Eine Lektion für die Öffentlichkeit

Ungenaues Passspiel, körperliche Unterlegenheit, fehlende Kreativität bei den Standards und letztendlich ein individueller Fehler von Saskia Bartusiak bescherten der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gestern das bittere Aus im Viertelfinale der Heim-WM gegen Japan. Während bei den Spielerinnen Trauer und Frust herrschen, reibt sich die Nation verwundert die Augen. Eine Niederlage? Im Viertelfinale? Gegen Japan? Das geht doch gar nicht! Was die Trainerin längst wusste, musste die Öffentlichkeit gestern schmerzlich lernen: Die Zeiten, in denen Frauenfußball bedeutete, dass 22 Frauen dem Ball hinterher rennen und am Ende gewinnt immer Deutschland, sind vorbei.

Die Erkenntnisse, die sich aus dem letzten Abend ziehen lassen, sollten so neu eigentlich nicht sein. Und doch hat man an einigen entscheidenden Positionen offensichtlich vorher nicht daran gedacht. Schließlich schien für viele der Weltmeister-Hattrick nur eine Formsache zu sein.

  1. Auch für eine deutsche Nationalelf sind die formbedingten Ausfälle zweier absoluter Leistungsträgerinnen wie Birgit Prinz und Lira Bajramaj nicht problemlos zu kompensieren. Erst recht nicht, wenn sich die so wichtige Kim Kulig nach drei Minuten schwer verletzt. Der gleichzeitige Ausfall von Özil, Müller und Schweinsteiger würde die Männer auch schwächen.
  2. Deutschland ist auf Platz zwei der FIFA-Weltrangliste, nicht an der Spitzenposition, und Japan ist nur zwei Ränge dahinter. Japan als leichteren Gegner einzustufen als die USA oder Brasilien war sehr gefährlich.
  3. Die richtige Einstellung auf den Gegner und die Situation im Turnier ist das A und O. Nach den Reaktionen der Spielerinnen zu urteilen, waren sich viele offenbar gar nicht bewusst, dass man im Viertelfinale gegen Japan auch ausscheiden kann.
  4. Man sollte sich auf das Kerngeschäft konzentrieren. Sponsorenverträge und Medienkampagnen sind gut und wichtig. In einem derartigen Ausmaß, wie wir es bei diesem Turnier erlebt haben, können sie jedoch schnell die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen lenken.
  5. Titel sind keine Selbstverständlichkeit. Werbeplakate mit den Aufschriften „Jungs, wir rächen euch!“, „Dritte Plätze sind was für Männer“ oder „Wie 2006. Nur dass wir diesmal Weltmeister werden“ sind zwar lustig und schaffen Aufmerksamkeit, wecken jedoch schnell falsche Erwartungen. Selbstbewusstsein kann schnell zu Überheblichkeit werden.
  6. Im eigenen Land um einen Titel zu spielen, nach der öffentlichen Erwartungshaltung auch noch schön spielen zu müssen und gleichzeitig den Auftrag zu haben, weltweit Werbung für die eigene Sportart zu machen, ist des Guten dann doch etwas zu viel.
  7. Verlängerungen gegen in blau spielende Länder sind zu vermeiden.

Der eine oder andere Mann dürfte sich jetzt heimlich ins Fäustchen lachen. Doch obwohl das Ausscheiden sportlich durchaus gerechtfertigt ist, darf man dem deutschen Team dankbar sein. Sie sind sehr sympathisch aufgetreten, haben streckenweise wirklich guten Fußball gespielt und tatsächlich so etwas wie Begeisterung für den Frauenfußball geweckt. 17 Millionen Zuschauer und 56% Marktanteil sprechen für sich. Das Spiel zwischen den USA und Brasilien heute Abend dürfte ebenfalls Traumquoten erreichen.

Für eine erfolgsverwöhnte Mannschaft kann es manchmal ganz hilfreich sein, auf den Boden der Tatsachen zurück geholt zu werden. Hoffen wir, dass es der Entwicklung der jungen Spielerinnen wie Kim Kulig oder Alexandra Popp gut getan hat. Schade nur, dass mit der gestrigen Niederlage auch die Olympiaqualifikation für London in Gefahr gerät. Schlägt Schweden in wenigen Stunden Australien, ist Deutschland im nächsten Sommer nicht dabei.

Beim nächsten Turnier gilt also für alle: Einen Gang zurück schalten, akzeptieren, dass die anderen auch Fußball spielen können und keinen Titel schon vorher fest einplanen. Und Passspiel sowie Spielaufbau aus der Defensive verbessern!

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2 Gedanken zu „Eine Lektion für die Öffentlichkeit“

  1. Hei Schmand,
    ich finde ja, dass Bartusiak für das Gegentor nur begrenzt zur Verantwortung gezogen werden kann… Ich bin der Meinung, dass auch Angerer bei dem Tor nicht gut aussah (Warum springt sie nochmal nach links, wenn sie schon die Kurze zugemacht hat?)
    Insgesamt konnte man ja auch sehen, dass die Deutschen nicht genug Ideen hatten und beispielsweise Cèlia Okoyino da Mbabi gegen Ende des Spiels auch nicht mehr so spritzig wirkte… Ich hätte mir eine Einwechslung von Prinz oder sogar Bajramaj gewünscht. Das hätte das Spiel sicher nochmal belebt…

    1. ja, an so einem gegentor ist ja sowieso nie einer alleine schuld. streng genommen hätte der pass ja gar nicht erst gespielt werden dürfen. angerer würde ich etwas in schutz nehmen, weil der ball ins kurze immer der einfachere für den stürmer ist und da auch schnell mal durchrutschen kann. bartusiak macht einen unnötigen schritt raus, macht damit den raum auf, in den der ball geschlagen wird und hat beim laufduell ein paar meter rückstand. umso bitterer, weil sie im restlichen turnier für mich die souveränere der beiden innenverteidigerinnen war.
      beim zweiten teil stimme ich dir zu. wenn man so gar kein kapital aus dem größenvorteil schlagen kann und so selten mal einfach aufs tor schießt, zeugt das nicht von spielwitz. an bartusiak alleine hat es gestern also mitnichten gelegen. sie war nur im entscheidenden moment etwas unglücklich.

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