Alles, was wir geben mussten

Leider ein Liebesfilm

Die Vorstellung ist grauenhaft: Kinder werden in einem Internat zu kerngesunden Erwachsenen heran gezüchtet, damit sie später ihre Organe für die Bevölkerung spenden können. Kathy, Tommy und Ruth sind drei dieser Kinder, die im Heim von Hailsham aufwachsen. Kathy, das kluge, fürsorgliche Mädchen, beginnt sich für Tommy zu interessieren, der überall der Außenseiter ist. Dem jungen Glück steht eigentlich nichts im Weg, bis Ruth – beliebtes Vorzeigemädchen – von der Sache Wind bekommt und sich Tommy schnappt. Nicht ganz ohne Hintergedanken, denn es kursiert das Gerücht, dass Verliebte einige Jahre „Aufschub“ bekommen.

Die Beziehung der beiden hält lange Jahre an und Kathy muss immer mit ansehen, wie ihre Liebe eine andere küsst. Irgendwann verlieren sich die Pfade der drei. Tommy und Ruth trennen sich, Kathy wird Betreuerin. Erst als sie im Stadium der „Vollendung“ angekommen sind – also des sukzessiven Spendens der Organe bis zum Ableben – treffen die drei sich wieder. Ruth hat sich von der zweiten Operation kaum erholt, sieht ihre Fehler der Kindheit ein und gibt ihren Freunden als Wiedergutmachung die Adresse der Erzieherin, bei der man angeblich den „Aufschub“ für Verliebte beantragen kann. Die letzte Chance für Kathy und Tommy, doch noch ein paar glückliche Jahre miteinander verbringen zu können.

Szenarios wie diese gibt es bereits in diversen Variationen, man denke nur an „Die Insel“ mit Ewan McGregor. „Alles, was wir geben mussten“ hat dabei das große Potenzial, dass es besonders nah an der Realität bleibt und nicht in die Science-Fiction abdriftet. Ein aufrüttelnder Gesellschaftsfilm hätte diesem Stoff entspringen können. Von der ersten Minute an wird genau das jedoch verhindert. Sämtliche Spannungselemente werden nach kurzer Zeit eliminiert. Die Kinder wissen bereits, was mit ihnen geschehen wird und ihnen ist auch bewusst, dass sie Klone sind. Da sie all das bereits wissen, muss es auch der Kinobesucher nicht mehr heraus finden. Was übrig bleibt, ist die traurige Liebesgeschichte von Kathy und Tommy, die mit sehr einfachen dramaturgischen Mitteln erzählt wird.

Während der deutsche Titel „Alles, was wir geben mussten“ zwar den Inhalt gut zusammen fasst, aber eine Konzentration auf die tragischen Einzelschicksale vermuten lässt, trifft das englische Original den Charakter des Films wesentlich besser: „Never let me go“ – Sehnsucht, Liebe, Verzweiflung. Auch wenn die Dreiecksgeschichte sehr einfühlsam dargestellt wird und die Geschichte wirklich traurig ist, wünscht man sich im Laufe der Zeit zunehmend, dass mal etwas passiert. Ein Liebesfilm braucht Zeit, es kann nicht Schlag auf Schlag gehen, aber so ein bisschen Handlung oder Spannungsaufbau wäre schon schön gewesen. Zudem fragt man sich die ganze Zeit: Warum rennen die nicht einfach weg?

Keine Romanvorlage von Kazuo Ishiguro dürfte einfach zu verfilmen sein. Was Regisseur James Ivory bei „Was vom Tage übrig blieb“ noch herausragend gelungen ist, wurde für Mark Romanek zu viel. Seine Herkunft vom Musik-Video ist unverkennbar. Die Szenen, in denen nur die Bilder sprechen, sie Stimmung erzeugen, unterlegt von der wieder einmal sehr einfühlsamen Musik von Rachel Portman („Chocolat“), sind zum Teil wirklich großartig. Sobald jedoch Personen miteinander reden, wird sein Handwerk spröde und unkreativ. Potenziell schwerst bedrückende Dialoge quittiert man dadurch leider mit einem Schulterzucken.

„Alles, was wir geben mussten“ balanciert auf der Linie zwischen tief bewegend und langweilig. Der Fokus Ishiguros auf die Liebesgeschichte verhindert eine aufwühlende Geschichte und der Regisseur verlässt sich zu sehr auf die Horrorvorstellung der Ausschlachtung gezüchteter Menschen. Schade.

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Ein Gedanke zu „Alles, was wir geben mussten“

  1. Hej!
    Also, ich muss sagen, ich stimme dir in allen Punkten zu!!!
    Habe den Film auch gesehen und (leider erst) danach das Buch gelesen.
    Und du hast die Dinge sehr gut auf den Punkt gebracht. Ich habe gerade angefangen zu bloggen und auf meinem Blog hauptsächlich über die Dinge geschrieben, die mir besonders am Buch nicht ganz so gut gefallen haben, aber jetzt wo ich deinen Post gelesen habe, denke ich mir, ich hätte das ein oder andere doch ein bisschen besser formulieren und auf den Punkt bringen sollen =D

    Dass es sich hierbei um eine Liebesgeschichte handelt, finde ich gar nicht so bedauernswert. Aber was ich bedauernswert finde, ist, dass weder Buch noch Film, wie soll ich sagen, einen bewussten Schwerpunkt setzten. Mit dem Liebespaar im Vordergrund, erhält der Leser meiner Meinung nach zu wenige Infos über die, wenn auch kurze, Zeit von Tommy und Kathy als Paar.
    Für eine eher gesellschaftskritische Aussage, fehlt mir zu sehr die Auseinandersetzung mit der Fremdbestimmtheit.
    Ich finde es gibt hier und da ein paar Unklarheiten und einigen Stellen finde ich auch eher langweilig…

    Nichtsdestotrotz eine starke Idee, wie ich finde!

    Liebe Grüße

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