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Sherlock (BBC 2010)

25. Juli 2011 16 Kommentare

Der Huge von nebenan hat mich auf die BBC-Produktion “Sherlock” aufmerksam gemacht, die seit gestern in der ARD durch die Sommerpause führt. Nachdem ich mir nun die erste Folge, “Ein Fall von Pink” angeschaut habe, komme ich zu einem ähnlichen Ergebnis wie er.

Die Geschichten rund um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes sind im heutigen London angesiedelt. Sherlock ist jung, arrogant und homosexuell. Zudem verliehen ihm die Produzenten Mark Gatiss und Steven Moffat eine autistische Note und versetzten ihn an die Grenze zum Psychopathen. Oder besser gesagt Soziopathen. Darauf legt Holmes wert. Auch Dr. Watson weicht etwas von Sir Arthur Conan Doyles Vorlage ab. Er ist ein Militärarzt, der kürzlich aus Afghanistan zurück gekehrt ist* und zieht nun mehr oder weniger ungefragt mit Sherlock in eine WG in der 221b Baker Street.

Benedict Cumberbatch (“Abbitte”) verkörpert den neuen jungen, smarten Holmes. Sein Spiel und sein Aussehen, das dem einer wandelnden Wachsfigur nahe kommt, machen den Detektiv zu einer äußerst unangenehmen Person. Genial, aber suspekt. Dessen einzigartige Auffassungsgabe und Kombinationsfähigkeit überfordern alle Menschen um ihn herum. Damit dieses Schicksal dem Fernsehzuschauer zumindest streckenweise erspart bleibt, wurden seine Gedankengänge nachvollziehbar illustriert – mit simplen Texteinblendungen. Dieses Erzählmittel, das im übrigen häufiger auftaucht, ist nur eine der unkonventionellen Ideen, die “Sherlock” wie so viele BBC-Krimis genial macht.

Die Inszenierung von Holmes’ Untersuchungen und Erklärungen muten ein wenig wie die amerikanische Serie “CSI” an; mit dem Unterschied, dass man dabei weder Gähn- noch Würgereize verspürt. Mehrmals drohen das Tempo und die Arroganz des Detektivs anstrengend zu werden. Immer dann setzen die erfahrenen TV-Autoren Gatiss und Moffat geschickte Pointen. Eine ausgewogene Mischung aus Spannung, Verwirrung und klugem Humor sorgen für großartige Fernsehunterhaltung. Doyles Sherlock Holmes glaubwürdig in die heutige Zeit zu versetzen lautete die Vorgabe der Produzenten. Das ist ihnen gelungen.

Kritisch ist nur die deutsche Synchronisation anzumerken. Ob sie passend ist, kann ich nicht beurteilen, da ich die Originalfassung nicht gesehen habe. Qualitativ ist sie wie so oft auch in Ordnung. Aber gibt es im deutschen Serienfernsehen seit einigen Jahren nur fünf Synchronsprecher? So gut sie auch sein mögen, irgendwann stört es, wenn man in jeder vernünftigen Serie die gleichen Stimmen zu anderen Schauspielern hört.

Leider hat die ARD diese Serie eingekauft (als ob so etwas gutes in Deutschland produziert würde…), sodass sie nicht in der Mediathek zur Verfügung steht. Deshalb sei euch ans Herz gelegt, wenigstens die beiden übrigen Folgen der ersten Staffel anzuschauen. Sie laufen im “Ersten” an den nächsten beiden Sonntagen jeweils 21:45 Uhr.

*Dank Corinna (siehe Kommentare) weiß ich inzwischen, dass auch der Original-Watson Militärarzt in Afghanistan gewesen ist. Wie passend!

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Halbzeitanalyse

3. Juli 2011 3 Kommentare

Zwischenbilanz der FIFA Frauen-WM 2011

Wenn heute Abend gegen 19:50 Uhr die Partie zwischen Brasilien und Norwegen abgepfiffen wird, feiert die FIFA Weltmeisterschaft der Frauen Bergfest, die Hälfte der Spiele ist dann absolviert. Zeit, ein kurzes Zwischenfazit zu ziehen.

ARD und ZDF

Die Fußball-Weisheit “Wer trifft, hat Recht” gilt auch im Fernsehen. Nicht wenige hatten die Entscheidung, dass erstmals alle Spiele einer Frauen-WM live übertragen werden, mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen. Auch die beispiellose Medienkampagne wurde kritisch beäugt oder im Falle des unsäglichen Eppheim-Tatorts belächelt. Zuschauerzahlen im zweistelligen Millionenbereich und Marktanteile von über 20 Prozent auch bei den Spielen ohne deutsche Beteiligung rechtfertigen jeden Euro, der zuvor in die Werbung gesteckt wurde. Auch und vor allem die Entscheidung des ZDF, mit Claudia Neumann erstmals eine Frau als Live-Kommentatorin einzusetzen, hat sich als gut und richtig erwiesen. Mit ihrem sympathischen Stil und ihrer großen Fachkompetenz hat sie sich für künftige Turniere empfohlen. Dazu kommt, dass sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen Bartels und Réthy erfrischend wenig Mist erzählt. Wer weiß, vielleicht wird aus ihr ja die Sabine Töpperwien des ZDF.

Drei Sätze noch zur Außendarstellung des Frauenfußballs in den diversen Kampagnen vor der WM: Wie kein zweiter Sport muss der Frauenfußball in der Imagegestaltung einen Spagat vollziehen. Weder möchten die Sportlerinnen als “Kampflesben” oder “Mannsweiber” dargestellt werden, noch wollen sie sich als kleine Mädchen präsentieren, die mit der Picke an den Ball treten und kichern, wenn er ins Aus fliegt. Die beste Antwort auf dieses Problem geben die Damen auf dem Platz, wo sie regelmäßig beweisen, dass sie Leistungssport auf hohem Niveau betreiben. Werbungen, in denen sie sich lieber schminken, sagen nicht wirklich aus: “Respektiert uns als Sportler!” (Sind doch vier Sätze geworden…)

Die Nationalmannschaft

Noch nie stand eine deutsche Nationalmannschaft der Frauen derartig im Fokus. Über 120000 Zuschauer in zwei Spielen, dazu unzählige an den Fernsehschirmen flößen unweigerlich Respekt ein. Nach den WM-Titeln 2003 und 2007 erwartet das Land nichts anderes als den Hattrick und auch die Mannschaft selbst wäre ab dem zweiten Platz abwärts enttäuscht. Dazu kommen für die jungen Damen diverse Presse- und Sponsoren-Termine – für die meisten Neuland. Diesem Druck muss man erst einmal Stand halten.

Unter diesen Voraussetzungen hat sich das Team bislang beachtlich geschlagen. Das eine oder andere schwächere Spiel muss man den Mädchen zugestehen. Angesichts der starken Konkurrenz aus den USA, Brasilien, Schweden und Japan sollte im öffentlichen Bewusstsein sowieso etwas Realismus einkehren und ein dritter Titelgewinn als Sensation und nicht als Selbstverständlichkeit eingestuft werden. So gesehen ist es das beste, was der Mannschaft passieren kann, dass Birgit Prinz derzeit so massiv mit Kritik überhäuft wird. Sie stellt sich damit schützend vor das Team, lenkt die Aufmerksamkeit weg von ihren 22 Kameradinnen, die sich dadurch hoffentlich ausreichend auf das Wesentliche konzentrieren können. Prinz kommt damit zwar eine sehr tragische Rolle zu, sie könnte sich damit aber in den Dienst der Mannschaft stellen und somit wichtiger denn je werden.

Frauenfußball allgemein

Positiv ist festzuhalten, dass die bisherigen WM-Spiele nicht langweiliger sind als die der Männer im vergangenen Jahr. Negativ muss man feststellen, dass sich der Frauen-Fußball zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft entwickelt. In einigen wenigen Ländern wird die Sportart zunehmend professionalisiert. Dort wird ansehnlicher Fußball gespielt. Sieht man sich dagegen Spiele der Nationen an, in denen Frauenfußball eine Randerscheinung ist, hat man den Eindruck, man sehe eine Nachwuchsmannschaft spielen. Technisch ist das alles akzeptabel. Aber im körperlichen und taktischen Bereich und vor allem im Abwehrverhalten tun sich teilweise Abgründe auf.

An dieser Stelle möchte ich eine These in den Raum werfen: Das Niveau des Frauenfußballs könnte steigen, wenn mit einem Fußball der Größe vier (statt fünf) gespielt würde. Auffällig häufig haben die Frauen Probleme, den Ball nach der Annahme mitzunehmen, sehr oft bleiben sie hängen und stolpern über das Spielgerät. Die vielen abrutschenden Flanken und Schussversuche lassen sich meiner Meinung nach nicht  nur über technische Defizite erklären. Ein kleinerer Ball, wie er auch beim Hallensport Futsal verwendet wird, könnte besser zu den naturgemäß kleineren Füßen der Frauen passen, die somit eine bessere Kontrolle über den Ball hätten, schärfer schießen und somit das Spieltempo erhöhen könnten.

So viel zu meiner Theorie. Praktisch ist zu beobachten, dass sich einige Klischees des Frauenfußballs leider hartnäckig halten; einige davon durfte ich selbst über einige Jahre bei diversen Schulwettbewerben bis auf Landesebene bewundern.

  • Einwürfe stellen viele Fußballerinnen aller Nationen vor unlösbare Probleme
  • Die Chancenverwertung bringt die Trainer zum verzweifeln
  • Es gibt immer eine, die die Abseitsfalle aufhebt
  • Die Schwedinnen sind immer die schönsten
  • In jedem verdammten Spiel schwappt eine “La Ola” durch das Stadion, denn:
  • Die meisten Zuschauer sind Frauen oder Familien mit Kindern, die mit der Einstellung “Hey, wir sind voll gut drauf!” das Stadion betreten anstatt sich wirklich für ein gutes Fußballspiel zu interessieren
  • Bei den Spielen der Frauen herrscht die meiste Zeit relative Stille
  • Schiedsrichterinnen sind häufig schlecht und können sich selten durchsetzen

Das Schiedsrichter-Problem herrscht bei Weltmeisterschaften geschlechterübergreifend. Darüber müsste man sich mal ausführlicher unterhalten.

Abgesehen von diesen meist sympathischen Klischeebestätigungen macht “20Elf von seiner schönsten Seite” bisher großen Spaß. Die Stimmung ist gut, das Niveau einer WM angemessen (in der K.O.-Phase dann durchgehend hoch) und Deutschland liegt noch aussichtsreich im Rennen. Die Weltmeisterschaft in Deutschland macht mit all ihrer medialen Aufmerksamkeit beste Werbung für einen Sport, der nach wie vor zu wenig Beachtung findet.

Satire-Gipfel

21. Januar 2011 3 Kommentare

Nachdem Bruno Jonas den “Scheibenwischer” verlassen hatte, ging es mit der Satire in der ARD bergab. Harald Schmidt hat seine besten Tage bereits gesehen, versandet zunehmend in der Bedeutungslosigkeit, Erwin Pelzig wurde vom ZDF abgeworben und Jonas’ Partner Matthias Richling scheiterte daran, den “Satire-Gipfel” als Nachfolge-Format zu erklimmen.

Zum neuen Jahr handelte die ARD und holte Dieter Nuhr als neuen Gastgeber der Show. Gestern Abend führte er das erste Mal hinauf und schlug sich dabei gar nicht mal schlecht. Zwar war ihm seine Rippenverletzung noch etwas anzumerken und einige seiner Eröffnungswitze feiern bald ihren zehnten Geburtstag, aber für Nuhr-Verhältnisse hielten sich die bekannten Sprüche in Grenzen und seine teils tagesaktuellen Pointen stachen. Seine ruhige, aber bissige Art tat der Sendung gut. Richling war, wie Nuhr gleich zu Beginn korrekt anmerkte, einfach “zu energiegeladen für die ARD”, stets unter Hochdruck und auf Dauer anstrengend. Der Rheinländer hingegen konnte es sich sogar erlauben, in seine Witze so etwas wie Volkserziehung einzubauen:

“Bankenrettung, blöde Sache, aber leider alternativlos. Alternativlos, das Unwort des Jahres. Ist natürlich ein blödes Wort, denn es gibt immer Alternativen. Wenn der Räuber sagt “Geld her, oder ich schieße!”, kann man sich auch fürs Schießen entscheiden. Da sagen einige, muss man wirklich die Banken retten und Griechenland und Irland? Soll man von dem Geld nicht lieber Kindergärten bauen? Die Sache ist ja nur, hätten wir den Euro nicht gerettet, hätten wir auch keine Kindergärten mehr. In diesem Sinne war die Bankenrettung natürlich alternativlos.”

Aus Quotensicht war die erste Ausgabe mit Dieter Nuhr bereits eine Steigerung zum Vorjahr, aussagekräftige Zahlen wird es aber erst ab Februar geben, wenn das parallel laufende Dschungelcamp zu Ende ist. Bis dahin habe ich die schönsten Sprüche des gestrigen Abends gesammelt.

Nuhr

“Ich brauch kein Geld mehr. Krieg ich eh alles nicht mehr ausgegeben vor der nächsten Währungsreform.”

“Wir haben unglaublich viel Post bekommen. [...] Hier schreibt uns Stabsunteroffizier Hartmut Müller aus Masar-e Sharif: “Mein geiles Schweinchen, wenn ich wieder zu Hause bin, kannst du mich mal wieder so richtig…” … Da haben wir wieder aus Versehen die Feldpost geöffnet!”

“Jeder dritte Euro geht ins Sozialsystem, das ist ja viel zu wenig, da war die DDR ja weiter! Das stimmt. In der DDR erwirtschaftete man einen Euro und steckte davon vier ins Sozialsystem.”

“Gesine Lötzsch ist ja so die Thilo Sarrazin der Linkspartei. Sie sagt, was alle in der Partei denken und trotzdem gibt’s Ärger.”

Über Rainer Langhans: “Kommunismus funktioniert, wenn man zu elft im Dschungel sitzt. Eigentlich schade, dass Guido Westerwelle nicht mit dabei ist.”

Tina Teubner

“Ich hab neulich nach langer Zeit mal wieder ein Reformhaus betreten. Aus Dioxin-Gründen. Ich hatte völlig vergessen, wie abgemagert, krank, bleich und ausgemergelt Reformhaus-Verkäuferinnen ihr Dasein fristen.”

Alfred Dopfer

“Liberal ist ja nur ein Fremdwort für haltungs- und charakterlos.”

“Jetzt werden einige denken, was ist denn das für ein Arschloch da vorne? Da sage ich: Arschloch ja, aber liberal. Ein nach allen Seiten offenes Arschloch. Ein anatomisches Wunder, eben einer aus der Wirtschaft”

“”Komm zu mich zurück, du Schlampe!” – Ja, es ist schwer, die Fälle zu unterscheiden, wenn man selbst einer ist.”

Matze Knop

“Als ich gehört hab, Dieter Bohlen wird Vater, dachte ich: Was? Mark Medlock schwanger?”

Über die Frauen-Fußball-WM in Deutschland: “Bei den Männern gabs ja immer das Problem, dürfen die Frauen der Spieler mit ins Hotel? Bei den Frauen ist das geklärt, da dürfen die Frauen der Spielerinnen mit ins Hotel.”

Die ganze Folge zum Anschauen gibt es in der ARD Mediathek.

Mit Bitte um Sachlichkeit

10. Januar 2011 2 Kommentare

Es war ein Abend mit reichlich Diskussionsstoff, gestern im “Ersten”. Zunächst diskutierte Anne Will mit ihren Gästen über Dioxinskandal und Tierhaltung, bevor in den Tagesthemen nach dem Attentat auf die Politikerin Giffords eine Debatte um die politische Kultur Amerikas angeschnitten wurde. Viele Erkenntnisse ließen sich aus den beiden Sendungen jedoch nicht gewinnen, außer vielleicht diese: Emotionen haben in Sachdebatten nichts verloren.

Selten genug passiert es, dass ich mich auf die Seite der Politik stelle, noch viel seltener, dass ich der Industrie zustimme. Beides musste ich gestern tun. Der ehemalige Bundesminister für Ernährung, Karl-Heinz Funke, und der Vorsitzende der deutschen Geflügelhaltungsindustrie, Thomas Janning, waren zusammen mit Fernsehkoch Christian Rach diejenigen, die sich noch am ehesten auf Fakten stützten und nicht jedes Wort in dem Ton aussprachen “Ihr seid alle Sünder!”.

Ganz anders Karen Duve, Tierschützerin. Ihre Arbeit in allen Ehren, Tierschützer sind wichtig, um Skandale aufzudecken und Tierquäler aus dem Verkehr zu ziehen. Was aber in meinen Augen nicht geht, ist dieses, man möchte sagen, militante Vegetarier-Gerede. Menschen wie Frau Duve sind für mich ein ebenso effektives Brechmittel wie Radikal-Feminist_Innen, die jedes Wort bis zur Unkenntlichkeit “gendern”. Sie kann gerne Vegetarierin sein, sie kann gerne versuchen, anderen ihre Sichtweise nahezulegen, sie soll gerne weiterhin Tierzüchter entlarven, die gegen Richtlinien verstoßen. Was sie jedoch nicht machen darf, ist, eine ganze Branche zu verurteilen und Fleischesser als schlechte Menschen zu bezeichnen.

Genau das tat sie in der Stunde bei Anne Will mehrfach. Sätze wie “Wir haben keine verantwortungsvollen Tierhalter!” sind Pauschalisierungen aus dem Lehrbuch, wie man nicht argumentieren sollte. Natürlich gibt es auch unter den Tierbetrieben Fälle, in denen Vorschriften missachtet und teilweise Tiere gequält werden. Diejenigen müssen dann selbstverständlich bekämpft und zur Rechenschaft gezogen werden. Aber so wenig wie alle Fußballfans Hooligans und alle Muslime Gewalttäter sind, sind alle Tierhalter verantwortungslos; oder alle Nicht-Vegetarier böse. Auf die Frage, ob sie ausschließen kann, jemals wieder eine Bratwurst zu essen, antwortete Frau Duve: “Nein, kann ich nicht, auch ich bin ein fehlerhafter Mensch.”

Auch der Einspieler von Wills Redaktion voller schockierender Bilder, um einen letzten Punkt anzubringen, ist bei Licht betrachtet nicht so beunruhigend wie zunächst vermutet. Bei bis zu 200000 Rindern funktioniere die Betäubung vor der Schlachtung nicht. Das sind etwa 0,5 Prozent der jährlich geschlachteten Rinder in Deutschland. Natürlich sollte alles dafür getan werden, damit auch dieses halbe Prozent keine vermeidbaren Leiden ertragen muss. Bedenkt man jedoch, dass früher, als alles noch so viel besser war, kein einziges Rind betäuben konnte, finde ich, dass wir schon auf einem ziemlich guten Weg sind. Ebenso verhält es sich mit der Ferkelkastration. Nach geltendem Recht dürfen Ferkel bis zu ihrem siebten Lebenstag ohne Betäubung kastriert werden. Allerdings müssen alle sonstigen Maßnahmen, die das Leiden während und nach der “Operation” mindern können, vorgenommen werden. Zudem werden seit 2008 alternative Methoden erarbeitet, die EU-weit den Tierschutz optimieren können. Im gleichen Jahr trafen sich die Agrarminister der Bundesländer in Meißen und verfassten einen Beschluss, der die Bundesregierung beauftragt, Ferkelkastration “ohne Schmerzausschaltung” zu verbieten. Das Problem wurde also erkannt und hoffentlich bald behoben. Wie Anne Will noch fünfmal zu wiederholen “Aber Ferkel werden kastriert!”, bringt die Diskussion auch nicht weiter.

Fazit: Guten Gewissens kann man heutzutage nichts mehr essen. Fleisch ist böse, Fisch sollen zumindest Frauen laut Duve wegen der Dioxinbelastung höchstens einmal monatlich essen, Eier und Käse lassen den Cholesterinwert steigen, Mais ist sowieso genetisch verändert, Obst mit Pestiziden verseucht und Gemüse wird von armen ausländischen Leiharbeitern geerntet. Schade, dass sich Steine so schlecht kauen lassen.

Zum Schluss noch ein paar Worte zum Attentat auf die amerikanische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords. Ist es wirklich überraschend, dass so etwas in einem Land passiert, in dem im Wahlkampf unverhohlen gelogen, politische Gegner bösartig (z.B. als Freund von Kinderschändern) diffamiert werden, in dem eine der einflussreichsten Oppositionspolitikerinnen Fadenkreuze auf Demokratische Politiker setzt und von einer “ersten Salve” spricht, im Fernsehen ein Tier erschießt und sagt, dass schießen etwas tolles ist und in dem jeder Erwachsene das Recht hat, eine Waffe zu besitzen? Es ist traurig, dass erst einer Politikerin in den Kopf geschossen werden muss, damit die Politiker merken, dass sie durch ihre Hetzreden das Land aufspalten und radikalisieren. Sachlichkeit vor Emotionalität. Echt schade, dass man das einem Land wie den USA wirklich beibringen muss. Immerhin: Sarah Palins Fadenkreuzkarte ist auf ihrer Facebook-Seite aktuell nicht mehr zu finden.

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