Fair Game (2010)

Staatsbürgerkunde aus Hollywood

Inzwischen sollte sich herum gesprochen haben, dass Hollywood fast ausschließlich aus Wählern der „Demokraten“ besteht und zu Hauf Bush-kritische Filme produziert. „Fair Game“ bläst in das selbe Horn. Ein Plädoyer an Vernunft und Wahrheit, eine 100-minütige Erziehungsmaßnahme für Amerika.

Valerie Plame ist eine hohe CIA-Agentin, die unter anderem mit der Aufgabe betraut ist, zu erkunden, ob der Irak Zugang zu Nuklearwaffen hat. Ihr Mann, Joe Wilson, war unter Bill Clinton US-Botschafter in Afrika und schreibt nun freiberuflich für die New York Times. Als Afrika-Experte wird er von der CIA in den Niger geschickt. Angeblich soll der Irak von dort 500 Tonnen „Yellowcake“, atomwaffenfähiges, angereichertes Uran, besorgt haben. Seine Untersuchungen ergeben, dass so eine Lieferung nie stattgefunden hat, Valerie kommt bei ihren Ermittlungen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Saddam Hussein nicht einmal ansatzweise dazu in der Lage ist, Massenvernichtungswaffen zu produzieren. Trotzdem zieht die Regierung Bush kurz darauf in den Krieg. Grund dafür seien Erkenntnisse der CIA – also von Valerie und Joe.

Joe möchte dieses hemmungslose Verdrehen der Tatsachen nicht auf sich sitzen lassen und schreibt einen Zeitungsartikel mit dem Titel „Was ich in Afrika nicht gefunden habe“. Die Regierung ist bloßgestellt, wittert Gefahr, dass ihr „gerechter Krieg“ in Verruf gerät und geht in die Offensive über. Ebenfalls über die Zeitung enttarnen sie Joes Frau Valerie als Agentin des Geheimdienstes. Ihre Identität ist somit aufgeflogen, die CIA muss sie vom Dienst entbinden und sie und ihr Mann gelten als Landesverräter und „Kommunistenschweine“. Es beginnt eine Schlammschlacht über die Medien. Joe Wilson talkt sich durch die Fernsehsender, erzählt von den Lügengeschichten, die die Regierung und deren Berater verbreiten. Diese wiederum werfen ihm vor, auf Regierungskosten und Empfehlung seiner Frau eine Urlaubsreise nach Afrika spendiert bekommen zu haben und sein Land zu verraten. Durch die Querelen droht die Ehe der beiden zu scheitern. Sie möchte nicht an die Öffentlichkeit, um ihre Familie zu schützen, er denkt in größeren Dimensionen, er möchte der Welt die Wahrheit sagen.

Viel neues liefert der Film nicht. Anders und neu ist höchstens, dass es offenbar auch CIA-Agenten zu geben scheint, die noch Moral und Anstand besitzen und tatsächlich für das „Gute“ arbeiten. Alles andere ist bekannt: Bush und sein Kabinett haben Daten verdreht, um in einen Krieg zu ziehen, den außer ihnen kaum jemand wollte. Er hat dadurch die amerikanische Bevölkerung noch tiefer gespalten. Amerikas Bürger lassen sich durch Islamophobie und die vermeintliche Gefährdung ihrer Freiheit zu fast allem überreden. So werden aus von der CIA als ungefährlich eingestufte Metallrohre zu potenziellen Zentrifugen- und Bombenmaterialien, wie es Bush verkündet und somit in der Bevölkerung zu „Rohren nur für Nuklearwaffen, die randvoll mit Uran sind“.

Regisseur Doug Liman möchte gegen dieses unsachliche Emotionalisieren von nicht vorhandenen Fakten vorgehen. Immer wieder lässt er laute Diskussionen ausbrechen, in denen hitzig und durcheinander gebrüllt wird, wie gefährlich Turban tragende Flugzeugpassagiere sind. So lange, bis Sean Penn (Joe) das Wort ergreift, die Hintergrundgeräusche verklingen und nur noch er seine sachlichen, vernünftigen Argumente vorträgt. Republikaner sind laut, Demokraten besonnen. Fast wie im echten Leben.

Überhaupt ist dieser Film sehr von Hektik und Diskussionen geprägt. Wie schon in der „Bourne Identität“ setzt Liman auf Handkameras und wackelige Bilder. In Verbindung mit den permanent durcheinander schreienden Personen wird das äußerst anstrengend. Wohl nicht ganz unabsichtlich, denn wenn Sean Penn spricht und seine „vernünftigen“ Reden schwingt, sind neben dem Ton auch die Bilder ruhig. Es ist ganz klar: Der Regisseur möchte unbedingt eine Botschaft an Amerika vermitteln. Bush und Konsorten haben unrecht gehandelt, sollten zur Rechenschaft gezogen werden und man kann auch für sein Land handeln, ohne Republikaner zu sein.

In den USA kann es durchaus sein, dass „Fair Game“ einen positiven Effekt erzielt und einige Leute dazu anregt, mehr über Dinge nachzudenken („Wir müssen hinterfragen!“). Europa, das dem Irakkrieg von Anfang an skeptisch gegenüber stand und das weitaus weniger emotional Politik betreibt, dürfte der Film jedoch kaum beeindrucken. Hier steht man größtenteils sowieso auf der Seite der Demokraten. Das ist jedoch das Problem: Fällt die Botschaft, die „Erziehungsmaßnahme“, weg, bleibt vom Film nicht mehr viel übrig. Dann sieht man nur noch Schwindel erregende Bilder, nervtötende amerikanische Politiker und einen Film, der genau dann aufhört, wenn es interessant wird. Naomi Watts hat einen neuen, dritten, Blick gelernt und ist darauf so stolz, ihn die ganzen 100 Minuten lang zu präsentieren. Einzig Sean Penn überzeugt wieder als kämpferischer Wahrheitskämpfer, hatte aber schon weitaus forderndere Rollen. Eines ist Doug Liman allerdings gelungen: Die Originalaufnahmen der Politiker Bush, Rumsfeld und Rice wirken wie Bilder von Verbrechern.

Fazit: „Fair Game“ ist eine durchaus interessante Gesellschaftsstudie mit einigen wissenswerten Hintergrundinformationen. Durch den übertrieben großen Fokus auf die Moralpredigten geht dem Film jedoch viel verloren. Die wenigen Wendepunkte der Storyline wirken gewollt und die eigentliche Geschichte beginnt erst nach dem Abspann. Bilder und Personen strengen mehr an als sie unterhalten. Dadurch wird Doug Liman wohl auch kein großes Publikum erhalten, das er „bekehren“ kann.

Übrigens: Die Geschichte ist so wahr, dass im Abspann einige Namen der Figuren geschwärzt wurden.

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