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Wer nicht wagt…

12. November 2011 1 Kommentar

Ukraine – Deutschland 3:3

Ende 2009, wenige Monate vor der Kadernominierung zur Weltmeisterschaft in Südafrika, stellte Joachim Löw das Spielsystem der deutschen Nationalmannschaft in einem Testspiel gegen den späteren Gastgeber um. Das Experiment damals lautete 4-2-3-1 mit dem jungen Özil erstmals auf der Spielmacherposition. Gestern testete die DFB-Elf erneut kurz vor der Kaderbenennung gegen den künftigen EM-Gastgeber Ukraine und wieder stellte Löw das System um. Der will doch wohl nicht…?

Alle Augen richteten sich zunächst auf das Kreativ-Duo Götze/Özil (“Gözil”), das erstmals gemeinsam agieren durfte. Schnell wanderten die Blicke jedoch von der Offensive in die Defensive. Löw stellte in der Abwehr erstmals eine Dreierkette auf. In der Nationalmannschaft hatte das zuletzt Rudi Völler getan. Das neue 3-5-2-System bereitete den Spielern lange Zeit sichtlich Probleme. Abstimmung und Raumaufteilung fehlten; die berühmten “Automatismen” eben. Besonders bei Kontern der Ukrainer offenbarten sich die riesigen Lücken im deutschen Defensivverbund. Die kannte man zwar schon vorher, aber dass zwei Gegentore hintereinander nach eigenen Eckbällen fallen, war dann doch neu.

Aufgrund der drei Gegentore in der ersten Halbzeit und den ausbleibenden Glanzmomenten von “Gözil” sehnte sich ARD-Kommentator Steffen Simon schon in der Pause das alte System zurück. Ich finde jedoch, man sollte hier nicht vorschnell urteilen. Denn betrachten wir mal die Argumente, die für Löws neue Formation sprechen: Spielt Philipp Lahm links, fehlt auf der Rechtsverteidiger-Position eine gleichwertige Besetzung. Anstatt sich mit halbgaren Lösungen wie Boateng, Höwedes oder Träsch zu plagen, hat es durchaus Sinn, auf den vierten Abwehrmann zu verzichten. Gute Innenverteidiger für die Dreierkette gibt es mit Hummels, Badstuber, Mertesacker oder Boateng genügend. Dass gestern die “Automatismen noch nicht griffen”, kann man dem Team kaum vorwerfen, da es vorher so noch nicht wirklich trainiert wurde. Auch offensiv ist das 3-5-2 eine Überlegung wert. Sollten Götze und Özil zusammen funktionieren, wäre es perspektivisch gesehen fahrlässig, einen der beiden auf der Bank zu lassen. Kommt das deutsche Offensivpotenzial zur Entfaltung, ist jeder Gegner schlagbar.

Dass Deutschland in Kiew kein offensiv-kreatives Feuerwerk abbrannte, liegt auch nicht nur am System. Gegen Ukrainer, die gefühlte 80 Prozent des Spiels mit zehn Mann hinter dem Ball verbrachten, hätte sich wohl jeder Gegner mit jeder taktischen Formation schwer getan. Nicht zu Unrecht sagte Lukas Podolski anschließend, man habe am Ende “gegen 15 bis 20 Ukrainer gekämpft”. Dass den Gästen trotzdem drei Tore gelangen und ihnen ein klarer Strafstoß verwehrt bliebt, ist daher schon eher als Erfolg zu werten. Wenn es Löw gelingt, die Defensive zu ordnen und Götze/Özil sich aneinander gewöhnen, kann Deutschland mit diesem System sehr gefährlich werden.

Und dennoch spricht viel dafür, dass wir das 3-5-2 zumindest in Pflichtspielen so schnell nicht wiedersehen. Zumindest nicht als Startaufstellung. Zu gut harmonierten die Adlerträger vorher und zu wenig Handlungsbedarf herrscht akut. Gut und sinnvoll war dieses Experiment trotzdem. Die Mannschaft wird dadurch noch vielseitiger und für den Gegner unberechenbarer. Man muss als Nationaltrainer hin und wieder auch Mut beweisen und langfristig denken. Da sollte auch ein 3:3 in der Ukraine mal erlaubt sein.

Die Spieler in der Einzelkritik

Ron-Robert Zieler: Erwischte ein äußerst undankbares Debüt. An allen drei Gegentoren schuldlos, rette nach der Pause zweimal stark. (Tim Wiese hätte das zweite Tor wohl verhindert, wäre dabei allerdings vom Platz geflogen…)

Jerome Boateng: Wie immer grundsolide. Schaltete sich auffällig oft ins Offensivspiel ein, wirkt nach hinten jedoch oftmals ungelenk und pomadig.

Holger Badstuber: Wie seine Kollegen mit Abstimmungsproblemen bei Kontern, sonst kaum gefordert.

Mats Hummels: Leitete das 0:2 ein, bereitete jedoch auch das 2:3 vor und zeigte sich bei Standards durchaus torgefährlich. Einige unnötige Fehlpässe, sonst aber auch kaum gefordert. Im DFB-Trikot nicht ausgerutscht.

Christian Träsch: Zunächst mit vielen Ballkontakten, bemüht sich einzubringen. Fiel jedoch vor allem durch schlechte Flanken und Fehlpässe auf. Nach 45 Minuten war zu Recht Schluss.

Toni Kroos: Bestätigte seine gute Form.

Sami Khedira: Zweikampfstark und ordnend im Mittelfeld, offensiv mit einigen guten Dribblings, allerdings ohne Durchschlagkraft und Präzision.

Dennis Aogo: Spielte sich wohl endgültig aus dem EM-Kader. Defizite in der Abwehrarbeit, nach vorne harmlos, keine Flanke fand ihr Ziel. Spielte wohl nur mangels Alternativen durch.

Mario Götze: Oft angespielt, engagiert. Deutete einige Male seine Klasse an, blieb jedoch ohne Glanzmomente. Beim ersten Gegentreffer im eigenen Strafraum unglücklich.

Mesut Özil: Ähnlich wie Götze. Nutzte die 66 Minuten Einsatzzeit, um sich an seinen neuen Kreativkollegen zu gewöhnen. Holte sich viele Bälle tief in der eigenen Hälfte.

Mario Gomez: Kam überhaupt nicht zum Zug. Hatte es im Sturmzentrum gegen viele Ukrainer schwer, sich durchzusetzen, bekam wenige Bälle.

André Schürrle (45. für Träsch): Belebte die rechte Seite sofort. Nach starker Anfangsphase auf der Außenbahn jedoch oft vergessen worden. Rettete einmal im Strafraum klasse.

Simon Rolfes (45. für Khedira): Ersetzte Khedira gleichwertig, war sofort im Spiel und schoss das 2:3. Immer anspielbar und sehr präsent.

Lukas Podolski (66. für Özil): Sehr agil, dribbelte sich jedoch einige Male fest, im Abschluss ungefährlich und oft geblockt.

Thomas Müller (66. für Götze): Seit längerem mal wieder zentral eingesetzt. Trotzdem oft auf den Außen zu finden. Lief viel, half hinten gut mit aus und erzielte (etwas glücklich) den Ausgleich.

Cacau (83. für Gomez): Ein guter Fernschuss, für mehr reichte es in der kurzen Einsatzzeit nicht.

Lars Bender (87. für Kroos): Ohne echte Bewertung. Allerdings beim ukrainischen Konter kurz vor Schluss nicht schuldlos.

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Eine Lektion für die Öffentlichkeit

10. Juli 2011 2 Kommentare

Ungenaues Passspiel, körperliche Unterlegenheit, fehlende Kreativität bei den Standards und letztendlich ein individueller Fehler von Saskia Bartusiak bescherten der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gestern das bittere Aus im Viertelfinale der Heim-WM gegen Japan. Während bei den Spielerinnen Trauer und Frust herrschen, reibt sich die Nation verwundert die Augen. Eine Niederlage? Im Viertelfinale? Gegen Japan? Das geht doch gar nicht! Was die Trainerin längst wusste, musste die Öffentlichkeit gestern schmerzlich lernen: Die Zeiten, in denen Frauenfußball bedeutete, dass 22 Frauen dem Ball hinterher rennen und am Ende gewinnt immer Deutschland, sind vorbei.

Die Erkenntnisse, die sich aus dem letzten Abend ziehen lassen, sollten so neu eigentlich nicht sein. Und doch hat man an einigen entscheidenden Positionen offensichtlich vorher nicht daran gedacht. Schließlich schien für viele der Weltmeister-Hattrick nur eine Formsache zu sein.

  1. Auch für eine deutsche Nationalelf sind die formbedingten Ausfälle zweier absoluter Leistungsträgerinnen wie Birgit Prinz und Lira Bajramaj nicht problemlos zu kompensieren. Erst recht nicht, wenn sich die so wichtige Kim Kulig nach drei Minuten schwer verletzt. Der gleichzeitige Ausfall von Özil, Müller und Schweinsteiger würde die Männer auch schwächen.
  2. Deutschland ist auf Platz zwei der FIFA-Weltrangliste, nicht an der Spitzenposition, und Japan ist nur zwei Ränge dahinter. Japan als leichteren Gegner einzustufen als die USA oder Brasilien war sehr gefährlich.
  3. Die richtige Einstellung auf den Gegner und die Situation im Turnier ist das A und O. Nach den Reaktionen der Spielerinnen zu urteilen, waren sich viele offenbar gar nicht bewusst, dass man im Viertelfinale gegen Japan auch ausscheiden kann.
  4. Man sollte sich auf das Kerngeschäft konzentrieren. Sponsorenverträge und Medienkampagnen sind gut und wichtig. In einem derartigen Ausmaß, wie wir es bei diesem Turnier erlebt haben, können sie jedoch schnell die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen lenken.
  5. Titel sind keine Selbstverständlichkeit. Werbeplakate mit den Aufschriften “Jungs, wir rächen euch!”, “Dritte Plätze sind was für Männer” oder “Wie 2006. Nur dass wir diesmal Weltmeister werden” sind zwar lustig und schaffen Aufmerksamkeit, wecken jedoch schnell falsche Erwartungen. Selbstbewusstsein kann schnell zu Überheblichkeit werden.
  6. Im eigenen Land um einen Titel zu spielen, nach der öffentlichen Erwartungshaltung auch noch schön spielen zu müssen und gleichzeitig den Auftrag zu haben, weltweit Werbung für die eigene Sportart zu machen, ist des Guten dann doch etwas zu viel.
  7. Verlängerungen gegen in blau spielende Länder sind zu vermeiden.

Der eine oder andere Mann dürfte sich jetzt heimlich ins Fäustchen lachen. Doch obwohl das Ausscheiden sportlich durchaus gerechtfertigt ist, darf man dem deutschen Team dankbar sein. Sie sind sehr sympathisch aufgetreten, haben streckenweise wirklich guten Fußball gespielt und tatsächlich so etwas wie Begeisterung für den Frauenfußball geweckt. 17 Millionen Zuschauer und 56% Marktanteil sprechen für sich. Das Spiel zwischen den USA und Brasilien heute Abend dürfte ebenfalls Traumquoten erreichen.

Für eine erfolgsverwöhnte Mannschaft kann es manchmal ganz hilfreich sein, auf den Boden der Tatsachen zurück geholt zu werden. Hoffen wir, dass es der Entwicklung der jungen Spielerinnen wie Kim Kulig oder Alexandra Popp gut getan hat. Schade nur, dass mit der gestrigen Niederlage auch die Olympiaqualifikation für London in Gefahr gerät. Schlägt Schweden in wenigen Stunden Australien, ist Deutschland im nächsten Sommer nicht dabei.

Beim nächsten Turnier gilt also für alle: Einen Gang zurück schalten, akzeptieren, dass die anderen auch Fußball spielen können und keinen Titel schon vorher fest einplanen. Und Passspiel sowie Spielaufbau aus der Defensive verbessern!

Halbzeitanalyse

3. Juli 2011 3 Kommentare

Zwischenbilanz der FIFA Frauen-WM 2011

Wenn heute Abend gegen 19:50 Uhr die Partie zwischen Brasilien und Norwegen abgepfiffen wird, feiert die FIFA Weltmeisterschaft der Frauen Bergfest, die Hälfte der Spiele ist dann absolviert. Zeit, ein kurzes Zwischenfazit zu ziehen.

ARD und ZDF

Die Fußball-Weisheit “Wer trifft, hat Recht” gilt auch im Fernsehen. Nicht wenige hatten die Entscheidung, dass erstmals alle Spiele einer Frauen-WM live übertragen werden, mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen. Auch die beispiellose Medienkampagne wurde kritisch beäugt oder im Falle des unsäglichen Eppheim-Tatorts belächelt. Zuschauerzahlen im zweistelligen Millionenbereich und Marktanteile von über 20 Prozent auch bei den Spielen ohne deutsche Beteiligung rechtfertigen jeden Euro, der zuvor in die Werbung gesteckt wurde. Auch und vor allem die Entscheidung des ZDF, mit Claudia Neumann erstmals eine Frau als Live-Kommentatorin einzusetzen, hat sich als gut und richtig erwiesen. Mit ihrem sympathischen Stil und ihrer großen Fachkompetenz hat sie sich für künftige Turniere empfohlen. Dazu kommt, dass sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen Bartels und Réthy erfrischend wenig Mist erzählt. Wer weiß, vielleicht wird aus ihr ja die Sabine Töpperwien des ZDF.

Drei Sätze noch zur Außendarstellung des Frauenfußballs in den diversen Kampagnen vor der WM: Wie kein zweiter Sport muss der Frauenfußball in der Imagegestaltung einen Spagat vollziehen. Weder möchten die Sportlerinnen als “Kampflesben” oder “Mannsweiber” dargestellt werden, noch wollen sie sich als kleine Mädchen präsentieren, die mit der Picke an den Ball treten und kichern, wenn er ins Aus fliegt. Die beste Antwort auf dieses Problem geben die Damen auf dem Platz, wo sie regelmäßig beweisen, dass sie Leistungssport auf hohem Niveau betreiben. Werbungen, in denen sie sich lieber schminken, sagen nicht wirklich aus: “Respektiert uns als Sportler!” (Sind doch vier Sätze geworden…)

Die Nationalmannschaft

Noch nie stand eine deutsche Nationalmannschaft der Frauen derartig im Fokus. Über 120000 Zuschauer in zwei Spielen, dazu unzählige an den Fernsehschirmen flößen unweigerlich Respekt ein. Nach den WM-Titeln 2003 und 2007 erwartet das Land nichts anderes als den Hattrick und auch die Mannschaft selbst wäre ab dem zweiten Platz abwärts enttäuscht. Dazu kommen für die jungen Damen diverse Presse- und Sponsoren-Termine – für die meisten Neuland. Diesem Druck muss man erst einmal Stand halten.

Unter diesen Voraussetzungen hat sich das Team bislang beachtlich geschlagen. Das eine oder andere schwächere Spiel muss man den Mädchen zugestehen. Angesichts der starken Konkurrenz aus den USA, Brasilien, Schweden und Japan sollte im öffentlichen Bewusstsein sowieso etwas Realismus einkehren und ein dritter Titelgewinn als Sensation und nicht als Selbstverständlichkeit eingestuft werden. So gesehen ist es das beste, was der Mannschaft passieren kann, dass Birgit Prinz derzeit so massiv mit Kritik überhäuft wird. Sie stellt sich damit schützend vor das Team, lenkt die Aufmerksamkeit weg von ihren 22 Kameradinnen, die sich dadurch hoffentlich ausreichend auf das Wesentliche konzentrieren können. Prinz kommt damit zwar eine sehr tragische Rolle zu, sie könnte sich damit aber in den Dienst der Mannschaft stellen und somit wichtiger denn je werden.

Frauenfußball allgemein

Positiv ist festzuhalten, dass die bisherigen WM-Spiele nicht langweiliger sind als die der Männer im vergangenen Jahr. Negativ muss man feststellen, dass sich der Frauen-Fußball zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft entwickelt. In einigen wenigen Ländern wird die Sportart zunehmend professionalisiert. Dort wird ansehnlicher Fußball gespielt. Sieht man sich dagegen Spiele der Nationen an, in denen Frauenfußball eine Randerscheinung ist, hat man den Eindruck, man sehe eine Nachwuchsmannschaft spielen. Technisch ist das alles akzeptabel. Aber im körperlichen und taktischen Bereich und vor allem im Abwehrverhalten tun sich teilweise Abgründe auf.

An dieser Stelle möchte ich eine These in den Raum werfen: Das Niveau des Frauenfußballs könnte steigen, wenn mit einem Fußball der Größe vier (statt fünf) gespielt würde. Auffällig häufig haben die Frauen Probleme, den Ball nach der Annahme mitzunehmen, sehr oft bleiben sie hängen und stolpern über das Spielgerät. Die vielen abrutschenden Flanken und Schussversuche lassen sich meiner Meinung nach nicht  nur über technische Defizite erklären. Ein kleinerer Ball, wie er auch beim Hallensport Futsal verwendet wird, könnte besser zu den naturgemäß kleineren Füßen der Frauen passen, die somit eine bessere Kontrolle über den Ball hätten, schärfer schießen und somit das Spieltempo erhöhen könnten.

So viel zu meiner Theorie. Praktisch ist zu beobachten, dass sich einige Klischees des Frauenfußballs leider hartnäckig halten; einige davon durfte ich selbst über einige Jahre bei diversen Schulwettbewerben bis auf Landesebene bewundern.

  • Einwürfe stellen viele Fußballerinnen aller Nationen vor unlösbare Probleme
  • Die Chancenverwertung bringt die Trainer zum verzweifeln
  • Es gibt immer eine, die die Abseitsfalle aufhebt
  • Die Schwedinnen sind immer die schönsten
  • In jedem verdammten Spiel schwappt eine “La Ola” durch das Stadion, denn:
  • Die meisten Zuschauer sind Frauen oder Familien mit Kindern, die mit der Einstellung “Hey, wir sind voll gut drauf!” das Stadion betreten anstatt sich wirklich für ein gutes Fußballspiel zu interessieren
  • Bei den Spielen der Frauen herrscht die meiste Zeit relative Stille
  • Schiedsrichterinnen sind häufig schlecht und können sich selten durchsetzen

Das Schiedsrichter-Problem herrscht bei Weltmeisterschaften geschlechterübergreifend. Darüber müsste man sich mal ausführlicher unterhalten.

Abgesehen von diesen meist sympathischen Klischeebestätigungen macht “20Elf von seiner schönsten Seite” bisher großen Spaß. Die Stimmung ist gut, das Niveau einer WM angemessen (in der K.O.-Phase dann durchgehend hoch) und Deutschland liegt noch aussichtsreich im Rennen. Die Weltmeisterschaft in Deutschland macht mit all ihrer medialen Aufmerksamkeit beste Werbung für einen Sport, der nach wie vor zu wenig Beachtung findet.

Das Leid mit der Kultur

9. März 2011 1 Kommentar

Der Aschermittwoch ist im politischen Geschäft traditionell der Tag des große-Reden-Schwingens. Zentraler Inhalt ist stets die Diskreditierung der restlichen Parteien. Streckenweise hat man den Eindruck, man sei bei einem Komiker-Casting und es ginge darum, den besten Spruch zu reißen. In diesem Falle hätte heute Margarete Bause, Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag, gewonnen: “Die Lichtgestalt hat sich als Blendgranate erwiesen und der Messias war dann doch nur ein Scharlatan. Der Gesalbte hat sich bei genauerem Hinsehen als der Gegelte herausgestellt.” (Heute.de)

Was in der Medienberichterstattung durch all diese Hetzereien häufig untergeht, ist die Tatsache, dass gelegentlich auch echte Inhalte angesprochen werden. Heute Vormittag hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, die Rede des CSU-Chefs Horst Seehofer zu hören. So musste ich mit einer Mischung aus Besorgnis und Verzweiflung vernehmen, dass erneut eine Debatte angestoßen werden soll, die vor zehn Jahren schon einmal aus gutem Grund gescheitert ist: Die Diskussion um die deutsche “Leitkultur”. Wer oder was ist deutsch, wer oder was nicht? Es geht um Werte, Ansichten und vor allem Religion. Wenige Tage nach Bundesinnenminister Friedrich machte Seehofer heute noch einmal deutlich, dass der Islam seiner Ansicht nach in der deutschen Kultur nichts verloren hätte. Teil von Deutschland ja, deutsch nein.

Ich frage mich an dieser Stelle immer, ob einer der Konservativen, die von der “deutschen Tradition” sprechen, seine Gedanken mal bis zu Ende denkt. Immer und immer wieder heißt es, Deutschland sei “ein Land christlicher Prägung mit jüdischen Wurzeln”. Zweifellos wird der Jahresablauf mit Ferien und Konsumgewohnheiten in Deutschland von christlichen Feiertagen geprägt. Aber was heißt das schon? Ein Drittel der Bevölkerung ist konfessionslos, Tendenz steigend, und von den getauften Christen ist vor allem in den jüngeren Generationen kaum noch jemand bibelfest. Zudem hat man seine Wurzeln jahrelang versucht zu vernichten. An dieser Stelle werden gerne die christlichen Werte genannt, die Deutschland prägen, nämlich Freiheit, Toleranz, Gleichberechtigung. Ganz abgesehen davon, dass zumindest die katholische Kirche mit Gleichberechtigung herzlich wenig zu tun hat, muss hier die Frage erlaubt sein, an welchen Momenten der deutschen Geschichte das Land mit Werten wie Freiheit und Toleranz geglänzt hat. Besinnt man sich wie die CSU auf eine lange deutsche Tradition, muss man auch anerkennen, dass in diesen Landen Unterdrückung, Krieg und Antisemitismus lange Tradition hatten. Genau das, was man heute gerne der Türkei vorwirft.

“Jaaaa, aber seit 1945 haben wir uns doch geändert!” höre ich es schon von fern. In der Tat: Seit Gründung der Bundesrepublik haben Freiheit, Toleranz und Gleichberechtigung in Deutschland einen nie dagewesenen Stellenwert. Zählt man allerdings nur diese Zeitspanne, wird jede Diskussion um eine “Leitkultur” hinfällig. Einerseits, weil man dann von keiner “langen deutschen Tradition” mehr sprechen kann und andererseits, weil dann Türkei und Islam eben doch zu zentralen Bestandteilen deutscher Kultur werden. Schließlich ist das Wirtschaftswunder zu einem beträchtlichen Teil den “Gastarbeitern” zu verdanken. Zudem kann man Werte, die “uns” nach zwei angestifteten Weltkriegen von der Welt eingetrichtert wurden, wohl kaum zum “deutschen Kulturgut” zählen.

Leitkultur hin oder her. Selbst wenn die Union einen Katalog von Eigenschaften finden würde, von dem ich sagen würde, er ist “deutsch” (und nichts anderes – also fällt Freiheitsdenken schon mal raus, denn das ist höchstens typisch amerikanisch), würde sich mir der Sinn der Sache immer noch nicht erschließen. Denn was habe ich gekonnt, wenn ich weiß, was deutsch ist? Der springende Punkt ist hier, dass die CSU das Wort “Integration” auf eine Art und Weise deutet, wie ich sie nicht gutheißen kann. Integration bedeutet für Seehofer, so bekräftigte er heute erneut, dass sich insbesondere muslimische Migranten an die deutsche Kultur anpassen müssten.

Grober Unfug! Integration bedeutet nicht, dass Migranten deutsch werden müssen, sondern dass sie sich mit ihrer eigenen Kultur so in die Gesellschaft einbringen, dass es ein konfliktfreies Zusammenleben gibt, von dem möglichst beide Seiten profitieren. Das hat nichts mit anpassen im CSU-Sinne zu tun. Angepasst werden müssen höchstens das Bewusstsein für Pünktlichkeit und Gründlichkeit – ein Problem, das Amerikaner wie Türken haben dürften. Was Deutschland von Zuwanderern wirklich fordern muss, ist zum Beispiel, den Frauen ein freies Leben zu ermöglichen und die Gewohnheiten des Anderen zu respektieren. Das hat jedoch wenig mit “deutsch sein” zu tun. Was Seehofer meint, ist das Achten der allgemeinen Menschenrechte. Die sind keine deutsche Erfindung. Alles, was darüber hinaus geht, grenzt an Intoleranz. Alleine durch die großen regionalen Unterschiede innerhalb der Bundesrepublik hat und braucht Deutschland keine Leitkultur. Und wenn, dann bleiben nur wenige Werte übrig, an die sich irgendjemand anpassen sollte.

2010 – Jahr der Proteste

Wutbürger” wurde vergangene Woche zum “Wort des Jahres 2010″ gekürt. Ich persönlich hatte bis dahin noch nichts davon gehört, es beschreibt aber einen der größten Trends des Jahres sehr treffend. Aus der wehrhaften Demokratie wurde ein wehrhaftes Volk – und das nicht nur in Deutschland.

Im Sommer beschließt die Bundesregierung am Bundesrat vorbei, dass die Laufzeiten der Atomkraftwerke in Deutschland verlängert werden. Sofort gehen Massen von Bürgern, angeführt von SPD und Grünen, auf die Straße. Kurz darauf rollt ein Kastortransport von Frankreich ins Zwischen-/Endlager Gorleben. Der perfekte Anlass für die “Wutbürger”, zum zivilen Ungehorsam aufzurufen. Es kommt zu den größten Protestaktionen seit der Ausrufung der “Freien Republik Wendland” in den 1980ern. Neu dabei: “Schottern” (auch unter den Top 10 Wörtern des Jahres). Gefährlich, strafbar, aber effektiv. Unter den Protestanten sind Jürgen Trittin, der noch zu Regierungszeiten von Protesten abriet und Gergor Gysi, der mit einem Traktor über ein Feld fährt, um seine Naturverbundenheit zu demonstrieren.

In Hamburg werden die Grünen mit ihren eigenen Waffen, der Basisdemokratie, geschlagen. Verärgerte Eltern protestieren gegen die Schulreform im Stadtstaat, fordern einen Volksentscheid und setzen sich durch. Die Reform wird rückgängig gemacht, von Beust tritt zurück, mit ihm fünf weitere Senatoren, die schwarz-grüne Regierung zerbricht. Weniger “erfolgreich” läuft es in Sachsen. Hier demonstrieren tausende Studenten vor dem Dresdner Landtag. Trotzdem wird beschlossen, die Profile der sächsischen Universitäten auf kriegswichtige “wirtschaftlich relevante” Fächer zu beschränken und Geisteswissenschaften drastisch zu kürzen.

Ob HartzIV-Anpassung (Erhöhung wäre das falsche Wort), Krankenkassen-Reform, Mövenpick-Steuergeschenke oder Rente mit 67 – kaum ein politisches Thema in Berlin bleibt in diesem Jahr ohne größere Demonstrationen. Das Volk ist aufgewacht, merkt, dass es im politischen Prozess ein Wort mitzureden hat.

Nirgends wird das so deutlich wie in Stuttgart. Ausgerechnet im “Ländle” herrscht Aufruhr. Die Bauarbeiten zu “Stuttgart 21” beginnen. Nach 15 Jahren Planung und dem Segen diverser politischer Instanzen fällt den Schwaben auf, dass der unterirdische Bahnhof wohl teurer wird als geplant und der Schlossgarten komplett umgegraben und entholzt werden muss. Zwischen die Fronten gerät der Juchtenkäfer, dessen Existenz durch die Bagger bedroht wird. Tagelang blockieren Gegner das Gelände und halten seltsame Gelübde ab. Als schließlich die Staatsgewalt eingreifen muss, gerät der Konflikt außer Kontrolle. Einige Beamte gehen übermäßig hart mit Schlagstöcken und Tränengas gegen Demonstranten vor, die Polizei verwechselt sogenannten “Nieselregen” mit harten Wasserwerfern und nimmt keine Rücksicht auf Kinder, die nach offiziellen Angaben von den bösen Bahnhofsgegnern instrumentalisiert wurden.

Ein Provinzthema schafft es bis nach Berlin. Als kein Ende der Auseinandersetzungen absehbar ist, geschieht etwas in dieser Form noch nie Dagewesenes. Im Stuttgarter Rathaus finden groß angelegte Schlichtungsgespräche statt. Sechs Wochen beraten Befürworter, Gegner, Gutachter und Politiker um die Zukunft des Projekts. Am Ende verkündet Schlichter Heiner Geißler, dass alles beim alten bleibt, “Stuttgart 21″ gebaut, aber noch teurer wird. “Schön, dass wir drüber geredet haben”? Nein. Denn auch das gehört zur Demokratie: Eine Niederlage eingestehen, anerkennen, dass man zur Rechten Zeit Protest einlegen und Verträge einhalten muss. Ob das Modell “Schlichtung” Zukunft hat, wird sich herausstellen müssen. Es ist zeitaufwändig, schafft aber Transparenz in politischen Entscheidungen. In jedem Fall hat sich ein neues Selbstbewusstsein in der Bevölkerung entwickelt. Ein Film darüber wird wohl leider doch nicht gedreht…

Vergleicht man Schottern und Sitzblockaden mit dem, was im europäischen Ausland geschehen ist, wird allerdings klar, wie harmlos Deutschlands Bürger sind. Im Frühjahr muss Griechenland eingestehen, dass es Zahlen gefälscht hat und kurz vorm Staatsbankrott steht. Unter harten Auflagen werden dem Land finanzielle Hilfen aus der EU zugesichert. Das Sparpaket umfasst drastische Einschnitte in das Sozialsystem und höhere Steuern. Kürzungen von Kinder- und Arbeitslosengeld und eine Erhöhung des Rentenalters auf unfassbare 62 Jahre treiben das “Faulste Volk Europas” (BILD) auf die Straßen. Eine gefühlte Ewigkeit findet das öffentliche Leben dort nicht statt. Es wird randaliert, Straßenkampf-ähnliche Zustände herrschen, drei Bankangestellte erliegen dem Volkszorn und werden getötet. Einige Monate später muss auch Irland dem EU-Rettungsschirm in Anspruch nehmen. Das gleiche Bild: Sozialleistungen werden gekürzt, die Bürger protestieren. Schockmeldungen wie aus Südeuropa bleiben aber aus.

In Großbritannien protestieren die Studenten. Die neue konservativ-liberale Regierung beschließt, dass die Universitäten ihre Studiengebühren auf das Dreifache anheben können – bis zu 15000 Euro. Bildung wird einkommensabhängig, finden die Studenten, gehen auf die Straße und demolieren die Parteizentrale der Tories. Scheiben werden eingetreten, Büros gestürmt, Dächer erklommen. Nur knapp kann schlimmeres verhindert werden.

Der Politik in Europa wurde Leben eingehaucht. Die Angst um die Stabilität des Euros und die Sparkurse in diversen Ländern haben die Bürger auf den Plan gerufen und das politische Bewusstsein entschärft. Ich habe das Gefühl, dass wir uns gerade am Anfang einiger enorm wichtiger Jahre befinden. Ob Weltklima oder Finanzmarkt – es stehen wegweisende Entscheidungen bevor. Eines scheint dabei sicher: Sie werden wohl von Protesten begleitet werden.

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