runde des Pokals hat.

Wie groß die Unterstützung der Bevölkerung für den Verein trotz der unglücklichen Personalentscheidungen ist, zeigt vor allem, wie groß die Sehnsucht nach hochklassigem Fußball ist. Damit stellt Leipzig Red Bull gewissermaßen einen Freifahrtschein aus. Da nehmen die Fans sogar in Kauf, dass sie aufgrund der fehlenden Vereinsstruktur nie ein Mitspracherecht haben werden. Mittelfristig wird dieses Kalkül bei sportlichem Erfolg aufgehen. Sollte sich Rasenball jedoch auf längere Zeit im Profifußball etablieren, muss Red Bull verstehen, dass man nur dann wirklich in Leipzig ankommt, wenn man lokale Sportler und Verantwortliche einbindet und vor allem in Ruhe arbeiten lässt. Schon jetzt täte es dem Ansehen des Vereins gut, wenn nicht alle paar Wochen wieder bewiesen würde, dass die Fäden der Marionette Leipzig von Salzburg bzw. Fuschl am See aus gezogen werden.

Was die sportlichen Leistungen der nächsten Zeit angeht, kann ich noch nicht wirklich mitreden, da ich keines der bisherigen Testspiele sehen konnte. Liveticker und Spielberichte machen jedoch Lust auf die neue Saison. Pacult lässt auch mal ein 4-3-3 oder eine Mittelfeldraute testen und Tim Sebastians Tage in der Innenverteidigung sind wohl gezählt. Ballgeschiebe und lange Bälle scheinen der Vergangenheit anzugehören und vor allem sind wir endlich diese lästigen kurz ausgeführten Eckbälle los. Derzeit weilt die Mannschaft im österreichischen Bad Radkersburg im Trainingslager, um sich den Feinschliff für Pokalspiel und Regionalliga zu verpassen. Fußballerisch, so der Eindruck, hat sich über den Sommer vieles in die richtige Richtung bewegt. Allerdings sind dabei einige kompetente Personen und somit Sympathiepunkte auf der Strecke geblieben.

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2 Gedanken zu „Erfolgskalkül“

  1. Hmm, volle Zustimmung beim ersten Teil der Analyse. Was das Sportliche angeht, bin ich mir unsicher: Irgendwie lese ich in diesem Somme exakt dieselben Schlagzeilen wie vor einem Jahr – oder in der letzten Winterpause. Selbst dieses (für mich) stark emotionalisierende Thema RB lockt mich nicht hinterm Ofen hervor, weil sich der Verein von Skandälchen zu Skandälchen hangelt. Zwischendrin ist immer von den besten Fitnesstrainern der Geschichte und den schnellsten Sprintern aller Zeiten zu lesen. Na dann, lass die Spiele beginnen.

  2. Was das Sportliche angeht, bin ich auch sehr vorsichtig. Im letzten Sommer hat man gegen Schalke gut ausgesehen und die Hertha geschlagen, Kammlott war schon ein künftiger Nationalstürmer. Und dann liegt man nach 10 Minuten 0:1 gegen Türkiyemspor hinten.
    Im Winter war es dann eigentlich vor allem Guido, der sich ein weiteres Mal von vermeintlich tollen Trainingsleistungen hat beeindrucken lassen. Obwohl zuvor noch selbstkritisch festgestellt hatte, dass er die Testspiele im Sommer überbewertet hatte.

    Was mich diesen Sommer etwas zuversichtlicher stimmt: Es gibt zumindest keine Schwachstelle, derer sich alle Fans bewusst sind, nur die Verantwortlichen scheinbar nicht – im letzten Jahr waren das die fehlenden Kreativkräfte im Mittelfeld. Dieses Mal fällt mir da spontan nichts ein. Der Kader ist tendenziell eher zu groß, gerade im (defensiven) Mittelfeld.

    Naja, ich bin froh, dass wieder Fußball gespielt wird und man wieder gucken kann, ob und wie sich Zuschauerzuspruch und Fankultur weiterentwickeln. Das sind ja nunmal die beiden interessante Aspekte an RB. Diese ganzen Vorgänge hinter den Kulissen sind eher abstoßend.

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