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Mit dem Sonderzug auf die Ehrenrunde

Etwa zwei Drittel des gut gefüllten Gästeblocks in Kiel

Beginnen wir sportlich und beginnen wir positiv: Leipzig hat nicht mit 5:1 verloren. Die rechnerische Aufstiegschance ist noch da und ja, Peter Pacults Aussage, die erste Halbzeit sei “das beste gewesen, was die Mannschaft dieses Jahr auswärts gespielt hat”, ist teilweise nachvollziehbar. Aber damit hört es eben auch auf.

Nach dem Spiel: Kiel feiert, Leipziger konsterniert

Nach 90 Minuten im prall gefüllten Kieler Holsteinstadion war auch das zweite von drei Spitzenspielen der Saison verdient mit 0:1 verloren. Die Kieler jubelten und für Leipzig sind so nun auch die letzten realistischen Chancen verspielt, im zweiten Anlauf in die dritte Liga aufzusteigen. Dabei entschieden an der Ostseeküste die im gesamten Saisonverlauf beobachteten Schwächen. Das Mittelfeld fand keine Mittel gegen die immer wieder starken Spieleröffnungen der Kieler, verhinderte im Gegenzug vielversprechende Situationen durch ungenaue Abspiele, technische Schwierigkeiten bei Ball-An- und -mitnahme brachten den Gegner immer wieder ins Spiel, die defensiv schwache Außenbahn verunsicherte das Team und letztlich fehlte wie so oft die letzte Konsequenz vor dem Tor. Alles bekannte Baustellen. Auch das Spielsystem wirkt wie “schnell den Ball nach Außen spielen und dann mal schauen”. Unkreativ, planlos, zu schlecht für Gegner wie Kiel, das durchaus höher hätte gewinnen können.

Doch trotz der begrabenen Aufstiegshoffnungen war die Partie im hohen Norden nicht kompletter umsonst. Über 600 mitgereiste Fans demonstrieren, dass zumindest die Fankultur auf dem richtigen Weg ist. Zum Vergleich: Zum letzten Auswärtsspiel in Kiel kamen damals ca. 25 Leipziger mit. Die Stimmung im mit 500 Mann voll besetzten Fanzug war prächtig, die Unterstützung im Gästeblock lautstark. Und, das muss an dieser Stelle auch mal erwähnt werden, um Welten kreativer als die der Gastgeber, die nicht viel mehr zu bieten hatten als die beiden Fangesänge “Holstein Kiel” und “Scheiß Red Bull” und auch erst nach dem Führungstreffer halbwegs laut wurden. Die Reise mit einem Sonderzug, wenngleich durch die Unterstützung des Vereins begünstigt, ist eine neue Qualität der Fanszene und ist nach nur drei Jahren Vereinsbestehen durchaus beachtlich. Besonders schön dabei: Die Atmosphäre war jederzeit friedlich und sportlich.

Schlechtes Foto von der Invasion der Leipziger am Kieler Hauptbahnhof

Stimmen, dass die Reise umsonst war, konnte man nicht finden. Vielmehr entstand das Gefühl, dass die gemeinsame Zugfahrt und das geteilte Leid (wobei “nicht aufsteigen” leiden auf hohem Niveau ist) die Fangemeinschaft weiter zusammengeschweißt hat. Das zeigt sich auch dran, dass es nach dem Ende des Spiels keine Pfiffe gegen die Mannschaft gab, sondern vielmehr Applaus als sich Kapitän Daniel Frahn als Reaktion auf die Schmährufe der Kieler Fans stolz auf sein Wappen schlug und dem Anschein nach beim Gang in die Fankurve den Tränen nah war. Er ist einer derjenigen, denen man das abkauft. Und auch wenn das nach Zweckoptimismus klingt – diese Fanentwicklung ist positiv und macht Hoffnung, dass auch die Unterstützung in der dritten Regionalliga-Saison nicht wegbröckelt.

Der kommende Sommer dürfte somit äußerst interessant werden. Bleibt Trainer Pacult? Oder kommt im vierten Jahr der vierte Trainer(stab)? Wie sieht der Kader 2012/13 aus? Kommt Kontinuität in den Kader oder gibt es erneut den großen Umbruch? Setzt man bei eventuellen Neueinkäufen auf Jugend oder Erfahrung, auf Bundesliga- oder Regionalliga-Erfahrung?  Wie kommuniziert man das zweite Scheitern den Fans? Wie groß wird der Druck aus Fuschl am See? Und wie wird die Ursachenforschung in der sportlichen Leitung aussehen? Meine persönlichen Ansichten dazu (bis auf die meiner Meinung nach suboptimale Kaderplanung) hebe ich mir mal für das Ende der Saison auf.

Sicher ist nur: Einfacher wird das Aufsteigen nach der Regionalligareform nicht. Aber andererseits… als RB Leipzig das letzte Mal mit Zwickau, Auerbach, Lok und (evtl.) Bautzen in einer Liga gespielt hat, verlief die Saison nach Plan.

Schnelldurchlauf

Viel passiert, viel zu erzählen, aber deshalb auch viel zu tun! Für meine Blog-Abstinenz versuche ich jetzt etwas zu entschädigen, indem ich einfach alle Themen, über die ich normalerweise einen eigenen Beitrag geschrieben hätte, jetzt kurz zusammenfasse. Das erspart euch auch die vielen lästigen Details. An den passenden Stellen verlinke ich wieder auf meine Satire-Beiträge, die bei mephisto97.6 im “Nachschlag” liefen. Und los geht’s:

Christian Wulff tritt zurück

Das war überfällig! Die “Causa Wulff” hat genervt wie kaum ein zweites Thema. Daran waren die Medien ebenso sehr schuld wie der Ex-Bundespräsident. Ich frage mich sowieso, weshalb sich in der Berichterstattung alle auf den Niedersachsen stürzten, anstatt mal ernsthaft zu thematisieren, welchen Anteil Angela Merkel an der ganzen Geschichte trägt. Schließlich setzte sie Wulff mit aller Gewalt durch, obwohl ihm schon 2010 viele das höchste deutsche Amt nicht zutrauten. Auch aus den eigenen Reihen übrigens, sonst hätte er sich wohl nicht erst im dritten Wahlgang durchgesetzt. Mit Köhler und Wulff hat Merkel die beiden farb- und profillosesten Präsidenten aus dem Hut gezaubert .

Ob Christian Wulff nun ein gestörtes Unrechtsverständnis oder flexible Moralvorstellungen hat, wird jetzt die Staatsanwaltschaft klären. Ich weiß nicht, was ich für einen Bundespräsidenten unwürdiger fände. Für ihn selbst stellt sich jetzt die Frage, wie es nach seinem Rücktritt weitergeht. Sucht er den Weg in die Wirtschaft? Was er auf jeden Fall sucht, ist der Weg zum Arbeitsamt. Wir haben diese Szene einmal nachgestellt:

Ehrenwert übrigens: Bis zuletzt hatte Christian Wulff noch einen tapferen Fürsprecher – Peter Hintze. Oder wie wir ihn nannten: Der letzte Mohikaner, der mit dem Wulff tanzte. Entstanden am Tag vor, gesendet am Tag des Rücktritts:

Joachim Gauck wird neuer Bundespräsident

Für jeden normalen Regierungschef wäre diese Entscheidung unter den gegebenen Umständen die endgültige Bankrotterklärung gewesen. Aber Angela Merkel ist kein normaler Regierungschef. Ob es daran liegt, dass politische Kehrtwenden mittlerweile zu ihrem Markenzeichen geworden sind, oder dass sie nach sieben Jahren an der Spitze des Kabinetts einfach keine Konkurrenz mehr in den eigenen Reihen hat, weiß ich nicht. Aber auch aus diesem neuerlichen Kurswechsel oder Fehlereingeständnis, oder wie man es nennen möchte, wird sie unbeschadet hervorgehen. Ein Phänomen.

Ich freue mich darüber, dass die Entscheidung für Gauck gefallen ist, ich finde es aber traurig, wie sie gefallen ist. Rot-Grün haben ihn benutzt, um der Regierung die lange Nase zu zeigen, Philipp Rösler hat ihn benutzt, um sich endlich mal durchzusetzen und irgendwie ein paar Prozentpunkte zu sammeln (notfalls auf Kosten der Koalition) und Merkel hat ihn letztlich benutzt, um sich als rational-pragmatisch zu geben und den überparteilichen Präsidenten zu finden. Alles unter dem Vorwand, Gauck sei der geeignetste Kandidat und man wolle Parteiinteressen hinten anstellen.

Jetzt ist es noch keine Woche her, dass der DDR-Bürgerrechtler als Kandidat benannt wurde, erst in drei Wochen wird er gewählt – und trotzdem zerreißen sich schon wieder alle die Mäuler über ihn. Die einen loben ihn als den Heilsbringer, die anderen sehen ihn als rückwärtsgewandten Konservativen. Ich persönlich erhoffe mir von ihm weder das eine, noch befürchte ich das andere. Ich erwarte nicht, dass ich seine Meinung immer teile, aber ich erwarte, dass er eine Meinung hat und diese auch äußert. Aber lassen wir ihn erst einmal ins Amt kommen.

Auch die Gauck-Mania durfte ich satirisch aufarbeiten. Gestern lief in unserer Sendung ein Korrespondentengespräch mit Uli Dorfdepp. Es begann mit der Frage – sie fehlt im folgenden Beitrag, weil live gestellt – “Wie wurde denn die Entscheidung für Gauck in Berlin und in Deutschland aufgenommen?

RB Leipzig vs. SV Wilhelmshaven 8:2

Was für ein Spiel! Der höchste Sieg der Vereinsgeschichte bei spitzenmäßigem Wetter war der optimale Auftakt in das Fußballjahr 2012. Neuzugang Roman Wallner feierte einen denkwürdigen Einstand mit drei Toren, Tomasz Wisio dürfte Umut Kocin dessen Rückkehr nach der Verletzungspause schwer machen und auch Hoheneder wirkt wie eine gute Ergänzung für die Innenverteidigung. So ein hoher Sieg war nötig, um mal ein Zeichen zu setzen – man darf ihn aber nicht überbewerten. Nach dem Rückstand war Wilhelmshaven kaum noch auf dem Platz und über die gesamten 90 Minuten hatte Leipzig so viel Platz wie wohl nie wieder in dieser Saison. Schon morgen muss diese Leistung beim TSV Havelse bestätigt werden. Dass die spielerische Qualität endlich ansehnlich war, dass endlich mal ein Tor nach einer Ecke fiel und dass endlich auch ein Konter erfolgreich zu Ende gespielt wurde, macht Hoffnung. Allerdings war das erste Pflichtspiel des Jahres alles andere als eine Standortbestimmung. Die folgt erst in der anstehenden englischen Woche bei Havelse, Zwickau und gegen Lübeck.

René Adler wechselt (voraussichtlich) zum HSV

Darüber würde ich mich gerne freuen. Immerhin wechselt einer meiner Lieblingstorhüter – und auch noch ein Leipziger! – zu meinem Lieblingsverein. Allerdings habe ich noch einige Bedenken. Nur Ralf Fährmann und Markus Pröll kommen an die Verletzungsanfälligkeit von Adler heran. Noch einen Leistungsträger, der permanent verletzt ist, kann sich der HSV wirklich nicht leisten. Und wenn man sich die Invalidenliste des HSV der letzten Jahre anschaut, gibt es sehr viele Orte, an denen man besser gesunden kann als Hamburg…

Außerdem macht Jaroslav Drobny nach Startschwierigkeiten mittlerweile einen guten Job. Er müsste dann definitiv gehen. Ob sich das unbedingt positiv auf seinen Kopf uns eine Leistungen auswirkt, darf man bezweifeln. Er wäre dann zudem ein weiterer dieser Sinnlostransfers des HSV. Als potenzieller Stammtorwart wurde er an der Alster zur Nummer zwei hinter Frank Rost degradiert, lag dem Verein, ohne Leistung zeigen zu können, auf der Tasche und verlor gleichzeitig an Spielpraxis und Form. Kommt jetzt Adler, würde er sich nach nur einem halben Jahr in annähernder Normalform wieder verabschieden. Alles sehr unglücklich.

Weitere Themen

Ein Aufreger-Thema im Februar war die gescheiterte Syrien-Resolution der Vereinten Nationen. Russland und China hatten sie im Sicherheitsrat blockiert. Anschließend reiste Russlands Außenminister Lawrow nach Syrien, um zu verhandeln. Das Protokoll des Treffens mit dem anschließenden russisch-syrischen Resolutionsentwurf liegt uns vor:

Schließlich begleitete uns mal wieder der Verfassungsschutz. Diesmal ging es darum, wieso er 27 Bundestagsabgeordnete der Linken beobachtet, aber zehn Jahre nichts vom NSU wusste oder nichts gegen ihn unternahm. Darüber wurde bei Günther Jauch diskutiert und da gab es nur eine einzige Frage:

Mein nächster Beitrag kann hoffentlich wieder ein einziges Thema etwas ausführlicher behandeln. Bis dahin wünsche ich viel Spaß beim Anhören!

Erfolgskalkül

20. Juli 2011 2 Kommentare

Leipzig vor dem DFB-Pokal

Als Peter Pacult als neuer Trainer von Rasenballsport Leipzig vorgestellt wurde, sagte der damalige Geschäftsführer Dr. Dieter Gudel sinngemäß, dass es einen Imageverlust nur durch sportliche Misserfolge gäbe; eine Aussage, die er im Nachhinein nicht überbewertet wissen wollte. Dennoch ist es offensichtlich, dass die Umkehrung dieses Satzes – “Erfolg gibt Recht” – genau die Strategie ist, die die Red-Bull-Zentrale in Salzburg verfolgt.

In den vergangenen Wochen hat man sich in Österreich alle Mühe gegeben, das Projekt RB Leipzig so unsympathisch wie möglich zu gestalten. Zentralistisch regiert und ohne das geringste Interesse, wie das hiesige Umfeld reagieren würde, vertrieb man mehr oder weniger freiwillig alle Personen, die in den ersten zwei Jahren das Gesicht des Vereins waren. Den üblichen Fußballmechanismen folgend wurden zuerst der Trainer und kurz darauf die Spieler ausgetauscht. Der kürzlich eingestellte Sportdirektor empfand seine Position ob des nicht vorhandenen Mitspracherechts als überflüssig und schmiss hin. Die Neubesetzung des Postens wurde dann vor einigen Wochen dem Geschäftsführer Gudel zum Verhängnis. Dieser wurde über die Verpflichtung von Wolfgang Loos im Urlaub informiert, sah seine eigenen Beteuerungen, in Leipzig handle man in Eigenverantwortung, ad absurdum geführt und schmiss das Handtuch. Um all dem die Krone aufzusetzen, wurde vor kurzem der Pressesprecher Enrico Bach nach nur vier Monaten Amtszeit entlassen und – wenigstens! – durch einen Pacult-Vertrauten ersetzt. Das wirft die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins nicht nur um Wochen zurück, sondern erweckt auch den Eindruck, man kümmere sich bei Red Bull nicht um die Personen, die man beschäftigt.

Kontinuität: Fehlanzeige. Geduld: Nicht vorhanden. Einbindung lokaler Fachkompetenz: Eher sinkend. Die Leipziger scheint all das jedoch kaum zu stören, so lange die Ergebnisse stimmen. Gestern wurden die ersten Vorverkaufszahlen für das DFB-Pokalspiel gegen den VFL Wolfsburg veröffentlicht. Zehn Tage vor der Partie wurden bereits 12.000 Karten verkauft. Zur Erinnerung: Vor den beiden Spielen gegen Chemnitz mit jeweils 12-13.000 Zuschauern wurden im Voraus lediglich 4000 Tickets verkauft. Der Verein steuert trotz nicht abreißender Negativschlagzeilen einen neuen Zuschauerrekord an. Es dürfte sich ein Zweikampf zwischen Dresden und Leipzig entwickeln, wer das größte Publikum in der ersten Runde des Pokals hat.

Wie groß die Unterstützung der Bevölkerung für den Verein trotz der unglücklichen Personalentscheidungen ist, zeigt vor allem, wie groß die Sehnsucht nach hochklassigem Fußball ist. Damit stellt Leipzig Red Bull gewissermaßen einen Freifahrtschein aus. Da nehmen die Fans sogar in Kauf, dass sie aufgrund der fehlenden Vereinsstruktur nie ein Mitspracherecht haben werden. Mittelfristig wird dieses Kalkül bei sportlichem Erfolg aufgehen. Sollte sich Rasenball jedoch auf längere Zeit im Profifußball etablieren, muss Red Bull verstehen, dass man nur dann wirklich in Leipzig ankommt, wenn man lokale Sportler und Verantwortliche einbindet und vor allem in Ruhe arbeiten lässt. Schon jetzt täte es dem Ansehen des Vereins gut, wenn nicht alle paar Wochen wieder bewiesen würde, dass die Fäden der Marionette Leipzig von Salzburg bzw. Fuschl am See aus gezogen werden.

Was die sportlichen Leistungen der nächsten Zeit angeht, kann ich noch nicht wirklich mitreden, da ich keines der bisherigen Testspiele sehen konnte. Liveticker und Spielberichte machen jedoch Lust auf die neue Saison. Pacult lässt auch mal ein 4-3-3 oder eine Mittelfeldraute testen und Tim Sebastians Tage in der Innenverteidigung sind wohl gezählt. Ballgeschiebe und lange Bälle scheinen der Vergangenheit anzugehören und vor allem sind wir endlich diese lästigen kurz ausgeführten Eckbälle los. Derzeit weilt die Mannschaft im österreichischen Bad Radkersburg im Trainingslager, um sich den Feinschliff für Pokalspiel und Regionalliga zu verpassen. Fußballerisch, so der Eindruck, hat sich über den Sommer vieles in die richtige Richtung bewegt. Allerdings sind dabei einige kompetente Personen und somit Sympathiepunkte auf der Strecke geblieben.

Die große Erleichterung

Irgendetwas war passiert. Darüber waren wir uns am Mittwoch bei der Pressekonferenz des Fußball-Regionalligisten RB Leipzig einig. Chefcoach Tomas Oral wirkte das erste mal seit Wochen (vielleicht sogar Monaten?) wieder entspannt und locker. Vor, während und nach der PK war er zum Scherzen aufgelegt, kam beim anschließenden Gespräch mit Co-Trainer Cakici und Mittelfeldmann Laas kaum aus dem Lachen raus. Entweder – darauf einigten wir* uns – sein Vertrag wurde kürzlich verlängert, oder aber die Trennung von Oral und RasenBallsport war endlich beschlossene Sache, das Thema vom Tisch.

In den späteren Abendstunden des Gründonnerstag kam dann die Bestätigung per Pressemitteilung. Der Fußballclub und sein Cheftrainer gehen nach Saisonende getrennte Wege. Man sei in der vergangenen Woche bei gemeinsamen Gesprächen zu diesem Entschluss gekommen. Es sei für beide Seiten das beste, sagte Sportdirektor Thomas Linke, Geschäftsführer Gudel dankte für die Arbeit und wünscht alles Gute und Oral selbst betont die “positive Entwicklung” der Mannschaft, bedauert den Nicht-Aufstieg und möchte die Saison mit guten Ergebnissen beenden. Für solche Sätze hätte man zwar eigentlich keine Pressemitteilung gebraucht, aber jetzt müssen sich die Journalisten wenigstens keinen Wortlaut ausdenken.

Ein Nachfolger steht noch nicht fest, man werde jetzt “den Markt sondieren”, so Linke. Vieles deutet aktuell auf Peter Pacult hin, der kürzlich von Rapid Wien entlassen wurde. Er habe dort einen “schweren Vertrauensbruch” begangen; man ist sich sicher, dass damit ein Gespräch mit den Verantwortlichen von Red Bull handelt. Ob es allerdings so klug ist, mit Pacult einen Mann zu holen, dem immer wieder die Fähigkeit abgesprochen wird, mit Menschen umzugehen, ist fraglich. Schließlich war es genau die “aufbrausende Art”, die schon bei Tomas Oral kritisiert wurde. Zudem werden die Stimmen lauter, mehr Leute mit regionalem Bezug einzustellen. Die Personalie Heiko Weber ist seit Mittwoch vom Tisch, nur der Name René Müller geistert noch immer herum.

Eine gewaltige Last dürfte Trainer und Mannschaft unmittelbar vor Bekanntgabe der Trennung vom Herzen gefallen sein. Genauer gesagt: Beim Abpfiff des Pokal-Krimis in Auerbach. RB Leipzig war beim Oberliga-Zweiten zum Viertelfinale des Sachsenpokals angetreten. Vor hitziger Kulisse (“Das Verhalten der Renterfraktion in Auerbach ist das Allerletzte. Da sind jegliche Ultra-Gruppierungen harmlos dagegeben. Was wir uns hier schon für Drohungen anhören mussten, hab ich in meinem ganz Leben noch nicht gehört. Unglaublich.” – RBL-Liveticker) und aufgrund einer Tätlichkeit von Tim Sebastian knapp eine Stunde in Unterzahl konnte sich Leipzig schließlich mit einem 1:2 ins Halbfinale kämpfen. Damit wahren sich die Rasenballer die Chance, die Saison nicht vollkommen erfolglos abzuschließen. Der Weg zum Titel und zur ersten Runde des DFB-Pokals wird allerdings schwer. Im Halbfinale warten entweder Zwenkau oder Dynamo Dresden (wird am 26.4. ausgespielt) und im Finale träfe man entweder auf Geburtshelfer Markranstädt – oder den Chemnitzer FC.

Der Wechsel zum Sommer ist in diesem Fall sicherlich die beste Lösung. Die Bundesliga-Mannschaften, die einen Trainerwechsel zum Saisonende angekündigt hatten (Bayern, Leverkusen, Freiburg, HSV, St. Pauli), zeigten in den darauf folgenden Spielen jedoch keine überzeugenden Leistungen. Vielleicht geht ja wenigstens dieser Trend an RB Leipzig vorbei.

*”Wir” sind in diesem Fall René, der Administrator der Seite rb-fans.de Oskar und ich.

Red Bull und der Realitätsverlust

18. Februar 2011 3 Kommentare

Leipzig wird Kiel geholt.

Versagen auf ganzer Linie.  Ein anderer Ausdruck lässt sich für das, was heute in der Red Bull Arena passierte, nicht finden. Das 1:5 von RB Leipzig gegen Holstein Kiel war keine Niederlage, es war eine Demontage, eine Vorführung, der bisher erfolgreichste Versuch, das Projekt RBL zu zerstören.

Es begann noch recht hoffnungsvoll mit einem schön heraus gespielten Führungstreffer der “Bullen”. Doch nach dem 1:0 in der 15. Minute war es mit der Herrlichkeit vorbei. Nach einer simpel gespielten Standardsituation der Kieler (mit Betonung auf Standard) fielen der Ausgleich und der Leipziger Siegeswille. Was dann folgte, war eine Blamage bis auf die Knochen. Die Abwehrreihe heißt ab sofort “Achse des Bösen”, sie hätte sich eigentlich gleich die Trikots der Gegner überstreifen können. Ein riskantes Rückspiel jagte das nächste, gleich vier Mal versagte die Abseitsfalle kläglich, jedes Mal hob Thomas Kläsener es auf und ließ anschließend seinen Gegner in Ruhe auf das Tor zulaufen. Nur durch Glück und Aluminium entstanden aus diesen Situationen nur zwei Gegentore.

Die Gäste wurden über die vollen 90 Minuten immer wieder freundlich zu Kontern eingeladen. Sie demonstrierten, wie gute Abwehrarbeit und schnelles und genaues Passspiel funktionieren. Und sie deckten schonungslos die Schwächen der Rasenballer auf. Es fehlt trotz Rockenbach an Kreativität, Spielsystem und Abschlussstärke und die Defensive ist nicht nur nicht eingespielt, sondern auch zu alt und zu langsam. Es fehlt an Zweikampfstärke, an Einsatzwillen, eigentlich an allem.

Spätestens seit heute ist klar: Auch abseits des Platzes wurden gravierende Fehler gemacht. Es beginnt mit Trainer Tomas Oral, der den nach zwei verschuldeten Gegentoren stark verunsicherten Kläsener nicht schon zur Pause auswechselte und der es offensichtlich auch in der Winterpause nicht geschafft hat, das Team mit einem Angriffsplan auszustatten. Auch Müller hätte er früher vom Platz nehmen müssen. Und zwar etwa sechs Monate früher. Dazu kommt die klägliche Bilanz von mindestens 20 Ecken und einer einzigen daraus resultierenden Torchance. Weiter geht es mit der Kaderplanung. Die Schwächen in der Abwehr gibt es nicht erst seit heute. Schon vom ersten Spieltag an war zu sehen, dass jüngere Außen- und gute Innenverteidiger (eben nicht Tim Sebastian) gebraucht werden. Gehandelt wurde auf dieser Position immer noch nicht.

Man scheint bei RasenBallsport die Realität aus dem Blick verloren zu haben. Sechs- bis zehntausend Zuschauer erwartete Geschäftsführer Dieter Gudel noch am Mittwoch für das Spiel. 3600 kamen. Und die hatten die Nase gestrichen voll. Nach dem 1:4 hallte es eine geschlagene halbe Stunde wiederholt mit Inbrunst “Oral raus!” durch das Stadion. Der geballte Frust  der Fans nach einer miserablen Hinrunde und einem katastrophalen Spiel entlud sich mit einem Mal. Die Landung auf dem Boden der Tatsachen hätte härter nicht ausfallen können.

Abende wie dieser können viel zerstören. Denn auch die Zuschauer verhielten sich gegen Ende sehr unbedacht. Fehler des eigenen Teams wurden mit Häme bedacht, die Aktionen des Gegners gefeiert. Statt den “Bullen” verliehen die Fans von Red Bull den Kieler “Störchen” Flügel. Rückendeckung für eine Mannschaft sieht anders aus. So viel Hohn und Spott muss das Team erst einmal wegstecken; von den eigenen Fans derartig ausgelacht zu werden, ist die Höchststrafe für jeden Fußballer. Man kann nur hoffen, dass es jetzt nicht zur Zerrüttung von Mannschaft und Fans kommt, sondern dass es schon Mittwoch eine sportliche Reaktion gibt, in der das Team zeigt, dass es das Vertrauen zurück gewinnen möchte und die Fans sich geschlossen hinter das Team (nicht unbedingt hinter den Trainer) stellen.

Es wird Zeit für RB, aufzuwachen und Fehler zu korrigieren. Man ist noch lange nicht so weit, wie man geglaubt hat.

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