Red Bull und der Realitätsverlust

Leipzig wird Kiel geholt.

Versagen auf ganzer Linie.  Ein anderer Ausdruck lässt sich für das, was heute in der Red Bull Arena passierte, nicht finden. Das 1:5 von RB Leipzig gegen Holstein Kiel war keine Niederlage, es war eine Demontage, eine Vorführung, der bisher erfolgreichste Versuch, das Projekt RBL zu zerstören.

Es begann noch recht hoffnungsvoll mit einem schön heraus gespielten Führungstreffer der „Bullen“. Doch nach dem 1:0 in der 15. Minute war es mit der Herrlichkeit vorbei. Nach einer simpel gespielten Standardsituation der Kieler (mit Betonung auf Standard) fielen der Ausgleich und der Leipziger Siegeswille. Was dann folgte, war eine Blamage bis auf die Knochen. Die Abwehrreihe heißt ab sofort „Achse des Bösen“, sie hätte sich eigentlich gleich die Trikots der Gegner überstreifen können. Ein riskantes Rückspiel jagte das nächste, gleich vier Mal versagte die Abseitsfalle kläglich, jedes Mal hob Thomas Kläsener es auf und ließ anschließend seinen Gegner in Ruhe auf das Tor zulaufen. Nur durch Glück und Aluminium entstanden aus diesen Situationen nur zwei Gegentore.

Die Gäste wurden über die vollen 90 Minuten immer wieder freundlich zu Kontern eingeladen. Sie demonstrierten, wie gute Abwehrarbeit und schnelles und genaues Passspiel funktionieren. Und sie deckten schonungslos die Schwächen der Rasenballer auf. Es fehlt trotz Rockenbach an Kreativität, Spielsystem und Abschlussstärke und die Defensive ist nicht nur nicht eingespielt, sondern auch zu alt und zu langsam. Es fehlt an Zweikampfstärke, an Einsatzwillen, eigentlich an allem.

Spätestens seit heute ist klar: Auch abseits des Platzes wurden gravierende Fehler gemacht. Es beginnt mit Trainer Tomas Oral, der den nach zwei verschuldeten Gegentoren stark verunsicherten Kläsener nicht schon zur Pause auswechselte und der es offensichtlich auch in der Winterpause nicht geschafft hat, das Team mit einem Angriffsplan auszustatten. Auch Müller hätte er früher vom Platz nehmen müssen. Und zwar etwa sechs Monate früher. Dazu kommt die klägliche Bilanz von mindestens 20 Ecken und einer einzigen daraus resultierenden Torchance. Weiter geht es mit der Kaderplanung. Die Schwächen in der Abwehr gibt es nicht erst seit heute. Schon vom ersten Spieltag an war zu sehen, dass jüngere Außen- und gute Innenverteidiger (eben nicht Tim Sebastian) gebraucht werden. Gehandelt wurde auf dieser Position immer noch nicht.

Man scheint bei RasenBallsport die Realität aus dem Blick verloren zu haben. Sechs- bis zehntausend Zuschauer erwartete Geschäftsführer Dieter Gudel noch am Mittwoch für das Spiel. 3600 kamen. Und die hatten die Nase gestrichen voll. Nach dem 1:4 hallte es eine geschlagene halbe Stunde wiederholt mit Inbrunst „Oral raus!“ durch das Stadion. Der geballte Frust  der Fans nach einer miserablen Hinrunde und einem katastrophalen Spiel entlud sich mit einem Mal. Die Landung auf dem Boden der Tatsachen hätte härter nicht ausfallen können.

Abende wie dieser können viel zerstören. Denn auch die Zuschauer verhielten sich gegen Ende sehr unbedacht. Fehler des eigenen Teams wurden mit Häme bedacht, die Aktionen des Gegners gefeiert. Statt den „Bullen“ verliehen die Fans von Red Bull den Kieler „Störchen“ Flügel. Rückendeckung für eine Mannschaft sieht anders aus. So viel Hohn und Spott muss das Team erst einmal wegstecken; von den eigenen Fans derartig ausgelacht zu werden, ist die Höchststrafe für jeden Fußballer. Man kann nur hoffen, dass es jetzt nicht zur Zerrüttung von Mannschaft und Fans kommt, sondern dass es schon Mittwoch eine sportliche Reaktion gibt, in der das Team zeigt, dass es das Vertrauen zurück gewinnen möchte und die Fans sich geschlossen hinter das Team (nicht unbedingt hinter den Trainer) stellen.

Es wird Zeit für RB, aufzuwachen und Fehler zu korrigieren. Man ist noch lange nicht so weit, wie man geglaubt hat.

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3 Gedanken zu „Red Bull und der Realitätsverlust“

  1. Eine treffende Analyse, meine ich mal ohne das Spiel gesehen zu haben. Vor allem der letzte Satz fasst es gut zusammen – der Weg für RB in den Profifußball wird wohl länger und schwieriger als gedacht.

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