„Theo, lass uns nach Eppheim fahren!“

Tatort – „Im Abseits“

Man sollte über Fußball eben keine Filme drehen. Erst recht keine Krimis. Der gestrige „Tatort“ hat es trotzdem getan und ist somit leider zur Lachnummer verkommen.

Ein kurzer Handlungs-Überblick: Fadime Gülüc ist das Aushängeschild des FC Eppheim, einem Verein, der durch einen großen Geldgeber von der vierten in die erste Liga marschiert ist. Nach einem pikanten Fotoshooting wird sie erschlagen in der Kabine gefunden. Wurde sie von Teamkolleginnen aus Eifersucht getötet, von ihrem Ex-Verlobten, dem sie kurz zuvor die Hochzeit abgesagt hatte, oder doch von ihrer türkischen Familie, die mit ihrer Rolle als sexy Fußballerin nicht klar kam? Cameo-Auftritte von Theo Zwanziger, Jogi Löw, Oliver Bierhoff, Steffi Jones und Celia Okoyino da Mbabi runden den Film ab.

An Titel und Handlung lässt sich ohne weiteres erkennen, dass der Spielraum für Klischees hier besonders groß ist. Deswegen wurde auch keins davon ausgelassen. Was mich neben dem unkreativen Umgang mit Rollenbildern und traditionell schlechten Sportdialogen („Sie sieht gut aus, aber ihre Flanken aus dem Mittelfeld könnten besser sein.“) immer besonders stört, ist die Realitätsferne der Drehbuchautoren. Gerade bei einem so populären Thema wie Fußball sollte es möglich sein, auch im Hintergrund akkurate Handlungen laufen zu lassen. Ich weiß, dass das kleinlich wirken mag und dass man sich Filme durch fehlenden Realismus nicht verderben lassen sollte, aber ich habe trotzdem eine kleine Hitlist an fragwürdigen Inhalten aufgestellt:

  • Bundesligistinnen absolvieren Grundlagen-Training wie Slalom laufen
  • Celia Okoyino da Mbabi sitzt in einer DFB-Teambesprechung mit Theo Zwanziger & Co.
  • Eppheim steigt von 4. in die 1. Liga auf und ist in der ersten Bundesliga-Saison frustriert, dass die „internationalen Plätze“ in Gefahr geraten
  • Spielerinnen wie Gülüc, die von der 3. in die 2. Liga aufgestiegen sind, spielen jetzt auch international
  • Gülüc bekommt für ein Fotoshooting (bei miesem Wetter und ohne professionelle Beleuchtung) trainingsfrei
  • Der Verein lässt wenige Tage nach dem Tod einer Leistungsträgerin ein Pflichtspiel austragen
  • Ein ambitioniertes Erstligateam beginnt erst in der ersten Bundesliga-Saison mit konkreten Stadionbau-Planungen

Statt „Im Abseits“ hätte man diesen Tatort vielleicht besser „Grobes Foulspiel“ nennen sollen. Oder „Eigentor“, weil ich bezweifle, dass durch so einen mies geschriebenen (wenn auch gut gemeinten) Film die Aufmerksamkeit für Frauenfußball steigt. Nur eines muss man ihm zugestehen: Er hat für einen neuen Klassiker in der Geschichte der Filmzitate gesorgt. Steffi Jones‘ Worte werden legendär: „Theo, lass uns nach Eppheim fahren!“

 

PS: Als Lira Bajramaj würde ich mir jetzt Sorgen machen. Die Parallelen zu Fadime Gülüc sind frappierend. Der Name: Fatmire – Fadime. Die Position: Offensivkünstlerin. Die Rolle: Aushängeschild und Schönheit der Mannschaft. Die Situation: Formtief.

Advertisements

4 Gedanken zu „„Theo, lass uns nach Eppheim fahren!““

  1. mein highlight war bierhhoff: „ein unfall?“ naja ich fand, es gab schlechtere tatorte. das thema aufgreifen und löw, zwanzinger und co da hinzusetzen ist legitim. die umsetzung hat große und kleine mängel, aber an so sachen wie den stadionbau würde ich mich nicht hochziehen…reg dich nicht so auf, nur weil du ahnung von fussball hast…das wird dir alles fiktive versauen ;)

    1. :) bierhoff fand ich von den „echten“ noch am überzeugendsten. hat halt erfahrung durch die ganzen werbespots^^
      ich finde halt, es wäre nicht so schwer gewesen, die sachen oben zu vermeiden. und auch abgesehen davon fand ich die story ziemlich dünn. aber hast schon recht. ;)

  2. Ich kann mich leider nicht an einen schlechteren Tatort erinnern. Und auf http://www.tatort-fundus.de wird die Folge als siebtschlechteste von 818 ausgestrahlten Folgen geführt. Das muss man erstmal schaffen mit einem an sich sympathischen Ermittlerpaar. Ich glaub das Drehbuch hatte die ‚Dicke‘ einer Doktorarbeit an der Uni Würzburg.

  3. Habe den Tatort so nebenbei zusammen mit ner Kommilitonin geschaut und mich über ähnliche Punkte aufgeregt wie du. Sie hatte argumentiert, dass so ein Tatort eben dazu diene, breite Bevölkerungsschichten mit einer bestimmten Thematik vertraut zu machen. In dem Fall ist das Frauenfußball und da eben auch die Spannungsfelder. Das könne dann eben auch oberflächlich und stereotyp sein.

    Mir persönlich fällt es schwer, so zu denken, wenn ich einen Film schaue. Für mich steht da in erster Linie das Qualitätskriterium im Vorgergrund und nicht die Volkserziehung. Und ich habe mich ständig an den Dialogen gestört. Menschen, die mit Fußball nichts am Hut haben, erwarten vielleicht, dass die Leute so reden. Aber so reden die Leute nicht. Vermutlich hatten die Autoren mit Fußball auch noch nicht so viel am Hut. Dann packt man auch noch schlechte Schauspieler mit rein (Zwanziger), damit man auch ja nicht vergisst, dass es ja nur ein Film ist. Und dazu dieses ständige moralische Gequatsche.

    Das war nach dem Leipzig-Tatort vom letzten Wochenende nun der zweite Tatort, den ich gesehen habe. Ich kann nicht verstehen, wieso so etwas unter Kriminalfilm durchgeht. Soll man ne Dokumentation drehen, wenn man die Bevölkerung erziehen und belehren möchte.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s