Es reicht!

Es ging mit einer gut gemeinten Kampagne der deutschen Versicherungs-Unternehmen los. In einer ziemlich schmalzigen, aber durchaus emotionalen und innovativen Imagekampagne befragten sie „Passanten“ in mehreren deutschen Großstädten unter anderem, wo sie sich in 30 Jahren sehen, was ihnen lieb und teuer ist und (ganz schlimm!) was sie schon immer mal machen wollten. Ich persönlich bekomme bei diesen ach so herzergreifenden Szenen leider immer spontane Würgereize. Dennoch muss man der GDV ein gewisses Maß an Originalität zugestehen. Ob authentisch oder geschrieben, die Interviews sehen vergleichsweise echt aus und gab es in dieser Form in der Werbelandschaft noch nicht.

Inspiriert wurde sie sicherlich durch die Kampagne der Volksbank Raiffeisenbanken „Was uns antreibt“ aus dem Vorjahr. Hier wurden auch persönliche, vermutlich echte Geschichten erzählt, allerdings mit arrangierten Bildern. Aber ganz klar ebenfalls mit der Vorgabe: Emotionalisieren und personalisieren. Das, was in  den USA schon so erfolgreich funktioniert.

Der Erfolg dieser beiden Kampagnen sprach sich branchenüblich schnell herum. Logische Folge: Ähnliche Spots schossen wie Pilze aus dem Boden. Immer mehr Personen durften für Werbezwecke ihre „Geschichte“ erzählen und dem Kunden klar machen, warum sie zum jeweiligen Produkt steht. Dass sich dieses Stilmittel irgendwann abgenutzt hat und irgendwann nur noch nervt, brauche ich wohl kaum zu erwähnen. Viel größer ist jedoch das Problem, dass sich so ein Werbekonzept nicht auf jedes beliebige Produkt anwenden lässt. Ein Problem, das die Branche gekonnt ignoriert. Einige Beispiele:

Der Seat Ibiza ST – Schon er Slogan „Freiraum fürs Leben“ ist bei einem Kleinwagen ziemlich gewag, aber ok. Warum mir jedoch eine spanische Künstlerin sagen muss, bleibt mir vollkommen verborgen. Allerdings immer noch besser als die beiden Studenten am Ende. Die Hauptaussage des Spots für mich: Den beiden geht’s gut.

E-Darling –  Hier erzählt uns ein verliebtes Paar, wie sie Kontakt aufgenommen haben. Vor allem der Mann ist sichtlich berührt. Abgesehen davon, dass es ein wenig traurig ist, in so jungem Alter auf Partnerbörsen angewiesen zu sein, ist an dieser Geschichte leider wenig Besonderes.

Fielmann –  Mit einer Fülle an Spots versuchte der Augenoptiker, die Fernsehzuschauer davon zu überzeugen, dass man in Fielmann-Filialen alles bekommt, außer 20 Prozent auf Tiernahrung. Fachmänner, keine Verkäufer. Abgesehen davon, dass Straßen-Umfragen über Optiker alleine schon recht unglaubwürdig sind, gelingt es der verantwortlichen Agentur auch überhaupt nicht, die Interviews echt aussehen zu lassen. Nervig.

Allianz – Hier funktioniert das Konzept zwar (gabs ja bei der GDV schon mal in der gleichen Branche). Allerdings ist es inzwischen alles andere als neu (gabs ja bei der GDV schon mal in der gleichen Branche).

Nervig sind alle diese Spots. Nichtsdestotrotz haben sie alle ein Minimum an Daseinsberechtigung. Diese fehlt der neuesten Kampagne Marke „Erzähl‘ mir die Geschichte“ nun vollkommen. Über Lebensinhalte, Partnerschaften und notfalls über Brillen bin ich bereit, mir eine halbe Minute etwas anzuhören, wenn es sein muss. Aber über Verdauungsprobleme? Mit diversen ge-ungestellten Interview-Szenarien lässt der Anti-Verstopfungs-Joghurt Activia unter dem Motto „Das ist meine Geschichte“ seine „Kunden“ erzählen, wieso sie Activia essen. Anzusehen u.a. auf dem eigenen Youtube-Kanal. Eine Mischung aus Ungläubigkeit, Abstoßung und Belustigung lösen diese Spots bei mir aus. Ich habe jetzt gelernt, dass Pfleger, ehemalige Zirkusartisten und alte Menschen Verdauungsprobleme haben. Wissen wollte ich das alles nicht. Aber man ist der Werbung ja leider ausgeliefert.

Zum Schluss, stilecht, meine ganz persönliche Geschichte: Ich studiere Medienwissenschaften und schaue gerne mal Fernsehen. In den Werbepausen schalte ich nicht immer um. Und.. ja, was soll ich sagen? Diese ganzen „Ich-erzähle-meine-Geschichte“-Spots gehen mir tierischst auf den Sack. Ich hab echt genug davon. Für Jahre. Aber was will man machen, nicht? *lach*

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4 Gedanken zu „Es reicht!“

  1. Das allerschlimmste aber waren diese Spots der ERGO Versicherung mit den Schauspielern, die sich künstlich über Versicherungsvertreter aufregen. Unerträglich.

    1. Oh Gott, ja. Schlimm ist, dass die immer noch laufen – letztens durfte ich einen davon im Kino über mich ergehen lassen. Und da kann man nicht einfach umschalten…

      Was die Spots im Eintrag angeht – ist das Konzept nicht die konsequente Weiterentwicklung von solchen Werbespots, bei denen die gute Hausfrau in der Waschküche steht und in die Kamera lächelt: „Ich wasche nur mit Persil, weil das brennt mir nicht die Farbe aus den Blusen“?
      Ganz zu schweigen von Werbung zu Tampons und/oder Binden, bei der junge, attraktive Frauen mit dem neuen Schwamm zwischen den Lenden durchs Leben springen wie der junge Morgen und erzählen wie toll das Gefühl der neuen Salzbinde ist. Da würd‘ ich dann doch mal gerne sehen, wie ein Kamerateam in der Kölner Innenstadt steht und wildfremde Frauen vor der Kamera fragt, wie ihre Binde so sitzt – wenn ich’s mir recht überlege: so gerne würd‘ ich’s dann doch nicht sehen wollen.

      Ob die Werbung wohl die gleiche Entwicklung durchmachen wird wie das übrige Fernsehprogramm? Von föllig Fiktivem über Authentisches zu Scripted Reality? Nebenbei, ich verwette meine Leber darauf, dass alle diese Werbespots da ohnehin schon gestellt und geschauspielert sind.

  2. :-) Sehr gut, dann werde ich als Nächstes wohl mal Medienwissenschaften studieren und mir weiterhin keinen Fernseher anschaffen…

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