Harry Potter und die Heiligtümer des Todes: Teil 1

Es ist angerichtet

Eines muss man ganz klar sagen: David Yates und sein Team sind mutig. Nicht nur, weil sie sich an ein so vollgepacktes, facettenreiches Buch wie „Potter 7“ überhaupt heran gewagt haben. Sondern auch wegen der (richtigen) Entscheidung, zwei Filme daraus zu machen und vor allem der Umsetzung des Stoffes.

Harry Potter wird vom Orden des Phönix abgeholt und unter dem Verlust seiner Eule Hedwig und „MadEye“ Moody zum sicheren Fuchsbau, dem Haus der Familie Weasley, gebracht. Relativ unverzüglich macht er sich mit Ron und Hermine auf, Horkruxe zu finden. Nach einem ersten, schnellen Erfolg zieht sich die Suche in die Länge. Wie zerstört man das Medaillon? Was sind die übrigen Horkruxe und wo befinden sie sich? Angesichts der Planlosigkeit Harrys zerstreitet sich das Trio, bricht auseinander und findet erst nach einer Weile wieder zueinander. Ein Horkrux kann schließlich vernichtet werden. Anschließend geraten sie etwas vom Plan ab, suchen nach einem Zeichen, das immer wieder auftaucht und sie auf die Spur der „Heiligtümer des Todes“ führt – und in Gefahr.

Nach dem verkorksten sechsten Film („Halb-Blut Prinz“) musste David Yates einiges wieder ausbügeln. Personen wurden nicht vorgestellt, Sachverhalte nicht aufgeklärt. All das muss nun nachgeholt werden. Glücklicherweise passiert genau das. Aus einigen seiner Fehler hat Yates offensichtlich gelernt. Wer die Buchvorlage kennt, wird sich erinnern, dass in der ersten Hälfte des Buches sehr wenig Zählbares passiert und sich das meiste auf der emotionalen und gedanklichen Ebene abspielt. Harrys innerer Konflikt nach der aufwühlenden Dumbledore-Biografie, ob er seinem Idol vertrauen soll, das strategische Planen der nächsten Schritte, der Einfluss des Medaillons auf Harry und seine Freunde, das Verhältnis der drei 17-Jährigen untereinander.

Hier zeigt sich das erste Mal der Mut Yates‘ in der Umsetzung. Er nimmt sich Zeit. Er kürzt die schier endlosen Wanderungen nicht gnadenlos zusammen, um mit der Geschichte voran zu kommen. Stattdessen zeigt er minutenlang Landschaftsaufnahmen, weitläufige Bilder, ohne dass auch nur ein einziges Wort gesprochen wird. Von einer Action-geladenen Franchise wie Harry Potter musste man so etwas nicht erwarten. Nicht nur bei diesen Szenen, auch an vielen anderen Stellen des Films hat der Regisseur erfreulich wenig Eile. Das „Märchen der drei Brüder“, das die „Heiligtümer des Todes“ beschreibt, wird von Anfang bis Ende vorgelesen. Überraschend genug, wie das sein mag, setzt Yates dem Ganzen noch die Krone auf: Die bildliche Umsetzung der Geschichte ist keine einfache Rückblende mit verschwommenen Rändern und wackeligen Bildern. Man hat eine kreativere und ungleich überraschendere Lösung gefunden, die ich hier nicht verraten möchte. Ein Chris Columbus (Potter 1+2) hätte sich so etwas sicherlich nicht getraut.

Bei all der Zeit, die sich Yates in diesen Momenten nimmt, rauscht er über andere zügig hinweg. Personen, die in den vorigen Filmen vergessen wurden, werden hastig vorgestellt, bevor sie genau so schnell wieder verschwinden, das komplizierte Verhältnis zwischen Harry und dem neuen Zaubereiminister Scrimgeour wird komplett übergangen, die Artefakte aus Dumbledors Testament kommentarlos überreicht. Letzteres ist nachvollziehbar, andernfalls würde nur eine weitere Ebene aufgemacht, die der Story nicht wirklich zuträglich wäre.

Teil eins des letzten Potter-Bandes ist für die Fans gemacht. Erfreulich viele Details werden gezeigt, einige durchaus sinnvoll abgeändert, erschreckend wenige allerdings erklärt. Hat Harrys Zauberstab auf dem Weg zum Fuchsbau da alleine agiert und wenn ja, warum? Warum reisen die drei Zauberer wild durch die Gegend? Wer ist dieser Grindelwald und was hat er mit Dumbledore zu tun? Was macht Hermine da mit ihren Eltern? Warum spricht Harry in der Schlangensprache „Parsel“ zum Medaillon? Und was zum Teufel sollen nun die übrigen Horkruxe sein? Wer die Bücher nicht gelesen hat, dürfte hoffnungslos verloren sein. In den ersten Minuten versucht Yates noch einiges zu erklären, gibt aber sehr bald auf und erzählt einfach. Für Fans ist das nicht schlimm. Für unbedarfte Kinogänger schon.

Ein Makel aus dem letzten Film setzt sich leider auch in diesem fort. David Yates kann sehr gut erschrecken und hervorragend zum Lachen bringen. Was er nicht fertig bringt, ist Trauer, Mitgefühl und Betroffenheit zu erzeugen. Abgesehen von den ersten Minuten des Vorspanns gelingt es ihm nicht, den Zuschauer zu berühren. Er lässt seine Figuren „menscheln“, sich wie Teenager verhalten. Das äußert sich aber ausschließlich in lustigen Szenen. An neudeutsch „emotionalen“ Augenblicken scheitert er.

Für das größte (und letzte) Problem des Films kann Yates jedoch nichts. Der rote Faden fehlt. Wie bereits oben erwähnt, passiert im ersten Teil des Buches sehr wenig, was man geradeaus erzählen könnte. Alles steuert auf den großen Showdown am Ende hin, es baut sich viel auf und wenig ab. Mehr als das kann auch ein guter Regisseur daraus kaum machen. Der Film läuft so vor sich hin, jedoch ohne klares Ziel. Dadurch kann sich kein Spannungsbogen aufbauen, der einen klassischen Spielfilm ausmacht. Somit ist „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes: Teil 1“ im Grunde nichts weiter als eine zweieinhalbstündige Ouvertüre für das große Finale im nächsten Juli. Sieht man den Film mit diesen Augen an, ist er großartig gelungen. Er bereitet auf vieles vor, spricht erfreulich viele Handlungsstränge an und macht durchaus Lust auf den letzten Teil. Die beiden in acht Monaten hintereinander anzuschauen, dürfte viel Spaß machen. Um als eigenständiger Film zu bestehen, fehlen jedoch zu viele Grundlagen.

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