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Artikel getaggt mit ‘sankt afra’

Die Leiden der jungen A.

3. Oktober 2011 9 Kommentare

Das Ende der Afra-Trilogie

Die A.., die Afra, die Afraner, sie sind verloren. Verdammt, verdummt, eingesperrt, nicht mehr zu retten. Ach ja: und krank sind sie, die A.., die Autisten! Wie recht die kritischen Stimmen doch alle haben! Abgeschafft gehört diese Anstalt für mäßig begabte und mehrfach hochgradig gestörte Wesen!

Frank Haubitz weiß das alles. Er ist Vorsitzender des Philologenverbandes Sachsen und daher Experte für Hochbegabung und Autismus. Eine Koryphäe auf seinem Gebiet, die völlig zu Recht den Kontakt zur Presse sucht, um zuletzt der Nachrichtenagentur DAPD die unbequemen Wahrheiten zu diktieren. Eine Schande, dass Schüler von Spezialgymnasien ähnliche Leistungen erbringen wie die des Landesgymnasiums! Schließlich erhalten die “Fürstenschüler” die Ausbildung von Wilhelm-Ostwald-Gymnasium, Romain-Rolland-Gymnasium und Carl-Maria-von-Weber-Gymnasium zusammen – nur besser. Müßig zu erwähnen, dass Tage in Meißen 48 Stunden haben.

Die Afraner selbst wissen um ihr klägliches Versagen, verzweifeln selbst daran, dass sie nicht jedes poplige §4-Gymnasium des Landes in den jeweiligen Bereichen schlagen können und werden ob dieser Tragödie krank und rammdösig. Auch das weiß Fachmann Haubitz, wie die DAPD schreibt: “Es entstünden aber bei diesen leicht zu autistischem Verhalten neigenden Schülern neue soziale Probleme, wenn sie wiederum ständig unter sich blieben.” Investigativ hat er in internen, geheimen Dokumenten herausgefunden, dass in Meißen nur angenommen wird, wer beim Auswahlwochenende die Zahl der Pflastersteine auf dem Schulhof korrekt gezählt hat. Schrecklich ist auch das Bild im Internat, in dem alle nur so vor sich hin leben, ohne ernsthaft miteinander zu interagieren, außer bei eskalierenden Anfällen. Nach neuesten Besorgnis erregenden Zahlen von Herrn Bartsch neigt “ein halbes Prozent der Schülerschaft aufgrund ihres IQ zu problematischem Sozialverhalten.” (Quelle: SAX). Zyniker schlugen als Schuluniform bereits Zwangsjacken vor. Anders können diese Autisten mit problematischem Sozialverhalten nicht umgehen.

“Haubitz kritisierte auch die strenge Internats-Unterbringung der Schüler in Meißen. ‘Methoden, die vor 50, 60 Jahren erfolgreich schienen, passen nicht zur Schule des 21. Jahrhunderts.’” Auch hier muss man dem Weisen Recht geben. Alkohol- und Rauchverbot entsprechen nicht mehr dem Zeitgeist; den Kindern zu sagen, wann sie zu Hause sein müssen, ist bei normalen Eltern heutzutage aus der Mode gekommen und welcher Lehrer hat je ein klingelndes Handy als störend empfunden? Eine Zumutung zudem, dass die Jugendlichen täglich fünf Mahlzeiten in der Mensa ausgesetzt sind.

Und am schlimmsten: Wie soll Sankt Afra außerdem je den grausamen Schandfleck seiner Geschichte vergessen machen, dass es im Gegensatz zu den anderen Spezialgymnasien keine DDR-Vergangenheit hat? Darüber wird die Schule nie hinweg kommen. Eigentlich kann man sie dann gleich schließen, hat ja keinen Sinn mehr. Wenn die DAPD das schreibt, muss das ja stimmen.

PS: Bei so lächerlichen Artikeln wie dem verlinkten verbietet sich eine sachliche Auseinandersetzung. Kluge Menschen erkennen beim Lesen die Haltlosigkeit der Argumente. Für sie ist es nur noch amüsant, wie aus intelligenten, engagierten Schülern mit Erfolgen in sämtlichen Fachgebieten auf dem Papier kranke Durchschnittsschüler werden. Hiermit soll nun das Thema “Afra und die Presse” auf meinem Blog beendet werden. Mit der berechtigten Kritik beschäftigt man sich vor Ort längst (seit Jahren immer wieder aufs neue!), der Rest sind Äußerungen von Journalisten mit problematischem Sozialverhalten Geltungsbedürfnis, denen bereits mehr als genug Beachtung geschenkt wurde.

Was Herr Bartsch hätte schreiben sollen

23. August 2011 139 Kommentare

Zwei Wochen ist es her, dass der Journalist Michael Bartsch mit seinem Artikel über das Landesgymnasium Sankt Afra (erschienen in LVZ und DNN) eine Diskussion über die Zukunft der Schule ins Rollen brachte. Zahlreiche Leserbriefe, reger Mailverkehr und das enorme Echo auf meine Stellungnahme zeugen von großem Interesse am Thema und reichlich Diskussionsbedarf. Seit der Veröffentlichung der beiden Artikel haben sich die Konturen des Konflikts geschärft. Ich möchte hier die Reaktionen zusammenfassen, ein (Zwischen-)Fazit ziehen und schließlich als Gastbeitrag den Leserbrief zweier ehemaliger Mentoren ungekürzt anfügen.

Wieso Herr Bartsch eine so negative Stimmung im Internat beschreibt, war zunächst eine der größten Fragen. Hier kam ein wenig Licht ins Dunkel. Meinen Informationen zufolge ist der Autor ein Studienfreund der zitierten Schülermutter. Soweit, so unproblematisch. Journalismus funktioniert nur über Beziehungen und Bekanntschaften. Doch leider kann bei der Kombination Bartsch/Schech – mit Verlaub – nichts Repräsentatives heraus kommen. Bartsch ist politisch, nach seiner Autorenschaft bei der TAZ und seinem Buch über Biedenkopfs zu urteilen, im linken Milieu anzusiedeln und sollte deshalb, so er denn konsequent ist, jedem Elitedenken prinzipiell kritisch gegenüber stehen. Familie Schech soll bereits im Elternrat durch Verbreiten von Unwahrheiten aufgefallen sein und gilt als eine Familie, die das Prinzip Sankt Afras missverstanden hat und deshalb der Schule frustriert den Rücken kehrt. Deshalb sollte man als guter Journalist stets die Motive der Informanten überprüfen und eine zweite Meinung (und zwar der Eltern und Schüler!) einholen. Oder wenigstens die Fakten (z.B. Ferienpläne) durch einen simplen Blick auf die Afra-Homepage überprüfen.

Die Meinungen in den Blog- und Zeitungsreaktionen decken sich im Großen und Ganzen mit den von mir geteilten Ansichten. Dass die Schule Probleme habe, wird nicht geleugnet, allerdings seien diese eben nicht bei Schülern und Lehrern, sondern im sächsischen Ministerium zu suchen. Besonders die Schüler äußerten sich auf Facebook und in Leserbriefen (z.B. Elisa M., Julia R.) sehr emotional. Sie verstehen nicht, wie jemand so negativ über ihre Schule reden kann, von der sie so überzeugt sind. Dieser Abwehrreflex überrascht kaum. Beachtlich ist jedoch, dass vor allem die Eltern in Leserbriefen (und auch bei mir!) Lobesarien auf Sankt Afra singen. Wenn Schüler, Lehrer, Ehemalige und Eltern gleichermaßen für eine Schule glühen, können die zwischenmenschlichen, privaten und schulischen Probleme nicht allzu groß sein. Erstaunlich gut kommt in den meisten Fällen auch die Schulleitung davon.

Ehemalige und noch aktive Lehrkräfte benennen die wahren Probleme. Sie geben anhand von Zahlen einen Einblick in die Arbeitssituation der Internatsmentoren. Für einen Full-Time-Job, der Privatsphäre und -leben auffrisst, der überdurchschnittliche Qualifikationen und Einsatzbereitschaft fordert, wird nur in den seltensten Fällen überdurchschnittlich bezahlt. Dass sich arbeitssuchende Lehrer dann für einen gleich oder besser bezahlten Arbeitsplatz bei geringerem Arbeitsaufwand an einem Regelgymnasium oder gleich in einem anderen Bundesland entscheiden, kann man ihnen nicht verübeln. Da jedoch eine Schule, erst recht eine wie Afra, mit ihren Lehrern steht und fällt, sollte sich das Ministerium genau überlegen, wie es mit seinen Pädagogen umgeht. Das Problem habe ich bereits angerissen, Details finden sich im Leserbrief unten. Sankt Afras Zukunft könnte also tatsächlich ungewiss sein. Das liegt jedoch nicht, wie der Zeitungsartikel suggeriert, an schlechten oder undisziplinierten Schülern oder gar am Prinzip des Internats, sondern schlicht und ergreifend daran, dass der Schule irgendwann die Lehrer ausgehen. Die Botschaft des Artikels (“Eltern, überlegt euch, ob ihr euren Kindern Afra antun wollt!”) sollte also ersetzt werden durch die Parole: “Liebe Verantwortliche, lasst eure nach eigener Aussage ‘Vorzeigeschule’ nicht durch schlechte Politik und fehlende Inspiration im Mittelmaß versinken!”

Ein Wort noch an die Kritiker von Eliteschulen, die sagen, das Geld sei woanders besser aufgehoben: Es hilft keinem der Beteiligten, wenn sich begabte Kinder an Regelschulen unterfordert fühlen und ggf. sogar den Unterricht stören. Ein Afra-Elternteil kommentiert auf meinem Blog: “Sportlich oder musisch begabten Kindern werden selbstverständlich Schulen geschaffen — warum nicht mehrfach begabten Kindern auch? Alle Personen, die sich an einer derartigen Debatte im negativen Sinne beteiligen, wissen nicht, was es heißt, begabte Kinder zu haben, welche Verantwortung und Kraft, Eltern und Lehrern abverlangt wird!” Auch hier gilt es natürlich, mit Verallgemeinerungen vorsichtig zu sein, aber im Kern ist diese Aussage nur zu unterschreiben. Deshalb geht es Sankt Afra auch nicht nur um zählbare Erfolge bei Wettbewerben, sondern vielmehr darum, engagierte, intelligente “Educated Persons” zu bilden, die Schüler zu fordern, damit diese bestens vorbereitet auf das Leben nach der Schule der Gesellschaft wieder etwas zurück zahlen können und eben nicht abgehoben in elitären Kreisen bleiben. Bildung ist dann am effektivsten, wenn sie auf die Bedürfnisse des Einzelnen abgestimmt ist. Deswegen sind Schulen wie Sankt Afra zu unterstützen.

Gastbeitrag

Kritik an der passenderen Stelle formulieren zwei ehemalige Internatsmentoren in einem Leserbrief an LVZ und DNN. Dort noch redaktionell gekürzt, ist er hier vollständig nachzulesen.

Quo vadis Afra?
von Marcus Ventzke und Andreas Dietz
(ehemalige Internatsmentoren am Landesgymnasium St. Afra zu Meißen)

Afra steht am Scheideweg. Das stand es spätestens mit dem Weggang des Gründungsschulleiters im Jahr 2008. Dieser war die bestimmende, weithin bekannte Führungsfigur des afranischen Aufbruchs. Werner Esser hatte Charisma und das ist zur Führung einer Einrichtung für hoch und mehrfach Begabte unabdingbar. Er war jedoch in vielerlei Hinsichten auch Repräsentant einer bestimmten Generation. Entscheidend war wohl, dass Esser im Umgang mit dem Kollegium einen Führungsstil pflegte, der für die ‚großen alten Männer‘ seines Schlages nicht untypisch ist. Er wusste die Kollegen in zwei Kategorien einzusortieren: jene, die die Schüler nach vermeintlich objektiven Kriterien zu vermessen gedachten und nur am eigenen Fortkommen interessiert waren; und jene, die ihren Beruf ganzheitlich verstanden und mit viel Empathie für die ihnen anvertrauten Schüler lebten. Konflikte im Kollegium waren damit nahezu unausweichlich. Internats- und Lehrerkonferenzen erinnerten nicht selten an ein wildes Hauen und Stechen und die Realisierung der afranischen Idee von Gemeinsamkeit in Vielfalt wurde dadurch über weite Strecken unmöglich gemacht. Dabei beinhaltet diese Idee doch gerade die Akzeptanz verschiedener pädagogischer Ansätze, die Offenheit für Ideen, die auch schon mal gegen den Strich gehen und die Sicherung entsprechender Freiräume für das berufliche Wirken. Welches politische und pädagogische Denken sich im Ringen nach Werner Essers Abgang durchgesetzt hat, ist offensichtlich. Dass überaus reflexionsfähige Schüler auf „Law and Order“ so reagieren, wie in den Artikeln der Leipziger Volkszeitung und den Dresdner Neuesten Nachrichten beschrieben, erscheint nur logisch: Je strenger die Regeln, umso heftiger die Regelverstöße. Die weitverbreitete Doppelmoral der Schülerschaft (Lara: „Für uns Jugendliche ist klar, dass wir uns nicht an die Regeln halten, auch wenn wir sie im Grunde wollen und aufstellen. Wir leben halt chaotisch, wild und frei.“ [DNN, 9.8.2011]) ist das Resultat pädagogischen Denkens, das authentische Zuwendung durch Kontrollen und Sanktionen ersetzt.

Doch wäre es zu kurz gegriffen, nur auf die Schulleitung der Anfangszeit zu sehen, denn das Projekt der Hochbegabtenschule steht bis heute auch konzeptionell auf wackeligen Beinen. Politisch war sie gewollt, kam jedoch als Zwitterwesen zur Welt: In die Fürsten- und Landesschultradition gerückt, hatte sie sich gleichwohl gegen den Ballast dieser Tradition zu wehren, wenn sie als Schule der Gegenwart ernstgenommen werden wollte. Ein bisschen Elitedenken, das gerade deshalb so wirksam war, weil man sich davon offiziell natürlich abgrenzte, eine kleine Portion Salem, ein wenig Reformanstalt, eine Prise Spezialschule und nicht zuletzt das gesellschaftlich ohnehin weitverbreitete Ressentiment gegen die ‚normale‘ staatliche Schule – all das wurde in die Wiege Afras gelegt. Bis heute ist daher in der Öffentlichkeit wahrscheinlich weithin unklar, wofür genau die Schule steht und was Interessierte von ihr erwarten können.

Doch auch strukturell kam mit Afra 2001 ein eher schwächelndes Kind zur Welt. Erwähnt sei etwa die Personalpolitik der Schulverwaltung. Die Verantwortlichen setzten darauf, viele junge Kollegen einzustellen. Diese wurden in ihrer Entwicklung jedoch nicht wohlwollend und helfend begleitet. Statt ihre Schwierigkeiten zu sehen und sie aufzubauen, stieß man sie ins kalte Wasser. Unseres Wissens wurden diese strukturellen Probleme bis heute nicht konsequent beseitigt. Da ein Wechsel auf andere Stellen nicht oder nur nach langen Kämpfen ermöglicht wird, verharren nicht wenige Kollegen in angstvollen Zuständen, bangen um ihre berufliche Existenz, fühlen sich eingesperrt und perspektivlos. Die hohe Fluktuation im Kollegium der Internatsmentoren ist das Ergebnis dieser Missachtung. Wie dramatisch die Entwicklung sich inzwischen ausnimmt, zeigt die Tatsache, dass sich Kollegen zum Mittel der Kündigung flüchten, wohl wissend, dass sie dann in Sachsen nie wieder im öffentlichen Schuldienst beschäftigt sein können. Viele Verantwortliche in Verwaltung und Ministerium müssen sich die Frage gefallen lassen, wie ruhig sie bei dem Gedanken an all die ‚verbrannten‘ jungen Lehrer schlafen.

Die Probleme des Projekts Afra hätten spätestens in der Zeit nach Ende der Gründungsphase diskutiert und gelöst werden müssen: Man kann keine besondere Schule unterhalten, wenn die Internatsmentoren noch nicht einmal eine Planstelle im Schulwesen haben. Internatsmentoren müssen bis heute die volle Miete für ihre arbeitsvertraglich zugewiesene Dienstwohnung zahlen, auch wenn sie alleinstehend sind und 100 Quadratmeter Wohnraum keinesfalls benötigen. Man kann zudem Kollegen nicht auf Dauer unterbezahlen und gleichzeitig überdurchschnittliches Engagement sowie den weitgehenden Verzicht auf Privatsphäre und ausreichenden Nachtschlaf erwarten. Die Differenz zu den monatlichen Bezügen verbeamteter Lehrer in anderen Bundesländern ist jedenfalls vierstellig. Und dass die Arbeitspläne des Landesgymnasiums St. Afra lange Jahre für die Kollegen nicht genügend Nachtschlaf einräumten, ist mehrfach Gegenstand arbeitsrechtlicher Konflikte gewesen.

Es ist ein Widerspruch, „Freiraum für Persönlichkeit“ zu propagieren, Mentoren jedoch gleichzeitig den Führungsmethoden einer traditionellen Bildungsverwaltung auszusetzen. Natürlich besteht die Gefahr, dass sich passives Amtsdenken auch in den Gremien der Schule festsetzt. Der afranische „Freiraum für Persönlichkeit“ kann schnell zu einer abgegriffenen Floskel werden, wenn die Grenzen dessen, was pädagogisch als erwünscht und akzeptabel gilt, aus einem Gefühl der Unsicherheit, des Unverständnisses oder aus purer Kleingeistigkeit heraus zu eng gezogen werden, kurz: wenn nur ängstlich verwaltet wird. Ein „Freiraum für Persönlichkeit“ kann sich ohne visionäres Denken nicht entfalten und ohne Vision verpufft manches Engagement, das auf Seiten so vieler Kollegen und Schüler zweifelsfrei vorhanden ist.

In seiner Anfangszeit war St. Afra ein vielbeachtetes Modellprojekt mit überdurchschnittlicher Ausstattung; heute aber ist es wohl kaum noch überzeugend, die Besonderheit des Meißner Landesgymnasiums allein mit dem Hinweis auf Computerkabinette, soziales Engagement und Wettbewerbsteilnahmen zu rechtfertigen, denn Vergleichbares gibt es an den meisten anderen Gymnasien unseres Landes (inzwischen) auch.

All diese Probleme ließen sich in den Anfangsjahren Afras noch vertagen oder übersehen, mittlerweile aber scheint es an der Zeit, dem Meißner Hoch- und Mehrfachbegabtenprojekt neue Perspektiven auf festem Grund zu geben.

Ein unruhiger Geburtstag

9. August 2011 18 Kommentare

“St. Afra am Scheideweg”. So stand es prominent in den heutigen Ausgaben von LVZ und DNN. Michael Bartsch erhielt gleich vier Spalten und ein Bild für seinen Artikel über das Landesgymnasium Sankt Afra, dessen Schüler und Schulsprecher auch ich einmal war. Der Anlass ist ein schöner: Heute vor zehn Jahren wurde die ehemalige Fürstenschule neu gegründet. Weniger schön ist leider, was Herr Bartsch mit teilweise beängstigendem Detailwissen schreibt. Niveau und Gemeinschaftsgefühl der Schule würden sinken, Schüler an den Rand der psychischen Belastbarkeit gedrängt. Überliest man den üblichen LVZ-Unfug, muss man konstatieren, dass der Artikel einige Probleme benennt, die in der Tat Besorgnis erregen.

Bevor ich auf diese genauer eingehe, muss ich jedoch den Unfug aus dem Weg räumen. “Jacqueline Schech weist als Mutter darauf hin, dass die Kinder in der Regel nur alle fünf Wochen nach Hause reisen und im Internat bei Handyverbot nur ein Etagentelefon zur Verfügung steht.” Unfug! Die Schüler sind im Schnitt drei bis vier Wochen im Internat. Sie bekommen sogar im September und November jeweils eine zusätzliche Ferienwoche, um den Samstagsunterricht auszugleichen. Abschnitte von fünf oder sechs Wochen am Stück sind und waren stets die Ausnahme (meistens nach Neujahr und/oder vor den Sommerferien) und stellten nur für die wenigsten ein Problem dar. Das Handyverbot wurde extrem gelockert, nachdem unser Jahrgang die Schule verlassen hat und wurde schon zu meinen Oberstufenzeiten (2007-08) sehr liberal ausgelegt. Etagentelefon und Handytelefonate stellen normalerweise kein wirkliches Problem dar. Die im Text beschriebene Besorgnis der Elternschaft hat an Sankt Afra ohnehin Tradition. In puncto Kommunikation ist ihre Kritik womöglich berechtigt, in den meisten anderen Bereichen wurde und wird den Eltern jedoch vollkommen zu Recht stets zu etwas mehr Gelassenheit geraten.

“Für uns Jugendliche ist klar, dass wir uns nicht an die Regeln halten, auch wenn wir sie im Grunde wollen und aufstellen. Wir leben halt chaotisch, wild und frei.” (Zitat Schülerin) – Semi-Unfug. Diese Aussage ist eine Verallgemeinerung, die erstens so nicht tragbar ist und zweitens auch von jedem anderen 16-Jährigen in diesem Land hätte stammen können, egal, welche Schule er besucht. Der Informationsgehalt geht gegen null, wie Bartsch zuvor selbst bemerkt: “Die Probleme sind die gleichen wie überall.” – Ich bin der Meinung, das ist gut so. Es sind halt pubertierende Jugendliche an der Schule und keine funktionierenden Roboter.

“Die hermetische Abgeschlossenheit der Schule bringe eine ‘Inselmentalität’ hervor.” Das ist im Kern nicht zu leugnen, allerdings ist dank Afrophon, Spendenlauf und sonstigen gemeinsamen Projekten mit Stadt, Franziskaneum und anderen Schulen die Verknüpfung mit der Außenwelt derzeit größer denn je.

Nachdem das nun geklärt ist, können wir uns den eigentlichen Problemen widmen. Trotz PR-Offensive und eigens erstellter Corporate Identity sinken die Bewerberzahlen stetig. Dieses Jahr bewarben sich 77 Schüler auf 48 Plätze. Bei meinem Auswahlverfahren, 2002, waren es fast doppelt so viele. (Zahlen, die im Artikel korrekt wiedergegeben wurden) Zwar lässt sich daraus nicht direkt ableiten, dass das Niveau sinkt, es drängt sich jedoch der Verdacht auf, dass Schüler und Eltern mittlerweile im Zweifel gegen Afra entscheiden.

Noch schwieriger gestaltet sich augenscheinlich die Lage der Lehrer. In den ersten Jahren gab es, ähnlich wie bei den Schülern, auch für die Lehrer ein Auswahlverfahren, bei dem die Bewerber diverse Aufgaben erledigen mussten, um für die Schule als kompetent, inspirierend und kreativ genug eingeschätzt zu werden. Vor allem der Beruf des “Internatsmentors” (ein auf dem Internatsgelände lebender Lehrer, der jeweils ein Schülerhaus verantwortet) erfordert besondere Fähigkeiten. Ein Job, der neben dem Schulalltag so gut wie jede Privatsphäre vernichtet und eine buchstäblich ganztägige Bereitschaft erfordert, sollte entsprechend vergütet werden. Arbeitsplatzbeschreibung und Gehalt schreckten jedoch schon zu meiner Zeit mehr Bewerber ab als sie anzogen. Es wird Zeit, dass die Verantwortlichen in den entsprechenden Ministerien begreifen, dass auch für hoch qualifizierte Lehrkräfte bei der Wahl des Arbeitgebers das Geld eine entscheidende Rolle spielt. Einem Land, das eine “Bildungsoffensive” propagiert, sollte man nicht sagen müssen, dass niedrige Lehrergehälter ein Standortnachteil sind.

Als großer Sündenbock gilt die Schulleitung. “Die [negative] Entwicklung wird vielfach mit dem Amtsantritt von Ulrike Ostermaier in Verbindung gebracht, die 2008 Werner Esser als Schulleiter ablöste. Sie verwalte nur und inspiriere kaum, heißt es.” Der Weggang des alten, ersten Schulleiters war richtig. In den letzten Monaten stand er sich und der Schule mehr im Weg als er half. Auch die Entscheidung von Frau Ostermaier, sich als eine Art “Anti-Esser” darzustellen, war durchaus in Ordnung. Und doch muss sie sich den Vorwurf gefallen lassen, vor allem das Internatsleben an einer zu langen Leine geführt zu haben. Die im LVZ-Text erwähnten Alkohol- und Drogeneskapaden kommen nicht von ungefähr. Auch im schulischen Bereich reißen die Klagen über mangelndes Engagement einiger Lehrer nicht ab. Die Feder, hier nicht genügend zu motivieren, muss sich Frau Dr. Ostermaier ebenfalls an den Hut stecken.

Und doch lässt Michael Bartsch sehr viel aus, was in der Niveaudebatte nicht unerwähnt bleiben darf. Trotz der zweifelhaften Oberstufenreform zum Abiturjahrgang 2010 ist der Abischnitt der Schule nie unter 1,8 gefallen (das erwähnt er sogar noch). Die Erfolge der Afraner bei nationalen Wettbewerben (Jugend forscht, Jugend debattiert, etc.) halten an. Kaum ein Jahr, in dem es keinen Bundessieger oder -finalisten zu vermelden gibt. Die Medienpräsenz der Schule und ihrer erfolgreichen Schüler war nie größer, Berichterstattungen z.B. über die Schülerfirma Afrophon in Presse und Fernsehen häufen sich. Zudem ist das Internatsleben aktiver denn je. Regelmäßige Sportveranstaltungen haben sich ebenso etabliert und professionalisiert wie Kleinkunstabende. Die Schüler haben das fehlende Lehrer- und Leitungsengagement zur Tugend gemacht und die Dinge selbst in die Hand genommen. Wer sich davon überzeugen will, dass sowohl das Gemeinschaftsgefühl als auch die Unternehmungslust der Afraner noch sehr intakt sind, muss nur eine beliebige Samstags-Schulversammlung besuchen. Natürlich gibt es Probleme. Deswegen ist Sankt Afra ja eine Schule, an der knapp 300 Jugendliche leben. Natürlich sollten Eskalationen wie in diesem Jahr vermieden werden und die entsprechenden Leute ihre Schlüsse aus den Ereignissen und dem heutigen Zeitungsartikel ziehen. Wenn der Druck von innen fehlt, muss er halt von außen kommen. Entspannte Geburtstage sehen anders aus. Ein derartiger Abgesang scheint mir mit Blick auf die Fakten jedoch etwas übertrieben.

Bleibt nur noch die Frage, wie ein Journalist an derartige Interna wie eine Elternratsmail und das Abiturbuch gelangen kann.

It all ends

7. Juli 2011 7 Kommentare

Harry Potter 7.2 feiert Weltpermiere

In diesem Beitrag geht es um eine der erfolgreichsten Buch- und Filmreihen aller Zeiten, um eine Fantasiefigur mit Narbe, Brille und ungepflegten Haaren. Und doch gibt es kaum ein persönlicheres und emotionsgeladeneres Thema, über das ich schreiben könnte, als Harry Potter. Große Teile meines Lebens verdanke und die meisten verbinde ich mit dem Zauberlehrling aus dem Ligusterweg. Heute ist nun der Tag gekommen, an dem es sich zu bedanken gilt, an dem man sich endgültig auf die Zeit nach Hogwarts einstellen muss. In diesen Minuten feiert “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2″ Weltpremiere am Leicester Square, London. Das letzte Kapitel beginnt.

Unter Tränen fiel es Joanne K. Rowling, der Schöpferin des Potter-Universums, auf der Bühne des Trafalgar Squares in London, unweit vom Premieren-Kino, sichtlich schwer, Worte für das zu finden, was sie empfand. Tausende Fans hatten dort Tage zuvor Zeltlager aufgeschlagen, um für die wenigen Stunden ihren Idolen zuzujubeln, die ihnen in den vergangenen Jahren so viel Freude bereitet hatten. Während am Nachmittag noch munter gescherzt wurde, war den Hauptakteuren der Serie am Abend doch anzumerken, wie nah ihnen dieser Moment ging. Schmerzlicher denn je wurde ihnen bewusst, dass für sie eine Ära zu Ende geht. Eine Ära, die für die jungen Hauptdarsteller die Hälfte ihres Lebens und ihre komplette Jugend überdauert hat. So unterschiedlich sich die Emotionen äußerten, in einem waren sich alle einig: “Danke, J.K. Rowling!” Daniel Radcliffe rührte die Autorin, indem er deutlich machte, dass er ihr alles verdanke, was in seiner Karriere noch folge, Produzent David Heyman bedankte sich dafür, dass Brillen und Narben cool aussehen und Rupert Grint für alles, was sie für Rothaarige getan habe.

Für mich begann das Potter-Zeitalter im Frühjahr 2001. Im Alter von elf Jahren lieh meine Mutter das Buch “Harry Potter und der Stein der Weisen” aus der Bibliothek Leipzig/Möckern aus und verdonnerte mich dazu, es zu lesen. Ich lese zu wenig und das Buch sei gut, habe sie gehört. Nachdem ich es eine Woche liegen ließ – auf dem Cover waren Schachfiguren! – begab ich mich in die Zauberwelt des ebenfalls Elfjährigen, mit dem ich mich aufgrund seiner schwer zu bändigenden Haare auf Anhieb identifizieren konnte. Sofort war es um mich geschehen. Ich verschlang das Buch, zwang meine Eltern, es nach der Rückgabe zu kaufen, nahm es in den Urlaub mit und las es dort – ungelogen – acht Mal in Folge. Ein Junge wettete kurz darauf bei Thomas Gottschalk, dass er jeden Satz des Buches beenden könne, von dem man die letzten drei Worte weglasse. Auf dem heimischen Sofa beendete ich parallel alle ausgewählten Sätze fehlerfrei. Schneller als der Kandidat und im Gegensatz zu ihm ohne Fehlversuch.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich einfach ein dem Wahnsinn naher Fan des Buches. Doch kurz darauf begann Harry Potter meinen Lebensweg entscheidend zu beeinflussen. Da ich zum Beginn der sechsten Klasse, im Spätsommer 2001, den ersten Band bekanntlich auswendig konnte, schlugen mir meine Eltern vor, doch mal zu versuchen, das Buch im Original auf englisch zu lesen. Während die anderen Jungs also in der Schulpause ihre Brote aßen oder unerlaubterweise auf dem Gang Fußball spielten, saß ich an meinem Tisch und las “Harry Potter And The Philosopher’s Stone”. Meine Englischlehrerin traute ihren Augen nicht, ließ mich zum Beweis meiner Sprachkenntnisse probehalber Ausschnitte übersetzen. Nach zufriedenstellender Ausführung erzählte sie mir von einer Schule in Meißen, die gerade eröffnet würde. “Sankt Afra” heiße die, sie sei eine Schule für besonders begabte Schüler – und ein Internat.

Hätte mir – und auch das ist nicht erfunden! – Hogwarts nicht so ein positives Bild vom Internatsleben vermittelt, hätte ich es nie gewagt, mich für so eine Schule zu bewerben. So bewahrte mich Mrs. Rowling vor dem bislang schwersten Fehler meines Lebens, der es gewesen wäre, meinen Namen nicht in den Bewerbertopf für Sankt Afra zu schmeißen. In der Folge war jeder Brief aus Meißen “Eulenpost”, die gekreuzten Schwerter der Bauern in der Verfilmung des ersten Buches aus dem November 2001 wurden als Zeichen dafür gedeutet, dass ich in die Porzellan-Stadt Meißen gehen sollte und ein gewisser Mitbewerber und späterer Klassenkamerad mit roten Haaren und Sommersprossen wurde beim ersten Treffen sofort als Ron Weasley identifiziert. Dass ich mich in Sankt Afra als Zwölfjähriger sofort an Hogwarts erinnert (es gab sogar verschiedene Häuser, in die man eingeteilt wurde!) und somit wohl fühlte und seitdem eine innige Liebesbeziehung zu dieser Schule führe, dürfte weitgehend bekannt sein.

Als die ersten Bilder der Schauspieler der Hauptfiguren veröffentlicht wurden, musste ich noch viel Spott einstecken, da ich Emma Watson schon damals als viel zu hübsch für Hermine empfand. Heute fühle ich mich in dieser Ansicht ziemlich bestätigt. Doch darüber hinaus weckten die Verfilmungen das erste Mal mein Interesse am Kino und dem Prozess des Filmemachens. Ohne Harry Potter wären euch also möglicherweise meine diversen Filmkritiken erspart geblieben.

Des weiteren gab es einige Kleinigkeiten, die ich den Büchern verdanke, wie zum Beispiel meinen ersten echten “Nickname” im Internet und bei Computerspielen: “The Potionsmaster”. Schon nachdem ich das dritte Buch gelesen hatte, war ich überzeugt davon, dass Snape in Lily Potter verliebt und eigentlich der echte Held der Geschichte und nur massiv missverstanden war. Dass ich ab dem sechsten Band die Figur des Harry Potter altertechnisch eingeholt hatte und exakt im gleichen Alter bin wie die drei Hauptdarsteller der Filme (mein Geburtstag liegt exakt zwischen denen von Daniel Radcliffe und Emma Watson!), tat das Übrige. Ich bin, wie so viele auch, mit Harry Potter aufgewachsen. Die Geschichte, die Filme, die Musik haben meine Jugend geprägt. Dank ihnen wurde es mir ermöglicht, die Schule zu besuchen, die mich zu der Person gemacht hat, die ich nun relativ glücklich bin zu sein. Vielleicht markiert ja das Ende der Potter-Reise zugleich so etwas wie das Ende der Kindheit. Klingt sehr pathetisch. Aber kann es Zufall sein, dass der offizielle Kinostart in Deutschland, der Tag, an dem ich diesen Film erstmals sehen werde, eben jener Tag ist, an dem ich meine allerletzte Universitäts-Veranstaltung habe?

Wie man all das auch deuten mag; auch nüchtern und ohne Emotionen muss heute danke gesagt werden. Denn trotz der Tatsache, dass die heutige Weltpremiere eine Marketingkampagne war, die ihresgleichen sucht, und dass “Harry Potter” zu einer kommerziellen Marke geworden ist, deren Wert mehrere Milliarden Dollar beträgt, ist die Geschichte selbst immer sympathisch geblieben und hat nichts von ihrem Zauber eingebüßt. Anders als so viele andere Buch- und Filmserien haben die diversen Fortsetzungen nicht an Detail verloren, sondern eher gewonnen, die Regisseure und Produzenten sind nicht überheblich geworden und sämtliche jugendlichen Schauspieler sind zu großartigen Personen herangewachsen, die geerdet sind, freundlich und gebildet, britisch, jugendlich abgedreht, aber eben kein Macauly Culkin.

Für all das, für Millionen glücklicher Fans, für Millionen einzelne Geschichten und Momente, die vom “Jungen, der überlebte” bestimmt wurden, für zehn Jahre Filmvergnügen und 14 Jahre “Harry Potter”: Danke.

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