Halbzeitanalyse

Zwischenbilanz der FIFA Frauen-WM 2011

Wenn heute Abend gegen 19:50 Uhr die Partie zwischen Brasilien und Norwegen abgepfiffen wird, feiert die FIFA Weltmeisterschaft der Frauen Bergfest, die Hälfte der Spiele ist dann absolviert. Zeit, ein kurzes Zwischenfazit zu ziehen.

ARD und ZDF

Die Fußball-Weisheit „Wer trifft, hat Recht“ gilt auch im Fernsehen. Nicht wenige hatten die Entscheidung, dass erstmals alle Spiele einer Frauen-WM live übertragen werden, mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen. Auch die beispiellose Medienkampagne wurde kritisch beäugt oder im Falle des unsäglichen Eppheim-Tatorts belächelt. Zuschauerzahlen im zweistelligen Millionenbereich und Marktanteile von über 20 Prozent auch bei den Spielen ohne deutsche Beteiligung rechtfertigen jeden Euro, der zuvor in die Werbung gesteckt wurde. Auch und vor allem die Entscheidung des ZDF, mit Claudia Neumann erstmals eine Frau als Live-Kommentatorin einzusetzen, hat sich als gut und richtig erwiesen. Mit ihrem sympathischen Stil und ihrer großen Fachkompetenz hat sie sich für künftige Turniere empfohlen. Dazu kommt, dass sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen Bartels und Réthy erfrischend wenig Mist erzählt. Wer weiß, vielleicht wird aus ihr ja die Sabine Töpperwien des ZDF.

Drei Sätze noch zur Außendarstellung des Frauenfußballs in den diversen Kampagnen vor der WM: Wie kein zweiter Sport muss der Frauenfußball in der Imagegestaltung einen Spagat vollziehen. Weder möchten die Sportlerinnen als „Kampflesben“ oder „Mannsweiber“ dargestellt werden, noch wollen sie sich als kleine Mädchen präsentieren, die mit der Picke an den Ball treten und kichern, wenn er ins Aus fliegt. Die beste Antwort auf dieses Problem geben die Damen auf dem Platz, wo sie regelmäßig beweisen, dass sie Leistungssport auf hohem Niveau betreiben. Werbungen, in denen sie sich lieber schminken, sagen nicht wirklich aus: „Respektiert uns als Sportler!“ (Sind doch vier Sätze geworden…)

Die Nationalmannschaft

Noch nie stand eine deutsche Nationalmannschaft der Frauen derartig im Fokus. Über 120000 Zuschauer in zwei Spielen, dazu unzählige an den Fernsehschirmen flößen unweigerlich Respekt ein. Nach den WM-Titeln 2003 und 2007 erwartet das Land nichts anderes als den Hattrick und auch die Mannschaft selbst wäre ab dem zweiten Platz abwärts enttäuscht. Dazu kommen für die jungen Damen diverse Presse- und Sponsoren-Termine – für die meisten Neuland. Diesem Druck muss man erst einmal Stand halten.

Unter diesen Voraussetzungen hat sich das Team bislang beachtlich geschlagen. Das eine oder andere schwächere Spiel muss man den Mädchen zugestehen. Angesichts der starken Konkurrenz aus den USA, Brasilien, Schweden und Japan sollte im öffentlichen Bewusstsein sowieso etwas Realismus einkehren und ein dritter Titelgewinn als Sensation und nicht als Selbstverständlichkeit eingestuft werden. So gesehen ist es das beste, was der Mannschaft passieren kann, dass Birgit Prinz derzeit so massiv mit Kritik überhäuft wird. Sie stellt sich damit schützend vor das Team, lenkt die Aufmerksamkeit weg von ihren 22 Kameradinnen, die sich dadurch hoffentlich ausreichend auf das Wesentliche konzentrieren können. Prinz kommt damit zwar eine sehr tragische Rolle zu, sie könnte sich damit aber in den Dienst der Mannschaft stellen und somit wichtiger denn je werden.

Frauenfußball allgemein

Positiv ist festzuhalten, dass die bisherigen WM-Spiele nicht langweiliger sind als die der Männer im vergangenen Jahr. Negativ muss man feststellen, dass sich der Frauen-Fußball zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft entwickelt. In einigen wenigen Ländern wird die Sportart zunehmend professionalisiert. Dort wird ansehnlicher Fußball gespielt. Sieht man sich dagegen Spiele der Nationen an, in denen Frauenfußball eine Randerscheinung ist, hat man den Eindruck, man sehe eine Nachwuchsmannschaft spielen. Technisch ist das alles akzeptabel. Aber im körperlichen und taktischen Bereich und vor allem im Abwehrverhalten tun sich teilweise Abgründe auf.

An dieser Stelle möchte ich eine These in den Raum werfen: Das Niveau des Frauenfußballs könnte steigen, wenn mit einem Fußball der Größe vier (statt fünf) gespielt würde. Auffällig häufig haben die Frauen Probleme, den Ball nach der Annahme mitzunehmen, sehr oft bleiben sie hängen und stolpern über das Spielgerät. Die vielen abrutschenden Flanken und Schussversuche lassen sich meiner Meinung nach nicht nur über technische Defizite erklären. Ein kleinerer Ball, wie er auch beim Hallensport Futsal verwendet wird, könnte besser zu den naturgemäß kleineren Füßen der Frauen passen, die somit eine bessere Kontrolle über den Ball hätten, schärfer schießen und somit das Spieltempo erhöhen könnten.

So viel zu meiner Theorie. Praktisch ist zu beobachten, dass sich einige Klischees des Frauenfußballs leider hartnäckig halten; einige davon durfte ich selbst über einige Jahre bei diversen Schulwettbewerben bis auf Landesebene bewundern.

  • Einwürfe stellen viele Fußballerinnen aller Nationen vor unlösbare Probleme
  • Die Chancenverwertung bringt die Trainer zum verzweifeln
  • Es gibt immer eine, die die Abseitsfalle aufhebt
  • Die Schwedinnen sind immer die schönsten
  • In jedem verdammten Spiel schwappt eine „La Ola“ durch das Stadion, denn:
  • Die meisten Zuschauer sind Frauen oder Familien mit Kindern, die mit der Einstellung „Hey, wir sind voll gut drauf!“ das Stadion betreten anstatt sich wirklich für ein gutes Fußballspiel zu interessieren
  • Bei den Spielen der Frauen herrscht die meiste Zeit relative Stille
  • Schiedsrichterinnen sind häufig schlecht und können sich selten durchsetzen

Das Schiedsrichter-Problem herrscht bei Weltmeisterschaften geschlechterübergreifend. Darüber müsste man sich mal ausführlicher unterhalten.

Abgesehen von diesen meist sympathischen Klischeebestätigungen macht „20Elf von seiner schönsten Seite“ bisher großen Spaß. Die Stimmung ist gut, das Niveau einer WM angemessen (in der K.O.-Phase dann durchgehend hoch) und Deutschland liegt noch aussichtsreich im Rennen. Die Weltmeisterschaft in Deutschland macht mit all ihrer medialen Aufmerksamkeit beste Werbung für einen Sport, der nach wie vor zu wenig Beachtung findet.

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3 Gedanken zu „Halbzeitanalyse“

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