Es war nicht alles schlecht
B.A. KMW – Eine Bilanz
Was habe ich gelästert über meinen Studiengang! Drei Jahre lang habe ich neue Namen für mein Studium der “Kommunikations- und Medienwissenschaft” erfunden: KMW als Abkürzung für ”Kommunikations- und Medien… Was?”, oder nur “Kommunikation und Medien”, da die Wissenschaft fehlt. Oder aber – mein Favorit – nicht KMW, sondern EAW: “Erweitertes Allgemeinwissen”. Auch Professoren und Verantwortliche mussten kräftig einstecken. Sprach ich doch davon, dass sie aufgrund ihres Umgangs untereinander und der teils chaotischen Organisation ihr Institut zum einzigen an der Universität machten, das den Inhalt seines Namens nicht beherrscht.
Jetzt, da ich alle Noten habe und mein Bachelorstudium abgeschlossen ist, möchte ich noch einmal ausgewogen, mit ein wenig Abstand auf die letzten Jahre blicken. Denn wie immer gab es neben dem Kritikwürdigen auch Positives, das aufgrund mangelnden Nachrichtenwerts unter den Tisch gefallen ist. Und über die einzelnen Verfehlungen habe ich bereits hinlänglich berichtet. Aus Platz- und Lesbarkeitsgründen kann ich leider nicht wirklich ins Detail gehen. Aber das passt ja irgendwie zum Bachelor.
Der Wahlbereich hat nicht nur Sorgen bereitet, sondern tatsächlich zahlreiche interessante Einblicke in Themengebiete ermöglicht, die fernab von meinem Kernfach, aber dennoch nicht minder wissenswert waren. Bei allem Klagen über das Bachelorsystem muss man anerkennen, dass das Prinzip des Wahlbereichs gar nicht so verkehrt ist und sehr gewinnbringend sein kann (die Durchführbarkeit mal ausgeklammert). Der Geschichts- und Gesellschaftsunterricht Amerikas, die Wirtschaft Afrikas und vor allem die vier Module in der Politikwissenschaft haben mir so gut gefallen, dass meine Noten dort durchweg besser waren als in meinem Hauptfach.
Doch auch in der KMW wurde nützliches Wissen vermittelt. In den Klausuren wurde es zwar nur selten abgefragt, aber man lernt ja auch nicht für die Noten. Eigentlich. Die Vorlesungsinhalte haben mich dazu ermuntert, mich auch privat intensiver mit dem Mediensystem zu beschäftigen. Ich habe in den letzten drei Jahren viel über die Funktionsweisen diverser Medien gelernt; sei es wirtschaftlich, redaktionell, ethisch oder institutionell. Das meiste davon wurde in den Veranstaltungen behandelt, für den Rest hat das Studium das Interesse geweckt. Ein Bachelorstudium soll, so wie ich es verstanden habe, genau das tun. Interesse wecken. Die Studenten sollen ein Grundverständnis über die einzelnen Themengebiete erhalten, um anschließend zu entscheiden, in welche Richtung sie sich spezialisieren wollen. Diese Kriterien hat auch der Leipziger B.A. KMW erfüllt.
Genau das ist jedoch der Knackpunkt – und damit sind wir bei der in einer Bilanz unausweichlichen Kritik angekommen. In sechs Semestern gab es kaum ein Modul, dessen Veranstaltungen nicht die Worte “Einführung”, “Grundlagen” oder “Methoden” beinhalteten (das hätte man allerdings auch vorher wissen können). Auf Dauer frustriert dieses An-der-Oberfläche-Kratzen. Auch im letzten Semester beschleicht einen das Gefühl, gar kein echtes Studium im Wortsinne zu betreiben. Um das zu illustrieren, lohnt ein Blick auf mein Zeugnis. Ich habe meinen Bachelor mit einer eins vor dem Komma abgeschlossen, obwohl ich in meinem gesamten Studienverlauf genau drei Mal in der Bibliothek gewesen bin. Zweimal für meine Abschlussarbeit, einmal für Politik. Literaturrecherche musste ich kaum betreiben, wenn sie nötig war, reichte meist eine Online-Recherche, um Bewertungen zu erhalten, die mich zu der guten Gesamtnote brachten. Für mich war das zwar ungemein praktisch, aber für eine Universität kann ein Studiengang, der ohne Bibliothek zu bestehen ist, nicht erstrebenswert sein.
Literatur wäre genügend vorhanden, übrigens auch sehr lesenswerte. In der bestehenden Studienstruktur ist es aber unmöglich, sich intensiv mit einem der interessanten Texte zu befassen, da in den Überblicksmodulen lediglich alle Autoren nur kurz vorgestellt werden können. Dadurch ist man gezwungen, von allem etwas zu lesen, ohne sich genauer damit auseinanderzusetzen. Das nervt und verdirbt die Lust am Lesen. Rückblickend finde ich es sehr bedauernswert, dass ich so wenige der guten Bücher gelesen habe, weil mich die langweilige Pflichtlektüre davon abgehalten hat.
Apropos unmöglich. Die Bachelor-Devise, so viele Studenten wie möglich so schnell wie möglich durch die Uni zu schleusen, lässt kein sinnvolles Studium zu. Durch chronisch fehlende Gelder konnten in diversen Modulen keine Tutorien oder Seminare angeboten werden. Für Studenten hält sich der Erkenntnisgewinn von Vorlesungen mit 300 Teilnehmern in Grenzen, für Dozenten werden pädagogisch und akademisch sinnvolle Veranstaltungen undurchführbar. Ein wenig muss das so gescholtene Institut folglich in Schutz genommen werden. Den größten Teil der Schuld an der Misere tragen die sächsische und die europäische Bildungspolitik.
Würde ich mich erneut für diesen Studiengang entscheiden? Schwierige Frage. Vermutlich. Das Thema ist für mich schließlich genau das richtige, ebenso wie der Standort Leipzig. Darüber hinaus habe ich durch mein Studium einige Kontakte geknüpft, die mich bereits voran gebracht haben und das sicherlich auch in Zukunft noch tun werden. Wenn auch der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn überschaubar geblieben ist, so hat sich doch alleine deshalb das Studium gelohnt. Ich möchte deshalb, als Fazit, nicht von der KMW, sondern vom Bachelor abraten. Massenabfertigung in der Bildung ist eine Beleidigung für Lehrende und Lernende.
Je länger ich über mein Abschlussurteil über den B.A. KMW nachdenke, desto mehr drängt sich mir folgende Formulierung auf: KMW – Kann man mal machen.

Ich kenne keinen Studenten, der so ausgelastet wäre, dass er es nicht schaffen würde, wenigstens fünf Stunden in der Woche in der Bibliothek zu verbringen.
Hast Du Dich bei Deinen wissenschaftlichen Arbeiten auf Online-Recherche beschränkt, weil Du keine Zeit für Literaturrecherche hattest oder weil Du es bequem fandest und wusstest, dass es für eine gute Note ausreichen würde?
Eher letzteres. Hin und wieder hätte ich mir gewünscht, dass es mal eine Aufgabenstellung gegeben hätte, in der es unabdingbar gewesen wäre, sich eine Weile in die Bibliothek zu setzen und dort zu recherchieren. Die Zeit dazu hätte man sich dann genommen. Kam aber offensichtlich nicht vor.
Wobei der Leseaufwand während des Semesters durch die unzähligen Readertexte tatsächlich nicht zu missachten ist.
Dass das nicht unbedingt für meine wissenschaftliche Arbeitsmoral spricht und ich damit auch selbst Schuld daran bin, dass mich vieles angeödet hat, ist mir natürlich klar. Das lag allerdings auch daran, dass mich die meisten Hausarbeitsthemen nicht besonders begeistert haben und die Motivation auch vergleichsweise gering ist, wenn man weiß, dass man 10 Seiten schreiben muss, die am Ende zu… einem Fünzigstel oder so in die Gesamtnote einfließen. Das kann man sinnvoller gestalten.
Der selbstkritische Ansatz Deines letzten Kommentars hätte dem Artikel sicher gut getan. Mal ehrlich: Was hätte die Uni tun müssen, um das “Feuer” in Dir zu entfachen? Wäre die Aussicht auf schlechte Noten ein geeigneter Motivator gewesen? Du selbst schreibst, dass man nicht für Noten lerne. Wie recht Du damit hast! Deshalb sollte es auch egal sein, zu wie viel Prozent eine Arbeit in die Gesamtnote eingeht.
Dass Dir von Deinen Professoren offenbar durch die Bank langweilige Hausarbeitsthemen aufgezwungen (?) wurden, ist eine dumme Sache. Ich hoffe, Du hast versucht, mit ihnen darüber zu sprechen und – falls möglich – eigene Themenvorschläge einzubringen.
Ich habe mein Bachelorstudium ebenfalls mit einer Eins vor dem Komma abgeschlossen und in drei Jahren beinahe jeden Tag wenigstens eine Stunde in der Bibliothek verbracht (und zwar mit dem Lesen von “wissenschaftlicher Neigungslektüre”); an manchen Tagen mehr als zehn Stunden.
Für keine Arbeit, die ich je geschrieben habe, wäre es “unabdingbar” gewesen, “sich eine Weile in die Bibliothek zu setzen und dort zu recherchieren”. Vermutlich hätte ich die Eins also auch ohne dieses hohe Maß an Engagement erreichen können. Ich habe mich aber bewusst gegen ein Schmalspurstudium entschieden. Ich wollte diese drei Jahre nutzen, um mich zu bilden – und zwar nicht im Sinne eines EAW, sondern umfassend und intensiv. Wenn nicht in diesen drei Jahren, wann dann? Dass mich meine Professoren ungemein motiviert hätten, kann ich nicht behaupten. Mein Antrieb war die Liebe zu und das Interesse an meinem Fach.
Die Entscheidung, ob ein Studium an der Oberfläche bleibt, trifft in letzter Konsequenz nicht die Uni. Das Studium fordert vor allem eines: Eigeninitiative. Wer nur das tut, was er muss, verpasst das Beste. Man kann durchaus kritisieren, dass die Möglichkeit zur Eigeninitiative durch das Bachelorsystem behindert werde. Warum aber ist die Uni gegenwärtig so verschult? Unter anderem, weil man leider viele Studenten mit Anwesenheitspflicht und Readertexten dazu zwingen muss, sich mit ihrem Studienfach auseinanderzusetzen.
Offenbar hattest Du während Deines Studiums tatsächlich ein Motivationsproblem. Daran ist die Uni natürlich nicht unschuldig. Ich finde jedoch, dass man spätestens während des Studiums lernen sollte, sich selbst zu motivieren. Im Berufsalltag wird man diese Fähigkeit vermutlich oft genug gebrauchen können. Für den Journalismus können Studenten, die nicht aus eigenem Antrieb in die Bibliothek finden, nicht erstrebenswert sein.
Ein Wort zu den Hausarbeiten. Dadurch, dass wir kaum Seminare hatten, mussten wir auch nur sehr wenige Hausarbeiten schreiben. In der KMW drei, um genau zu sein. Zwei davon behandelten empirische Studien zu vorgegebenen Themen (Umfrage zur Fußball-WM, Programmanalyse) und eine in der Buchwissenschaft, ebenfalls zu einem vorgegebenen Thema, bei dem ich mir immerhin den eigenen Schwerpunkt setzen konnte.
Die Möglichkeiten, über eigene Themen Arbeiten zu schreiben oder Referate zu halten, waren dort extrem begrenzt. Selbst bei der Bachelorarbeit musste ich ein vorformuliertes Thema bearbeiten und konnte mich nicht mit einem meiner beiden eigenen Themenvorschläge beschäftigen. Und zwar, weil ich für diese Themen – festhalten – zu viel hätte arbeiten und schreiben müssen. So die Begründung des Professors.
Fehlende Motivation hin oder her. Ich bleibe dabei: Wenn ich mit diesem Aufwand durchweg gute Noten erreichen kann, sollte über das System nachgedacht werden.
Im Übrigen möchte ich dann doch noch betonen, dass ich mich sehr wohl über die Studieninhalte hinaus mit diversen Thematiken beschäftigt habe. Nur eben nicht in der Bibliothek und oftmals auch für den Wahlbereich. Interessiert haben mich in der KMW hauptsächlich die Inhalte, die nicht in der Vorlesung behandelt wurden bzw. die nicht “klausurrelevant” bzw. Hausarbeitsthema waren. Das habe ich auch, wie ich finde, in meinem Artikel zum Ausdruck gebracht.
Dass Dir die Hausarbeitsthemen tatsächlich mehr oder weniger aufgezwungen wurden, ist sehr schade. Daran sollte die Uni auf jeden Fall arbeiten.
Die Frage, weshalb Du kaum Interesse für die Kerninhalte Deines Fachs aufbringen konntest, wird vermutlich nicht leicht zu beantworten sein. Ich hoffe lediglich, dass Du prinzipiell offen warst und wenigstens versucht hast, einen Zugang zu den Themen zu finden.
Über das System sollte aus vielen Gründen nachgedacht werden. Auch ich bin der Meinung, dass es nicht möglich sein sollte, mit denkbar geringem Aufwand eine sehr gute Note zu erzielen. Da wir uns in diesem Punkt einig sind, wirst Du vermutlich verstehen, welches Problem ich mit Deinem Artikel habe. Ich fühlte mich bei der Lektüre an einen Dieb erinnert, der eine Bank überfällt und, während er das Weite sucht, den Sicherheitsbeamten zuruft: “Ihr solltet mal über Euer Alarmsystem nachdenken!”
(Natürlich will ich Dein Vorgehen in keiner Weise kriminalisieren. Ich hoffe, Du kannst diesen Vergleich richtig einordnen)
Der Vergleich gefällt mir sehr gut.
Aber wie gesagt, man muss das alles relativieren. Ich war ja nicht faul. Für die Klausuren musste ich auch lernen, um gute Noten zu schreiben. Und ganz blöd bin ich auch nicht. ;)
Hier könnte man jetzt noch viel mehr schreiben, dass genau die Klausuren das Problem des Systems sind, etc. Aber ich glaube, das ist müßig und du weißt es außerdem genau so gut wie ich.