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Verfassungsschutz-approved!

7. Januar 2012 4 Kommentare

“Zeitungszeugen – Geschichte erlesen”

Mittwochabend während der Redaktionssitzung, als wir eigentlich auf erste Einschätzungen zum Wulff-Interview warteten, überfiel uns dieser Werbespot für das Magazin “Zeitungszeugen”. Seit Donnerstag ist diese Zeitschrift wieder im Verkauf. Sie sammelt Nachdrucke von Zeitungen aus der Zeit des Nationalsozialismus mit dem Ziel, dem Leser zu vermitteln, wie bestimmte Ereignisse damals verbreitet und aufgenommen wurden. Kommentare von Historikern sollen die Inhalte einordnen. Wir besorgten uns tags darauf die erste Ausgabe, denn Werbung und Aufmachung des Magazins waren für uns als Satire-Redaktion gefundenes Fressen. Erst recht, da unsere Sendung “Nachschlag” heißt und folglich mit “NS” abgekürzt werden kann… Hier nun das bissige Ergebnis mit Anmoderation:

Sie ist blond, sie ist blauäugig und sie liest die NSDAP-Zeitung „Der Angriff“. Ein Bild der Vergangenheit? Oh nein! Seit gestern ziert dieses durch und durch deutsche Stillleben den Titel einer am Kiosk erhältlichen Zeitschrift. Nach einem Jahr Pause erscheint das Magazin „Zeitungszeugen“ wieder regelmäßig. Warum das ein Grund zur Freude ist, verrät Ihnen unser Geschichts-Experte Guildo Knopf aus Wildbad Kreuth. 

“Zeitungszeugen”-Beitrag anhören/downloaden. (2:15 min.)

Aber ganz im Ernst:

Die Idee des Magazins ist durchaus interessant. Zeitungen sind wichtige historische Quellen und sagen viel darüber aus, wie über diverse Themen und Personen gedacht wurde. Es kann folglich tatsächlich “spannend” sein, solche Dokumente zu lesen und Interessierten den Zugang zu erleichtern, ist per se löblich. Deshalb gab es “Zeitungszeugen” von 2009 bis 2010 schon einmal für zwei Jahre.

Problematisch wird es beim genaueren Hinsehen. Nach Hitlers Machtübernahme wurde die Presse bekanntlich massiv kontrolliert. Selbst in den Zeitungen, die nicht von den Reichsbehörden herausgegeben wurden, war somit so etwas wie unabhängiger Journalismus nicht möglich. Was das Volk dachte, lässt sich in der Presse also kaum finden, sondern nur, was die NS-Propaganda dem Land vermitteln wollte. Der Erkenntnisgewinn hält sich in Grenzen. Das Abdrucken und Lesen von ideologieprägenden Propagandatexten Joseph Goebbels’, dem Aufmacher der ersten “Zeitungszeugen”-Ausgabe, hat für meinen Geschmack mehr mit Sensationsgeilheit zu tun als mit Interesse am historischen Geschehen.

Bis hierhin ist das alles noch Ansichtssache. Auch über N24-Hitler-Dokumentationen kann man geteilter Meinung sein. Meine Kritik geht jedoch darüber hinaus. Die Menge der Nazi- und Kommunismus-Propaganda, die zumindest in Heft eins abgedruckt ist, steht in keinem Verhältnis zu den einordnenden Kommentaren. Dem kompletten KPD-Blatt “Der Kämpfer” stehen beispielsweise zwei kleine Anmerkungen gegenüber.

Nicht nur die Menge, auch die Qualität der Kommentare lässt zu wünschen übrig. Viele Teilstücke der so genannten “Leser-Lupe” fassen lediglich den Inhalt der Zeitungsartikel zusammen. Andere bleiben mit ihrer Einordnung stark an der Oberfläche, erklären beispielsweise, dass die Sprache der Nationalsozialisten von Gewalt geprägt war. Nur wenige haben einen echten Mehrwert für den Leser. Gefährlich werden die Einschätzungen zur Ausgabe der “Deutschen Allgemeinen Zeitung”, die der Zeitschrift beiliegt. Sie wird als vorbildlich arbeitendes, journalistisch unabhängiges Medium gelobt, das differenziert über die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler berichtet. Das ist zwar nicht verkehrt, allerdings fällt in dem gepriesenen Leitartikel von Fritz Klein auch der Satz: “Wir halten die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler unter diesen Umständen für richtig.” Entscheidend wäre hier gewesen, dem Leser zu erläutern, weshalb auch unabhängige, kritische Journalisten Hitlers Machtübernahme nicht feierten, aber begrüßten, was sie sich erhofften und wie berechtigt diese Hoffnungen waren. Nichts dergleichen geschieht.

Für Schulunterricht und Studium ist “Zeitungszeugen” sicherlich eine brauchbare Arbeitsgrundlage. Als Fach- oder Special-Interest-Zeitschrift taugt sie jedoch nicht. Dafür sind die kritischen Einordnungen viel zu dünn. Es wäre übertrieben, das Magazin als jugendgefährdend abzustempeln. Dennoch habe ich ein ungutes Gefühl, wenn so viel nationalsozialistische Pressearbeit derart ungefiltert an jedem Kiosk erhältlich ist. Ginge es den Herausgebern um die Wissensvermittlung, hätten sie ausgewählte Texte im Original abgedruckt und in Form einer klassischen Zeitschrift mit ausführlichen Kommentaren versehen. Die tatsächliche Aufmachung und Aufbereitung der Inhalte schürt stattdessen vielmehr die so zwielichtige Faszination am Nationalsozialismus. Was als Geschichtsmagazin vielversprechend klingt, verkommt so zu populärwissenschaftlicher Geldmacherei. Besonders in Zeiten, in denen über eine Verharmlosung der deutschen rechtsextremen Szene diskutiert wird, ist das äußerst fragwürdig.

Bröckelt die vierte Säule?

24. November 2011 1 Kommentar

Die Presse und die “Dönermorde”

Im Zuge der Ermittlungen zu der rechtsextremen Gruppierung “Nationalsozialistischer Untergrund” (NSU), die mutmaßlich für die so genannten “Dönermorde” und den Mord an einer Polizistin aus Heilbronn verantwortlich ist, erreichen uns beinahe täglich neue Nachrichten von Verfehlungen der zuständigen Behörden. Politik, Presse und Öffentlichkeit werfen Polizei, BKA und Verfassungsschutz Totalversagen vor. Acht Morde an Türken, ein erschossener Grieche – da hätte man doch auf einen rechtsextremen Hintergrund kommen können!

Natürlich ist dieser Vorwurf gerechtfertigt. Es steht auch außer Diskussion, dass die genannten staatlichen Einrichtungen in der Pflicht waren, die Mordserie aufzuklären. Und trotzdem waren es nicht nur Kripo und Verfassungsschutz, die die fremdenfeindlichen Motive der Mörder übersehen haben. Auf Grundlage der Ermittlungsinformationen berichteten die Medien damals nur von der Suche im türkisch/südländischen Drogenmilieu. Offenbar wurde kein Journalist anhand der Nationalitäten der Mordopfer stutzig und fragte öffentlich, ob der oder die Täter nicht im nationalsozialistischen Milieu zu suchen seien. Mehr noch: In einem ARD-Hörfunk-Feature aus dem Jahr 2010 sagte ein Polizist sogar “ich glaube, dass es sich bei dem Täter um jemanden handelt, der die Opfer nach ihrer Ethnie und nach dem Umfeld aussucht.” Doch selbst nach dieser Äußerung blieb jeder Verdacht seitens der Journalisten, ob es sich dann nicht um rechtsextreme Attentäter halten könnte, aus.

Nun ist es nicht Aufgabe der Medien, in Mordfällen zu ermitteln. Aber als “vierte Säule der Demokratie” sind Rundfunk und Presse für die Aufdeckung von Missständen und Fehlern mitverantwortlich. Dass in der (online verfügbaren) Presseberichterstattung zu der Mordserie die Wörter “rechtsextrem”, “nationalsozialistisch” oder “fremdenfeindlich” praktisch nicht vorkommen, ist deshalb beachtenswert. Dafür, dass heute der Tenor der Berichte ist “Mal ehrlich, da hätte man drauf kommen können!”, war man damals ähnlich “blind auf dem rechten Auge”, wie es heute den Behörden vorgeworfen wird.

Alles mögliche wird von investigativen Journalisten aufgedeckt: Kinderarbeit bei Kik, Steuerhinterziehung bei AWD, Plagiate bei Doktorarbeiten. Wie kommt es, dass sich für diesen “spektakulären Fall” (Hamburger Abendblatt) offenbar niemand interessiert hat? Der “Spiegel” schreibt 2006 über einen Verfassungsschützer, der zwischenzeitig zu den Tatverdächtigen gehörte und springt nicht darauf an? Für mich gibt es dafür zwei Erklärungen. Entweder nicht nur Politik und Verfassungsschutz, sondern die gesamte deutsche Gesellschaft inklusive Medien hat die Gefahr des rechten Terrors unterschätzt. Dass Neonazis zu mehr in der Lage sind als hin und wieder einen alten Mann zu verprügeln, wollte man nicht wahrhaben. Oder aber Investigativjournalisten (und ggf. Behörden) haben zu viel Angst vor der rechten Szene, um sich dort gezielt einzuschleusen und die gefährlichen Machenschaften ans Tageslicht zu bringen. So könnten die Rechtsradikalen im Untergrund agieren, ohne befürchten zu müssen, dass irgendwer etwas mitbekommt. Ich weiß nicht, welcher Ansatz mir mehr Sorgen macht. (Möglichkeit drei, dass sich keiner wirklich für Morde an Migranten interessiert, darf man aus Gründen der politischen Korrektheit vermutlich nicht direkt nennen.)

Die “vierte Säule” gerät dadurch natürlich nicht in Gefahr oder verliert ihre Daseinsberechtigung, dazu ist ihr Beitrag nach wie vor zu wichtig. Der Fall des NSU zeigt jedoch, dass auf allen Ebenen entschieden gegen Nationalsozialismus und Fremdenfeindlichkeit gekämpft werden muss. Das schließt Journalisten ein, die Kriminalbehörden bei der Recherchearbeit helfen sollten, wie sie es in nahezu allen anderen Gesellschaftsbereichen bereits tun. Ich habe die Sachdiskussion während der Ermittlungen ab dem Jahr 2000 nicht im vollen Umfang mitbekommen, kann jetzt nur nachlesen, was damals geschrieben wurde und möchte deshalb niemandem Versagen vorwerfen, da es mir nicht zusteht. Aber ich möchte daran erinnern, dass sich alle, die heute sagen, man hätte doch damals erkennen müssen, dass es sich um Nazi-Terror handelt, zuerst an die eigene Nase fassen sollten. Das ändert zwar nichts daran, dass der Verfassungsschutz seine Aufgabe offensichtlich nicht erfüllt hat, ist aber eine Frage der Fairness.

Sensationslust oder Produktionszwang?

31. März 2011 2 Kommentare

Das Schicksal der Jemen-Geiseln bleibt unklar

“Die Jemen-Geiseln sind angeblich tot.” Mit diesem Satz begann am Montagmorgen die Redaktionssitzung. Für die fragenden Gesichter gab es eine kurze Erklärung hinterher. Am 12. Juni 2009 war ein Ehepaar aus Meschwitz bei Bautzen mit seinen drei Kindern und drei weiteren Frauen im Jemen entführt worden. Sie waren Hilfskräfte der christlichen Organisation “Worldwide Services”. Ein Jahr später wurden zwei der Kinder freigelassen, vom Rest der Familie Hentschel fehlt noch immer jede Spur – bis jetzt?

Am Samstag berichtete der MDR im Sachsenspiegel, die Leichen der deutschen Ärzte seien womöglich gefunden worden. Ein Twitterer hatte das geschrieben, bestätigen konnte die Meldung allerdings niemand, da die Lage im Jemen durch den Bürgerkrieg derzeit sehr unübersichtlich ist. Das Auswärtige Amt, hieß es, nehme die Spur jedoch ernst und stünde mit der Botschaft in Sanaa in Kontakt. Gerüchte wollten wir jedoch nicht senden. Also begab ich mich an die Recherche – und musste feststellen, dass bei den Medien offensichtlich die Scheuklappen herunter gehen, sobald eine Sensation in der Luft liegt.

Einen Anfang zu finden, war nicht schwer. Das Auswärtige Amt konnte ja noch nichts sagen und die Kosten eines Telefonats nach Jemen wollte ich dem Gebührenzahler ersparen. Am besten fängt man sowieso bei der Quelle an. Der MDR-Bericht bezog sich auf diesen Tweet des Twitterers “abdulkader alguneid“:

BREAKING NEWS #GERMANY BODIES FOUND IN REMAINS OF OTHMAN MUJALLI HOUSE SAADA.Fled to Saudi Arabia after planting explosions #yf #YEMEN

Über die Person Alguneid war wenig herauszufinden. Er scheint jedoch äußerst aktiv zu sein, was die Kommunikation von Informationen aus dem arabischen Raum angeht und macht einen vergleichsweise seriösen Eindruck. Deshalb reichte es diversen Medien offenkundig, diese Information zu übernehmen, mit einem “möglicherweise” zu versehen und zu publizieren. Dass die Morgenpost sofort darauf einsteigt, war zu erwarten, von der Deutschen Welle erwartet man allerdings Gründlichkeit, was dem Medium wesentlich mehr Seriosität und der Meldung Gewicht verleiht.

Vielleicht haben MoPo, DW und MDR sogar noch den langen Tweet gelesen, der die Geschichte etwas ausführlicher beschreibt. Ein gewisser Shaikh Othman Mujalli habe seit einiger Zeit ein Hotel besetzt, wurde angewiesen, selbiges in die Luft zu sprengen und den Anschlag einem verfeindeten Clan anzuhängen. Nach der Explosion seien dort das Auto der Vermissten und wenig später deren Leichen gefunden worden. Noch immer keine Bestätigung für eines der Ereignisse. “Eine Quelle” habe es dem Twitterer erzählt.

Auf der Suche nach der ominösen Quelle stieß ich dann auf folgenden Tweet:

@JNovak_Yemen @ivushkin Story of Finding of vanished German Drs was told by #Saada Shaikh Faisal Manna’a x-MP to MA Mutawakkel

Ein Shaikh Faisal Manna’a war im Internet nicht ausfindig zu machen, wohl aber ein Mohammad Abdulmalek Al Mutawakkel – “MA Mutawakkel”. Er ist ein arabischer Politikwissenschaftler, eine Wortmeldung seinerseits zu dieser Geschichte war nirgends zu finden. Stattdessen führt die Suche nach ihm auf ein Blog namens “Sana Today“. Dabei handelt es sich um ein frei zugängliches Blog, auf dem alle Nutzer aufgefordert sind, Blogeinträge zu verfassen, die die Wirklichkeit im Jemen darstellen, vorbei an der Zensur. Der Leitspruch der Plattform lautet “Be the Revolution”.

Auf dieser Seite fand ich einen Eintrag eines leider anonymen Bloggers, der mit hoher Wahrscheinlichkeit die Quelle des Twitterers Alguneid ist. Er beschreibt genau die Geschichte, die später über Twitter verbreitet wurde. Am Donnerstag, 24.03.2011, ,mittags, verfasste er seinen kurzen Text, wenige Stunden später schwirrte sein Inhalt durch das gesamte Internet. Eine Reaktion, mit der er nicht gerechnet hat und die er nun bedauert.

Tragischerweise nahm offenbar niemand mehr wahr, dass er sich nur einen Tag später an der selben Stelle zu Wort meldete. Kommando zurück, die Meldung vom Vortag war falsch. Das angeblich gesprengte Hotel stünde noch, die Leichen der Deutschen seien nicht gefunden worden und auch das Auto sei nur sehr ähnlich.

Zu spät. Die tragische Meldung war im Umlauf, der Schneeballeffekt nicht mehr aufzuhalten. Und an vorderster Front der MDR.

Muss man den Sender nun für seinen Bericht verurteilen? Schließlich habe ich keine übermenschlichen Rechercheleistungen erbracht und auch kaum 20 Minuten gebraucht, um zu meinem Ergebnis zu kommen. Hat die Sehnsucht nach Sensationsmeldungen die Sorgfaltspflicht ausgestochen? Zu gewissen Teilen trifft das sicherlich zu. Nach meinen sechs Wochen Praktikum kann ich das jedoch nur allzu gut verstehen. Jeden Tag sucht man händeringend nach Themen, über die man berichten kann. Eine Meldung wie diese kommt da – so makaber das klingt – genau richtig. Der Zwang, jeden Tag 24 Stunden Programm senden zu müssen, schlägt sich leider häufig auf die Qualität der Beiträge nieder. Ein wenig mehr Feinfühligkeit wäre jedoch trotzdem wünschenswert. Ich musste dabei ein wenig an das Lied von Reinhard Mey denken: “Was in der Zeitung steht.”

Ein echtes Urteil kann nur die Familie der Vermissten fällen. Sie sind die Leidtragenden, die angesichts solcher Nachrichten ein wahres “Wechselbad der Gefühle” durchmachen müssen. Ich meine, es war richtig, über die (Falsch-?)Meldung zu berichten, da dadurch das öffentliche Bewusstsein gestärkt wird und der Druck auf die Behörden wächst, den Fall vielleicht doch noch aufzuklären. Allerdings hätte der Beitrag auch funktioniert, wenn man am Ende aufgelöst hätte, dass sich die Nachricht offenbar nicht bestätigt. Für mich ist das schlimmste an dieser Geschichte, dass Familie Hentschel selbst nach der Revidierung der Todesmeldung nicht beruhigt sein kann. Johannes und Sabine Hentschel bleiben verschollen.

Spiegel-BILD

5. Dezember 2010 2 Kommentare

Reaktionen auf den Unfall bei “Wetten, dass…?”

Samuel K., 23-jähriger Wettkandidat bei “Wetten, dass…?”, verunglückte am Samstagabend live vor allen Kameras. Er wollte mit Sprungfedern an den Füßen über fünf fahrende Autos springen. Beim vierten, gefahren von seinem Vater, sprang er nicht hoch genug, stürzte schwer und blieb regungslos am Boden liegen. Das ZDF machte das einzig Richtige, zeigte kein einziges Bild des Kandidaten und der notärztlichen Versorgung und brach die Sendung erstmals in seiner Geschichte ab. Eine Entscheidung, die Respekt verdient, angesichts der Quotengaranten Justin Bieber, Cameron Diaz und vor allem Take That, die alle nach Düsseldorf eingeladen waren.

Bei so einem Zwischenfall in “Europas größter Fernsehshow” ist es selbstverständlich, dass sofort auf allen Kanälen darüber berichtet wird. Dass die BILD hochgradig geschmacklos reagiert, war leider zu erwarten: Bilder des Unfalls und des bewusstlosen Samuel auf dem Boden und der Trage und dazu Überschriften wie “Unfall-Drama bei Wetten, dass”. Wie respektlos kann man eigentlich sein, erstens überhaupt Bilder davon zu machen und diese zweitens auch noch zu veröffentlichen?

Anders als die BILD gilt der “Spiegel” jedoch als Qualitätsjournalismus. Der Informationsgehalt der Artikel auf “Spiegel Online” ist selbstverständlich auch höher, der Schreibstil aber erschreckend ähnlich. Bereits wenige Minuten nach dem Unglück las man dort nach einigen Absätzen sachlicher Berichterstattung Sätze wie “Dann nahm Samuel K. Anlauf, schwarzer Helm auf den Kopf, die Sprungprothesen an den Füßen. Sein Vater fuhr ihm in einem Audi entgegen, der Absprung glückte, doch Samuel K. schlug hart auf, lag reglos am Boden. Gottschalk fragte noch: ‘Wehgetan?’” Emotion vor Information. Am Sonntag wurde es noch drastischer. In den Vormittagsstunden zeigte SPON auf der Startseite den regungslosen Samuel unmittelbar nach seinem Sturz mit dem Verweis auf die Fotostrecke prominenter als dem zum Artikel. Der Titel “Die Schattenseite des Quotenkampfs” passt nicht nur zur Sendung. So beginnt der Beitrag dann auch mit den Worten “Der schwerste Moment in der Geschichte von “Wetten, dass…?” ist nur für den Bruchteil einer Sekunde im Fernsehen zu sehen, dann wendet sich die Kamera ab.” und wird fortgesetzt mit “”Wetten, dass…?”-Kandidat Samuel K. liegt regungslos da, die Hüfte verdreht, mit dem Gesicht zum Boden. Die überdimensionalen Sprungfedern, mit denen er Salti über fünf Autos schlagen wollte, stehen unförmig von seinen Füßen ab.” – Texte wie aus reißerischen Vorabend-Dokumentationsfilmen. Alle weiteren Artikel zum Thema auf der Seite sind ganz genau so geschrieben. Allein stehende (Ab-)Sätze wie “Der vierte Sprung ging daneben.” wären auch in Boulevard-Zeitschriften nicht fehl am Platz. (Siehe dazu auch “Gute Arbeit, SPON” aus dem Misanthropenwald)

Dass es auch sachlich und ohne dramatischen Unterton geht, beweisen fast alle anderen “Qualitätsmedien”. Ob FAZ, Süddeutsche, Zeit, Tagesschau oder – im Video – ZDF Heute. Ein Hoch auf das Gebühren-finanzierte Fernsehen und den echten Qualitätsjournalismus.

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In die Ferne gerückt

19. Oktober 2010 3 Kommentare

Man kann sich Konflikte auch herbei reden. Ganz gleich, ob es um Geschlechterrollen geht, um deutsche Leitkultur oder um die Unterschiede zwischen Ost und West. Beiträge aus dem “Heute Journal” wie dieser hier, ausgestrahlt am 17. Oktober 2010, tragen dazu bei.

Berichtet wird über die Imagekampagne der Ostdeutschen Universitäten “Studium Fernost”. Ziel des Programms ist es, Abiturienten aus den alten Bundesländern an die Hochschulen zu locken, um die rückläufigen Bewerberzahlen abzufedern, die vor allem den geburtenschwachen Jahrgängen nach der Wende geschuldet sind. Die Universität Leipzig wird für den ZDF-Beitrag als Beispiel ausgewählt.

Zentrale Argumente der von der Werbebranche prämierten Image-Aktion sind unter anderem das gebührenfreie Studieren, hochmoderne Arbeitsbedingungen  und, vor allem in Dresden und Leipzig, kommende Wirtschaftszentren (Porsche, BMW, AMD/Globalfoundries, Solar World, …). Von den billigen Wohnungsmieten ganz zu schweigen. Leider gibt es im Rahmen des Programms auch ziemlich überflüssige Zusatzangebote. Und auf die stützen sich die ZDF-Redakteure.

Für Teilnehmer des “Fernost”-Programms wird ein freiwilliger Sächsisch-Kurs angeboten. “Als Beitrag zur Integration”. Die Idee mag lustig sein. Aber abgesehen davon, dass diese Gelder wohl in echten Tutorien wesentlich besser aufgehoben wären, ist das exakt so eine Aktion, die mehr Unterschiede und Barrieren aufbaut, als behebt. Keiner der Studenten wird je sächsisch sprechen, noch relevantes Vokabular erlernen. Stattdessen wird Sachsen als völlig anderer Kulturraum behandelt und “Wessis” aus dem Ruhrpott wie Jonas B. fühlen sich in ihrer Überlegenheit bestätigt, weil die “Sprache” für sie “niedlich” klingt.

Von Katharina aus Gießen ganz zu schweigen, die ihre Ignoranz offen kundtut, indem sie ihr bisheriges Bild vom “Osten” beschreibt: “Eingefallene Häuser; dass die Leute aus dem Osten auch immer in den Westen wollen”. Solche Äußerungen sind es, die dort Gräben schaffen, wo längst keine mehr waren. Ich kann es keinem alteingesessenen “Ossi” verdenken, der nach solchen Sätzen einen tiefen Hass auf “Wessis” entwickelt. Katharina hat ihre Lektion gelernt. Hätte sie schon vorher tun können, indem sie einfach Augen und Ohren aufsperrt und in den Nachrichten hört, dass Politiker in Nordrhein-Westfalen, Bayern und ihrem Heimatland Hessen sich beschweren, dass es in großen Teilen der neuen Bundesländer mittlerweile besser aussieht als bei ihnen. Aber gut. In dieser Hinsicht hat die Initiative “Studium Fernost” ihren Zweck erfüllt.

Das Problem an der Sache ist: Studenten wie Jonas und Katharina sind nicht die Regel. Meine Kommilitonen, die nicht in Sachsen aufgewachsen sind, wussten auch vorher schon, dass Leipzig nicht grau, alt und von vorgestern ist. Der gesamte Beitrag ist nach dem Motto aufgebaut “Ich mache mir die Welt wie sie mir gefällt”, im Medienjargon “Konstruktivismus” genannt. Angefangen bei der Konzentration auf den Sächsisch-Kurs, anstatt die wesentlichen Inhalte zu beleuchten. Anschließend die beiden Klischee-Wessis, denen die “Pommesbude umme Ecke” fehlt. Und Trabis sieht man auf Leipzigs Straßen im Alltag schon längst nicht mehr.

Auch wenn der Beitrag eher zu den “Soft News” der Sendung zählte, hätte man sich seiner möglichen Wirkungen bewusst sein sollen.

 

PS: Wer auch immer dafür gesorgt hat, dass der ursprüngliche letzte Absatz dieses Artikels verschwunden ist, möge dies in Zukunft bitte unterlassen! Oder wenigstens den Mumm haben, mich davon in Kenntnis zu setzen. Danke.

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