Archiv

Archiv für die Kategorie ‘Was mich betrifft…’

20 Jahre Leipzig

9. April 2012 5 Kommentare

In diesem Monat ist es genau 20 Jahre her, dass ich mit meiner Familie nach Leipzig gezogen bin. Besser gesagt meine Familie mit mir, denn als zweijähriger Knirps hatte ich bei dieser Entscheidung kaum Mitspracherecht. Seither lebe ich in dieser schönen Stadt und habe hier trotz diverser mehr oder weniger langen Wohnaufenthalte in meiner alten Heimat in Nordrhein-Westfalen oder in Meißen mein einziges echtes Zuhause. Ein Zuhause, das ich in der ganzen Zeit nicht nur lieben, sondern auch gut kennen gelernt habe.

Viele Facetten dieser abwechslungsreichen Olympiastadt der Herzen durfte ich erleben. Nun sind zwei Jahrzehnte auch viel Zeit, sollte man meinen. Genug, um alles einmal getan zu haben, was einem die Stadt anbietet. Aber wie das bei Angeboten so unmittelbar vor der Haustür oft ist, waren auch für mich einige davon zu einfach, zu selbstverständlich, um sie tatsächlich in Anspruch zu nehmen. Anlässlich meines 20-jährigen Leipzig-Jubiläums  hier also eine Liste an Dingen, die ich bislang versäumt habe, zu tun:

  • Auf die Aussichtsplattform des Uni-Riesen/MDR-Towers/City-Hochhauses gehen
  • Den Uni-Riesen überhaupt mal betreten
  • Eine Bootstour durch die Kanäle
  • Ein Spiel des HCL besuchen
  • Einen Beschwerdebrief an die LVZ schreiben
  • Ein Konzert oder eine Party in der Moritzbastei besuchen (die 15 Minuten auf der Ersti-Party zählen nicht)
  • Am Seifenkistenrennen auf dem Fockeberg teilnehmen
  • Auf dem Fockeberg Silvester feiern
  • Völkerschlacht-Schauspiel an selbigem Denkmal besuchen
  • Das Bildermuseum besuchen (bin bislang nur bis zur Lobby gekommen)
  • Das Stadtgeschichtliche Museum besuchen
  • Die Deutsche Nationalbibliothek betreten
  • Ein Pferderennen auf der Rennbahn Scheibenholz ansehen
  • Mit der Partytram fahren
  • Belantis besuchen
  • Beim Schwarzfahren erwischt werden
  • Ein Fahrrad klauen

Ich habe also noch genügend Programm für die nächsten Jahre in Leipzig. Und dennoch ist es, wenn man sich mal eine Weile damit beschäftigt, auch irgendwie beängstigend, wie viele eigentlich für Touristen prädestinierte Orte und Events ich besucht habe. Trotz der obigen Versäumnisse, so denke ich, ist meine Bilanz auch was das Pflichtprogramm für jeden echten Leipziger angeht, durchaus vorzeigbar. Auch hierfür habe ich eine kurze Liste zusammengetragen, für alle Leipziger zum Abgleichen mit eurer Liste und für alle (Noch-)Nicht-Leipziger möglicherweise als Anregung. Ich bin/habe:

  • Mich über Halle lustig gemacht
  • Spiele von Lok, Sachsen und RB Leipzig in deren jeweiligen Stadien, sowie Spiele der UniRiesen besucht
  • Mit der Parkeisenbahn um den Auensee gefahren
  • Zoo, Tierpark und Botanischen Garten besucht
  • Konzerte/Vorstellungen in Gewandhaus, Oper, MuKo, Centraltheater und Thomaskirche besucht, inklusive Classic Open (nicht nur das, ich stand als Schüler sogar auf zwei Bühnen dieser Häuser)
  • Mit Fahrrad und Fahrrad-Kutsche um den Cospudener See gefahren und darin gebadet
  • Buchmesse, ami-Messe, Modell&Hobby-Messe besucht sowie diverse Veranstaltungen auf dem Agra-Gelände
  • Das Völkerschlachtdenkmal erklommen
  • Im Kohlrabizirkus Schlittschuh gelaufen und in der Soccer World Fußball gespielt
  • Das Panometer besucht, ebenso wie das Zeitgeschichtliche Forum, Grassi- und Naturkundemuseum
  • In Auerbachs Keller und im Riquet gegessen bzw. Kaffee getrunken
  • Urlaubstage in Schrebergärten verbracht
  • Auf der Kleinmesse gewesen
  • Das Wasser im Becken von Specks Hof zum Schwingen gebracht
  • Fausts Schuh berührt
  • An Studentendemos teilgenommen
  • In einem City-Tunnel-Informationszentrum gewesen
  • Diverse Veranstaltungen in Haus Auensee, Arena Leipzig, Werk II und Schaubühne Lindenfels besucht
  • Ein Feuerwerk auf der Festwiese erlebt
  • Im Johannapark gerodelt und an Schneeballschlachten teilgenommen
  • An einer Stadtrundfahrt im “Gläsernen Leipziger” teilgenommen
  • Auf der Großen Wiese Drachen steigen lassen
  • Auf der Großen Wiese Sterne geschaut
  • Dem MDR einen O-Ton gegeben und RTL in der WG gehabt
  • In Sachsentherme, Poseidon, Riff, Stadtbad, Ökobad Lindenthal und Wackerbad “schwimmen” gewesen
  • Einem Punk am Hauptbahnhof Kleingeld gegeben
  • Gegen Nazis demonstriert
  • In der Uni-Klinik und im St.-Georg-Krankenhaus behandelt worden
  • Dreharbeiten von Soko Leipzig und dem Tatort beobachtet
  • Am Set von “In aller Freundschaft” gewesen
  • Führungen durch Altes und Neues Rathaus bekommen
  • Eine halbe Stunde auf die eingeschneite Straßenbahn gewartet
  • Ein Fahrrad gestohlen bekommen und dies nicht zur Anzeige gebracht

Keine der beiden Listen erhebt Anspruch auf Vollständigkeit. Wenn ich etwas vergessen habe, das man in Leipzig unbedingt mal getan haben muss, schreibt es mir! Und nein, zu Silvester am Connewitzer Kreuz Einrichtungen demolieren gehört nicht dazu.

PS: Ich bitte noch einmal, die derzeitige Schreibflaute zu entschuldigen. Sie ist meiner Arbeit geschuldet, die mich momentan ziemlich auf Trab hält. Wer dennoch an Texten von mir interessiert ist, sei auf die satirische Radiosendung verwiesen,  für die ich wöchentlich aktiv werde.

Kategorien:Stadtgespräch, Was mich betrifft... Schlagworte:

Schnelldurchlauf

Viel passiert, viel zu erzählen, aber deshalb auch viel zu tun! Für meine Blog-Abstinenz versuche ich jetzt etwas zu entschädigen, indem ich einfach alle Themen, über die ich normalerweise einen eigenen Beitrag geschrieben hätte, jetzt kurz zusammenfasse. Das erspart euch auch die vielen lästigen Details. An den passenden Stellen verlinke ich wieder auf meine Satire-Beiträge, die bei mephisto97.6 im “Nachschlag” liefen. Und los geht’s:

Christian Wulff tritt zurück

Das war überfällig! Die “Causa Wulff” hat genervt wie kaum ein zweites Thema. Daran waren die Medien ebenso sehr schuld wie der Ex-Bundespräsident. Ich frage mich sowieso, weshalb sich in der Berichterstattung alle auf den Niedersachsen stürzten, anstatt mal ernsthaft zu thematisieren, welchen Anteil Angela Merkel an der ganzen Geschichte trägt. Schließlich setzte sie Wulff mit aller Gewalt durch, obwohl ihm schon 2010 viele das höchste deutsche Amt nicht zutrauten. Auch aus den eigenen Reihen übrigens, sonst hätte er sich wohl nicht erst im dritten Wahlgang durchgesetzt. Mit Köhler und Wulff hat Merkel die beiden farb- und profillosesten Präsidenten aus dem Hut gezaubert .

Ob Christian Wulff nun ein gestörtes Unrechtsverständnis oder flexible Moralvorstellungen hat, wird jetzt die Staatsanwaltschaft klären. Ich weiß nicht, was ich für einen Bundespräsidenten unwürdiger fände. Für ihn selbst stellt sich jetzt die Frage, wie es nach seinem Rücktritt weitergeht. Sucht er den Weg in die Wirtschaft? Was er auf jeden Fall sucht, ist der Weg zum Arbeitsamt. Wir haben diese Szene einmal nachgestellt:

Ehrenwert übrigens: Bis zuletzt hatte Christian Wulff noch einen tapferen Fürsprecher – Peter Hintze. Oder wie wir ihn nannten: Der letzte Mohikaner, der mit dem Wulff tanzte. Entstanden am Tag vor, gesendet am Tag des Rücktritts:

Joachim Gauck wird neuer Bundespräsident

Für jeden normalen Regierungschef wäre diese Entscheidung unter den gegebenen Umständen die endgültige Bankrotterklärung gewesen. Aber Angela Merkel ist kein normaler Regierungschef. Ob es daran liegt, dass politische Kehrtwenden mittlerweile zu ihrem Markenzeichen geworden sind, oder dass sie nach sieben Jahren an der Spitze des Kabinetts einfach keine Konkurrenz mehr in den eigenen Reihen hat, weiß ich nicht. Aber auch aus diesem neuerlichen Kurswechsel oder Fehlereingeständnis, oder wie man es nennen möchte, wird sie unbeschadet hervorgehen. Ein Phänomen.

Ich freue mich darüber, dass die Entscheidung für Gauck gefallen ist, ich finde es aber traurig, wie sie gefallen ist. Rot-Grün haben ihn benutzt, um der Regierung die lange Nase zu zeigen, Philipp Rösler hat ihn benutzt, um sich endlich mal durchzusetzen und irgendwie ein paar Prozentpunkte zu sammeln (notfalls auf Kosten der Koalition) und Merkel hat ihn letztlich benutzt, um sich als rational-pragmatisch zu geben und den überparteilichen Präsidenten zu finden. Alles unter dem Vorwand, Gauck sei der geeignetste Kandidat und man wolle Parteiinteressen hinten anstellen.

Jetzt ist es noch keine Woche her, dass der DDR-Bürgerrechtler als Kandidat benannt wurde, erst in drei Wochen wird er gewählt – und trotzdem zerreißen sich schon wieder alle die Mäuler über ihn. Die einen loben ihn als den Heilsbringer, die anderen sehen ihn als rückwärtsgewandten Konservativen. Ich persönlich erhoffe mir von ihm weder das eine, noch befürchte ich das andere. Ich erwarte nicht, dass ich seine Meinung immer teile, aber ich erwarte, dass er eine Meinung hat und diese auch äußert. Aber lassen wir ihn erst einmal ins Amt kommen.

Auch die Gauck-Mania durfte ich satirisch aufarbeiten. Gestern lief in unserer Sendung ein Korrespondentengespräch mit Uli Dorfdepp. Es begann mit der Frage – sie fehlt im folgenden Beitrag, weil live gestellt – “Wie wurde denn die Entscheidung für Gauck in Berlin und in Deutschland aufgenommen?

RB Leipzig vs. SV Wilhelmshaven 8:2

Was für ein Spiel! Der höchste Sieg der Vereinsgeschichte bei spitzenmäßigem Wetter war der optimale Auftakt in das Fußballjahr 2012. Neuzugang Roman Wallner feierte einen denkwürdigen Einstand mit drei Toren, Tomasz Wisio dürfte Umut Kocin dessen Rückkehr nach der Verletzungspause schwer machen und auch Hoheneder wirkt wie eine gute Ergänzung für die Innenverteidigung. So ein hoher Sieg war nötig, um mal ein Zeichen zu setzen – man darf ihn aber nicht überbewerten. Nach dem Rückstand war Wilhelmshaven kaum noch auf dem Platz und über die gesamten 90 Minuten hatte Leipzig so viel Platz wie wohl nie wieder in dieser Saison. Schon morgen muss diese Leistung beim TSV Havelse bestätigt werden. Dass die spielerische Qualität endlich ansehnlich war, dass endlich mal ein Tor nach einer Ecke fiel und dass endlich auch ein Konter erfolgreich zu Ende gespielt wurde, macht Hoffnung. Allerdings war das erste Pflichtspiel des Jahres alles andere als eine Standortbestimmung. Die folgt erst in der anstehenden englischen Woche bei Havelse, Zwickau und gegen Lübeck.

René Adler wechselt (voraussichtlich) zum HSV

Darüber würde ich mich gerne freuen. Immerhin wechselt einer meiner Lieblingstorhüter – und auch noch ein Leipziger! – zu meinem Lieblingsverein. Allerdings habe ich noch einige Bedenken. Nur Ralf Fährmann und Markus Pröll kommen an die Verletzungsanfälligkeit von Adler heran. Noch einen Leistungsträger, der permanent verletzt ist, kann sich der HSV wirklich nicht leisten. Und wenn man sich die Invalidenliste des HSV der letzten Jahre anschaut, gibt es sehr viele Orte, an denen man besser gesunden kann als Hamburg…

Außerdem macht Jaroslav Drobny nach Startschwierigkeiten mittlerweile einen guten Job. Er müsste dann definitiv gehen. Ob sich das unbedingt positiv auf seinen Kopf uns eine Leistungen auswirkt, darf man bezweifeln. Er wäre dann zudem ein weiterer dieser Sinnlostransfers des HSV. Als potenzieller Stammtorwart wurde er an der Alster zur Nummer zwei hinter Frank Rost degradiert, lag dem Verein, ohne Leistung zeigen zu können, auf der Tasche und verlor gleichzeitig an Spielpraxis und Form. Kommt jetzt Adler, würde er sich nach nur einem halben Jahr in annähernder Normalform wieder verabschieden. Alles sehr unglücklich.

Weitere Themen

Ein Aufreger-Thema im Februar war die gescheiterte Syrien-Resolution der Vereinten Nationen. Russland und China hatten sie im Sicherheitsrat blockiert. Anschließend reiste Russlands Außenminister Lawrow nach Syrien, um zu verhandeln. Das Protokoll des Treffens mit dem anschließenden russisch-syrischen Resolutionsentwurf liegt uns vor:

Schließlich begleitete uns mal wieder der Verfassungsschutz. Diesmal ging es darum, wieso er 27 Bundestagsabgeordnete der Linken beobachtet, aber zehn Jahre nichts vom NSU wusste oder nichts gegen ihn unternahm. Darüber wurde bei Günther Jauch diskutiert und da gab es nur eine einzige Frage:

Mein nächster Beitrag kann hoffentlich wieder ein einziges Thema etwas ausführlicher behandeln. Bis dahin wünsche ich viel Spaß beim Anhören!

Nachschlag-Nachtrag

Viel ist in den letzten Wochen passiert und entsprechend viel durfte ich auch darüber schreiben. Guantánamo wurde zehn Jahre alt, das Dschungelcamp überflutete das Fernsehen, der ORF protestierte gegen sich selbst und eine Politikerin legte den E-Mail-Dienst des Bundestags lahm. Allerdings habe ich alle meine Texte darüber fürs Radio geschrieben, worunter die Post-Frequenz auf diesem Blog etwas leidet. Aber da die Radio-Themen ziemlich genau die sind, über die ich sonst hier geschrieben hätte, ist die Lösung recht einfach: Ihr bekommt hier einfach die geballte Ladung Texte, durch die ihr euch bei Interesse in Ruhe durchlesen und -hören könnt. Es handelt sich dabei um Beiträge für den “Nachschlag”, das Satiremagazin von mephisto97.6.

Freitag, 13.01.2012 – Guantánamo

Vor zwei Wochen feierten wir den zehnten Geburtstag vom umstrittenen Gefangenenlager von Guantánamo Bay mit einer Themensendung. Zur Einstimmung darauf gab es auf unserer Facebook-Seite ein – zugegeben ziemlich böses – Video-Teasing mit zwei Figuren aus unserer Sendung. Vor allem für die folgende Sendung wird dieses Video noch wichtig.

Video-Teasing Alter&Ego in Guantánamo

Am gleichen Tag begann auf RTL das Dschungelcamp. Zur Einstimmung gab es eine Programmvorschau für beide Events.

Ich bin ein Dschihadist – holt mich hier raus!

Um dem Ganzen auch etwas Tiefe zu geben, ließ ich erklären, was Guantánamo eigentlich ist. Natürlich kindgerecht und einfach zu verstehen.

Löwenzahn – Guantánamo

Freitag, 20.01.2012

Die Woche vom 14.-20. Januar stand ganz im Zeichen der Costa Concordia. Der Satz der Woche: “Ich bin ins Rettungsboot gefallen.” Meine Themen waren jedoch andere.

Mit einer sehr lobenswerten und erfeulicherweise erfolgreichen Aktion protestierten Mitarbeiter des Österreichischen Rundfunks (ORF) gegen die eigene Geschäftsleitung. In diesem Youtube-Video beschwerten sie sich über Postenbesetzungen, die offenbar die politische Unabhängigkeit des Senders gefährdeten. Es empfiehlt sich, dieses Video für den nächsten Beitrag anzuschauen.

Denn auch wir vom Nachschlag hatten Grund zum Protest!

Protest im Nachschlag

Außerdem fällte die amerikanische Militärführung in dieser Woche eine Entscheidung, die uns eine Nachschlagzeile wert war:

Riskant!

Die USA ziehen etwa 10.000 Soldaten aus Deutschland ab. Das kündigte US-Verteidigungsminister Panetta an. Die Amerikaner hätten in Deutschland genügend Brunnen gebohrt und Schulen gebaut. Man wolle die Verantwortung jetzt schrittweise den deutschen Sicherheitskräften übertragen. Experten äußern große Bedenken.

Freitag, 27.01.2012

Die letzte Woche hatte kein zentrales Thema außerdem inzwischen extrem nervigen Wulff. Mein Interesse weckten Obamas Rede “Zur Lage der Nation”, worüber ich hier bereits ausführlich geschrieben habe, und folgender Vorfall im Bundestag:

Twittergate: So wurde der Skandal durch Julia Klöckner und Ulrich Kelber vor drei Jahren genannt. Damals plauderten sie das Ergebnis der Wahl vom Bundespräsidenten etwas voreilig aus. Jetzt hat der Bundestag einen neuen DAU – einen Dümmsten Anzunehmenden User. Babette Schulz ist die Glückliche. Die Grünen-Politikerin schaffte das, was sonst nur Hacker schaffen – sie legte den E-Mail-Server des Bundestags lahm. Ein Ereignis mit dramatischen Folgen. Exklusiv beim Nachschlag: eine Chronik der erschreckenden Ereignisse.

Kürschnergate – Eine Chronik

Freitag, 03.02.2012?

Mal sehen. Die Diskussion bei Günther Jauch gestern bot beispielsweise reichlich Stoff. Ich werde mir außerdem Mühe geben, hier auch wieder den einen oder anderen Artikel einzustellen, der nicht satirisch ist und bereits im Radio lief. Am Donnerstag wird Roman Wallner als neuer Stürmer von RB Leipzig vorgestellt. Da will ich hin. Den Rest lassen wir mal auf uns zukommen. Ich hoffe, ihr habt Spaß an den Beiträgen.

Verfassungsschutz-approved!

7. Januar 2012 4 Kommentare

“Zeitungszeugen – Geschichte erlesen”

Mittwochabend während der Redaktionssitzung, als wir eigentlich auf erste Einschätzungen zum Wulff-Interview warteten, überfiel uns dieser Werbespot für das Magazin “Zeitungszeugen”. Seit Donnerstag ist diese Zeitschrift wieder im Verkauf. Sie sammelt Nachdrucke von Zeitungen aus der Zeit des Nationalsozialismus mit dem Ziel, dem Leser zu vermitteln, wie bestimmte Ereignisse damals verbreitet und aufgenommen wurden. Kommentare von Historikern sollen die Inhalte einordnen. Wir besorgten uns tags darauf die erste Ausgabe, denn Werbung und Aufmachung des Magazins waren für uns als Satire-Redaktion gefundenes Fressen. Erst recht, da unsere Sendung “Nachschlag” heißt und folglich mit “NS” abgekürzt werden kann… Hier nun das bissige Ergebnis mit Anmoderation:

Sie ist blond, sie ist blauäugig und sie liest die NSDAP-Zeitung „Der Angriff“. Ein Bild der Vergangenheit? Oh nein! Seit gestern ziert dieses durch und durch deutsche Stillleben den Titel einer am Kiosk erhältlichen Zeitschrift. Nach einem Jahr Pause erscheint das Magazin „Zeitungszeugen“ wieder regelmäßig. Warum das ein Grund zur Freude ist, verrät Ihnen unser Geschichts-Experte Guildo Knopf aus Wildbad Kreuth. 

“Zeitungszeugen”-Beitrag anhören/downloaden. (2:15 min.)

Aber ganz im Ernst:

Die Idee des Magazins ist durchaus interessant. Zeitungen sind wichtige historische Quellen und sagen viel darüber aus, wie über diverse Themen und Personen gedacht wurde. Es kann folglich tatsächlich “spannend” sein, solche Dokumente zu lesen und Interessierten den Zugang zu erleichtern, ist per se löblich. Deshalb gab es “Zeitungszeugen” von 2009 bis 2010 schon einmal für zwei Jahre.

Problematisch wird es beim genaueren Hinsehen. Nach Hitlers Machtübernahme wurde die Presse bekanntlich massiv kontrolliert. Selbst in den Zeitungen, die nicht von den Reichsbehörden herausgegeben wurden, war somit so etwas wie unabhängiger Journalismus nicht möglich. Was das Volk dachte, lässt sich in der Presse also kaum finden, sondern nur, was die NS-Propaganda dem Land vermitteln wollte. Der Erkenntnisgewinn hält sich in Grenzen. Das Abdrucken und Lesen von ideologieprägenden Propagandatexten Joseph Goebbels’, dem Aufmacher der ersten “Zeitungszeugen”-Ausgabe, hat für meinen Geschmack mehr mit Sensationsgeilheit zu tun als mit Interesse am historischen Geschehen.

Bis hierhin ist das alles noch Ansichtssache. Auch über N24-Hitler-Dokumentationen kann man geteilter Meinung sein. Meine Kritik geht jedoch darüber hinaus. Die Menge der Nazi- und Kommunismus-Propaganda, die zumindest in Heft eins abgedruckt ist, steht in keinem Verhältnis zu den einordnenden Kommentaren. Dem kompletten KPD-Blatt “Der Kämpfer” stehen beispielsweise zwei kleine Anmerkungen gegenüber.

Nicht nur die Menge, auch die Qualität der Kommentare lässt zu wünschen übrig. Viele Teilstücke der so genannten “Leser-Lupe” fassen lediglich den Inhalt der Zeitungsartikel zusammen. Andere bleiben mit ihrer Einordnung stark an der Oberfläche, erklären beispielsweise, dass die Sprache der Nationalsozialisten von Gewalt geprägt war. Nur wenige haben einen echten Mehrwert für den Leser. Gefährlich werden die Einschätzungen zur Ausgabe der “Deutschen Allgemeinen Zeitung”, die der Zeitschrift beiliegt. Sie wird als vorbildlich arbeitendes, journalistisch unabhängiges Medium gelobt, das differenziert über die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler berichtet. Das ist zwar nicht verkehrt, allerdings fällt in dem gepriesenen Leitartikel von Fritz Klein auch der Satz: “Wir halten die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler unter diesen Umständen für richtig.” Entscheidend wäre hier gewesen, dem Leser zu erläutern, weshalb auch unabhängige, kritische Journalisten Hitlers Machtübernahme nicht feierten, aber begrüßten, was sie sich erhofften und wie berechtigt diese Hoffnungen waren. Nichts dergleichen geschieht.

Für Schulunterricht und Studium ist “Zeitungszeugen” sicherlich eine brauchbare Arbeitsgrundlage. Als Fach- oder Special-Interest-Zeitschrift taugt sie jedoch nicht. Dafür sind die kritischen Einordnungen viel zu dünn. Es wäre übertrieben, das Magazin als jugendgefährdend abzustempeln. Dennoch habe ich ein ungutes Gefühl, wenn so viel nationalsozialistische Pressearbeit derart ungefiltert an jedem Kiosk erhältlich ist. Ginge es den Herausgebern um die Wissensvermittlung, hätten sie ausgewählte Texte im Original abgedruckt und in Form einer klassischen Zeitschrift mit ausführlichen Kommentaren versehen. Die tatsächliche Aufmachung und Aufbereitung der Inhalte schürt stattdessen vielmehr die so zwielichtige Faszination am Nationalsozialismus. Was als Geschichtsmagazin vielversprechend klingt, verkommt so zu populärwissenschaftlicher Geldmacherei. Besonders in Zeiten, in denen über eine Verharmlosung der deutschen rechtsextremen Szene diskutiert wird, ist das äußerst fragwürdig.

Wo warst du?

Du fährst mit dem Zug stundenlang durch ein trostloses Nichts mit kargen Nadelwäldern und verlassenen Seen, fernab jeder Zivilisation mit einem Handy-Netzempfang, der in jedem Tunnel besser ist.

Du trittst aus dem Hauptbahnhof heraus und bestaunst die Mondlandschaft vor dem Palast der Republik der Stadthalle.

Du gehst weiter Richtung Süden und ergötzt dich am Charme der Plattenbausiedlungen.

Du läufst zwei Tage lang durch die Innenstadt und begegnest keiner Menschenseele.

Du hast beim Einkaufen im Supermarkt die Wahl zwischen vier Kassierern ohne einen Kunden.

Du erreichst die S-Bahn-Station, während das Glas einer Informationswand durch die Druckwelle eines Böllers zersplittert und sich der Verursacher mit erhobenen Daumen davor fotografieren lässt.

Du folgst einer Gruppe Menschen zum Strand, die gerade eine Klopapierrolle aus einer öffentlichen Toilette entführt hat und diese nun entrollt.

Du entgehst nur knapp einem Sprengsatz Böller, dessen Druckwelle du am ganzen Körper verspürst.

Du siehst an einer Haltestelle in das Logo des örtlichen Verkehrsverbundes ein Hakenkreuz geschmiert und stellst konsterniert die Alltäglichkeit dieser Begebenheit fest.

Du passierst am nächsten Morgen einen Jugendlichen, der mit leerem Blick alleine im Nieselregen an einer Haltestelle sitzt und zum Zeitvertreib die verbliebenen Böller vor sich zur Explosion bringt.

Du fährst zurück durch dieselbe Ödnis, diesmal in einem überfüllten Zug.

Du hattest trotzdem eine schöne Zeit.

Ja.

Du hast den Jahreswechsel in Rostock verbracht.

Kategorien:Was mich betrifft... Schlagworte: ,
Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.