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Nachschlag-Nachtrag

Viel ist in den letzten Wochen passiert und entsprechend viel durfte ich auch darüber schreiben. Guantánamo wurde zehn Jahre alt, das Dschungelcamp überflutete das Fernsehen, der ORF protestierte gegen sich selbst und eine Politikerin legte den E-Mail-Dienst des Bundestags lahm. Allerdings habe ich alle meine Texte darüber fürs Radio geschrieben, worunter die Post-Frequenz auf diesem Blog etwas leidet. Aber da die Radio-Themen ziemlich genau die sind, über die ich sonst hier geschrieben hätte, ist die Lösung recht einfach: Ihr bekommt hier einfach die geballte Ladung Texte, durch die ihr euch bei Interesse in Ruhe durchlesen und -hören könnt. Es handelt sich dabei um Beiträge für den “Nachschlag”, das Satiremagazin von mephisto97.6.

Freitag, 13.01.2012 – Guantánamo

Vor zwei Wochen feierten wir den zehnten Geburtstag vom umstrittenen Gefangenenlager von Guantánamo Bay mit einer Themensendung. Zur Einstimmung darauf gab es auf unserer Facebook-Seite ein – zugegeben ziemlich böses – Video-Teasing mit zwei Figuren aus unserer Sendung. Vor allem für die folgende Sendung wird dieses Video noch wichtig.

Video-Teasing Alter&Ego in Guantánamo

Am gleichen Tag begann auf RTL das Dschungelcamp. Zur Einstimmung gab es eine Programmvorschau für beide Events.

Ich bin ein Dschihadist – holt mich hier raus!

Um dem Ganzen auch etwas Tiefe zu geben, ließ ich erklären, was Guantánamo eigentlich ist. Natürlich kindgerecht und einfach zu verstehen.

Löwenzahn – Guantánamo

Freitag, 20.01.2012

Die Woche vom 14.-20. Januar stand ganz im Zeichen der Costa Concordia. Der Satz der Woche: “Ich bin ins Rettungsboot gefallen.” Meine Themen waren jedoch andere.

Mit einer sehr lobenswerten und erfeulicherweise erfolgreichen Aktion protestierten Mitarbeiter des Österreichischen Rundfunks (ORF) gegen die eigene Geschäftsleitung. In diesem Youtube-Video beschwerten sie sich über Postenbesetzungen, die offenbar die politische Unabhängigkeit des Senders gefährdeten. Es empfiehlt sich, dieses Video für den nächsten Beitrag anzuschauen.

Denn auch wir vom Nachschlag hatten Grund zum Protest!

Protest im Nachschlag

Außerdem fällte die amerikanische Militärführung in dieser Woche eine Entscheidung, die uns eine Nachschlagzeile wert war:

Riskant!

Die USA ziehen etwa 10.000 Soldaten aus Deutschland ab. Das kündigte US-Verteidigungsminister Panetta an. Die Amerikaner hätten in Deutschland genügend Brunnen gebohrt und Schulen gebaut. Man wolle die Verantwortung jetzt schrittweise den deutschen Sicherheitskräften übertragen. Experten äußern große Bedenken.

Freitag, 27.01.2012

Die letzte Woche hatte kein zentrales Thema außerdem inzwischen extrem nervigen Wulff. Mein Interesse weckten Obamas Rede “Zur Lage der Nation”, worüber ich hier bereits ausführlich geschrieben habe, und folgender Vorfall im Bundestag:

Twittergate: So wurde der Skandal durch Julia Klöckner und Ulrich Kelber vor drei Jahren genannt. Damals plauderten sie das Ergebnis der Wahl vom Bundespräsidenten etwas voreilig aus. Jetzt hat der Bundestag einen neuen DAU – einen Dümmsten Anzunehmenden User. Babette Schulz ist die Glückliche. Die Grünen-Politikerin schaffte das, was sonst nur Hacker schaffen – sie legte den E-Mail-Server des Bundestags lahm. Ein Ereignis mit dramatischen Folgen. Exklusiv beim Nachschlag: eine Chronik der erschreckenden Ereignisse.

Kürschnergate – Eine Chronik

Freitag, 03.02.2012?

Mal sehen. Die Diskussion bei Günther Jauch gestern bot beispielsweise reichlich Stoff. Ich werde mir außerdem Mühe geben, hier auch wieder den einen oder anderen Artikel einzustellen, der nicht satirisch ist und bereits im Radio lief. Am Donnerstag wird Roman Wallner als neuer Stürmer von RB Leipzig vorgestellt. Da will ich hin. Den Rest lassen wir mal auf uns zukommen. Ich hoffe, ihr habt Spaß an den Beiträgen.

Obamas Wahlkampf hat begonnen

25. Januar 2012 1 Kommentar

Rede zur Lage der Nation 2012

Kaum eine Rede eines Politikers wird so gespannt erwartet, so interessiert verfolgt und medial so intensiv ausgewertet wie die alljährliche Rede “Zur Lage der Nation” des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Sämtliche amerikanischen TV-Networks übertrugen gestern zur besten Sendezeit (21 Uhr Ostküste) Obamas “State of the Union Address”. Sogar für US-Verhältnisse dürfte eine Präsidenten-Rede selten politisch so interessant und für den Präsidenten selbst so wichtig gewesen sein. Denn selten bis nie, so heißt es allenthalben, war das Land derartig polarisiert und Ende des Jahres wird gewählt.

So überraschte es kaum, dass Obama seine Rede (nachzusehen mit Übersetzung oder auf Englisch) mit einer Vision begann, gerichtet vor allem an den Kongress: “Stellt euch vor, wozu wir in der Lage wären, würden wir zusammenarbeiten!” Was dann folgte, waren 65 Minuten Wahlkampf-Auftakt. In einer erneut perfekt komponierten und vorgetragenen Rede hielt er sich mit konkreten Angriffen auf die republikanischen Gegner noch zurück, ging in allen anderen Bereichen aber kompromisslos in die Offensive.

Mit unzähligen Statistiken versuchte er, seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Unter seiner Administration seien drei Millionen neue Arbeitsplätze entstanden, die Automobilindustrie wiedererstarkt, illegale Einwanderung reduziert und Amerika unabhängiger von importierter Energie geworden. Auch die staatliche Regulierungswut, die Obama vorgeworfen wird, versuchte er zu kontern, indem er angab, die Bush-Regierung habe wesentlich mehr Gesetze erlassen, von denen seit 2009 diverse unsinnige schon wieder aufgehoben wurden. Jeden politischen Erfolg, den Obama für sich verbuchen kann, zählte er auf und schob den “schwarzen Peter” den Republikanern zu, die ideologiegetrieben nur auf Zerstörung aus seien und entgegen des gesunden Menschenverstandes (den Obama mehr als einmal ins Spiel brachte) Gesetze blockierten.

Der Präsident machte deutlich, mit welchen Themen er den Wahlkampf 2012 bestreiten wird. Über einige davon wird man in Europa sehr erfreut sein. Der Ausbau “grüner” Energien sei nach wie vor ein großes Ziel, ebenso wie die Regulierung des Finanzmarktes und die Entschuldung des Landes, das Ende der amerikanischen Kriege, sowie eine bessere und gerechtere Bildungslandschaft in den USA. Doch anders als noch vor vier Jahren wirken diese Vorhaben des Friedensnobelpreisträgers nur wie Sekundärziele. Um die Wahl zu gewinnen, muss sich auch ein Weltverbesserer wie Obama zunächst einmal um sein eigenes Land kümmern. Und über einige seiner diesbezüglichen Ankündigungen dürfte so manches Land der Erde seine Nase rümpfen.

Denn in Amerika gewinnt man die großen Massen vor allem – jeder Super Bowl belegt das eindrucksvoll – mit Patriotismus. Dass sich Obama deshalb für den “kleinen Mann” stark macht, indem er Steuer- und soziale Ungerechtigkeiten abschaffen, sowie amerikanische Arbeitsplätze sichern möchte, ist nichts, was man ihm vorwerfen könnte; das gehört zu den politischen Selbstverständlichkeiten eines jeden demokratischen Landes. Etwas beunruhigend wird aber, dass es offensichtlich nach wie vor nur möglich ist, in Amerika gewählt zu werden, wenn man sich dafür einsetzt, dass die USA die führende Macht der Welt bleiben. “Die USA sind die einzige unverzichtbare Nation der Welt und so lange ich Präsident bin, möchte ich dafür sorgen, dass das so bleibt.” heißt das dann im Wortlaut Obamas. Und: “Jeder der etwas anderes sagt, der meint, Amerikas Einfluss schwinde, der weiß nicht, wovon er redet.”

Konkret bedeutet das, dass auch bei künftigen Verhandlungen über globale Klima- und Finanzmarktvereinbarungen die USA versuchen werden, ihren Kurs durchzusetzen und auch gegen den Iran schloss Obama explizit kein Mittel aus, um Teheran daran zu hindern, Atomwaffen zu produzieren. Auch wenn der Tonfall deutlich moderater ist – der Inhalt bleibt der gleiche: Wer entgegen amerikanischer Interessen handelt, bekommt Probleme. Denselben Kurs innerhalb Europas verfolgt derzeit Angela Merkel. Im eigenen Land dürfte das Sympathiepunkte bringen, außerhalb wohl kaum.

Am befremdlichsten bleibt Amerikas Liebe zum Militär. Bewusst wählte Obama für seine Rede die amerikanischen Kriegshelden als Rahmen. Wer in den USA seinen Soldaten und Generälen dankt und sie für ihren Einsatz bewundert, bekommt reflexartig Applaus, Sympathien, Wählerstimmen. Deshalb war es sehr clever, dass Obama als für amerikanische Verhältnisse Anti-Kriegs-Präsident nicht nur nicht auf die Ehrung der Militärs verzichtete, sondern sie als Vorbild für die Politik darstellte. Seine Aussage zu Beginn und Ende der Rede: Im Irak oder bei der Tötung Bin Ladens musste jeder seine Aufgabe erfüllen, jeder musste sich auf den anderen verlassen, ihm vertrauen können, damit die Mission gelingt und dem Land gedient wird. Egal, welcher Herkunft, Religion oder sexueller Neigung er ist. Daran solle sich die Politik ein Beispiel nehmen, persönliche Interessen hintenan stellen und das tun, was für das Land am besten ist.

Wenn man Barack Obama so über die Probleme der Vereinigten Staaten reden hört, ist man geneigt, die Amerikaner zu belächeln. Energiepolitik, soziale Gerechtigkeit und eine blockierende Partei, die das Regieren unmöglich macht… Aber auch wenn mir in Deutschland kein Fall bekannt ist, wie ihn Obama nannte, dass eine Sekretärin einen höheren Steuersatz bezahlen muss als ihr millionenschwerer Chef, muss man schnell feststellen, dass diese Haltung ziemlich arrogant ist. In Deutschland diskutiert man nicht nur genau wie in Amerika über das Gehaltsgefälle zwischen Männern und Frauen, sondern auch über das zwischen Ost und West oder zwischen Leiharbeitern und Festangestellten. Über Finanzierung und Ausbau erneuerbarer Energien ist man sich ebenso uneinig wie über die Finanzierung der Bildungslandschaft und der Krankenversicherung oder die Regulierung der Finanzmärkte. Von der Verstrickung von Amtsträgern in wirtschaftliche Geschäfte ganz zu schweigen. Und auch hierzulande ist es vor allem eine Partei, die sich querstellt und effektives Regieren nahezu unmöglich macht. Ein beachtlicher Teil von Obamas Rede hätten auch Worte der Kanzlerin an ihren Koalitionspartner sein können.

Barack Obama bediente sich in seiner “State of the Union Address” reichlich an Populismus. Längst nicht alle seiner Äußerungen waren so sachlich wie sein Tonfall. Und doch ist es unter dem Eindruck der Vorwahlen der Republikaner etwas beruhigend, dass es in den USA offenbar noch vernünftig denkende Menschen gibt. Es ist geradezu erfrischend, wieder jemandem zuhören zu können, ohne vor Wut und Verzweiflung aufschreien zu müssen. Nicht nur deshalb ist es lohnenswert, sich Obamas Ausführungen in voller Länge anzuhören. Sie dokumentiert außerdem übersichtlich, welchen Problemen sich die USA derzeit ausgesetzt sehen und wie man eine für Amerika perfekte Rede schreibt: Einen Rahmen bilden, Zahlen anführen, Patriotismus zeigen und Einzelschicksale schildern.

Wir dürfen uns auf einen interessanten und hitzigen Wahlkampf gefasst machen. Denn eins ist sicher: In den USA ist die Lage der Nation knapp zehn Monate vor der Wahl spannend wie lange nicht mehr.

The Ides of March – Tage des Verrats (2011)

Es herrscht Wahlkampf in den USA. Die demokratische Partei befindet sich mitten in den Vorwahlen, die entscheiden, ob Gouverneur Mike Morris (George Clooney) oder Senator Pullman der kommende Präsidentschaftskandidat wird. Mit dem Bundesstaat Ohio steht eine der wichtigsten Abstimmungen unmittelbar bevor. Eine amerikanische Redensart lautet “As Ohio goes, as goes the nation” (“Wie Ohio entscheidet, so entscheidet auch die Nation”), entsprechend angespannt ist Morris’ Wahlkampf-Team rund um Paul Zara (Philip Seymour Hoffman) und Steven Meyers (Ryan Gosling).

Noch liegt der Gouverneur in den Umfragen deutlich vorne, doch auch das Management des Gegners wittert noch seine Chance. Skrupellos buhlt Pullman-Manager Tom Duffy um die Wählerstimmen der Republikaner und die Gunst eines wichtigen aber politisch fragwürdigen Senators. Auch Meyers, der trotz seinen nur 30 Jahren als der beste Medienberater des Landes gilt, bekommt erst einen Anruf von Duffy und anschließend das Angebot, die Seiten zu wechseln. Zeitgleich lässt sich Meyers auf die junge Praktikantin Molly ein. Sowohl sie, als auch das (abgelehnte!) Angebot der Gegenseite bringen Meyers’ Job und Morris’ gesamte Kampagne empfindlich in Gefahr. Hinter der sauberen Fassade entwickeln sich nun komplexe, durchtriebene, dreckige Machtkämpfe, die keinen Platz für persönliche Schicksale kennen.

George Clooney schildert in “The Ides of March – Tage des Verrats” das schmutzige Geschäft der Politik. Von vorne bis hinten vertritt er nur die eine These: Wer es bis ganz nach oben schaffen möchte, muss sich auf das Spiel einlassen. Prinzipien, Integrität und Überzeugungen müssen im Zweifel knallharten Deals weichen. So war Morris beispielsweise zunächst dagegen, Spenden für den Wahlkampf entgegen zu nehmen oder dem genannten Senator für seine Unterstützung einen Kabinettsposten anzubieten. Im Laufe der Zeit muss er eingestehen, dass er es so jedoch nie ins Weiße Haus schaffen wird. Solche Opfer muss ein Präsidentschaftskandidat hinnehmen, auch wenn es eine harte Entscheidung ist. Erst recht für einen Mann wie Morris, der als Saubermann schlechthin gilt, ein neues Wertesystem proklamiert und sich gerne als absolut rational und konsequent darstellt.

Das wesentlich größere Opfer muss jedoch sein Wahlkampf-Manager Meyers erbringen. Auch er war zunächst ein ehrenhafter Mann. Medial zwar mit allen Wassern gewaschen, aber stets fair und kollegial. Die Intrigen, in die er sich verstrickt, bringen ihn jedoch an den Rand seiner Existenz. So sieht er sich gezwungen, den Spieß umzudrehen und seinerseits Leute zu feuern, verraten oder erpressen. Mit der Folge, dass er mit dem Konflikt leben muss, Anstand zu fordern und das Gegenteil zu praktizieren.

Dieses Motiv zieht sich durch den gesamten Film. Clooney inszeniert routiniert-wirksam die Diskrepanz zwischen der (medialen) Fassade und der Wirklichkeit der Strippenzieher im Hintergrund. Da heizt beispielsweise Gouverneur Morris einer Kongresshalle mit wohlgewählten Worten ein, während auf der Rückseite der amerikanischen Fahne Meyers und Zara über den weiteren Verlauf der Kampagne streiten. Es gelingt Clooney sehr gut, diesen Unterschied zwischen vor und abseits der Kamera, zwischen Bühne und Hinterzimmer darzustellen. Ebenso überzeugend sind die schauspielerischen Leistungen von Ryan Gosling und George Clooney, die einen radikalen Persönlichkeitswandel beziehungsweise zwei unterschiedliche Gesichter zeigen müssen. Ryan Gosling entwickelt sich immer mehr zu einem ernst zu nehmenden Darsteller.

Der Stoff an sich ist nicht unbedingt neu. Dass viele politischen Entscheidungen in den Carl-Schmitt’schen “Vorräumen der Macht” entschieden wird, ist bekannt und auch den Verdacht, dass auch die besten Politiker in hohen Ämtern wohl nicht ohne Fehltritte sind, äußert Clooney nicht als Erster. Schließlich wirkt auch die politische Erziehung, die der Regisseur über Gouverneur Morris praktiziert, etwas übertrieben. Ähnlich wie bei “Fair Game” scheint Hollywood der Meinung zu sein, Amerika habe das nötig. Wer mag es ihnen verdenken. Die Entscheidung, die Handlung in der Partei der Demokraten spielen zu lassen, kommt jedoch nicht von ungefähr. Einerseits behandelt schon das zu Grunde liegende Theaterstück (“Farragut North“) diese Partei, andererseits wird so auch dargestellt, dass auch bei den vermeintlich vernünftigeren Demokraten die Wege an die Macht nicht anders sind als bei den Republikanern.

“The Ides of March – Tage des Verrats” ist ein spannender Polit-Thriller, der zeigt, was Macht mit den anständigsten Menschen anstellen kann. Er ist kein Film von epochaler Bedeutung, aber souverän inszenierte Unterhaltung der anspruchsvolleren Art. Und er hilft dabei, den real anstehenden Wahlkampf in den USA besser zu verstehen. Der Gang ins Kino lohnt sich allemal.

(Trailer)

Fragen…

4. August 2011 5 Kommentare

… über Geld, Politik und andere Ärgernisse

Im November letzten Jahres habe ich folgende Fragen gestellt:

Was passiert eigentlich, wenn ein Land „insolvent“ geht? Wird es gepfändet, von anderen Ländern aufgekauft, aufgelöst? [...] Oder wie läuft das, wenn ein Land „Pleite“ ist?

Und wann ist ein Land eigentlich Pleite? …

Seitdem sind gut acht Monate vergangen. Keine dieser Fragen konnten mir beantwortet werden – ganz im Gegenteil. Amerikas jüngst “abgewendete” Schuldenkrise hat nur noch mehr Fragezeichen in meinem Kopf hervorgerufen. Wieso ist ein Land plötzlich nicht mehr zahlungsunfähig, weil es sagt, dass es jetzt noch mehr Schulden aufnehmen darf? Lässt sich dieses Prinzip auch auf Einzelpersonen übertragen? Kann ich also einen Kredit aufnehmen, ihn nicht zurückzahlen und im Zweifel vor Gericht gewinnen, indem ich sage “Ich habe mit mir ausgemacht, dass ich noch mehr Schulden machen darf”? Bin ich also plötzlich weniger Pleite, wenn ich mein persönliches Schuldenlimit anhebe? Auf mich wirkt das in etwa so wie auf dem Schulhof. Der beliebteste, sportlichste Junge der dritten Klasse wird beim “Fangespielen” erwischt, sein Weltbild stürzt ein, also sagt er “Nee, das gilt aber nicht!” – und alle akzeptieren das.

Die sich anschließende Frage liegt auf der Hand: Vor wie vielen Jahrhunderten ist den amerikanischen Politikern eigentlich das letzte bisschen Restverstand verloren gegangen? Ihr Land steht buchstäblich vor dem Verkauf an China und alles, was man hört, sind Machtspielchen, Provokationen und der Mann der designierten Präsidentschaftskandidatin Michelle Bachmann, der die Schulden des Landes weg beten möchte. Könnte Mr. Bachmann vielleicht stattdessen versuchen, Glenn Beck weg zu beten? Dann müssten wir nicht mehr ertragen, wie dieser Idiot das norwegische JuSo-Lager, in dem Anders B. Breivik das unsägliche Massaker angerichtet hat, mit der Hitler-Jugend vergleicht.

Doch nun zu etwas völlig anderem.

Was haben wir Leipziger verbrochen, dass Waldemar Hartmann sein gebührenbezahltes Besäufnis seinen Fußball-Talk ab sofort in unserer Stadt abhält? Und wieso kann eine deutsche Fußballmannschaft in der Europa League (Mainz!) gegen ein Team aus Transsylvanien (Gaz Metan Medias) so große Schwierigkeiten haben ausscheiden? Transsylvanien heißt frei übersetzt so viel wie “Hinterwäldler”! Die schöne Fünf-Jahres-Wertung… Wo wir gerade bei Fußball sind: Kann bitte jemand Wolf-Dieter Poschmann verbieten, Fußballspiele zu kommentieren?

Wieso diskutiert die Politik eigentlich über Vorratsdatenspeicherung, wenn sie doch einfach beim Murdoch-Konzern anfragen könnte?

Wieso lassen die Antworten auf die wichtigsten Mails immer am längsten auf sich warten?

Und

Warum ist es immer erst zu kalt und dann zu warm?

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Mit Bitte um Sachlichkeit

10. Januar 2011 2 Kommentare

Es war ein Abend mit reichlich Diskussionsstoff, gestern im “Ersten”. Zunächst diskutierte Anne Will mit ihren Gästen über Dioxinskandal und Tierhaltung, bevor in den Tagesthemen nach dem Attentat auf die Politikerin Giffords eine Debatte um die politische Kultur Amerikas angeschnitten wurde. Viele Erkenntnisse ließen sich aus den beiden Sendungen jedoch nicht gewinnen, außer vielleicht diese: Emotionen haben in Sachdebatten nichts verloren.

Selten genug passiert es, dass ich mich auf die Seite der Politik stelle, noch viel seltener, dass ich der Industrie zustimme. Beides musste ich gestern tun. Der ehemalige Bundesminister für Ernährung, Karl-Heinz Funke, und der Vorsitzende der deutschen Geflügelhaltungsindustrie, Thomas Janning, waren zusammen mit Fernsehkoch Christian Rach diejenigen, die sich noch am ehesten auf Fakten stützten und nicht jedes Wort in dem Ton aussprachen “Ihr seid alle Sünder!”.

Ganz anders Karen Duve, Tierschützerin. Ihre Arbeit in allen Ehren, Tierschützer sind wichtig, um Skandale aufzudecken und Tierquäler aus dem Verkehr zu ziehen. Was aber in meinen Augen nicht geht, ist dieses, man möchte sagen, militante Vegetarier-Gerede. Menschen wie Frau Duve sind für mich ein ebenso effektives Brechmittel wie Radikal-Feminist_Innen, die jedes Wort bis zur Unkenntlichkeit “gendern”. Sie kann gerne Vegetarierin sein, sie kann gerne versuchen, anderen ihre Sichtweise nahezulegen, sie soll gerne weiterhin Tierzüchter entlarven, die gegen Richtlinien verstoßen. Was sie jedoch nicht machen darf, ist, eine ganze Branche zu verurteilen und Fleischesser als schlechte Menschen zu bezeichnen.

Genau das tat sie in der Stunde bei Anne Will mehrfach. Sätze wie “Wir haben keine verantwortungsvollen Tierhalter!” sind Pauschalisierungen aus dem Lehrbuch, wie man nicht argumentieren sollte. Natürlich gibt es auch unter den Tierbetrieben Fälle, in denen Vorschriften missachtet und teilweise Tiere gequält werden. Diejenigen müssen dann selbstverständlich bekämpft und zur Rechenschaft gezogen werden. Aber so wenig wie alle Fußballfans Hooligans und alle Muslime Gewalttäter sind, sind alle Tierhalter verantwortungslos; oder alle Nicht-Vegetarier böse. Auf die Frage, ob sie ausschließen kann, jemals wieder eine Bratwurst zu essen, antwortete Frau Duve: “Nein, kann ich nicht, auch ich bin ein fehlerhafter Mensch.”

Auch der Einspieler von Wills Redaktion voller schockierender Bilder, um einen letzten Punkt anzubringen, ist bei Licht betrachtet nicht so beunruhigend wie zunächst vermutet. Bei bis zu 200000 Rindern funktioniere die Betäubung vor der Schlachtung nicht. Das sind etwa 0,5 Prozent der jährlich geschlachteten Rinder in Deutschland. Natürlich sollte alles dafür getan werden, damit auch dieses halbe Prozent keine vermeidbaren Leiden ertragen muss. Bedenkt man jedoch, dass früher, als alles noch so viel besser war, kein einziges Rind betäuben konnte, finde ich, dass wir schon auf einem ziemlich guten Weg sind. Ebenso verhält es sich mit der Ferkelkastration. Nach geltendem Recht dürfen Ferkel bis zu ihrem siebten Lebenstag ohne Betäubung kastriert werden. Allerdings müssen alle sonstigen Maßnahmen, die das Leiden während und nach der “Operation” mindern können, vorgenommen werden. Zudem werden seit 2008 alternative Methoden erarbeitet, die EU-weit den Tierschutz optimieren können. Im gleichen Jahr trafen sich die Agrarminister der Bundesländer in Meißen und verfassten einen Beschluss, der die Bundesregierung beauftragt, Ferkelkastration “ohne Schmerzausschaltung” zu verbieten. Das Problem wurde also erkannt und hoffentlich bald behoben. Wie Anne Will noch fünfmal zu wiederholen “Aber Ferkel werden kastriert!”, bringt die Diskussion auch nicht weiter.

Fazit: Guten Gewissens kann man heutzutage nichts mehr essen. Fleisch ist böse, Fisch sollen zumindest Frauen laut Duve wegen der Dioxinbelastung höchstens einmal monatlich essen, Eier und Käse lassen den Cholesterinwert steigen, Mais ist sowieso genetisch verändert, Obst mit Pestiziden verseucht und Gemüse wird von armen ausländischen Leiharbeitern geerntet. Schade, dass sich Steine so schlecht kauen lassen.

Zum Schluss noch ein paar Worte zum Attentat auf die amerikanische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords. Ist es wirklich überraschend, dass so etwas in einem Land passiert, in dem im Wahlkampf unverhohlen gelogen, politische Gegner bösartig (z.B. als Freund von Kinderschändern) diffamiert werden, in dem eine der einflussreichsten Oppositionspolitikerinnen Fadenkreuze auf Demokratische Politiker setzt und von einer “ersten Salve” spricht, im Fernsehen ein Tier erschießt und sagt, dass schießen etwas tolles ist und in dem jeder Erwachsene das Recht hat, eine Waffe zu besitzen? Es ist traurig, dass erst einer Politikerin in den Kopf geschossen werden muss, damit die Politiker merken, dass sie durch ihre Hetzreden das Land aufspalten und radikalisieren. Sachlichkeit vor Emotionalität. Echt schade, dass man das einem Land wie den USA wirklich beibringen muss. Immerhin: Sarah Palins Fadenkreuzkarte ist auf ihrer Facebook-Seite aktuell nicht mehr zu finden.

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