Interextinktionsmodell
Profildebatte am IfKMW Leipzig
“Das System der PR und das System des Journalismus beeinflussen einander und ermöglichen sich dadurch gegenseitig” besagt das “Intereffikationsmodell” nach Professor Dr. Günter Bentele, Professor für Public Relations bzw. Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig. Seine Wortneuschöpfung um das lateinische Wort “efficare” ist heutzutage in PR-Kreisen weitestgehend akzeptiert. Trotzdem sieht es am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft ganz danach aus, als sei das Gegenteil der Fall.
Ein Hauch von “Twilight” wehte gestern durch den Hörsaal drei. “Team Edward” gegen “Team Jacob”. In diesem Fall “Team Journalismus” gegen “Team PR”. Der Fachschaftsrat KMW hatte zu einer Informationsveranstaltung geladen, in der Studenten und Professoren gemeinsam die Pläne der Umstrukturierung des Instituts diskutieren konnten. Noch bevor es los ging, versuchte eine MDR-Redakteurin, Stimmen von Studenten einzufangen, fand nur “PRler”, suchte verzweifelt “Journalisten”, ein erneuter Eklat schien in der Luft zu liegen, manch einer hoffte sogar darauf. Schließlich gab es kurz zuvor in der ZEIT Geschichten über lautes Anschreien der Professoren auf dem Gang zu lesen.
Es bliebt jedoch alles ruhig am Montagabend. Grund: Die Journalistik war nicht anwesend. Frei nach dem Motto “Wenn man nicht da ist, gibt es auch keinen Streit” glänzten Professor Machill und Mitarbeiter durch Abwesenheit. So kam es zwar zu keiner Eskalation, aber die ganze Veranstaltung wurde dadurch ein Muster ohne Wert. Sinnbildlich dafür stand Professor Bentele, der mit schweren Augenlidern in der ersten Reihe saß und dem Einschlafen nahe wirkte.
Die geplanten Strukturreformen sehen wie folgt aus: Die Professur des emeritierten Journalistik-Professors Michael Haller wird gestrichen, ebenso die knapp fünf Mitarbeiter-Stellen im gleichen Bereich. Mit den dadurch frei werdenden Mitteln wird ein weiterer Lehrstuhl in der PR geschaffen und unter dem Titel “Umwelt- und Gesundheitskommunikation” ausgeschrieben. Die Master-Studiengänge werden ebenfalls komplett umgestaltet. Sie heißen dann “Kommunikationswissenschaft”, “Medienwissenschaft und -Praxis” und “Kommunikationsmanagement”. Der bisherige “Master Hörfunk” wird in den “Praxis”-Master integriert und nicht von der Journalistik getragen. Journalismus selbst studiert man weiterhin in einem eigenen, nicht-konsekutiven Master, jedoch zukünftig mit nur noch 20 statt 44 Plätzen. Neben Professor Machill soll es eine Juniorprofessur zum Thema “Journalismusforschung” geben.
Mit den Änderungen sollen mehrere Ziele erreicht werden. Die finanziellen und personellen Mittel sollen unter den Fachbereichen gleichmäßiger verteilt und Kürzungen des Ministeriums umgesetzt werden. Die Studentenbetreuung soll besser werden. Der bislang kaum vorhandene Forschungs-Anteil in der Journalistik soll ausgebaut werden, Spezialisierungen im Master sollen klarer werden und schließlich soll mit der neuen Professur ein attraktiver, zukunftsorientierter Studiengang geschaffen werden. So zumindest konnten es die PR-Professoren den Anwesenden einimpfen.
Wichtige Fragen konnten jedoch immer noch nicht befriedigend beantwortet werden. Rechtfertigt die Nachfrage eine dritte PR-Professur? (“Wir gehen davon aus, dass wir in einigen Jahren die Studiengänge voll bekommen.”) Warum öffnet sich die Journalistik nicht auch für KMW-Bachelor? Vor allem drängen sich jedoch zwei Fragen auf: Wenn gekürzt werden muss, wieso kann die PR trotzdem eine weitere Professur bekommen? Wäre es nicht sinnvoller, stattdessen die Mittel für weitere wissenschaftliche Mitarbeiter und Tutoren einzusetzen, die eine adäquate Studentenbetreuung meist besser gewährleisten können als ein Professor? Man könnte, wenn man kürzen muss, sogar darüber nachdenken, einen wenig nachgefragten und nicht so Recht zum Rest passenden Bereich (z.B. Buchwissenschaft) komplett aus dem Programm nehmen und damit Mitarbeiterstellen erhöhen und Studienbedingungen verbessern. Natürlich wäre das ein radikaler Schritt, der, wie Professor Zerfaß sagte, wohl auch vom Rektorat angefragt werden wird. Letztendlich sollten die Bedürfnisse der Studenten entscheidend sein.
Die Diskussion geht allerdings über all diese rationale Argumente hinaus. Für öffentliche Institutionen ist, auch das haben wir in PR gelernt, kaum etwas wichtiger als das Ansehen, das “Image”. Was für ein Bild muss man von der Uni Leipzig bekommen, wenn es doppelt so viele Professuren für PR wie für Journalistik gibt? Ein Institut, das den Ruf genoss, einer der Standorte in Deutschland zu sein, der herausragende und so wichtige unabhängige Journalisten ausbildet, würde somit zu einem Ort werden, der Interessensvertreter hervorbringt. In einer Zeit, in der PR mehr und mehr das öffentliche Leben beherrscht, sollte es gerade einer Universität wichtiger sein, exzellente Journalisten zu schaffen. Wenn den Public Relations nun eine zahlenmäßig doppelt so große Bedeutung beigemessen wird und man auf den Zug der wirtschaftsrelevanten Fächer aufspringt, bedeutet das entweder, dass man die Zeichen der Zeit nicht verstanden hat, oder dass sich die PR für bedeutsamer hält, als sie ist.
Eine Reform am Institut ist nötig und die Pläne für den Master sehen so schlecht nicht aus. Über eine derartige Prioritätensetzung sollte jedoch noch einmal ernsthaft nachgedacht werden. Da macht es ein klein wenig Hoffnung, dass es heute hieß, der Institutsrat würde zunächst von einem Beschluss absehen und konstruktive Gespräche mit allen Beteiligten anstreben. Andernfalls könnte es dazu kommen, dass sich PR und Journalismus gegenseitig abschaffen. Der Ruf für beide Seiten hat schon jetzt gelitten. Interextinktion eben.

Letzte Kommentare