Kurz vor Volkshetze

Dass die BILD auf beiden Seiten der Grenze zum Rechtspopulismus schreibt, ist allseits bekannt. Seit einiger Zeit muss sie sich noch nicht einmal mehr die Mühe machen, sich selber entsprechende Texte auszudenken. Sie muss nur noch abtippen, was hohe Bundesbeamte von sich geben. Bundesbank-Vorstand Sarrazin begann den Reigen mit seinen „Kopftuchmädchen“, gefolgt von Bayerns Ministerpräsident Seehofers „Multikulti ist tot“. Beide zählten zu den üblichen Verdächtigen. Mittlerweile hat die BILD allerdings eine neue Premiumquelle: Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. Schon ihre an Schulen entdeckte „Deutschenfeindlichkeit“ sorgte für erhobene Augenbrauen. Seit Freitag (26.11.2010) gibt es nun den neuesten Begriff: „Macho-Muslime“.

Zwei Studien sollen nun belegen, dass junge männliche Moslems eher zu Gewalt neigen als andere. Das zumindest meinen Frau Schröder und BILD. „Männlich, Moslem, Macho – das ist der Dreiklang, aus dem häufig Gewalt entsteht“ schreibt die Boulevard-Zeitung. Dass die Autoren der Studien diese Ansicht nicht teilen, wird nur am Ende des Artikels mit wenigen Worten erwähnt. Dort, wo die Informationen mit dem geringsten Nachrichtenwert stehen. Stattdessen werden munter Schröders kaum reflektierte Sätze abgedruckt und mit pseudo-wissenschaftlichen Fakten unterstützt. Die berühmten Tabus, die es nicht geben dürfe, werden wieder heraus gekramt und Schröder zitiert mit: „Eine erhöhte islamische Religiosität korreliert mit einer erhöhten Männlichkeitsrolle, und diese wiederum führt zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft.“ Soziales Abseits, geringe Bildung, Gewalt in der Familie und Cliquenbildung seien Gründe für muslimische Gewalt. Dass diese Faktoren eins zu eins auf jede sogenannte „Volksgruppe“ zutrifft, also auch auf Jugendliche ohne Migrationshintergrund, wird nicht erwähnt. Stattdessen fallen Sätze wie „Drogenkonsum gibt’s unter Migranten häufig, was die Gewaltbereitschaft steigert, ebenso Waffenbesitz.“ Denn Drogen und Waffen haben schließlich Araber in das reine Deutschland gebracht.

Besonders bemerkenswert sind folgende zwei Textabschnitte.

„Der Mann ist der Herr im Haus und darf auch mal zuschlagen“ – Jugendliche mit dieser Einstellung sind gewalttätiger als andere. Knapp ein Viertel der jungen Männer aus der Türkei, Ex-Jugoslawien, dem nordafrikanischen und arabischen Raum denken so. Von dieser Gruppe haben 45 Prozent innerhalb eines Jahres mindestens eine Gewalttat begangen, meist Körperverletzung. 24 Prozent haben mehr als fünf Taten begangen.

Der Reihe nach: Woher kommen die Zahlen? Wer sind dieses knappe Viertel? Männer, die hier wohnen oder Muslime allgemein? Rechnen wir das Ganze mal herunter: Gut 20 Prozent dieser mutmaßlichen Migranten denken offenbar so. Weniger als die Hälfte hat eine Gewalttat begangen (was vieles bedeuten kann). Einer von zehn ist also auffällig geworden. Keine beeindruckende Zahl. Zumal ich die Statistik im Ganzen stark anzweifle.

Am besten hat mir jedoch der Satz gefallen: „Action- und Ballerfilme vermitteln den jungen Männern brutale Rollenvorbilder.“ Genau. Und zwar nur jungen Männern mit Migrationshintergrund. Mal ganz abgesehen davon, dass so gut wie jede wissenschaftliche Studie zu diesem Thema belegt, dass es keinen Kausalzusammenhang zwischen „Ballerfilmen“ und Gewalttaten gibt.

Doch genügend Eulen nach Athen getragen, dass die BILD unreflektiert schreibt, ist nun nichts Neues. Was hat sich Frau Schröder dabei gedacht? Ihr muss in ihrem Amt klar sein, dass solche Aussagen von so einem Blatt gnadenlos als Steilvorlage genutzt werden. Wieso zieht sie andere Schlüsse als die Wissenschaftler, die feststellen, dass die Gewaltbereitschaft von russischen Migranten höher ist, als die von muslimischen (siehe ZDF-Heute-Blog)? Wieder einmal hat sie sich selbst Steine in den Weg gelegt. Die eigentliche Kernaussage, Deutschland müsse Imame ausbilden und muslimischen Religionsunterricht anbieten, sind ja in der Sache völlig richtig. Nur ging sie wieder einmal komplett unter, weil über Gewalt von Moslems diskutiert wurde.

Viele solche Aussetzer sollte Kristina Schröder sich nicht mehr erlauben. Denn eine Familienministerin, die zum Lieblingskind der BILD wird, steht einer Regierung nicht gut, die die Integration verbessern möchte. Da kann man nur hoffen, dass genügend Menschen seriöse journalistische Beiträge wie den erwähnten ZDF-Artikel lesen und nicht die grenzpopulistischen Boulevard-Texte. Aber wer ist schon so naiv, das zu glauben?

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4 Gedanken zu „Kurz vor Volkshetze“

  1. Gut gesprochen … du würdest dich sicherlich im bildblog wohlfühlen ;).
    Bezugs des letzten Satzes: Wie wir an den Absatzzahlen und der allgemeinen Panik wahrscheinlich feststellen zu können, gibt es genug Naivlinge. Kein Wunder, wer kritisch genug ist, die BILD zu hinterfragen, kauft sie gar nicht erst, weil das Ergebnis dieser Reflexion von vornherein klar ist.

  2. Nein, nein. Ich meinte, wer ist so naiv zu glauben, dass die Mehrheit der Leute nicht BILD liest, sondern seriösen Journalismus. Oder hab ich dich falsch verstanden?

  3. Die BILD und Kristina Schröder sind in letzter Zeit allerdings mehrere Male aneinander geraten. Zum einen, als die BILD über angebliche Unregelmäßigkeiten bei Schröders Doktorarbeit berichten wollte und diese den Bericht verbieten lassen wollte. Kai Diekmann hat das damals in seinem Blog dokumentiert.
    Andererseits hat Alice Schwarzer, deren Sprachrohr die BILD ja neuerdings ist, ebendort Schröder abgewatscht. Von daher vielleicht etwas übertrieben, die Familienministerin als Lieblingskind der BILD-Zeitung zu bezeichnen.

  4. hab ja auch geschrieben „die zum lieblingskind wird“ und nicht ist. ;) wenn auch nicht aus diesem grund. das mit der doktorarbeit ist an mir vorbei gegangen und die schwarzer hab ich schon wieder verdrängt…^^ danke für den hinweis

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