Roche & Böhmermann
Warum eigentlich nicht im Hauptprogramm?
Ein altmodischer Programmsprecher kündigt mit gerahmter Brille, klobigem Mikrofon und Notizen auf A4 die neue Talkshow des ZDF an. Das Set ist eine Stilmischung aus “Dr. Strangelove”, “Edgar Wallace” und Film Noir. Alles an dieser Sendung ist bewusst “retro” gehalten – es darf sogar getrunken und geraucht werden. Und doch ist “Roche & Böhmermann” eins der modernsten, weil unkonventionellsten Formate der letzten Jahre.
Auf dem versteckten Experimentierkanal zdf.Kultur führen, wie der Name schon sagt, Charlotte Roche und Jan Böhmermann durch die Talkstunde. Charlotte Roche ist Bestsellerautorin und, wenn sie nicht gerade schreibt, eine durchaus angenehme Moderatorin. Jan Böhmermann ist vor allem aus der “Harald Schmidt Show” bekannt, hat aber auch in Eigenregie erfolgreiche Comedy- und Satireprogramme gestaltet und prägte das vermeintliche Podolski-Zitat “Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel”. Eine schlagfertige und trinkfeste Kombination.
Interessant ist am Konzept der Sendung nicht nur, dass die Moderatoren regelmäßig für Lacher sorgen, dass die Regie statt über Knöpfe im Ohr per Zettel mit ihnen kommuniziert, dass es einen Knopf zum selbst-zensieren gibt und dass sie offen den “Wunderbaum”-Konsum ihrer Gäste vor der Sendung ansprechen. Interessant ist vor allem, dass es kein Thema gibt. Alles, was vorher feststeht, sind die fünf Gäste. Die werden über die Stunde verteilt vorgestellt (mit großartigen Einspielern!) und dann wird über die Aspekte des Gastes gesprochen, die die Runde spannend findet. Weder entstehen so die mitunter nervtötenden Wortgefechte einer politischen Talkrunde, noch sind die Gäste hauptsächlich der Promotion ihres neuen Werkes wegen im Studio. Die Persönlichkeiten bestimmen die Sendung.
Und die waren in der ersten Ausgabe mit Sido, Jorge Gonzalez, Marina Weisband, Britt Hagedorn sowie Türsteher und Fotograf Sven Marquart zwar nicht besonders ausgefallen, sorgten aber dennoch für genügend Gesprächsstoff: Von Anti-Atomkraftbewegung und Ökostrom über Drogenkonsum, Parteigeschichten und Trash-TV bis hin zu der Geschichte, dass Sven Marquart einst Sido den Zutritt zu seinem Club verweigerte, war ein breites Spektrum an Themen abgedeckt, die angeregt und pointiert diskutiert wurden.
Reden, wie einem die Schnauze gewachsen ist. Ohne Angst vor Schleichwerbung, jugendgefährdenden Inhalten oder beleidigten Gästen. Das ist “Roche & Böhmermann”. Erfrischend, unterhaltend und trotz humoriger Aufbereitung nicht platt und niveaulos. Eine der wenigen Schwächen der Show wurde bereits im Abspann aufgearbeitet. Jan Böhmermann war etwas zu sehr auf Krawall gebürstet. So verweigerte er beispielsweise der Sat.1-Moderatorin Britt eine vielversprechende Antwort. Seine provozierenden Fragen taten der Sendung gut, mit der Zeit übertrieb er es jedoch ein wenig. Wenn er das etwas zurück fährt, die Diskussionen noch mehr an Tiefe gewinnen und die Gäste facettenreich genug bleiben, kann aus dem neuen zdf.Kultur-Format eine erfolgreiche Reihe werden. Qualität und Potenzial sind vorhanden.
Das gilt im Übrigen auch für die zdf.neo-Sendung “Stuckrad Late Night” mit Benjamin von Stuckrad-Barre und mit Abstrichen auch für Joko&Klaas’ “neoParadise”. Es ist schade, dass das ZDF drei seiner vielversprechendsten Sendungen auf den kaum beachteten Digitalkanälen versteckt. Natürlich ergeben sich durch die geringe Aufmerksamkeit mehr Möglichkeiten zum Experimentieren. Aber Sendungen wie diese haben ein größeres Publikum und das Publikum hat mehr Sendungen wie diese verdient. Mit “Pelzig hält sich”, Monika Grubers “Leute, Leute” und der Reihe “ZDFzoom” hat das ZDF bereits mit etwas Mut zum Risiko drei eher ungewöhnliche Sendungen ins Programm geholt. Es wäre wünschenswert, wenn man in Mainz diesen Weg fortsetzen und die eine oder andere Perle aus dem Digital- ins Hauptprogramm holen würde. Mit “Markus Lanz” und der “SOKO Leipzig” fallen mir da auch spontan zwei gute Streichkandidaten ein…
Die erste Ausgabe von “Roche & Böhmermann” gibt es noch sechs Tage in der ZDF-Mediathek zu sehen.

Das Format ist echt Klasse, es macht schon Spaß dort zuzuschauen. Ich bezweifle jedoch, dass es viel Tiefe bekommen kann. Die Gäste diese Sendung, du hast es selbst schon angedeutet, haben irgendwie nicht viel zu sagen, deren Meinung interessiert eigentlich keinen. Der Erkenntnisgewinn geht gegen Null. Andererseits kann ich mir nicht vorstellen, dass Menschen, die etwas zu sagen haben, sich so ein Format leisten können, bei der Medienkultur und der Sicht auf die Entscheidungsträger im Moment. Sie stehen ja in der Regel doch mehr in der Öffentlichkeit, bzw. unter “Aufsicht”. Vielleicht funktioniert das Format nur mit Leuten, die man mehr oder weniger sowieso nicht ganz ernst nimmt? Ich würde mich aber gerne eines Besseren belehren lassen ;).
MN