Das Leid mit der Kultur

Der Aschermittwoch ist im politischen Geschäft traditionell der Tag des große-Reden-Schwingens. Zentraler Inhalt ist stets die Diskreditierung der restlichen Parteien. Streckenweise hat man den Eindruck, man sei bei einem Komiker-Casting und es ginge darum, den besten Spruch zu reißen. In diesem Falle hätte heute Margarete Bause, Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag, gewonnen: „Die Lichtgestalt hat sich als Blendgranate erwiesen und der Messias war dann doch nur ein Scharlatan. Der Gesalbte hat sich bei genauerem Hinsehen als der Gegelte herausgestellt.“ (Heute.de)

Was in der Medienberichterstattung durch all diese Hetzereien häufig untergeht, ist die Tatsache, dass gelegentlich auch echte Inhalte angesprochen werden. Heute Vormittag hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, die Rede des CSU-Chefs Horst Seehofer zu hören. So musste ich mit einer Mischung aus Besorgnis und Verzweiflung vernehmen, dass erneut eine Debatte angestoßen werden soll, die vor zehn Jahren schon einmal aus gutem Grund gescheitert ist: Die Diskussion um die deutsche „Leitkultur“. Wer oder was ist deutsch, wer oder was nicht? Es geht um Werte, Ansichten und vor allem Religion. Wenige Tage nach Bundesinnenminister Friedrich machte Seehofer heute noch einmal deutlich, dass der Islam seiner Ansicht nach in der deutschen Kultur nichts verloren hätte. Teil von Deutschland ja, deutsch nein.

Ich frage mich an dieser Stelle immer, ob einer der Konservativen, die von der „deutschen Tradition“ sprechen, seine Gedanken mal bis zu Ende denkt. Immer und immer wieder heißt es, Deutschland sei „ein Land christlicher Prägung mit jüdischen Wurzeln“. Zweifellos wird der Jahresablauf mit Ferien und Konsumgewohnheiten in Deutschland von christlichen Feiertagen geprägt. Aber was heißt das schon? Ein Drittel der Bevölkerung ist konfessionslos, Tendenz steigend, und von den getauften Christen ist vor allem in den jüngeren Generationen kaum noch jemand bibelfest. Zudem hat man seine Wurzeln jahrelang versucht zu vernichten. An dieser Stelle werden gerne die christlichen Werte genannt, die Deutschland prägen, nämlich Freiheit, Toleranz, Gleichberechtigung. Ganz abgesehen davon, dass zumindest die katholische Kirche mit Gleichberechtigung herzlich wenig zu tun hat, muss hier die Frage erlaubt sein, an welchen Momenten der deutschen Geschichte das Land mit Werten wie Freiheit und Toleranz geglänzt hat. Besinnt man sich wie die CSU auf eine lange deutsche Tradition, muss man auch anerkennen, dass in diesen Landen Unterdrückung, Krieg und Antisemitismus lange Tradition hatten. Genau das, was man heute gerne der Türkei vorwirft.

„Jaaaa, aber seit 1945 haben wir uns doch geändert!“ höre ich es schon von fern. In der Tat: Seit Gründung der Bundesrepublik haben Freiheit, Toleranz und Gleichberechtigung in Deutschland einen nie dagewesenen Stellenwert. Zählt man allerdings nur diese Zeitspanne, wird jede Diskussion um eine „Leitkultur“ hinfällig. Einerseits, weil man dann von keiner „langen deutschen Tradition“ mehr sprechen kann und andererseits, weil dann Türkei und Islam eben doch zu zentralen Bestandteilen deutscher Kultur werden. Schließlich ist das Wirtschaftswunder zu einem beträchtlichen Teil den „Gastarbeitern“ zu verdanken. Zudem kann man Werte, die „uns“ nach zwei angestifteten Weltkriegen von der Welt eingetrichtert wurden, wohl kaum zum „deutschen Kulturgut“ zählen.

Leitkultur hin oder her. Selbst wenn die Union einen Katalog von Eigenschaften finden würde, von dem ich sagen würde, er ist „deutsch“ (und nichts anderes – also fällt Freiheitsdenken schon mal raus, denn das ist höchstens typisch amerikanisch), würde sich mir der Sinn der Sache immer noch nicht erschließen. Denn was habe ich gekonnt, wenn ich weiß, was deutsch ist? Der springende Punkt ist hier, dass die CSU das Wort „Integration“ auf eine Art und Weise deutet, wie ich sie nicht gutheißen kann. Integration bedeutet für Seehofer, so bekräftigte er heute erneut, dass sich insbesondere muslimische Migranten an die deutsche Kultur anpassen müssten.

Grober Unfug! Integration bedeutet nicht, dass Migranten deutsch werden müssen, sondern dass sie sich mit ihrer eigenen Kultur so in die Gesellschaft einbringen, dass es ein konfliktfreies Zusammenleben gibt, von dem möglichst beide Seiten profitieren. Das hat nichts mit anpassen im CSU-Sinne zu tun. Angepasst werden müssen höchstens das Bewusstsein für Pünktlichkeit und Gründlichkeit – ein Problem, das Amerikaner wie Türken haben dürften. Was Deutschland von Zuwanderern wirklich fordern muss, ist zum Beispiel, den Frauen ein freies Leben zu ermöglichen und die Gewohnheiten des Anderen zu respektieren. Das hat jedoch wenig mit „deutsch sein“ zu tun. Was Seehofer meint, ist das Achten der allgemeinen Menschenrechte. Die sind keine deutsche Erfindung. Alles, was darüber hinaus geht, grenzt an Intoleranz. Alleine durch die großen regionalen Unterschiede innerhalb der Bundesrepublik hat und braucht Deutschland keine Leitkultur. Und wenn, dann bleiben nur wenige Werte übrig, an die sich irgendjemand anpassen sollte.

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