Sensationslust oder Produktionszwang?

Das Schicksal der Jemen-Geiseln bleibt unklar

„Die Jemen-Geiseln sind angeblich tot.“ Mit diesem Satz begann am Montagmorgen die Redaktionssitzung. Für die fragenden Gesichter gab es eine kurze Erklärung hinterher. Am 12. Juni 2009 war ein Ehepaar aus Meschwitz bei Bautzen mit seinen drei Kindern und drei weiteren Frauen im Jemen entführt worden. Sie waren Hilfskräfte der christlichen Organisation „Worldwide Services“. Ein Jahr später wurden zwei der Kinder freigelassen, vom Rest der Familie Hentschel fehlt noch immer jede Spur – bis jetzt?

Am Samstag berichtete der MDR im Sachsenspiegel, die Leichen der deutschen Ärzte seien womöglich gefunden worden. Ein Twitterer hatte das geschrieben, bestätigen konnte die Meldung allerdings niemand, da die Lage im Jemen durch den Bürgerkrieg derzeit sehr unübersichtlich ist. Das Auswärtige Amt, hieß es, nehme die Spur jedoch ernst und stünde mit der Botschaft in Sanaa in Kontakt. Gerüchte wollten wir jedoch nicht senden. Also begab ich mich an die Recherche – und musste feststellen, dass bei den Medien offensichtlich die Scheuklappen herunter gehen, sobald eine Sensation in der Luft liegt.

Einen Anfang zu finden, war nicht schwer. Das Auswärtige Amt konnte ja noch nichts sagen und die Kosten eines Telefonats nach Jemen wollte ich dem Gebührenzahler ersparen. Am besten fängt man sowieso bei der Quelle an. Der MDR-Bericht bezog sich auf diesen Tweet des Twitterers „abdulkader alguneid„:

BREAKING NEWS #GERMANY BODIES FOUND IN REMAINS OF OTHMAN MUJALLI HOUSE SAADA.Fled to Saudi Arabia after planting explosions #yf #YEMEN

Über die Person Alguneid war wenig herauszufinden. Er scheint jedoch äußerst aktiv zu sein, was die Kommunikation von Informationen aus dem arabischen Raum angeht und macht einen vergleichsweise seriösen Eindruck. Deshalb reichte es diversen Medien offenkundig, diese Information zu übernehmen, mit einem „möglicherweise“ zu versehen und zu publizieren. Dass die Morgenpost sofort darauf einsteigt, war zu erwarten, von der Deutschen Welle erwartet man allerdings Gründlichkeit, was dem Medium wesentlich mehr Seriosität und der Meldung Gewicht verleiht.

Vielleicht haben MoPo, DW und MDR sogar noch den langen Tweet gelesen, der die Geschichte etwas ausführlicher beschreibt. Ein gewisser Shaikh Othman Mujalli habe seit einiger Zeit ein Hotel besetzt, wurde angewiesen, selbiges in die Luft zu sprengen und den Anschlag einem verfeindeten Clan anzuhängen. Nach der Explosion seien dort das Auto der Vermissten und wenig später deren Leichen gefunden worden. Noch immer keine Bestätigung für eines der Ereignisse. „Eine Quelle“ habe es dem Twitterer erzählt.

Auf der Suche nach der ominösen Quelle stieß ich dann auf folgenden Tweet:

@JNovak_Yemen @ivushkin Story of Finding of vanished German Drs was told by #Saada Shaikh Faisal Manna’a x-MP to MA Mutawakkel

Ein Shaikh Faisal Manna’a war im Internet nicht ausfindig zu machen, wohl aber ein Mohammad Abdulmalek Al Mutawakkel – „MA Mutawakkel“. Er ist ein arabischer Politikwissenschaftler, eine Wortmeldung seinerseits zu dieser Geschichte war nirgends zu finden. Stattdessen führt die Suche nach ihm auf ein Blog namens „Sana Today„. Dabei handelt es sich um ein frei zugängliches Blog, auf dem alle Nutzer aufgefordert sind, Blogeinträge zu verfassen, die die Wirklichkeit im Jemen darstellen, vorbei an der Zensur. Der Leitspruch der Plattform lautet „Be the Revolution“.

Auf dieser Seite fand ich einen Eintrag eines leider anonymen Bloggers, der mit hoher Wahrscheinlichkeit die Quelle des Twitterers Alguneid ist. Er beschreibt genau die Geschichte, die später über Twitter verbreitet wurde. Am Donnerstag, 24.03.2011, ,mittags, verfasste er seinen kurzen Text, wenige Stunden später schwirrte sein Inhalt durch das gesamte Internet. Eine Reaktion, mit der er nicht gerechnet hat und die er nun bedauert.

Tragischerweise nahm offenbar niemand mehr wahr, dass er sich nur einen Tag später an der selben Stelle zu Wort meldete. Kommando zurück, die Meldung vom Vortag war falsch. Das angeblich gesprengte Hotel stünde noch, die Leichen der Deutschen seien nicht gefunden worden und auch das Auto sei nur sehr ähnlich.

Zu spät. Die tragische Meldung war im Umlauf, der Schneeballeffekt nicht mehr aufzuhalten. Und an vorderster Front der MDR.

Muss man den Sender nun für seinen Bericht verurteilen? Schließlich habe ich keine übermenschlichen Rechercheleistungen erbracht und auch kaum 20 Minuten gebraucht, um zu meinem Ergebnis zu kommen. Hat die Sehnsucht nach Sensationsmeldungen die Sorgfaltspflicht ausgestochen? Zu gewissen Teilen trifft das sicherlich zu. Nach meinen sechs Wochen Praktikum kann ich das jedoch nur allzu gut verstehen. Jeden Tag sucht man händeringend nach Themen, über die man berichten kann. Eine Meldung wie diese kommt da – so makaber das klingt – genau richtig. Der Zwang, jeden Tag 24 Stunden Programm senden zu müssen, schlägt sich leider häufig auf die Qualität der Beiträge nieder. Ein wenig mehr Feinfühligkeit wäre jedoch trotzdem wünschenswert. Ich musste dabei ein wenig an das Lied von Reinhard Mey denken: „Was in der Zeitung steht.“

Ein echtes Urteil kann nur die Familie der Vermissten fällen. Sie sind die Leidtragenden, die angesichts solcher Nachrichten ein wahres „Wechselbad der Gefühle“ durchmachen müssen. Ich meine, es war richtig, über die (Falsch-?)Meldung zu berichten, da dadurch das öffentliche Bewusstsein gestärkt wird und der Druck auf die Behörden wächst, den Fall vielleicht doch noch aufzuklären. Allerdings hätte der Beitrag auch funktioniert, wenn man am Ende aufgelöst hätte, dass sich die Nachricht offenbar nicht bestätigt. Für mich ist das schlimmste an dieser Geschichte, dass Familie Hentschel selbst nach der Revidierung der Todesmeldung nicht beruhigt sein kann. Johannes und Sabine Hentschel bleiben verschollen.

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2 Gedanken zu „Sensationslust oder Produktionszwang?“

  1. Wirst Du jetzt der Gniffke des ZDF? ;)

    Das ist ein spannendes Thema bzgl. der Verwendung von Meldungen aus Twitter und ähnlichen Quellen, was momentan anscheinend nicht nur Dich im Praktikum und mich bei der BA-Arbeit, sondern ja auch die Hauptstadtpresse beschäftigt ;) Aber gerade in Ländern wie Jemen sind Twitter und Blogs oft die einzigen unabhängigen Quellen, über die sich auch etwas in Erfahrung bringen lässt.

  2. nein nein, gegen die quellen hab ich ja gar nichts. kommt das so rüber? ich finde gerade diese blogs wahnsinnig wichtig. nur darf man da halt nicht alles für bare münze nehmen. und gerade bei so schwierigen themen muss man halt wirklich gut abwägen, ob man mit so ungesicherten infos darüber berichten möchte oder nicht.

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