Zwei Wochen ist es her, dass der Journalist Michael Bartsch mit seinem Artikel über das Landesgymnasium Sankt Afra (erschienen in LVZ und DNN) eine Diskussion über die Zukunft der Schule ins Rollen brachte. Zahlreiche Leserbriefe, reger Mailverkehr und das enorme Echo auf meine Stellungnahme zeugen von großem Interesse am Thema und reichlich Diskussionsbedarf. Seit der Veröffentlichung der beiden Artikel haben sich die Konturen des Konflikts geschärft. Ich möchte hier die Reaktionen zusammenfassen, ein (Zwischen-)Fazit ziehen und schließlich als Gastbeitrag den Leserbrief zweier ehemaliger Mentoren ungekürzt anfügen.
Wieso Herr Bartsch eine so negative Stimmung im Internat beschreibt, war zunächst eine der größten Fragen. Hier kam ein wenig Licht ins Dunkel. Meinen Informationen zufolge ist der Autor ein Studienfreund der zitierten Schülermutter. Soweit, so unproblematisch. Journalismus funktioniert nur über Beziehungen und Bekanntschaften. Doch leider kann bei der Kombination Bartsch/Schech – mit Verlaub – nichts Repräsentatives heraus kommen. Bartsch ist politisch, nach seiner Autorenschaft bei der TAZ und seinem Buch über Biedenkopfs zu urteilen, im linken Milieu anzusiedeln und sollte deshalb, so er denn konsequent ist, jedem Elitedenken prinzipiell kritisch gegenüber stehen. Familie Schech soll bereits im Elternrat durch Verbreiten von Unwahrheiten aufgefallen sein und gilt als eine Familie, die das Prinzip Sankt Afras missverstanden hat und deshalb der Schule frustriert den Rücken kehrt. Deshalb sollte man als guter Journalist stets die Motive der Informanten überprüfen und eine zweite Meinung (und zwar der Eltern und Schüler!) einholen. Oder wenigstens die Fakten (z.B. Ferienpläne) durch einen simplen Blick auf die Afra-Homepage überprüfen.
Die Meinungen in den Blog- und Zeitungsreaktionen decken sich im Großen und Ganzen mit den von mir geteilten Ansichten. Dass die Schule Probleme habe, wird nicht geleugnet, allerdings seien diese eben nicht bei Schülern und Lehrern, sondern im sächsischen Ministerium zu suchen. Besonders die Schüler äußerten sich auf Facebook und in Leserbriefen (z.B. Elisa M., Julia R.) sehr emotional. Sie verstehen nicht, wie jemand so negativ über ihre Schule reden kann, von der sie so überzeugt sind. Dieser Abwehrreflex überrascht kaum. Beachtlich ist jedoch, dass vor allem die Eltern in Leserbriefen (und auch bei mir!) Lobesarien auf Sankt Afra singen. Wenn Schüler, Lehrer, Ehemalige und Eltern gleichermaßen für eine Schule glühen, können die zwischenmenschlichen, privaten und schulischen Probleme nicht allzu groß sein. Erstaunlich gut kommt in den meisten Fällen auch die Schulleitung davon.
Ehemalige und noch aktive Lehrkräfte benennen die wahren Probleme. Sie geben anhand von Zahlen einen Einblick in die Arbeitssituation der Internatsmentoren. Für einen Full-Time-Job, der Privatsphäre und -leben auffrisst, der überdurchschnittliche Qualifikationen und Einsatzbereitschaft fordert, wird nur in den seltensten Fällen überdurchschnittlich bezahlt. Dass sich arbeitssuchende Lehrer dann für einen gleich oder besser bezahlten Arbeitsplatz bei geringerem Arbeitsaufwand an einem Regelgymnasium oder gleich in einem anderen Bundesland entscheiden, kann man ihnen nicht verübeln. Da jedoch eine Schule, erst recht eine wie Afra, mit ihren Lehrern steht und fällt, sollte sich das Ministerium genau überlegen, wie es mit seinen Pädagogen umgeht. Das Problem habe ich bereits angerissen, Details finden sich im Leserbrief unten. Sankt Afras Zukunft könnte also tatsächlich ungewiss sein. Das liegt jedoch nicht, wie der Zeitungsartikel suggeriert, an schlechten oder undisziplinierten Schülern oder gar am Prinzip des Internats, sondern schlicht und ergreifend daran, dass der Schule irgendwann die Lehrer ausgehen. Die Botschaft des Artikels (“Eltern, überlegt euch, ob ihr euren Kindern Afra antun wollt!”) sollte also ersetzt werden durch die Parole: “Liebe Verantwortliche, lasst eure nach eigener Aussage ‘Vorzeigeschule’ nicht durch schlechte Politik und fehlende Inspiration im Mittelmaß versinken!”
Ein Wort noch an die Kritiker von Eliteschulen, die sagen, das Geld sei woanders besser aufgehoben: Es hilft keinem der Beteiligten, wenn sich begabte Kinder an Regelschulen unterfordert fühlen und ggf. sogar den Unterricht stören. Ein Afra-Elternteil kommentiert auf meinem Blog: “Sportlich oder musisch begabten Kindern werden selbstverständlich Schulen geschaffen — warum nicht mehrfach begabten Kindern auch? Alle Personen, die sich an einer derartigen Debatte im negativen Sinne beteiligen, wissen nicht, was es heißt, begabte Kinder zu haben, welche Verantwortung und Kraft, Eltern und Lehrern abverlangt wird!” Auch hier gilt es natürlich, mit Verallgemeinerungen vorsichtig zu sein, aber im Kern ist diese Aussage nur zu unterschreiben. Deshalb geht es Sankt Afra auch nicht nur um zählbare Erfolge bei Wettbewerben, sondern vielmehr darum, engagierte, intelligente “Educated Persons” zu bilden, die Schüler zu fordern, damit diese bestens vorbereitet auf das Leben nach der Schule der Gesellschaft wieder etwas zurück zahlen können und eben nicht abgehoben in elitären Kreisen bleiben. Bildung ist dann am effektivsten, wenn sie auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmt ist. Deswegen sind Schulen wie Sankt Afra zu unterstützen.
Gastbeitrag
Kritik an der passenderen Stelle formulieren zwei ehemalige Internatsmentoren in einem Leserbrief an LVZ und DNN. Dort noch redaktionell gekürzt, ist er hier vollständig nachzulesen.
Quo vadis Afra?
von Marcus Ventzke und Andreas Dietz
(ehemalige Internatsmentoren am Landesgymnasium St. Afra zu Meißen)
Afra steht am Scheideweg. Das stand es spätestens mit dem Weggang des Gründungsschulleiters im Jahr 2008. Dieser war die bestimmende, weithin bekannte Führungsfigur des afranischen Aufbruchs. Werner Esser hatte Charisma und das ist zur Führung einer Einrichtung für hoch und mehrfach Begabte unabdingbar. Er war jedoch in vielerlei Hinsichten auch Repräsentant einer bestimmten Generation. Entscheidend war wohl, dass Esser im Umgang mit dem Kollegium einen Führungsstil pflegte, der für die ‚großen alten Männer‘ seines Schlages nicht untypisch ist. Er wusste die Kollegen in zwei Kategorien einzusortieren: jene, die die Schüler nach vermeintlich objektiven Kriterien zu vermessen gedachten und nur am eigenen Fortkommen interessiert waren; und jene, die ihren Beruf ganzheitlich verstanden und mit viel Empathie für die ihnen anvertrauten Schüler lebten. Konflikte im Kollegium waren damit nahezu unausweichlich. Internats- und Lehrerkonferenzen erinnerten nicht selten an ein wildes Hauen und Stechen und die Realisierung der afranischen Idee von Gemeinsamkeit in Vielfalt wurde dadurch über weite Strecken unmöglich gemacht. Dabei beinhaltet diese Idee doch gerade die Akzeptanz verschiedener pädagogischer Ansätze, die Offenheit für Ideen, die auch schon mal gegen den Strich gehen und die Sicherung entsprechender Freiräume für das berufliche Wirken. Welches politische und pädagogische Denken sich im Ringen nach Werner Essers Abgang durchgesetzt hat, ist offensichtlich. Dass überaus reflexionsfähige Schüler auf „Law and Order“ so reagieren, wie in den Artikeln der Leipziger Volkszeitung und den Dresdner Neuesten Nachrichten beschrieben, erscheint nur logisch: Je strenger die Regeln, umso heftiger die Regelverstöße. Die weitverbreitete Doppelmoral der Schülerschaft (Lara: „Für uns Jugendliche ist klar, dass wir uns nicht an die Regeln halten, auch wenn wir sie im Grunde wollen und aufstellen. Wir leben halt chaotisch, wild und frei.“ [DNN, 9.8.2011]) ist das Resultat pädagogischen Denkens, das authentische Zuwendung durch Kontrollen und Sanktionen ersetzt.
Doch wäre es zu kurz gegriffen, nur auf die Schulleitung der Anfangszeit zu sehen, denn das Projekt der Hochbegabtenschule steht bis heute auch konzeptionell auf wackeligen Beinen. Politisch war sie gewollt, kam jedoch als Zwitterwesen zur Welt: In die Fürsten- und Landesschultradition gerückt, hatte sie sich gleichwohl gegen den Ballast dieser Tradition zu wehren, wenn sie als Schule der Gegenwart ernstgenommen werden wollte. Ein bisschen Elitedenken, das gerade deshalb so wirksam war, weil man sich davon offiziell natürlich abgrenzte, eine kleine Portion Salem, ein wenig Reformanstalt, eine Prise Spezialschule und nicht zuletzt das gesellschaftlich ohnehin weitverbreitete Ressentiment gegen die ‚normale‘ staatliche Schule – all das wurde in die Wiege Afras gelegt. Bis heute ist daher in der Öffentlichkeit wahrscheinlich weithin unklar, wofür genau die Schule steht und was Interessierte von ihr erwarten können.
Doch auch strukturell kam mit Afra 2001 ein eher schwächelndes Kind zur Welt. Erwähnt sei etwa die Personalpolitik der Schulverwaltung. Die Verantwortlichen setzten darauf, viele junge Kollegen einzustellen. Diese wurden in ihrer Entwicklung jedoch nicht wohlwollend und helfend begleitet. Statt ihre Schwierigkeiten zu sehen und sie aufzubauen, stieß man sie ins kalte Wasser. Unseres Wissens wurden diese strukturellen Probleme bis heute nicht konsequent beseitigt. Da ein Wechsel auf andere Stellen nicht oder nur nach langen Kämpfen ermöglicht wird, verharren nicht wenige Kollegen in angstvollen Zuständen, bangen um ihre berufliche Existenz, fühlen sich eingesperrt und perspektivlos. Die hohe Fluktuation im Kollegium der Internatsmentoren ist das Ergebnis dieser Missachtung. Wie dramatisch die Entwicklung sich inzwischen ausnimmt, zeigt die Tatsache, dass sich Kollegen zum Mittel der Kündigung flüchten, wohl wissend, dass sie dann in Sachsen nie wieder im öffentlichen Schuldienst beschäftigt sein können. Viele Verantwortliche in Verwaltung und Ministerium müssen sich die Frage gefallen lassen, wie ruhig sie bei dem Gedanken an all die ‚verbrannten‘ jungen Lehrer schlafen.
Die Probleme des Projekts Afra hätten spätestens in der Zeit nach Ende der Gründungsphase diskutiert und gelöst werden müssen: Man kann keine besondere Schule unterhalten, wenn die Internatsmentoren noch nicht einmal eine Planstelle im Schulwesen haben. Internatsmentoren müssen bis heute die volle Miete für ihre arbeitsvertraglich zugewiesene Dienstwohnung zahlen, auch wenn sie alleinstehend sind und 100 Quadratmeter Wohnraum keinesfalls benötigen. Man kann zudem Kollegen nicht auf Dauer unterbezahlen und gleichzeitig überdurchschnittliches Engagement sowie den weitgehenden Verzicht auf Privatsphäre und ausreichenden Nachtschlaf erwarten. Die Differenz zu den monatlichen Bezügen verbeamteter Lehrer in anderen Bundesländern ist jedenfalls vierstellig. Und dass die Arbeitspläne des Landesgymnasiums St. Afra lange Jahre für die Kollegen nicht genügend Nachtschlaf einräumten, ist mehrfach Gegenstand arbeitsrechtlicher Konflikte gewesen.
Es ist ein Widerspruch, „Freiraum für Persönlichkeit“ zu propagieren, Mentoren jedoch gleichzeitig den Führungsmethoden einer traditionellen Bildungsverwaltung auszusetzen. Natürlich besteht die Gefahr, dass sich passives Amtsdenken auch in den Gremien der Schule festsetzt. Der afranische „Freiraum für Persönlichkeit“ kann schnell zu einer abgegriffenen Floskel werden, wenn die Grenzen dessen, was pädagogisch als erwünscht und akzeptabel gilt, aus einem Gefühl der Unsicherheit, des Unverständnisses oder aus purer Kleingeistigkeit heraus zu eng gezogen werden, kurz: wenn nur ängstlich verwaltet wird. Ein „Freiraum für Persönlichkeit“ kann sich ohne visionäres Denken nicht entfalten und ohne Vision verpufft manches Engagement, das auf Seiten so vieler Kollegen und Schüler zweifelsfrei vorhanden ist.
In seiner Anfangszeit war St. Afra ein vielbeachtetes Modellprojekt mit überdurchschnittlicher Ausstattung; heute aber ist es wohl kaum noch überzeugend, die Besonderheit des Meißner Landesgymnasiums allein mit dem Hinweis auf Computerkabinette, soziales Engagement und Wettbewerbsteilnahmen zu rechtfertigen, denn Vergleichbares gibt es an den meisten anderen Gymnasien unseres Landes (inzwischen) auch.
All diese Probleme ließen sich in den Anfangsjahren Afras noch vertagen oder übersehen, mittlerweile aber scheint es an der Zeit, dem Meißner Hoch- und Mehrfachbegabtenprojekt neue Perspektiven auf festem Grund zu geben.
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