Neues aus der Anstalt #19
Manche Dinge sind so unangebracht, dass sie zum Bumerang werden können. Professor Dr. Marcel Machill, Inhaber des Lehrstuhls Journalistik II an der Uni Leipzig, könnte es diesmal endgültig übertrieben haben. Er hat einen Studenten verklagt.
Professor Machill hält eine der Vorlesungen im Modul “Einführung in die Journalistik”, über das ich selbst vor einem Jahr zahlreiche Klagelieder gesungen habe. Das einzige erlaubte Hilfsmittel in der Klausur ist ein 39 Euro teures Buch, zu dessen Verfassern er gehört. Diese Studie ist gleichzeitig zentraler Prüfungsinhalt. Nun kommen einige ungünstige Faktoren zusammen. Der Harvard-Absolvent Machill weigert sich wie gewöhnlich, den Studenten den direkten, verbilligten und mittlerweile üblichen Verkauf über sein Sekretariat anzubieten. In der Universitäts-Bibliothek existieren 22 Exemplare, zwei davon nicht ausleihbar, für die anderen gibt es lange Wartelisten. Die 343 für das Modul eingeschriebenen Studenten müssen das Buch also wohl oder übel für den vollen Preis kaufen. Selbst das ist ihnen jedoch nicht vergönnt, da die Studie bei Verlag und Händlern vergriffen und erst in einigen Wochen wieder lieferbar ist. Um den Kommilitonen aus dieser misslichen Lage zu helfen, hat ein Student älteren Semesters, Roger, das Buch eingescannt und online gestellt. Als Überbrückung, bis das Buch wieder verfügbar ist.
Die unautorisierte Verbreitung von Schriften ist ein Verstoß gegen das Urheberrecht, Professor Machill somit im Recht, wenn er seinen Studenten dafür verklagt. Jedoch ist diese Reaktion so grob unangebracht, dass sie für Empörung gesorgt hat. Zunächst berichtete der “Student!”, die Campuszeitung der Uni Leipzig, und die Geschichte sprach sich herum. So weit, dass heute (29.11.2010) ein längerer Bericht in der “Süddeutschen Zeitung” stand. Darin beteuert Roger, dass ein Hinweis seitens des Professors gereicht hätte, um die Scans verschwinden zu lassen. Nichts davon sei geschehen, die erste Kontaktaufnahme sei der Brief der Anwaltskanzlei gewesen.
Christoph Giesen, Autor des Artikels, schlägt sich auf die Seite des Studenten, der nun einem wohlhabenden Professor die 1000 Euro Anwaltskosten bezahlen soll. Er zeichnet das Bild des Professoren nach, das auch in der Studentenschaft von ihm herrscht: “‘Ich habe keine Lust, meine Zeit mit irgendwelchen Studenten zu vertändeln’, sagte er auf SZ-Anfrage und beendete das Gespräch.” Mit wenigen Punkten bringt er sein eigenes Wesen genau auf den Punkt. Professor sein wäre wirklich schön, wenn es nicht diese lästigen Studenten gäbe. Dass er bereits dem “Student!” und dem Universitätsradio “Mephisto 97.6″ Stellungnahmen verweigerte, ist schon charakterlos. Einem SZ-Journalisten den Hörer hin zu knallen, ist jedoch – vor allem als Journalistik-Professor – geradezu unfassbar ungeschickt.
So musste sich Christoph Giesen eben mit anderen Quellen behelfen. Diese äußern sich unisono und erstaunlich offen abgeneigt gegenüber Machill. Wolfgang Fach, Protektor für Lehre und Studium, wird zitiert mit: “Herr Machill ist einmalig, wir haben laufend Probleme mit ihm. Es gibt praktisch kein Semester, in dem ich mich nicht mit der Causa Machill beschäftigen muss.” Auch Professor Bentele, PR-Professor und bundesweiter Guru dieses Faches, sieht die Klausurplanungen Machills kritisch. Professoren andere Institute gehen noch weiter und sagen “Die Prüfung zur mittleren Reife ist anspruchsvoller als ein Examen bei Professor Machill.”
Doch damit nicht genug: Der MDR hat bereits angekündigt, sich dieser Thematik anzunehmen und einen Bericht über Machill und seine Klage zu senden. Und alles nur, weil ein junger Professor “keine Lust hat, seine Zeit mit irgendwelchen Studenten zu vertändeln”. Eine einfache Mail hätte gereicht, nichts wäre passiert. So hat er sich ein peinliches Eigentor geschossen. Die Geschichte schlägt nun ungeahnt hohe Wellen und ist durch den heutigen Artikel bundesweit bekannt. Sein ohnehin schlechtes Ansehen dürfte dadurch noch weiteren Schaden genommen haben. Unter den Studenten ist man darüber nicht wirklich traurig.

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