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Roche & Böhmermann

5. März 2012 1 Kommentar

Warum eigentlich nicht im Hauptprogramm?

Ein altmodischer Programmsprecher kündigt mit gerahmter Brille, klobigem Mikrofon und Notizen auf A4 die neue Talkshow des ZDF an. Das Set ist eine Stilmischung aus “Dr. Strangelove”, “Edgar Wallace” und Film Noir. Alles an dieser Sendung ist bewusst “retro” gehalten – es darf sogar getrunken und geraucht werden. Und doch ist “Roche & Böhmermann” eins der modernsten, weil unkonventionellsten Formate der letzten Jahre.

Auf dem versteckten Experimentierkanal zdf.Kultur führen, wie der Name schon sagt, Charlotte Roche und Jan Böhmermann durch die Talkstunde. Charlotte Roche ist Bestsellerautorin und, wenn sie nicht gerade schreibt, eine durchaus angenehme Moderatorin. Jan Böhmermann ist vor allem aus der “Harald Schmidt Show” bekannt, hat aber auch in Eigenregie erfolgreiche Comedy- und Satireprogramme gestaltet und prägte das vermeintliche Podolski-Zitat “Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel”. Eine schlagfertige und trinkfeste Kombination.

Interessant ist am Konzept der Sendung nicht nur, dass die Moderatoren regelmäßig für Lacher sorgen, dass die Regie statt über Knöpfe im Ohr per Zettel mit ihnen kommuniziert, dass es einen Knopf zum selbst-zensieren gibt und dass sie offen den “Wunderbaum”-Konsum ihrer Gäste vor der Sendung ansprechen. Interessant ist vor allem, dass es kein Thema gibt. Alles, was vorher feststeht, sind die fünf Gäste. Die werden über die Stunde verteilt vorgestellt (mit großartigen Einspielern!) und dann wird über die Aspekte des Gastes gesprochen, die die Runde spannend findet. Weder entstehen so die mitunter nervtötenden Wortgefechte einer politischen Talkrunde, noch sind die Gäste hauptsächlich der Promotion ihres neuen Werkes wegen im Studio. Die Persönlichkeiten bestimmen die Sendung.

Und die waren in der ersten Ausgabe mit Sido, Jorge Gonzalez, Marina Weisband, Britt Hagedorn sowie Türsteher und Fotograf Sven Marquart zwar nicht besonders ausgefallen, sorgten aber dennoch für genügend Gesprächsstoff: Von Anti-Atomkraftbewegung und Ökostrom über Drogenkonsum, Parteigeschichten und Trash-TV bis hin zu der Geschichte, dass Sven Marquart einst Sido den Zutritt zu seinem Club verweigerte, war ein breites Spektrum an Themen abgedeckt, die angeregt und pointiert diskutiert wurden.

Reden, wie einem die Schnauze gewachsen ist. Ohne Angst vor Schleichwerbung, jugendgefährdenden Inhalten oder beleidigten Gästen. Das ist “Roche & Böhmermann”. Erfrischend, unterhaltend und trotz humoriger Aufbereitung nicht platt und niveaulos. Eine der wenigen Schwächen der Show wurde bereits im Abspann aufgearbeitet. Jan Böhmermann war etwas zu sehr auf Krawall gebürstet. So verweigerte er beispielsweise der Sat.1-Moderatorin Britt eine vielversprechende Antwort. Seine provozierenden Fragen taten der Sendung gut, mit der Zeit übertrieb er es jedoch ein wenig. Wenn er das etwas zurück fährt, die Diskussionen noch mehr an Tiefe gewinnen und die Gäste facettenreich genug bleiben, kann aus dem neuen zdf.Kultur-Format eine erfolgreiche Reihe werden. Qualität und Potenzial sind vorhanden.

Das gilt im Übrigen auch für die zdf.neo-Sendung “Stuckrad Late Night” mit Benjamin von Stuckrad-Barre und mit Abstrichen auch für Joko&Klaas’ “neoParadise”. Es ist schade, dass das ZDF drei seiner vielversprechendsten Sendungen auf den kaum beachteten Digitalkanälen versteckt. Natürlich ergeben sich durch die geringe Aufmerksamkeit mehr Möglichkeiten zum Experimentieren. Aber Sendungen wie diese haben ein größeres Publikum und das Publikum hat mehr Sendungen wie diese verdient. Mit “Pelzig hält sich”, Monika Grubers “Leute, Leute” und der Reihe “ZDFzoom” hat das ZDF bereits mit etwas Mut zum Risiko drei eher ungewöhnliche Sendungen ins Programm geholt. Es wäre wünschenswert, wenn man in Mainz diesen Weg fortsetzen und die eine oder andere Perle aus dem Digital- ins Hauptprogramm holen würde. Mit “Markus Lanz” und der “SOKO Leipzig” fallen mir da auch spontan zwei gute Streichkandidaten ein…

Die erste Ausgabe von “Roche & Böhmermann” gibt es noch sechs Tage in der ZDF-Mediathek zu sehen.

“Es war keine Beerdigung”

4. Dezember 2011 1 Kommentar

Ein letztes Mal Thomas Gottschalk bei “Wetten, dass…?”

Stehende Ovationen, emotionale Musik, die eine oder andere Träne im Publikum und in großen, leuchtenden Lettern “Danke Thomas”. Es muss ein großer Moment für Thomas Gottschalk gewesen sein, als gestern kurz nach 23 Uhr seine 151. und letzte Sendung Europas größter Unterhaltungs-Sendung, “Wetten, dass…?”, zu Ende ging. Sichtlich gerührt genoss er die letzten Momente einer Show, die gestern eindrucksvoll ihre eigene Unverzichtbarkeit demonstrierte.

Es herrschte ein Hauch von Jahresrückblicks-Stimmung in der Messe von Friedrichshafen. Alle Gäste (natürlich bis auf Til Schweiger und Jessica Biel) brachten Gottschalk kleine Geschenke mit, ehemalige Wettkandidaten waren zu Gast und diverse kurze Rückblicke auf die Höhepunkte der letzten 23 Jahre ergänzten den gewohnten Sendeablauf. Das Abschiedsmotiv zog sich zwar durch den Abend, beherrschte ihn aber nicht. Stattdessen lieferte der Franke eine der unterhaltsamsten Ausgaben seit langer Zeit ab. Lustige, spannende und beeindruckende Wetten waren erneut das Rückgrat der Sendung, aber auch die Gäste trugen entscheidend dazu bei. Mit Günther Jauch, Dirk Nowitzki und Iris Berben waren diese zwar nicht besonders ausgefallen, dafür sah man ihnen an, dass sie gerne auf der Couch saßen. Gottschalk selbst war wie gewohnt in Topform.

In den letzten Jahren waren die Wetten oftmals mau und die Gäste zwar von hoher Prominenz, aber ohne Spaß an der Sendung. Die gestrige Auswahl, von Jessica Biel mal abgesehen, sorgte für einen Abend, der dem ZDF zeigte, dass es sich den Verlust dieses Formats nicht leisten kann. Der Blick auf die Einschaltquoten untermauert diese Tatsache. Fast 15 Millionen Zuschauer, so viele wie sonst nur bei Fußballspielen, sahen Gottschalks Abeschiedssendung. Und bei dieser Qualität dürften auch im kommenden Jahr einige davon wieder einschalten. Auf eine so unterhaltende und in der Fernsehlandschaft einzigartige Show sollte man nicht verzichten müssen. Thomas Bellut sollte also unbedingt versuchen, das Format am Leben zu halten, es gegebenenfalls leicht zu überarbeiten und einen geeigneten Moderator zu finden.

Die Spekulationen darüber wurden gestern wieder angeheizt. Günther Jauchs geniale Cross-Promotion für den heutigen RTL-Jahresrückblick war die bisher positivste Antwort, die jemand auf die Nachfolge-Frage gegeben hat: Er möchte es sich bis zum Abend überlegen und dann mit Gottschalk “in aller Ruhe darüber reden”. Der spontane Beifall des Friedrichshafener Publikums deutet an, dass der Weg mit Jauch für das ZDF ein gangbarer sein kann. Kaum ein deutscher TV-Moderator ist so akzeptiert wie er; dass er nicht nur steifen Polit-Talk kann, hat er bei Übertragungen von Fußballspielen und Skispringen bereits bewiesen und die Produzenten aus Mainz müssten sich auch bei der Ehefrau des Showmasters keinen neuen Namen merken (sowohl Gottschalk als auch Jauch sind mit einer Thea verheiratet). Ob er allerdings neben RTL und der ARD nun für einen dritten Sender arbeiten sollte, ob er nicht etwas zu bieder für eine solche Sendung ist und ob diese Entscheidung unbedingt am Tag nach Gottschalks Abschied getroffen werden sollte, ist jedoch fraglich. Zumal es keine gute Aussage wäre, wenn Jauch ausgerechnet in einem alten Gottschalk-Anzug (Einlösung eines Wetteinsatzes) die Zusage geben sollte.

Fest steht nur, dass sich Thomas Gottschalk spätestens gestern ein Denkmal gesetzt hat. Ob mit Torte, mit überdimensionaler Schneeskulptur, mit Küssen oder mit Wortspielen, auch das Fahrrad habe keinen “Rücktritt” – alle Beteiligten zollten dem Bamberger ihren Respekt oder versuchten ihn doch noch umzustimmen. Ein Zurück kann es nach so einem perfekten und erfrischend unpathetischen Abschied nicht geben, aber eine “Beerdigung” des ganzen Formats war es mitnichten. Was also bleibt, ist die Erinnerung an unzählige Fernsehabende mit vielen überzogenen Minuten mal stärker, mal schwächer, mit bösen Sprüchen und kreativen Wettideen. Und die Hoffnung, dass noch viele weitere folgen. Eine Ära ist zu Ende. Ich hätte nichts dagegen, wenn eine neue folgt.

Fail Blog Schmand Style #2

28. Oktober 2011 2 Kommentare

Mein letzter Artikel über TV-Werbung liegt fast ein Dreivierteljahr zurück. Höchste Zeit, die aktuelle Lage zu analysieren! Heute habe ich mich für drei Kategorien entschieden, in denen mir jeweils zwei Spots bzw. Spotpaare aufgefallen sind.

1. Kategorie: It is Gurken

Schlechtes Englisch in deutschen Werbungen kennen wir nicht erst seit SolarWorld und “Schein, Baby, schein!” Auch Lieder schützen nicht vor deutschem Akzent. Diese Erkenntnis hat uns Somfy schon vor einiger Zeit mit dem nervigen Ohrwurm “It’s so easy, it’s Somfy” gebracht. Nun haben sie ihre Werbung noch einmal perfektioniert. Jetzt singt man dort von einem “Homoschen“.

Kaum besser sind die Sängerinnen, die versuchen, betont englisch zu singen, indem sie beispielsweise Endungen verschlucken oder Vokale unsauber aussprechen. Der Haushaltsgerätehersteller Beko hat für seine aktuelle Werbung einen Song schreiben lassen, der in diversen Ländern Europas in der Landessprache läuft, nur in Deutschland natürlich auf englisch, damit es nicht ganz so bescheuert klingt. Problem an der Sache: Wer die Sprache nicht versteht, fragt sich, was zur Hölle “It is Gurken” bedeuten soll.

Kategorie 2: Kommt mir bekannt vor…

Es folgen zweimal zwei Spots, bei denen es sich lohnt, sie unmittelbar nacheinander anzuschauen.

Weitestgehend bekannt sein dürfte die Kampagne der Ergo Versicherungsgruppe, in der ein Protagonist durch die Gegend läuft und in die Kamera seine Klagen über das Versicherungswesen loswird. Dem Ausgangsspot folgten mittlerweile unzählige weitere. Kürzlich hat sich noch ein zusätzlicher Werbespot dazugesellt. Allerdings mit dem falschen Unternehmenslogo…

Noch lachhafter wird es  für die Commerzbank, wenn man bedenkt, dass ihre Kopie der Hommage an die Ergo-Kampagne quasi nur die Umsetzung einer Idee in dritter Instanz ist. Schließlich hat man sich bei Ergo (bzw. deren Partneragentur) sehr stark von High Fidelity inspirieren lassen.

Im zweiten Beispiel haben die Werber so etwas wie Langzeitgedächtnis bewiesen. In den letzten Tagen läuft im Ersten auf prominenten Werbeplätzen vor der Sport- und der Tagesschau ein groß angelegter Imagespot des amerikanischen Konzerns General Electric, kurz GE, unter dem Slogan “Das GE in Germany”.

Vor genau sechs Jahren gab es so eine Imagekampagne schon einmal. Damals ging es nicht um das “GE in Germany”, sondern um Germany an sich. Die Kampagne trug den Namen “Du bist Deutschland“. Alleine die Machart ist erschreckend ähnlich, wenn auch noch im Rahmen der im Werbebusiness üblichen Nachahmung eines erfolgreichen Konzepts. Richtig peinlich wird es erst bei der Musik, die dem Spot seine Stimmung verleihen soll. Ganz offensichtlich hätte man hier am liebsten die Oscar-nominierte Filmmusik zu Forrest Gump aus dem “Du bist Deutschland”-Spot übernommen. Damit das auch dem letzten klar wird, wurde selbst der gleiche und für das “Forrest Gump”-Thema irgendwie auch charakteristische Tonartwechsel übernommen. Und das gleich am Anfang und nicht erst wie von Alan Silvestri an einem dramaturgisch sinnvollen Zeitpunkt.

Kategorie 3: Oh, Heimatland!

Zum Schluss ein Blick vor die eigene Haustür. Für seine (überregionale) Fernsehwerbung ist der Werbestandort Leipzig nicht wirklich bekannt. Dazu trägt mutmaßlich auch bei, dass hierher nur Spots kommen, die nicht unbedingt dazu animieren, hier entwickeln und produzieren zu lassen. Schade eigentlich. Nun ja. Wenigstens kann man sich drüber lustig machen, dass ein großes Unternehmen wie Unister so geizig ist, dass es für Travel 24 dermaßen billige und schlechte Werbung produzieren lässt. Da haben nicht nur die Figuren im Clip einen schlechten Deal gemacht… (Wobei leider zu befürchten ist, dass die Kampagne trotzdem sehr erfolgreich war)

Mein aktueller Lieblingsspot, der es wahrscheinlich auch bis in alle Ewigkeit bleiben wird, kommt aber vom Leipziger Unternehmen Back&Frost. Jedes Wort ist hier eins zu viel. Zurücklehnen und genießen!

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Sherlock (BBC 2010)

25. Juli 2011 16 Kommentare

Der Huge von nebenan hat mich auf die BBC-Produktion “Sherlock” aufmerksam gemacht, die seit gestern in der ARD durch die Sommerpause führt. Nachdem ich mir nun die erste Folge, “Ein Fall von Pink” angeschaut habe, komme ich zu einem ähnlichen Ergebnis wie er.

Die Geschichten rund um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes sind im heutigen London angesiedelt. Sherlock ist jung, arrogant und homosexuell. Zudem verliehen ihm die Produzenten Mark Gatiss und Steven Moffat eine autistische Note und versetzten ihn an die Grenze zum Psychopathen. Oder besser gesagt Soziopathen. Darauf legt Holmes wert. Auch Dr. Watson weicht etwas von Sir Arthur Conan Doyles Vorlage ab. Er ist ein Militärarzt, der kürzlich aus Afghanistan zurück gekehrt ist* und zieht nun mehr oder weniger ungefragt mit Sherlock in eine WG in der 221b Baker Street.

Benedict Cumberbatch (“Abbitte”) verkörpert den neuen jungen, smarten Holmes. Sein Spiel und sein Aussehen, das dem einer wandelnden Wachsfigur nahe kommt, machen den Detektiv zu einer äußerst unangenehmen Person. Genial, aber suspekt. Dessen einzigartige Auffassungsgabe und Kombinationsfähigkeit überfordern alle Menschen um ihn herum. Damit dieses Schicksal dem Fernsehzuschauer zumindest streckenweise erspart bleibt, wurden seine Gedankengänge nachvollziehbar illustriert – mit simplen Texteinblendungen. Dieses Erzählmittel, das im übrigen häufiger auftaucht, ist nur eine der unkonventionellen Ideen, die “Sherlock” wie so viele BBC-Krimis genial macht.

Die Inszenierung von Holmes’ Untersuchungen und Erklärungen muten ein wenig wie die amerikanische Serie “CSI” an; mit dem Unterschied, dass man dabei weder Gähn- noch Würgereize verspürt. Mehrmals drohen das Tempo und die Arroganz des Detektivs anstrengend zu werden. Immer dann setzen die erfahrenen TV-Autoren Gatiss und Moffat geschickte Pointen. Eine ausgewogene Mischung aus Spannung, Verwirrung und klugem Humor sorgen für großartige Fernsehunterhaltung. Doyles Sherlock Holmes glaubwürdig in die heutige Zeit zu versetzen lautete die Vorgabe der Produzenten. Das ist ihnen gelungen.

Kritisch ist nur die deutsche Synchronisation anzumerken. Ob sie passend ist, kann ich nicht beurteilen, da ich die Originalfassung nicht gesehen habe. Qualitativ ist sie wie so oft auch in Ordnung. Aber gibt es im deutschen Serienfernsehen seit einigen Jahren nur fünf Synchronsprecher? So gut sie auch sein mögen, irgendwann stört es, wenn man in jeder vernünftigen Serie die gleichen Stimmen zu anderen Schauspielern hört.

Leider hat die ARD diese Serie eingekauft (als ob so etwas gutes in Deutschland produziert würde…), sodass sie nicht in der Mediathek zur Verfügung steht. Deshalb sei euch ans Herz gelegt, wenigstens die beiden übrigen Folgen der ersten Staffel anzuschauen. Sie laufen im “Ersten” an den nächsten beiden Sonntagen jeweils 21:45 Uhr.

*Dank Corinna (siehe Kommentare) weiß ich inzwischen, dass auch der Original-Watson Militärarzt in Afghanistan gewesen ist. Wie passend!

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Halbzeitanalyse

3. Juli 2011 3 Kommentare

Zwischenbilanz der FIFA Frauen-WM 2011

Wenn heute Abend gegen 19:50 Uhr die Partie zwischen Brasilien und Norwegen abgepfiffen wird, feiert die FIFA Weltmeisterschaft der Frauen Bergfest, die Hälfte der Spiele ist dann absolviert. Zeit, ein kurzes Zwischenfazit zu ziehen.

ARD und ZDF

Die Fußball-Weisheit “Wer trifft, hat Recht” gilt auch im Fernsehen. Nicht wenige hatten die Entscheidung, dass erstmals alle Spiele einer Frauen-WM live übertragen werden, mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen. Auch die beispiellose Medienkampagne wurde kritisch beäugt oder im Falle des unsäglichen Eppheim-Tatorts belächelt. Zuschauerzahlen im zweistelligen Millionenbereich und Marktanteile von über 20 Prozent auch bei den Spielen ohne deutsche Beteiligung rechtfertigen jeden Euro, der zuvor in die Werbung gesteckt wurde. Auch und vor allem die Entscheidung des ZDF, mit Claudia Neumann erstmals eine Frau als Live-Kommentatorin einzusetzen, hat sich als gut und richtig erwiesen. Mit ihrem sympathischen Stil und ihrer großen Fachkompetenz hat sie sich für künftige Turniere empfohlen. Dazu kommt, dass sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen Bartels und Réthy erfrischend wenig Mist erzählt. Wer weiß, vielleicht wird aus ihr ja die Sabine Töpperwien des ZDF.

Drei Sätze noch zur Außendarstellung des Frauenfußballs in den diversen Kampagnen vor der WM: Wie kein zweiter Sport muss der Frauenfußball in der Imagegestaltung einen Spagat vollziehen. Weder möchten die Sportlerinnen als “Kampflesben” oder “Mannsweiber” dargestellt werden, noch wollen sie sich als kleine Mädchen präsentieren, die mit der Picke an den Ball treten und kichern, wenn er ins Aus fliegt. Die beste Antwort auf dieses Problem geben die Damen auf dem Platz, wo sie regelmäßig beweisen, dass sie Leistungssport auf hohem Niveau betreiben. Werbungen, in denen sie sich lieber schminken, sagen nicht wirklich aus: “Respektiert uns als Sportler!” (Sind doch vier Sätze geworden…)

Die Nationalmannschaft

Noch nie stand eine deutsche Nationalmannschaft der Frauen derartig im Fokus. Über 120000 Zuschauer in zwei Spielen, dazu unzählige an den Fernsehschirmen flößen unweigerlich Respekt ein. Nach den WM-Titeln 2003 und 2007 erwartet das Land nichts anderes als den Hattrick und auch die Mannschaft selbst wäre ab dem zweiten Platz abwärts enttäuscht. Dazu kommen für die jungen Damen diverse Presse- und Sponsoren-Termine – für die meisten Neuland. Diesem Druck muss man erst einmal Stand halten.

Unter diesen Voraussetzungen hat sich das Team bislang beachtlich geschlagen. Das eine oder andere schwächere Spiel muss man den Mädchen zugestehen. Angesichts der starken Konkurrenz aus den USA, Brasilien, Schweden und Japan sollte im öffentlichen Bewusstsein sowieso etwas Realismus einkehren und ein dritter Titelgewinn als Sensation und nicht als Selbstverständlichkeit eingestuft werden. So gesehen ist es das beste, was der Mannschaft passieren kann, dass Birgit Prinz derzeit so massiv mit Kritik überhäuft wird. Sie stellt sich damit schützend vor das Team, lenkt die Aufmerksamkeit weg von ihren 22 Kameradinnen, die sich dadurch hoffentlich ausreichend auf das Wesentliche konzentrieren können. Prinz kommt damit zwar eine sehr tragische Rolle zu, sie könnte sich damit aber in den Dienst der Mannschaft stellen und somit wichtiger denn je werden.

Frauenfußball allgemein

Positiv ist festzuhalten, dass die bisherigen WM-Spiele nicht langweiliger sind als die der Männer im vergangenen Jahr. Negativ muss man feststellen, dass sich der Frauen-Fußball zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft entwickelt. In einigen wenigen Ländern wird die Sportart zunehmend professionalisiert. Dort wird ansehnlicher Fußball gespielt. Sieht man sich dagegen Spiele der Nationen an, in denen Frauenfußball eine Randerscheinung ist, hat man den Eindruck, man sehe eine Nachwuchsmannschaft spielen. Technisch ist das alles akzeptabel. Aber im körperlichen und taktischen Bereich und vor allem im Abwehrverhalten tun sich teilweise Abgründe auf.

An dieser Stelle möchte ich eine These in den Raum werfen: Das Niveau des Frauenfußballs könnte steigen, wenn mit einem Fußball der Größe vier (statt fünf) gespielt würde. Auffällig häufig haben die Frauen Probleme, den Ball nach der Annahme mitzunehmen, sehr oft bleiben sie hängen und stolpern über das Spielgerät. Die vielen abrutschenden Flanken und Schussversuche lassen sich meiner Meinung nach nicht  nur über technische Defizite erklären. Ein kleinerer Ball, wie er auch beim Hallensport Futsal verwendet wird, könnte besser zu den naturgemäß kleineren Füßen der Frauen passen, die somit eine bessere Kontrolle über den Ball hätten, schärfer schießen und somit das Spieltempo erhöhen könnten.

So viel zu meiner Theorie. Praktisch ist zu beobachten, dass sich einige Klischees des Frauenfußballs leider hartnäckig halten; einige davon durfte ich selbst über einige Jahre bei diversen Schulwettbewerben bis auf Landesebene bewundern.

  • Einwürfe stellen viele Fußballerinnen aller Nationen vor unlösbare Probleme
  • Die Chancenverwertung bringt die Trainer zum verzweifeln
  • Es gibt immer eine, die die Abseitsfalle aufhebt
  • Die Schwedinnen sind immer die schönsten
  • In jedem verdammten Spiel schwappt eine “La Ola” durch das Stadion, denn:
  • Die meisten Zuschauer sind Frauen oder Familien mit Kindern, die mit der Einstellung “Hey, wir sind voll gut drauf!” das Stadion betreten anstatt sich wirklich für ein gutes Fußballspiel zu interessieren
  • Bei den Spielen der Frauen herrscht die meiste Zeit relative Stille
  • Schiedsrichterinnen sind häufig schlecht und können sich selten durchsetzen

Das Schiedsrichter-Problem herrscht bei Weltmeisterschaften geschlechterübergreifend. Darüber müsste man sich mal ausführlicher unterhalten.

Abgesehen von diesen meist sympathischen Klischeebestätigungen macht “20Elf von seiner schönsten Seite” bisher großen Spaß. Die Stimmung ist gut, das Niveau einer WM angemessen (in der K.O.-Phase dann durchgehend hoch) und Deutschland liegt noch aussichtsreich im Rennen. Die Weltmeisterschaft in Deutschland macht mit all ihrer medialen Aufmerksamkeit beste Werbung für einen Sport, der nach wie vor zu wenig Beachtung findet.

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