Bullen alarmiert

Alles lief schief am letzten Samstag, als der Regionalligist RB Leipzig gegen seinen Tabellennachbarn VFL Wolfsburg II spielte. Da passt es nur ins Bild, dass nach dem Spiel fälschlicherweise verkündet wurde, dass Spitzenreiter Chemnitz verloren hätte, oder dass nur 3601 Zuschauer vermeldet wurden, obwohl in Wahrheit 4579 Leipziger den Weg ins Stadion gefunden hatten. Diese beiden Aussetzer sind jedoch geradezu bedeutungslos im Vergleich zu dem, was sich auf dem Platz abgespielt hat.

Man wollte die punktgleichen Wolfsburger abschütteln und am FC Chemnitz dran bleiben. Dazu wurden extra alle Schulanfänger der Stadt mit ihren Eltern eingeladen. Es sollte Werbung für den neuen Verein werden. Doch was den Besuchern geboten wurde, war nichts anderes als eine spielerische Bankrotterklärung. Schon nach zwei Minuten lag Rasenball mit 0:1 hinten und konnte den Rückstand bis zum Ende nicht mehr aufholen. Jetzt ist man hinter Wolfsburg und Halle zurück gefallen, Chemnitz ist den Bullen nunmehr neun Punkte voraus.

Es ist aber nicht die Niederlage, die so enttäuschend, ja frustrierend, ist, sondern die Art und Weise wie die Mannschaft aufgetreten ist. Von Beginn an waren die „Bullen“ kaum anwesend. Träge schleppten sie sich über den Platz, verloren nahezu jeden Zweikampf und zeigten eklatante technische Schwächen bei der Ballannahme und Pässen. Man muss sich hier immer vor Augen halten, dass die Hälfte der Spieler jahrelange Bundesligaerfahrung haben, teilweise für die Nationalelf gespielt und die Champions League gewonnen haben.

Schlimmer noch als die zahllosen Stockfehler war das absolut fehlende taktische Konzept. Zu keiner Minute war ein System erkennbar, nach dem Trainer Tomas Oral seine Angriffe aufbauen möchte. Einfallslos wurden sich in Abwehr und zentralem Mittelfeld die Bälle zugeschoben. Anstatt das Spiel schnell zu machen, wurde immer erst der Querpass gesucht, nach dem sich Wolfsburg, so der Ball überhaupt ankam, wieder sortiert hatte. Die größte Laufbereitschaft und spielerische Qualität zeigte der Innenverteidiger (!) Ingo Hertzsch. Aus dem Mittelfeld kamen keine Ideen, keine Kreativität, nicht ein einziger gefährlicher Pass. Ein Nachrücken der Zentrale bei eigenen Angriffen fand nicht statt, die Vorstöße der Außenverteidiger lassen sich an einer Hand abzählen. Man musste sich zwischenzeitlich fragen, ob die Spieler die Räume auf dem Spielfeld nicht sahen, oder Angst davor hatten, in sie hinein zu spielen oder zu laufen. Auch auf ein schnelles Umschalten in die Offensive nach einem Ballgewinn wartete man vergebens. Keiner der durchaus zahlreichen Ballverluste der Gäste wurde zu einem Konter ausgenutzt. Die erste Bewegung des ballführenden Spielers war immer in Richtung des eigenen Torwarts. Direktes Kurzpassspiel zeigte Leipzig in genau einem Angriff kurz nach der Pause. Wenn es dann doch zu Strafraumszenen kam, vertendelten Frommer, Kammlott oder Lewerenz die Bälle mit überflüssigen Dribblings oder Pässen, anstatt den Abschluss zu suchen.

An allen Ecken und Enden krankte das System, sodass man sich wunderte, was die gut bezahlten Profis im Training eigentlich üben. Lediglich eine eingespielte Ecken-Variante war zu erkennen. Leider ist sie genau so einfallslos wie ineffektiv.

Die fußballerische Klasse der Spieler kann kaum der Grund für dieses Desaster sein. Dass sie Fußball spielen können, haben sie ohne Ausnahme schon bewiesen. Mit Druck müssen die meisten auch umgehen können, alleine schon des Alters wegen. Schnell fällt dadurch der Verdacht auf den Trainer als Ursache allen Übels. Schließlich ist es seine Aufgabe, den Spielern zu vermitteln, wie sie ihre Angriffe aufziehen sollen. Wenn nur Standards und Kraft trainiert werden, muss man sich nicht wundern, wenn das spielerische Konzept auf der Strecke bleibt.

Nun weiß ich nicht, was Tomas Oral wirklich üben lässt. Die Kritik an ihm wird jedoch lauter. Heute traf sich die Mannschaft ohne ihren Teamchef zu einer Krisensitzung. Dort sickerten Informationen heraus, dass sich über eine zu hohe Trainingsbelastung beschwert wird. Verwechselt Oral hohe Ansprüche mit überbordendem Drill? Das würde erklären, warum die Bullen auf dem Platz eher wie Kälber wirken.

Erste Konsequenzen wurden bereits gezogen. Mittelfeldmann Patrick Bick wurde in die zweite Mannschaft verbannt, die Ex-Bundesligaprofis Rost, Frommer und Laas mussten im Trainingsspiel in der B-Elf ran. Auch das Team selbst formulierte etwas hochtrabend den „Schwur von Leipzig“. Selbiger enthält offenbar viele der bekannten Fußball-Phrasen, urteilt man nach den Aussagen von Timo Rost: „Wir müssen eine Reaktion zeigen, und wir werden eine Reaktion zeigen. […] Wir haben uns geschworen, dass wir nur noch von Spiel zu Spiel denken und nicht mehr ständig vom Aufstieg reden.“

Das Problem wurde also erkannt. Wohl auch durch die Geschäftsleitung, die genau weiß, dass solche Auftritte ganz viel zerstören können, was man sich in den letzten Monaten aufgebaut hat. Nicht nur sportlich, sondern auch, was die Gunst des Publikums betrifft. Leider ändern alle Worte und Trainingseinheiten nichts daran, dass es der Mannschaft im zentralen Mittelfeld an Kreativpotenzial fehlt. Ob nun Rost, Rosin, Geißler oder Baier – sie alle können ein Spiel stabilisieren, aber keine Angriffe einleiten.

Schon am Freitag will man in Plauen eine Reaktion zeigen. Das hat man sich geschworen. Hoffen wir, dass die Mannschaft, wie nach der Niederlage gegen Bautzen vergangene Saison, jetzt endlich aufwacht. Sonst ist nicht nur die Zukunft von Tomas Oral unsicher.

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