Die Faxen dicke

Wie war das gleich mit dem „Informationszeitalter“ und dem „Millionengeschäft Fußball“? Datenübermittlung funktioniert schneller und zuverlässiger als je zuvor und im bezahlten Fußball gibt es keine Position, die nicht hoch professionalisiert ist? Oder wie? Die beiden Fax-Pannen (ja, richtig gelesen: Fax!) vom Montag lassen da anderes vermuten.

Die verspäteten Faxe bilden den Höhepunkt eines von Lächerlichkeiten nur so gespickten Winterschlussverkaufs im europäischen Fußball. Eine gefühlte Ewigkeit hatten sich der 1. FC Köln und der HSV um das Nachwuchs-Talent Eric-Maxim Choupo-Moting gestritten. Nach einer angebotenen und später zurück genommenen Vertragsverlängerung und endlosem Hin und Her war man sich schließlich einig geworden, den Stürmer bis Saisonende an die Domstädter zu verleihen. Doch dann… kam nur eine Seite des Faxes in Köln an. Der Teil mit der Unterschrift des Kameruners ging im Netz der Telekom verloren. Vielleicht hat jetzt eine Oma im Großraum Köln ein ganz besonderes Autogramm eines Profifußballers?

Im zweiten Versuch, kurz nach 18 Uhr, gelang der Datentransfer, sodass der FC um 18:06 Uhr den Vertrag an die DFL faxen konnte. Da das Durchschnitts-Fax, wie wir alle wissen, genau sieben Minuten unterwegs ist, konnte man in Frankfurt um 18:13 Uhr die Wechselabsichten aktenkundig machen. Unglücklich nur, dass die Frist, man ahnt es, Punkt 18 Uhr endete. (Quelle: Kicker) Noch schlimmer erwischte es den österreichischen Club Red Bull Salzburg, der den Slowaken Robert Vittek verpflichten wollte. Hier kam das entsprechende Fax aus der Türkei genau eine Minute zu spät an, um 00:01 Uhr. Bitter. (Quelle auch hier: Kicker)

Da stellt sich doch die Frage, ob in Zeiten von E-Post-Brief und Chipkarten-Personalausweis noch Faxe nötig sind, ob ein Scan des Vertrags nicht ebenso aussagekräftig ist – und ob man vielleicht nicht erst kurz vor knapp solch wichtige Entscheidungen treffen sollte. Nur so Überlegungen.

Aber was hat Rationalität schon im Transferkarussell verloren? Patrick Helmes wechselt von Leverkusen nach Wolfsburg. Von einem Verein mit einem großen Konzern im Hintergrund zu einem Verein mit einem großen Konzern im Hintergrund. Das Gehalt dürfte ähnlich sein, der Unterschied ist bloß, dass Leverkusen eine funktionierende Mannschaft hat und um die Champions League spielt, während sein neuer Club den Trainer nicht versteht und folglich gegen den Abstieg kämpft. Böse Zungen behaupten, er wechsle in die VW-Stadt, weil er sich in der zweiten Liga einfach wohler fühlt.

Helmes war allerdings nur einer von fünf (in Zahlen: 5) Last-Minute-Käufen der Niedersachsen. Denn wie hieß es vor einiger Zeit so schön? „Ein Verein, auf dem VW steht, sollte auch international vertreten sein.“ Also machte man mal eben 20 Millionen Euro locker (ungefähr der gesamte Kader-Wert von Mainz vor der Saison) und holte sich Weltstars wie Jan Polak und Tuncay. Letzterer kam von Stoke City. Stoke? War da nicht was? Genau: Die erste Lachnummer der Winterpause, Demba Ba. Der Stürmer wollte von Hoffenheim auf die Insel wechseln, man war sich einig – doch dann kam der Medizincheck. Ba rasselte durch, hatte Angst vor dem Gelächter der Kollegen, blieb vorsorglich dem Trainingslager fern und fand schließlich bei West Ham Asyl.

Demba Ba war einer der beiden finanztechnischen Verkäufe von Hoffenheim. Er und Luiz Gustavo kosteten Herrn Hopp zu viel Geld, deshalb mussten sie weg. Als Ersatz kam nun der sicherlich wesentlich billigere Vize-Weltmeister Ryan Babel.

Finanzielle Sorgen hat auch der FC Schalke 04 mit seinem Hamster-Käufer Felix Magath. Jeweils 19 Zu- und Abgänge alleine in dieser Saison hat er zu verbuchen. Spieler, die zwei Jahre in Gelsenkirchen bleiben dürfen, können sich glücklich schätzen. Seine beiden Neueinkäufe dürfte er auch im Hinblick auf die Kurzlebigkeit seines Kaders gekauft haben: Angelos Charisteas und Ali Karimi. Der Grieche hat im Sommer fast das in seiner Heimat übliche Rentenalter erreicht und bei Karimi bekommt der Ausdruck „der ehemalige Bundesliga-Profi wurde reanimiert“ einen ganz neuen Klang. In Fachkreisen heißt es, Magath habe den Poker mit Sao Paulo um Rivaldo nur knapp verloren. Zudem seien die Verpflichtungen von Ulf Kirsten und Michael Preetz an den zu hohen Gehaltsforderungen gescheitert. Lothar Matthäus habe sich angeboten, aber den wollte selbst „Quälix“ nicht mehr haben.

Verrückt, diese Wintertransfers. Stuttgart ist neidisch auf Dortmund, kauft sich seinen eigenen Shinji (Okazaki) und nimmt den aussortierten Hajnal auf, Bayern ekelt den eigenen Kapitän aus der Mannschaft und mindestens drei Wechsel (die beiden Fax-Fälle und der Wolfsburger Koo) müssen am grünen Tisch entschieden werden. Gut, dass Freitag wieder Fußball gespielt wird. Dann kommen die Akteure nicht auf noch mehr Schnapsideen.

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5 Gedanken zu „Die Faxen dicke“

  1. passt hier nicht hin, aber wollte noch mal ein dickes Lob da lassen. hab dein vorgängerblog gelesen (v.a. den Uni-Kram). da ich nie das BA-Studium kennengelernt habe ist das ein super Einblick. Das Institut kenne ich aber sehr wohl – und ich bin am Dauergrinsen ob deiner Beschreibungen.

  2. obwohl: Dauergrinsen passt auch nicht ganz. Ein bisschen bleibt einem ja das Lachen im Halse stecken. Kannst eigentlich ein Buch schreiben. Gibt doch einen Markt für solche Literatur.

  3. Ich möchte noch ein Zitat hinterlassen, was mich gerade angesprochen hat, und zu deinen EAW passt:

    „Die große Gefahr solcher Ausführungen besteht darin, dass Studenten, die lernbegierig erkunden wollen, was denn sozialwissenschaftliche Theorie ist und ggf. zu leisten vermag, Energie fehlinvestieren und viel Zeit benötigen, um zu erkennen, dass alles nur leere Worte sind. Worthülsen, die in einer Spezialsprache getarnt sind, um zu verbergen, dass Binsenwahrheiten verkauft werden.“

    (Kunczik, Michael (2001): Dr. Fox lebt oder warum laut Lothar Rolke Public Relations gesellschaftlich erwünscht sind: „If you can´t convince them, confuse them“, in: Publizistik, 46, S. 428).

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