Transkript einer Straßenbahnfahrt

Hauptbahnhof bis Einertstraße. Genau fünf Minuten braucht man für diese drei Stationen planmäßig mit dem öffentlichen Nahverkehr. Genügend Zeit für die Darbietung eines bühnenreifen Kabarettstücks Marke „Dittsche“.

Auf dem Rückweg von der Uni stieg ich in die Bahn der Linie 1, setzte mich auf einen der „Anderthalb“-Plätze, rückte bis ans Fenster heran und ließ noch etwas Raum für eine weitere Person. Man will ja höflich sein. Es setzte sich auch tatsächlich jemand neben mich; ein älterer Herr mit Plastiktüten und Bierfahne. Obwohl der Platz gegenüber frei war. Ich habe mich nicht dagegen gewehrt. Man will ja höflich sein. Kaum fuhr die Bahn, begann er zu reden. Ich nahm die Kopfhörer aus meinen Ohren und hörte ihm zu. Man will ja höflich sein. Der Schwall an Wörtern, der mich anschließend traf, war ähnlich angenehm wie sein Geruch. Widerworte habe ich mir jedoch gespart. Man will ja… ihr wisst schon.

Was der Herr mir mitteilen wollte, ist mir immer noch ein Rätsel. Was er sagte, war, so vollständig wie möglich, folgendes:

„Ich hab jetzt Lotto gespielt. 32 und 36. Mehr hab ich nicht getippt. Hätte ich auf drei Scheine machen sollen. Aber naja. War ja nur ne Million drin. Nicht 13, 14 Millionen. Ich gewinn noch die Million. Hat mir die Kartenlegerin gesagt. Ja. Und auf meine Beine muss ich aufpassen. Bewegen, hat der Arzt gesagt. Nicht zu Hause auf dem Sofa sitzen, „Ruf mich an!“ gucken und abwichsen. Raus gehen und laufen. Ist ja schlimm, was da im Fernsehen heute kommt. Nich? Immer nur hier fick mich und wichs mal. Wie im Porno. Kann ich ja gleich in den Pornoladen gehen und mir die Videos anschauen. Ne Schweinerei das Fernsehen. Kommt nichts anderes. Und die Jugend? Was machen die denn heute noch? Schauen den ganzen Tag nur fern und nehmen Drogen! Und was soll dann aus denen werden? Ich krieg Rente. 800 Euro Rente. Als Maurermeister. Davon kann ich noch gut leben. Aber die? Kriegen dann gar keine Rente mehr. Das war früher… Ich bin Baujahr 44, ja! Nee, nee. Schlimmer wie bei Stalin!

[…]

Und Kardinäle vergewaltigen Kinder. Nee. Früher hat man sie verbrannt. „Tut uns Leid!“ Heute vergewaltigen sie Kinder. Und Griechenland. 800 Milliarden. Irland 400 Milliarden. Das ist doch alles…

[…]

Die Leute saufen und nehmen Drogen. Schmeißen das Gift rein. Alkohol ist in Ordnung. Aber Drogen…   Und daran verrecken die dann. Bei mir im Wohnblock gabs da zwei Fälle. Schmeiß das Gift rein, sag ich. Liegt nicht an der Krankheit. Haben alle Aids! Und Drogen! Nur noch Haut und Knochen. Schmeiß das Gift rein. Das sehe ich ja auf der Straße. Viele Leute. Deutsche, auch Ausländer, so schade das ist. Das hat auch nichts mit Rassismus zu tun. Ne Schweinerei ist das.“

„Ich muss jetzt aussteigen.“

„Schmeiß das Gift rein, sag ich!“

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