Sherlock (BBC 2010)
Der Huge von nebenan hat mich auf die BBC-Produktion “Sherlock” aufmerksam gemacht, die seit gestern in der ARD durch die Sommerpause führt. Nachdem ich mir nun die erste Folge, “Ein Fall von Pink” angeschaut habe, komme ich zu einem ähnlichen Ergebnis wie er.
Die Geschichten rund um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes sind im heutigen London angesiedelt. Sherlock ist jung, arrogant und homosexuell. Zudem verliehen ihm die Produzenten Mark Gatiss und Steven Moffat eine autistische Note und versetzten ihn an die Grenze zum Psychopathen. Oder besser gesagt Soziopathen. Darauf legt Holmes wert. Auch Dr. Watson weicht etwas von Sir Arthur Conan Doyles Vorlage ab. Er ist ein Militärarzt, der kürzlich aus Afghanistan zurück gekehrt ist* und zieht nun mehr oder weniger ungefragt mit Sherlock in eine WG in der 221b Baker Street.
Benedict Cumberbatch (“Abbitte”) verkörpert den neuen jungen, smarten Holmes. Sein Spiel und sein Aussehen, das dem einer wandelnden Wachsfigur nahe kommt, machen den Detektiv zu einer äußerst unangenehmen Person. Genial, aber suspekt. Dessen einzigartige Auffassungsgabe und Kombinationsfähigkeit überfordern alle Menschen um ihn herum. Damit dieses Schicksal dem Fernsehzuschauer zumindest streckenweise erspart bleibt, wurden seine Gedankengänge nachvollziehbar illustriert – mit simplen Texteinblendungen. Dieses Erzählmittel, das im übrigen häufiger auftaucht, ist nur eine der unkonventionellen Ideen, die “Sherlock” wie so viele BBC-Krimis genial macht.
Die Inszenierung von Holmes’ Untersuchungen und Erklärungen muten ein wenig wie die amerikanische Serie “CSI” an; mit dem Unterschied, dass man dabei weder Gähn- noch Würgereize verspürt. Mehrmals drohen das Tempo und die Arroganz des Detektivs anstrengend zu werden. Immer dann setzen die erfahrenen TV-Autoren Gatiss und Moffat geschickte Pointen. Eine ausgewogene Mischung aus Spannung, Verwirrung und klugem Humor sorgen für großartige Fernsehunterhaltung. Doyles Sherlock Holmes glaubwürdig in die heutige Zeit zu versetzen lautete die Vorgabe der Produzenten. Das ist ihnen gelungen.
Kritisch ist nur die deutsche Synchronisation anzumerken. Ob sie passend ist, kann ich nicht beurteilen, da ich die Originalfassung nicht gesehen habe. Qualitativ ist sie wie so oft auch in Ordnung. Aber gibt es im deutschen Serienfernsehen seit einigen Jahren nur fünf Synchronsprecher? So gut sie auch sein mögen, irgendwann stört es, wenn man in jeder vernünftigen Serie die gleichen Stimmen zu anderen Schauspielern hört.
Leider hat die ARD diese Serie eingekauft (als ob so etwas gutes in Deutschland produziert würde…), sodass sie nicht in der Mediathek zur Verfügung steht. Deshalb sei euch ans Herz gelegt, wenigstens die beiden übrigen Folgen der ersten Staffel anzuschauen. Sie laufen im “Ersten” an den nächsten beiden Sonntagen jeweils 21:45 Uhr.
*Dank Corinna (siehe Kommentare) weiß ich inzwischen, dass auch der Original-Watson Militärarzt in Afghanistan gewesen ist. Wie passend!

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