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Der richtige Weg
VfB Stuttgart – Hamburger SV 1:2
Mehr als ein halbes Jahr ist es her, dass die Fans des HSV das letzte mal über einen Bundesligasieg ihrer Mannschaft jubeln durften. Damals, am 19. März 2011, saß Michael Oenning das erste mal als Chefcoach auf der Trainerbank und beobachtete gegen Köln den ersten und einzigen Erfolg unter seiner Regentschaft. Seitdem folgten saisonübergreifend 13 sieglose Partien. Zu viele für den Vorstand, der ihn am Montag beurlaubte. Gestern mussten die Hamburger erstmals unter Rodolfo Esteban Cardoso auflaufen, auswärts beim VfB Stuttgart. Eine Erlösung für den Verein, eine Schmach für Oenning war das Ergebnis. Nicht nur die Tatsache, dass der HSV gewinnt, sobald Oenning weg ist, muss für ihn bitter sein, sondern auch die Erkenntnis, dass Cardoso in seinem ersten Spiel mehr richtig machte als sein Vorgänger in seiner gesamten Amtszeit.
In der ersten Hälfte war den “Rothosen” noch die Unsicherheit anzumerken. Mutlos agierten sie nach vorne und bekamen bei Ballbesitz am eigenen Strafraum Panikattacken. Einfachste Pässe im Spielaufbau wurden zielstrebig zum Gegner gespielt, in der Abwehr erinnerte vor allem Rajkovic an die alten HSV-Treppenwitze Gravgaard und Rozehnal. Komplettiert wurde das Trauerspiel vom Torwart Drobny, der nicht nur beim folgerichtigen Gegentor eine unglückliche Figur abgab. Doch mit dem Wiederanpfiff zeigte sich beim HSV etwas, das man lange nicht mehr gesehen hatte: Der Glaube daran, das Spiel noch gewinnen zu können. Flüssig kombinierten sie sich vor das Stuttgarter Tor, erspielten sich mehr Torchancen als in der gesamten restlichen Saison und drehten den Spielstand. Mit dem neu gewonnenen Selbstvertrauen kam auch die Sicherheit in der Defensive zurück, vor allem Bruma zeigte, wieso man ihn an die Alster geholt hat.
Anders als Oenning zuvor fand Cardoso in der Halbzeitpause offensichtlich die richtigen Worte und die passenden taktischen Antworten auf das Stuttgarter Spiel. Doch nicht nur in der Kabine hatte der Interimscoach das glücklichere Händchen. Schon in der Kaderbenennung korrigierte er einige Versäumnisse der letzten Jahre. Er setzte Schwalbenkönig Jarolim und den formschwachen Jansen auf die Bank, holte dafür den wieder genesenen aber sträflich missachteten Castelen zurück ins Boot und stellte den 20-jährigen Deutsch-Chinesen Lam sogar in die Startelf. Cardoso machte unmissverständlich klar, dass der Name nicht vor Auswechslung schützt und zeigte, dass außer Son auch noch weitere Talente in der eigenen Jugend vorhanden sind.
Jetzt sollte die Vereinsführung Mut beweisen. Cardoso bringt bis auf den Trainerschein alles mit, was ein Coach braucht. Er ist fest im Verein verankert, kennt den Nachwuchs, ist kompetent, in der Mannschaft angesehen und obendrein ein Sympathieträger bei den Fans. Die Zusatzmotivation für die Spieler, sich bei einem neuen Trainer neu anbieten zu müssen, ist ebenfalls gegeben. Es wäre nun der richtige Weg, dem eigenen Mann zu vertrauen und ihn arbeiten zu lassen. Mit Schalke, Freiburg, Wolfsburg und Kaiserslautern stehen für die nächsten Wochen durchaus lösbare Aufgaben auf dem Zettel. Was dem HSV in den letzten Jahren gefehlt hat, war die Ruhe, konzentriert arbeiten zu können. Die kehrt mit der internen Lösung eher ein, als wenn man jetzt hastig einen neuen Mann sucht, der sich erst wieder einarbeiten muss und gegebenenfalls die Mannschaft erneut auf den Kopf stellt.
Es scheint jedoch so, als entscheide man sich für die konservative Lösung. Die Zeichen verdichten sich, dass Huub Stevens nach drei Jahren zurückkehrt. Die “Bild” will es mal wieder exklusiv wissen, der “Focus” schreibt diese Meldung nur allzu gerne ab und auch im Interview mit “Sky” dementierte sie Sportchef Arnesen nur insofern, dass “noch nichts fix” sei (Quelle: Kicker). Stevens wäre eine Art Kompromisslösung – zwar extern, war aber wenigstens schon einmal beim HSV. Es wird also wieder so laufen wie 2007/08. Stevens übernimmt den Sportverein als Tabellen(vor)letzten, stabilisiert die Abwehr, führt das Team ins obere Tabellenmittelfeld – lässt dabei aber leider hässlichen 1:0-Antifußball spielen.
Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling. Nach einem Sieg gegen extrem schlagbare Stuttgarter ist alles andere als Euphorie angesagt. Das schlimmste scheint jedoch überstanden. Ruhe und Gelassenheit wäre dem HSV nun zu wünschen, ein Trainer, der die Offensivstärken der Mannschaft zu nutzen weiß. Eine schnelle Lösung wie Huub Stevens kann das Problem der großen Trainerfluktuation, davon bin ich überzeugt, nicht lösen.
Partnerstadt Hamburg
Es ist und bleibt eine Qual, Zeitungsartikel von Guido Schäfer zu lesen. Der Sportjournalist und Ressortleiter des entsprechenden Bereichs der LVZ ist mittlerweile so etwas wie der Rasenballsport-Experte des Leipziger Lokalblattes. Kaum ein Tag vergeht, an dem man nichts über “österreichische Brausehersteller” oder “Bullen-Kicker” liest. Immer mit den wildesten und und überflüssig umgangssprachlichen Formulierungen. Kämpft man sich jedoch durch die verbalen Unsportlichkeiten, erhält man dann und wann auch eine überaus interessante Information.
So zum Beispiel im heutigen Artikel “RB-Bosse haben sich in HSV-Edelreservist Ben-Hatira verguckt“.
Der Titel verrät es: Offenbar hat der Regionalligist seine Fühler nach keinem Geringeren als Änis Ben-Hatira ausgestreckt. Jener ist seit einigen Jahren beim Hamburger SV Ergänzungsspieler, ein großes Talent und zeigte in den vergangenen Spielzeiten ansprechende Leistungen. Armin Veh stellte ihn jedoch zu Saisonbeginn in die zweite Mannschaft ab, wo seine Fähigkeiten verpuffen. Kurz gesagt: Er ist ideal für einen Verein wie RB Leipzig. Jung, ambitioniert, bestens veranlagt und bei seinem aktuellen Verein nicht berücksichtigt.
Aus mehreren Gründen würde ich mich über eine Verpflichtung des Deutsch-Tunesiers in der Winterpause freuen. Zunächst einmal halte ich sehr viel vom jungen Stürmer und sehe ihn als echte Bereicherung für die Mannschaft an. Für ihn wäre es auch nicht der schlechteste Schritt, da er mit dem Verein zu echter Größe heranwachsen könnte. Und schließlich wäre es ein weiterer Deal zwischen “meinen” beiden Teams, dem HSV und RB Leipzig. Dietmar Beiersdorfer, Red-Bull-Chef, Geschäftsführer Dieter Gudel und Chefscout Hans-Jürgen Kreische kamen bereits von der Elbe an die Pleiße, in diesem Sommer wechselten die jungen Steven Lewerenz und Fabian Franke vom Bundesliga-Dino zu den Bullen. Zählt man noch HSV-Urgestein Ingo Hertzsch und Alexander Laas hinzu, sieht man, dass im Aufstiegsaspiranten aus Sachsen ein großes Stück Hamburg steckt. Mir persönlich kann das nur gefallen.
PS: Wer nur den interessanten Teil des LVZ-Artikels lesen möchte, kann die ersten vier Absätze überspringen und beim Wort “Durchgesickert:” anfangen. Alles davor macht nur sinnlos aggressiv.
