Same shit, different name

Von Island bis EHEC

Mit den Brillen fing alles an. Vor ein paar Jahren muss sich nach meiner Theorie ungefähr folgende Szene abgespielt haben: Zwei Modedesigner sitzen abends in einer Bar. Einer der beiden hat eine überdimensionale Brille mitgebracht, die er in den 70ern mal getragen hat und sagt: „Die ist so hässlich, zum Glück würde heute niemand mehr so etwas tragen!“. Der andere, der Barney Stinson der beiden, wittert seine Chance und sagt: „Challenge accepted!“ – So nahmen die Dinge ihren Lauf und heute sieht man wieder viel zu viele Leute mit solchen Verbrechen auf der Nase herumlaufen oder sich in Werbespots als nervtödende Naivlinge outen.

Doch damit nicht genug: Auch in den Nachrichten wiederholt sich alles, was uns schon länger nervt, nur unter anderem Namen. Der Promi, der sich aktuell wegen Vergewaltigung vor Gericht verantworten muss, heißt nicht Kachelmann, sondern Strauss-Kahn, das Bundesland, in dem die FDP versagt, heißt nicht Nordrhein-Westfalen, sondern Bremen, das Euro-Land, um das man sich sorgt, heißt nicht Griechenland, sondern Portugal und der isländische Vulkan, der Europas Flugverkehr lahm legt, heißt nicht Eyjafjallajökull, sondern Grimsvötn. Der Vorteil daran ist: Man kann schon jetzt ahnen, wie die Geschichten ausgehen. Der Nachteil: Es ist stinklangweilig.

Unterhaltsam ist nur eine Nachricht. Es ist ein neuer Krankheitserreger auf dem Markt (nein, nicht das neue Album von Lady Gaga!). Auch das ist per se keine echte Neuigkeit, denn seit Jahren terrorisieren uns für eine bestimmte Zeit je vier böse Zeichen (SARS, H5N1, H1N1). Der aktuelle Keim befällt Darm und Nieren und hört auf den Namen EHEC. Er dürfte das Bakterium sein, das mit den schlechtesten „Stats“ in die Nachrichten gekommen ist. Einige hundert Erkrankungen in Norddeutschland, drei bestätigte Todesopfer, zwei davon über 80 Jahre alt. Dementsprechend gering ist der Nutzen der Nachricht für die Bevölkerung, denn die sagenhaften Tipps lauten: Hände und Lebensmittel vor dem Essen waschen! Also das, was man im Kindergarten lernt.

Lustig sind diese Meldungen nicht, weil man den Erreger nicht ernst nehmen sollte oder die Krankheitsfälle verharmlost werden sollen, sondern durch Platzierung und Wortwahl der Texte. So befand sich auf dem Portal gmx.de am Sonntag die Überschrift „Lebensgefährlicher Durchfall grassiert im Norden“ direkt neben Meldungen wie „FDP verpasst Bremer Landtag“, „Bürger in Wut schaffen Wiedereinzug in bremische Bürgerschaft“ und „Bremen: Niedrigste Wahlbeteiligung aller Zeiten“. Da ließen sich viele Schlüsse ziehen. Auch die Sätze innerhalb der Nachricht „Betroffen sind bisher zumeist Frauen“ und „Der Keim verbreitet sich über Gemüse“, hätte man gut und gerne durch ein „, denn“ verbinden können. Die beste Formulierung gelang jedoch Alexander Teske vom MDR. In seinem Bericht von gestern setzt er sehr geschickt die letzte Textpassage an den vorherigen O-Ton an. Auf die Worte der Expertin: „Wir haben ein Klientel an Erkrankten, die sich üblicherweise sonst nicht mit EHEC infizieren.“ folgt: „Der Erreger lebt im Darm von Wiederkäuern.“ – Großes Kino!

Ein Tipp für die Weitere Berichterstattung, bis irgendwann das Wundermedikament auftaucht (oder die nächste Krankheit): Nennt den Keim R2D2 und bitte bitte bitte sagt nicht dauernd „blutiger Durchfall“!

In diesem Sinne – Händewaschen nicht vergessen!

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