It all ends

Harry Potter 7.2 feiert Weltpermiere

In diesem Beitrag geht es um eine der erfolgreichsten Buch- und Filmreihen aller Zeiten, um eine Fantasiefigur mit Narbe, Brille und ungepflegten Haaren. Und doch gibt es kaum ein persönlicheres und emotionsgeladeneres Thema, über das ich schreiben könnte, als Harry Potter. Große Teile meines Lebens verdanke und die meisten verbinde ich mit dem Zauberlehrling aus dem Ligusterweg. Heute ist nun der Tag gekommen, an dem es sich zu bedanken gilt, an dem man sich endgültig auf die Zeit nach Hogwarts einstellen muss. In diesen Minuten feiert „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2“ Weltpremiere am Leicester Square, London. Das letzte Kapitel beginnt.

Unter Tränen fiel es Joanne K. Rowling, der Schöpferin des Potter-Universums, auf der Bühne des Trafalgar Squares in London, unweit vom Premieren-Kino, sichtlich schwer, Worte für das zu finden, was sie empfand. Tausende Fans hatten dort Tage zuvor Zeltlager aufgeschlagen, um für die wenigen Stunden ihren Idolen zuzujubeln, die ihnen in den vergangenen Jahren so viel Freude bereitet hatten. Während am Nachmittag noch munter gescherzt wurde, war den Hauptakteuren der Serie am Abend doch anzumerken, wie nah ihnen dieser Moment ging. Schmerzlicher denn je wurde ihnen bewusst, dass für sie eine Ära zu Ende geht. Eine Ära, die für die jungen Hauptdarsteller die Hälfte ihres Lebens und ihre komplette Jugend überdauert hat. So unterschiedlich sich die Emotionen äußerten, in einem waren sich alle einig: „Danke, J.K. Rowling!“ Daniel Radcliffe rührte die Autorin, indem er deutlich machte, dass er ihr alles verdanke, was in seiner Karriere noch folge, Produzent David Heyman bedankte sich dafür, dass Brillen und Narben cool aussehen und Rupert Grint für alles, was sie für Rothaarige getan habe.

Für mich begann das Potter-Zeitalter im Frühjahr 2001. Im Alter von elf Jahren lieh meine Mutter das Buch „Harry Potter und der Stein der Weisen“ aus der Bibliothek Leipzig/Möckern aus und verdonnerte mich dazu, es zu lesen. Ich lese zu wenig und das Buch sei gut, habe sie gehört. Nachdem ich es eine Woche liegen ließ – auf dem Cover waren Schachfiguren! – begab ich mich in die Zauberwelt des ebenfalls Elfjährigen, mit dem ich mich aufgrund seiner schwer zu bändigenden Haare auf Anhieb identifizieren konnte. Sofort war es um mich geschehen. Ich verschlang das Buch, zwang meine Eltern, es nach der Rückgabe zu kaufen, nahm es in den Urlaub mit und las es dort – ungelogen – acht Mal in Folge. Ein Junge wettete kurz darauf bei Thomas Gottschalk, dass er jeden Satz des Buches beenden könne, von dem man die letzten drei Worte weglasse. Auf dem heimischen Sofa beendete ich parallel alle ausgewählten Sätze fehlerfrei. Schneller als der Kandidat und im Gegensatz zu ihm ohne Fehlversuch.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich einfach ein dem Wahnsinn naher Fan des Buches. Doch kurz darauf begann Harry Potter meinen Lebensweg entscheidend zu beeinflussen. Da ich zum Beginn der sechsten Klasse, im Spätsommer 2001, den ersten Band bekanntlich auswendig konnte, schlugen mir meine Eltern vor, doch mal zu versuchen, das Buch im Original auf englisch zu lesen. Während die anderen Jungs also in der Schulpause ihre Brote aßen oder unerlaubterweise auf dem Gang Fußball spielten, saß ich an meinem Tisch und las „Harry Potter And The Philosopher’s Stone“. Meine Englischlehrerin traute ihren Augen nicht, ließ mich zum Beweis meiner Sprachkenntnisse probehalber Ausschnitte übersetzen. Nach zufriedenstellender Ausführung erzählte sie mir von einer Schule in Meißen, die gerade eröffnet würde. „Sankt Afra“ heiße die, sie sei eine Schule für besonders begabte Schüler – und ein Internat.

Hätte mir – und auch das ist nicht erfunden! – Hogwarts nicht so ein positives Bild vom Internatsleben vermittelt, hätte ich es nie gewagt, mich für so eine Schule zu bewerben. So bewahrte mich Mrs. Rowling vor dem bislang schwersten Fehler meines Lebens, der es gewesen wäre, meinen Namen nicht in den Bewerbertopf für Sankt Afra zu schmeißen. In der Folge war jeder Brief aus Meißen „Eulenpost“, die gekreuzten Schwerter der Bauern in der Verfilmung des ersten Buches aus dem November 2001 wurden als Zeichen dafür gedeutet, dass ich in die Porzellan-Stadt Meißen gehen sollte und ein gewisser Mitbewerber und späterer Klassenkamerad mit roten Haaren und Sommersprossen wurde beim ersten Treffen sofort als Ron Weasley identifiziert. Dass ich mich in Sankt Afra als Zwölfjähriger sofort an Hogwarts erinnert (es gab sogar verschiedene Häuser, in die man eingeteilt wurde!) und somit wohl fühlte und seitdem eine innige Liebesbeziehung zu dieser Schule führe, dürfte weitgehend bekannt sein.

Als die ersten Bilder der Schauspieler der Hauptfiguren veröffentlicht wurden, musste ich noch viel Spott einstecken, da ich Emma Watson schon damals als viel zu hübsch für Hermine empfand. Heute fühle ich mich in dieser Ansicht ziemlich bestätigt. Doch darüber hinaus weckten die Verfilmungen das erste Mal mein Interesse am Kino und dem Prozess des Filmemachens. Ohne Harry Potter wären euch also möglicherweise meine diversen Filmkritiken erspart geblieben.

Des weiteren gab es einige Kleinigkeiten, die ich den Büchern verdanke, wie zum Beispiel meinen ersten echten „Nickname“ im Internet und bei Computerspielen: „The Potionsmaster“. Schon nachdem ich das dritte Buch gelesen hatte, war ich überzeugt davon, dass Snape in Lily Potter verliebt und eigentlich der echte Held der Geschichte und nur massiv missverstanden war. Dass ich ab dem sechsten Band die Figur des Harry Potter altertechnisch eingeholt hatte und exakt im gleichen Alter bin wie die drei Hauptdarsteller der Filme (mein Geburtstag liegt exakt zwischen denen von Daniel Radcliffe und Emma Watson!), tat das Übrige. Ich bin, wie so viele auch, mit Harry Potter aufgewachsen. Die Geschichte, die Filme, die Musik haben meine Jugend geprägt. Dank ihnen wurde es mir ermöglicht, die Schule zu besuchen, die mich zu der Person gemacht hat, die ich nun relativ glücklich bin zu sein. Vielleicht markiert ja das Ende der Potter-Reise zugleich so etwas wie das Ende der Kindheit. Klingt sehr pathetisch. Aber kann es Zufall sein, dass der offizielle Kinostart in Deutschland, der Tag, an dem ich diesen Film erstmals sehen werde, eben jener Tag ist, an dem ich meine allerletzte Universitäts-Veranstaltung habe?

Wie man all das auch deuten mag; auch nüchtern und ohne Emotionen muss heute danke gesagt werden. Denn trotz der Tatsache, dass die heutige Weltpremiere eine Marketingkampagne war, die ihresgleichen sucht, und dass „Harry Potter“ zu einer kommerziellen Marke geworden ist, deren Wert mehrere Milliarden Dollar beträgt, ist die Geschichte selbst immer sympathisch geblieben und hat nichts von ihrem Zauber eingebüßt. Anders als so viele andere Buch- und Filmserien haben die diversen Fortsetzungen nicht an Detail verloren, sondern eher gewonnen, die Regisseure und Produzenten sind nicht überheblich geworden und sämtliche jugendlichen Schauspieler sind zu großartigen Personen herangewachsen, die geerdet sind, freundlich und gebildet, britisch, jugendlich abgedreht, aber eben kein Macauly Culkin.

Für all das, für Millionen glücklicher Fans, für Millionen einzelne Geschichten und Momente, die vom „Jungen, der überlebte“ bestimmt wurden, für zehn Jahre Filmvergnügen und 14 Jahre „Harry Potter“: Danke.

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8 Gedanken zu „It all ends“

  1. Ich habe in meinem Leben keine Zeile Harry Potter gelesen und werde es wohl auch nicht mehr tun – aber das hier finde ich einfach schön! :)

  2. Endlich jemand, der Snape zu würdigen weiß. Ich hätte gern ein Spin-Off mit ihm als Hauptfigur, aber das bleibt wohl ein Wunschtraum.

  3. @joan: ich kann dir wärmstens fanfiction.net empfehlen. da findest du soviele snape-spinoffs dass dir schlecht wird ;-)

  4. @hexacyano[kannsnichtmehrlesen-ferrat?] – Danke. Ne Bekannte von mir hat sowas mal geschrieben, und mir war in der Tat schlecht. Außerdem geht das sowieso nur, wenn ihn Alan Rickman spielt^^

  5. Du schreibst: „bis es soweit ist, bloggt er“. Von diesem Plan muss ich dringend abraten. Als ich anfing, diesen Text zu lesen, fasste ich mir innerlich an die Stirn und dachte: „Oh – mein – Gott – was für ein Nerd. Harry Potter hat sein Leben beeinflusst. Ist klar.“ Zu meinem großen Glück hast du aber von Zeile eins an einen so eingängigen Schreibstil, dass ich weitergelsen hab, und jetzt ganz furchtbar Abbitte tun muss! Absolut schöner Text, obwohl ich selber zwar die Bücher gelesen habe, mich aber nie richtig für Harry Potter begeistern konnte.
    (Band sechs übrigens auf Dänisch, um meine Sprachkenntnisse zu verbessern, allerdings war ich da schon zwanzig und mich hat keiner deswegen für hochbegabt erklärt, aber ach, man kann’s ja mal versuchen.)
    Deshalb bin ich dagegen, dass du nur so lange bloggst, bis „es soweit ist“ – mach mal lieber auch danach noch weiter :)
    lg

  6. Ich kann mich owyanna nur anschließen. Ich wusste ja schon immer, dass du ein Fan bist, aber als ich las „Große Teile meines Lebens verdanke…“ da dachte ich auch erstmal „Komm mal wieder runter.“ Aber du hast tatsächlich recht. Eine tolle Geschichte!
    Ich verdanke Harry Potter vielleicht am ehesten einen unglaublichen Stress mit meiner BELL, weil ich mich damals vielzuviel in Harry-Potter-Foren rumgetrieben habe…

  7. Ich weiß, der Text ist schon älter, aber ich hab ihn eben erst gelesen. Ist dir bewusst, dass du damit mindestens einen Menschen zu Tränen gerührt hast? :)

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