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Eine Lektion für die Öffentlichkeit

10. Juli 2011 2 Kommentare

Ungenaues Passspiel, körperliche Unterlegenheit, fehlende Kreativität bei den Standards und letztendlich ein individueller Fehler von Saskia Bartusiak bescherten der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gestern das bittere Aus im Viertelfinale der Heim-WM gegen Japan. Während bei den Spielerinnen Trauer und Frust herrschen, reibt sich die Nation verwundert die Augen. Eine Niederlage? Im Viertelfinale? Gegen Japan? Das geht doch gar nicht! Was die Trainerin längst wusste, musste die Öffentlichkeit gestern schmerzlich lernen: Die Zeiten, in denen Frauenfußball bedeutete, dass 22 Frauen dem Ball hinterher rennen und am Ende gewinnt immer Deutschland, sind vorbei.

Die Erkenntnisse, die sich aus dem letzten Abend ziehen lassen, sollten so neu eigentlich nicht sein. Und doch hat man an einigen entscheidenden Positionen offensichtlich vorher nicht daran gedacht. Schließlich schien für viele der Weltmeister-Hattrick nur eine Formsache zu sein.

  1. Auch für eine deutsche Nationalelf sind die formbedingten Ausfälle zweier absoluter Leistungsträgerinnen wie Birgit Prinz und Lira Bajramaj nicht problemlos zu kompensieren. Erst recht nicht, wenn sich die so wichtige Kim Kulig nach drei Minuten schwer verletzt. Der gleichzeitige Ausfall von Özil, Müller und Schweinsteiger würde die Männer auch schwächen.
  2. Deutschland ist auf Platz zwei der FIFA-Weltrangliste, nicht an der Spitzenposition, und Japan ist nur zwei Ränge dahinter. Japan als leichteren Gegner einzustufen als die USA oder Brasilien war sehr gefährlich.
  3. Die richtige Einstellung auf den Gegner und die Situation im Turnier ist das A und O. Nach den Reaktionen der Spielerinnen zu urteilen, waren sich viele offenbar gar nicht bewusst, dass man im Viertelfinale gegen Japan auch ausscheiden kann.
  4. Man sollte sich auf das Kerngeschäft konzentrieren. Sponsorenverträge und Medienkampagnen sind gut und wichtig. In einem derartigen Ausmaß, wie wir es bei diesem Turnier erlebt haben, können sie jedoch schnell die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen lenken.
  5. Titel sind keine Selbstverständlichkeit. Werbeplakate mit den Aufschriften “Jungs, wir rächen euch!”, “Dritte Plätze sind was für Männer” oder “Wie 2006. Nur dass wir diesmal Weltmeister werden” sind zwar lustig und schaffen Aufmerksamkeit, wecken jedoch schnell falsche Erwartungen. Selbstbewusstsein kann schnell zu Überheblichkeit werden.
  6. Im eigenen Land um einen Titel zu spielen, nach der öffentlichen Erwartungshaltung auch noch schön spielen zu müssen und gleichzeitig den Auftrag zu haben, weltweit Werbung für die eigene Sportart zu machen, ist des Guten dann doch etwas zu viel.
  7. Verlängerungen gegen in blau spielende Länder sind zu vermeiden.

Der eine oder andere Mann dürfte sich jetzt heimlich ins Fäustchen lachen. Doch obwohl das Ausscheiden sportlich durchaus gerechtfertigt ist, darf man dem deutschen Team dankbar sein. Sie sind sehr sympathisch aufgetreten, haben streckenweise wirklich guten Fußball gespielt und tatsächlich so etwas wie Begeisterung für den Frauenfußball geweckt. 17 Millionen Zuschauer und 56% Marktanteil sprechen für sich. Das Spiel zwischen den USA und Brasilien heute Abend dürfte ebenfalls Traumquoten erreichen.

Für eine erfolgsverwöhnte Mannschaft kann es manchmal ganz hilfreich sein, auf den Boden der Tatsachen zurück geholt zu werden. Hoffen wir, dass es der Entwicklung der jungen Spielerinnen wie Kim Kulig oder Alexandra Popp gut getan hat. Schade nur, dass mit der gestrigen Niederlage auch die Olympiaqualifikation für London in Gefahr gerät. Schlägt Schweden in wenigen Stunden Australien, ist Deutschland im nächsten Sommer nicht dabei.

Beim nächsten Turnier gilt also für alle: Einen Gang zurück schalten, akzeptieren, dass die anderen auch Fußball spielen können und keinen Titel schon vorher fest einplanen. Und Passspiel sowie Spielaufbau aus der Defensive verbessern!

Halbzeitanalyse

3. Juli 2011 3 Kommentare

Zwischenbilanz der FIFA Frauen-WM 2011

Wenn heute Abend gegen 19:50 Uhr die Partie zwischen Brasilien und Norwegen abgepfiffen wird, feiert die FIFA Weltmeisterschaft der Frauen Bergfest, die Hälfte der Spiele ist dann absolviert. Zeit, ein kurzes Zwischenfazit zu ziehen.

ARD und ZDF

Die Fußball-Weisheit “Wer trifft, hat Recht” gilt auch im Fernsehen. Nicht wenige hatten die Entscheidung, dass erstmals alle Spiele einer Frauen-WM live übertragen werden, mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen. Auch die beispiellose Medienkampagne wurde kritisch beäugt oder im Falle des unsäglichen Eppheim-Tatorts belächelt. Zuschauerzahlen im zweistelligen Millionenbereich und Marktanteile von über 20 Prozent auch bei den Spielen ohne deutsche Beteiligung rechtfertigen jeden Euro, der zuvor in die Werbung gesteckt wurde. Auch und vor allem die Entscheidung des ZDF, mit Claudia Neumann erstmals eine Frau als Live-Kommentatorin einzusetzen, hat sich als gut und richtig erwiesen. Mit ihrem sympathischen Stil und ihrer großen Fachkompetenz hat sie sich für künftige Turniere empfohlen. Dazu kommt, dass sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen Bartels und Réthy erfrischend wenig Mist erzählt. Wer weiß, vielleicht wird aus ihr ja die Sabine Töpperwien des ZDF.

Drei Sätze noch zur Außendarstellung des Frauenfußballs in den diversen Kampagnen vor der WM: Wie kein zweiter Sport muss der Frauenfußball in der Imagegestaltung einen Spagat vollziehen. Weder möchten die Sportlerinnen als “Kampflesben” oder “Mannsweiber” dargestellt werden, noch wollen sie sich als kleine Mädchen präsentieren, die mit der Picke an den Ball treten und kichern, wenn er ins Aus fliegt. Die beste Antwort auf dieses Problem geben die Damen auf dem Platz, wo sie regelmäßig beweisen, dass sie Leistungssport auf hohem Niveau betreiben. Werbungen, in denen sie sich lieber schminken, sagen nicht wirklich aus: “Respektiert uns als Sportler!” (Sind doch vier Sätze geworden…)

Die Nationalmannschaft

Noch nie stand eine deutsche Nationalmannschaft der Frauen derartig im Fokus. Über 120000 Zuschauer in zwei Spielen, dazu unzählige an den Fernsehschirmen flößen unweigerlich Respekt ein. Nach den WM-Titeln 2003 und 2007 erwartet das Land nichts anderes als den Hattrick und auch die Mannschaft selbst wäre ab dem zweiten Platz abwärts enttäuscht. Dazu kommen für die jungen Damen diverse Presse- und Sponsoren-Termine – für die meisten Neuland. Diesem Druck muss man erst einmal Stand halten.

Unter diesen Voraussetzungen hat sich das Team bislang beachtlich geschlagen. Das eine oder andere schwächere Spiel muss man den Mädchen zugestehen. Angesichts der starken Konkurrenz aus den USA, Brasilien, Schweden und Japan sollte im öffentlichen Bewusstsein sowieso etwas Realismus einkehren und ein dritter Titelgewinn als Sensation und nicht als Selbstverständlichkeit eingestuft werden. So gesehen ist es das beste, was der Mannschaft passieren kann, dass Birgit Prinz derzeit so massiv mit Kritik überhäuft wird. Sie stellt sich damit schützend vor das Team, lenkt die Aufmerksamkeit weg von ihren 22 Kameradinnen, die sich dadurch hoffentlich ausreichend auf das Wesentliche konzentrieren können. Prinz kommt damit zwar eine sehr tragische Rolle zu, sie könnte sich damit aber in den Dienst der Mannschaft stellen und somit wichtiger denn je werden.

Frauenfußball allgemein

Positiv ist festzuhalten, dass die bisherigen WM-Spiele nicht langweiliger sind als die der Männer im vergangenen Jahr. Negativ muss man feststellen, dass sich der Frauen-Fußball zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft entwickelt. In einigen wenigen Ländern wird die Sportart zunehmend professionalisiert. Dort wird ansehnlicher Fußball gespielt. Sieht man sich dagegen Spiele der Nationen an, in denen Frauenfußball eine Randerscheinung ist, hat man den Eindruck, man sehe eine Nachwuchsmannschaft spielen. Technisch ist das alles akzeptabel. Aber im körperlichen und taktischen Bereich und vor allem im Abwehrverhalten tun sich teilweise Abgründe auf.

An dieser Stelle möchte ich eine These in den Raum werfen: Das Niveau des Frauenfußballs könnte steigen, wenn mit einem Fußball der Größe vier (statt fünf) gespielt würde. Auffällig häufig haben die Frauen Probleme, den Ball nach der Annahme mitzunehmen, sehr oft bleiben sie hängen und stolpern über das Spielgerät. Die vielen abrutschenden Flanken und Schussversuche lassen sich meiner Meinung nach nicht  nur über technische Defizite erklären. Ein kleinerer Ball, wie er auch beim Hallensport Futsal verwendet wird, könnte besser zu den naturgemäß kleineren Füßen der Frauen passen, die somit eine bessere Kontrolle über den Ball hätten, schärfer schießen und somit das Spieltempo erhöhen könnten.

So viel zu meiner Theorie. Praktisch ist zu beobachten, dass sich einige Klischees des Frauenfußballs leider hartnäckig halten; einige davon durfte ich selbst über einige Jahre bei diversen Schulwettbewerben bis auf Landesebene bewundern.

  • Einwürfe stellen viele Fußballerinnen aller Nationen vor unlösbare Probleme
  • Die Chancenverwertung bringt die Trainer zum verzweifeln
  • Es gibt immer eine, die die Abseitsfalle aufhebt
  • Die Schwedinnen sind immer die schönsten
  • In jedem verdammten Spiel schwappt eine “La Ola” durch das Stadion, denn:
  • Die meisten Zuschauer sind Frauen oder Familien mit Kindern, die mit der Einstellung “Hey, wir sind voll gut drauf!” das Stadion betreten anstatt sich wirklich für ein gutes Fußballspiel zu interessieren
  • Bei den Spielen der Frauen herrscht die meiste Zeit relative Stille
  • Schiedsrichterinnen sind häufig schlecht und können sich selten durchsetzen

Das Schiedsrichter-Problem herrscht bei Weltmeisterschaften geschlechterübergreifend. Darüber müsste man sich mal ausführlicher unterhalten.

Abgesehen von diesen meist sympathischen Klischeebestätigungen macht “20Elf von seiner schönsten Seite” bisher großen Spaß. Die Stimmung ist gut, das Niveau einer WM angemessen (in der K.O.-Phase dann durchgehend hoch) und Deutschland liegt noch aussichtsreich im Rennen. Die Weltmeisterschaft in Deutschland macht mit all ihrer medialen Aufmerksamkeit beste Werbung für einen Sport, der nach wie vor zu wenig Beachtung findet.

WM Fun Facts #2018-22

2. Dezember 2010 1 Kommentar

FIFA wählt Russland und Katar

Russland und Katar sind es also geworden. Die FIFA Weltmeisterschaft 2018 wird erstmals in Osteuropa stattfinden, vier Jahre später darf sich der Persische Golf als Gastgeber präsentieren. Alle sind sich einig: Damit hat niemand gerechnet.

Über die fachliche Beurteilung der Wahl sollen sich andere kümmern. Ich halte beide Entscheidungen für finanziell nachvollziehbar und freue mich auf die Fernsehbilder aus Katar. Die Bilder der vollklimatisierten Stadien sehen Golf-typisch gigantisch aus. Für Fans dürften beide Austragungsländer jedoch mehr Probleme als Vorteile bringen, wie sich gleich zeigen wird. Was den Fußball als Sport angeht, galt offensichtlich die Maxime “neue Märkte schaffen” statt “Fußballtradition stärken”.

Anstatt groß herum zu analysieren und zu spekulieren, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist, möchte ich lieber meine Reihe der WM Fun Facts fortsetzen. Denn die beiden Weltmeisterschaften werden sehr gegensätzliche Turniere.

Größe:

Russland: 17075400km² (größtes Land der Erde)

Katar: 11521km² (halb so groß wie Hessen)

Einwohner:

Russland: ca. 140 Millionen

Katar: ca. 1 Million

Temperatur im Sommer (an Austragungsorten)

Russland: ca. 22°C

Katar: ca. 40°C

Austragungsorte:

Russland: 13

Katar: 7

Maximale Distanz zwischen zwei Austragungsorten

Russland: 3140 km

Katar: 128 km

Erfolge im Fußball

Russland: Europameister 1960, 9 WM-Teilnahmen

Katar: 4. Platz bei der U17-Weltmeisterschaft 1991 und diese Aktion

Einen kleinen Kommentar zur Entscheidung für Katar kann ich mir nun doch nicht verkneifen.

Eine so große und einflussreiche Organisation wie die FIFA sollte darauf achten, welche Botschaft sie aussendet. Sicher, den Fußball in neue Regionen zu bringen und im konkreten Fall die arabische Welt mit einzubeziehen, ist nicht verkehrt. Das hätte in Nordafrika aber besser funktioniert. Denn was passiert jetzt im Persischen Golf? Zwölf Stadien werden irgendwo in die Wüste gesetzt, neun davon komplett neu. Sie werden vollklimatisiert sein, die Bereiche rund um die Arenen komplett neu angelegt, nur um nach der Welt wieder abgebaut zu werden. Für WM-Stadien besteht in dieser Region eben keinerlei Bedarf. Immerhin soll der verwendete Stahl an Entwicklungsländer verschenkt werden. Trotzdem ist der Energieaufwand, der für ein einziges Sportturnier betrieben wird, komplett überzogen. Selbst die Formel 1 legt in ihrem technischen Regelwerk Wert auf Nachhaltigkeit. Die FIFA unterstützt armerikanisch-arabisches Verschwendertum. Retortenspiele und Katar’sche Selbstbefriedigung mitten im Nirgendwo statt stimmungsvolle Spiele in Spanien. 2026 findet die Weltmeisterschaft dann auf dem Mond statt.

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