OTTO trifft „Brigitte“

„Brigitte“ ist mittlerweile wohlbekannt in der Internetgemeinde. Und damit ist nicht die Frauenzeitschrift gemeint, sondern ein 22-jähriger Herr aus Koblenz. Er hat als Frau verkleidet einen Modelcontest gewonnen und dadurch ein Fotoshooting gewonnen. Gleichzeitig dürfte „sie“ nun ein optimales Beispiel für fehlgeplante, aber trotzdem erfolgreiche PR darstellen. Was war passiert?

Am 15. November hatte der OTTO-Versand auf seiner Facebook-Seite für alle Fans einen Model-Wettbewerb ausgerufen. Jeder Facebook-Fan des Unternehmens konnte ein Foto von sich hochladen. Über den „Like-Button“ stimmten die Nutzer anschließend ab, welche Bilder bzw. Models gewinnen sollten. Als Preise war ein professionelles Fotoshooting ausgerufen und der Sieger sollte zwei Wochen lang das „Gesicht“ der Facebook-Seite von OTTO werden. Bis dahin eine gute Idee. Nutzereinbindung, die zahlreiche Klicks generiert, kann man kaum besser gestalten.

Allerdings hat die betreffende Agentur offensichtlich ihre Rechnung ohne die User gemacht. Natürlich gab es nicht nur ernst gemeinte Einsendungen. Mindestens einen Scherzkeks gibt es bei solchen Aktionen immer. In diesem Fall eben „Brigitte“, einen jungen Herren in Damenkleidern und blonder Perücke. Und natürlich fährt die Netz-Gemeinde auf so etwas ab. Mit etwa 30000 „Likes“ war er der klare Sieger und darf sich nun fotografieren lassen. Falls eine professionelle Agentur für die Idee verantwortlich war, muss man sich fragen, ob ihr das Risiko wirklich nicht bewusst war. Denn hätten die OTTO-Verantwortlichen nach dem Briefing gewusst, dass ihre Seite tagelang ein Cross-Dresser oder  ein anderes fragwürdiges Motiv zieren könnte, hätte man sich die Sache sicher noch einmal überlegt.

Dumm gelaufen? Ganz im Gegenteil! Der peinliche Fauxpas ist zu einem der berüchtigten PR-Coups geworden. Denn auch wenn der Sieger anders aussieht, als man sich das vorgestellt hat, wurde das Hauptziel weit übertroffen. Zum Beginn des Wettbewerbs hatte die Facebook-Seite des Konzerns 25000 Fans. In den knapp vier Wochen davor konnte man insgesamt 5000 Fans dazu gewinnen. Mittlerweile läuft Tag neun nach Aktionsstart. Die Zahl der Fans ist binnen einer Woche auf astronomische 162500 angestiegen. 5000 „Likes“ in 24 Tagen vor der Aktion stehen knapp 140000 in neun Tagen gegenüber. Besser hätte es nun wirklich nicht laufen können. „Brigittes“ Anteil daran dürfte nicht unerheblich sein. OTTO sollte „ihr“ dankbar sein und nun auch so konsequent und mutig sein, „sie“ vierzehn Tage als Profilbild zu behalten. In wenigen Bereichen des öffentlichen Lebens liegen grobe Verfehlungen und grandiose Erfolge so nah beieinander wie in der PR.

 

So. Und warum werden uns in den PR-Vorlesungen nicht solche Beispiele gezeigt? Vor zwei Wochen hielt eine Mitarbeiterin von „Scholz&Friends Agenda“ einen Vortrag über Möglichkeiten und Gefahren der PR im Internet, insbesondere in Sozialen Netzwerken. Sie wurde nicht müde, zu betonen, dass man sich der Eigenheiten der jeweiligen Plattform bewusst sein muss. In der Sache war das niemandem neu. Beispiele hätten jedoch geholfen. Dass der Foto-Wettbewerb zu diesem Zeitpunkt noch nicht gestartet war, kann als Ausrede nicht gelten. Denn bereits einen Monat zuvor hatte sich die Deutsche Bahn mit ihrer Facebook-Präsenz selbst ein Ei gelegt. Zwischen den Zeilen kann man noch immer lesen, was einmal auf der Pinnwand los war. Es gibt so viele interessante Beispiele für PR-Arbeit. Warum sind sie überall, nur nicht in unseren Vorlesungen?

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