Friss das, Roland!
Grünes “Heute Journal”
“Die Systeme der PR und des Journalismus ermöglichen und beeinflussen sich gegenseitig”, so die mittlerweile gängige und wenig überraschende Meinung unter Medienwissenschaftlern. Ein Nebeneffekt dieses “Intereffikationsmodells” und der gängigen journalistischen Praxis ist, dass die Grenzen zwischen den beiden Systemen verschwimmen, der Übergang von Journalismus zu PR ist fließend. Im Alltag fällt diese Tatsache nur selten auf. Es sei denn, Rudolf Rauschenberger berichtet im “ZDF Heute Journal” über die Starken Umfragewerte der Partei “Bündnis 90/ Die Grünen”.
Am 19. November 2010 lief im Nachrichtenmagazin des ZDF der Beitrag “Die Grünen – auch kommunal erfolgreich“. Kühl und sachlich beginnt der Leiter des Landesstudios Stuttgart, Rauschenberger, mit einem Bericht über die Lage im schwäbischen Biberach. Bürgermeister Elmar Braun wird porträtiert, sein “Erfolgsgeheimnis”, die Bürgernähe, erklärt. Soweit, so gut, lange ist daran nichts auszusetzen.
Nach etwa 90 Sekunden ändert sich das Bild jedoch. Statt sauberer, journalistischer Texte spricht Rauschenberger nun Sätze ein, die auch aus einer Image-Broschüre der “Grünen” stammen könnten. “Sie zeigen sich nicht, weil sie müssen, sondern, weil es für sie selbstverständlich ist.” ist noch einer der harmloseren. Als sich der Beitrag dann auf den Landtagsabgeordneten Eugen Schlachter konzentriert, wird es noch krasser: “Er steht weniger für klassische grüne Positionen, sondern für Verlässlichkeit. Er ist Vertrauensmann für tausende Kunden, die der kleinen Bank ihr Geld anvertrauen”.
Schließlich kommt noch der baden-württembergische Fraktionschef der “Grünen”, Winfried Kretzschmann, ins Spiel. Er darf bei einer Baustellenbesichtigung über 20 Sekunden lang in die Kamera sagen, dass “nahe bei den Leuten und ihren Problemen” sein zum “Grundprogramm seines politischen Alltags” gehört. Kostbare Sendezeit, die den “Grünen” sehr gefallen dürfte.
Analyse einer erfolgreichen Partei oder gebührenfinanzierte Wahlwerbung? Wie schnell man von einem journalistisch interessanten Thema in parteipolitische PR abrutschen kann, hat uns der erfahrende ZDF-Redakteur am Freitag gezeigt. Viel liegt hier im Auge des Betrachters und Parteigebundenheit möchte ich Herrn Rauschenberger nicht unterstellen. Ich finde aber, dass dieser Beitrag einen Schritt zu weit geht. Wortwahl und Länge des Berichts sind nach meinem Geschmack unangemessen. Es hätte gut getan, weniger Beispiele “bürgernaher Projekte” zu zeigen, die es anderswo sicherlich auch gibt, und mehr zu analysieren, zu differenzieren.
Einen guten Nebenaspekt hat Rauschenbergers Beitrag jedoch: Er geht mit freundlichen Grüßen an den ZDF-Verwaltungsrat. Das CDU-dominierte Gremium rund um Roland Koch hatte vor einigen Monaten Nikolaus Brender als Chefredakteur des Senders abgesägt und beunruhigenden Einfluss auf den überparteilichen Journalismus genommen. So gesehen ist es vielleicht gar nicht schlecht, zu sehen, dass auch unter Koch&Co. so krasse Pro-Grüne-Beiträge laufen können. Trotzdem: Die beste Antwort auf politische Einflussnahme ist unabhängiger Journalismus. Und dieser sollte auch bei positiven Berichten über eine Partei möglichst objektiv und reflektierend bleiben. Rauschenberger muss sich den Vorwurf gefallen lassen, “PR” für die “Grünen” zu machen.

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