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Archiv für Oktober 2010

Stimmungskiller

Und plötzlich herrscht wieder eitel Sonnenschein. Nach der trostlosen Niederlage vor zwei Wochen fand RB Leipzig mit zwei 2:0-Siegen schnell wieder zurück in die Erfolgsspur. Der Rückstand auf die wie verrückt marschierenden Chemnitzer wurde wieder auf sechs Punkte verkürzt, der zweite Tabellenplatz gefestigt.

Doch nicht nur in der Tabelle geht es aufwärts; Freude machte beim heutigen Erfolg gegen die U23 der Hertha aus Berlin fast alles. Siegeswille, Laufbereitschaft, Kombinationen waren endlich zu sehen. Als hätte man plötzlich festgestellt, dass es helfen kann, auf dem Platz miteinander zu reden. Die beste Nachricht kam heute jedoch von den Rängen. Stolze 7122 Zuschauer fanden den Weg ins Zentralstadion. Davon wohl ziemlich genau 7100 Leipziger. Von Spiel zu Spiel wird deutlicher, dass hier etwas erfolgreiches entsteht, inklusive Fankultur. Wenn schon eine so vergleichsweise “normale” Partie derartig viele Besucher anlockt, kann man sich ausmalen, wie das ganze dann zwei Ligen weiter oben aussieht. Allen Zweiflern und Traditionalisten sei an dieser Stelle gesagt, dass diese 7122 Zuschauer mehr Menschen sind, als in beide Stadien der Leipziger Traditionsvereine Lok und Chemie überhaupt hinein passen. Vor allem aber darf man sich darüber freuen, dass zeitgleich in Magdeburg beim Topspiel gegen Chemnitz nur knapp genau so viele Fans in der MDCC-Arena waren. Das Projekt RB findet Zuspruch – und rechtfertigt sich damit von selbst. Erstmals waren heute Fangesänge über beide Tribünen möglich, die Haupttribüne war sich nicht, wie so oft behauptet, zu fein, ihren Verein anzufeuern.

Einen Wermutstropfen gab es trotzdem. Fans und Stadionsprecher fehlt es an Timing. Da wird mitten im Spielerwechsel von RB lauthals ein “Steht auf, wenn ihr für Leipzig seid” angestimmt, sodass der Abgang des besten Spielers des Tages komplett untergeht. Als die Mannschaft nach der Halbzeitpause das Spielfeld betritt, sind die Ultras noch mit sich selbst beschäftigt, während das Team nach dem Schlusspfiff in die Kurve läuft, fängt der Stadionsprecher an, die weiteren Spieltags-Ergebnisse durchzusagen und als das “Humba Täterää” angestimmt werden soll, wird plötzlich Musik eingespielt. Der Trommler im Fanblock schafft es regelmäßig, das Anklatschen von Standardsituationen zu unterbrechen und die Haupttribüne wird angesungen, während man sich eigentlich auf den gefährlichen Freistoß des Gegners konzentrieren möchte. Hier muss noch etwas Feingefühl entwickelt werden.

Auch über den Stadionsprecher sollte man noch einmal nachdenken. Zugegebenermaßen ist er wesentlich besser als die Schlaftablette aus Markranstädt von vergangener Saison. Doch seine Fehler häufen sich allmählich gewaltig. Schon beim letzten Heimspiel sagte er die Endergebnisse der anderen Partien falsch an. Heute bekam er kaum eine einzige Ansage fehlerfrei über die Bühne. Den Star der Gästemannschaft, Andreas “Zecke” Neuendorf, deutsche Fußball-Legende, kannte er ganz offensichtlich nicht. Denn bei der Verkündung der Startaufstellung nannte er ihn “Andreas Nauendorf”, bei seiner Auswechslung gar “Neuenhof”. Sogar bei der Aufstellung seines eigenen Teams unterlief ihm ein Fauxpas, als er kurzerhand den Kapitän, Tim Sebastian, überlas. Von seinem unglücklichen Timing habe ich bereits geschrieben.

So lange jedoch die Leistung auf dem Platz stimmt, darf der Stadionsprecher auch gerne für den einen oder anderen Lacher sorgen. Besser als anders herum.

Warten, bis der Arzt kommt

27. Oktober 2010 1 Kommentar

Eine Radiojournalistin hat mir einmal erzählt, man verbringe in diesem Beruf 80 Prozent der Zeit mit Warten. So gesehen war mein heutiger Vormittag wohl eine gute Übung.

Gestern Nachmittag erwischte mich (ja, das wird eine Krankengeschichte!) unverhofft ein dumpfes Brummen im Ohr, das mich nicht mehr verließ. Vor der Politik-Vorlesung war es einfach da, mal leise, mal lauter, aber immer nervig, als stünde man neben einem Stromgenerator (oder wahlweise einem Laserschwert). Da es in einer Musiker-Großfamilie neben Handverletzungen nichts schlimmeres gibt als ungewollte Töne im Ohr, entschied ich mich nach dem Erwachen mit Brummschädel gegen die “Wirtschaftsgeschichte Afrikas” und für einen Arzt. Man weiß ja nie.

Dankenswerterweise wurde ich trotz Kassenversicherung direkt angenommen und durfte im Wartezimmer Platz nehmen. Dort lag ich mindestens 50 Jahre unter dem Altersdurchschnitt. Passenderweise hing auch ein Autogramm von Frank Zander an der Wand.

Nach einer flockigen Stunde Wartezeit durfte ich mich einem Hörtest unterziehen, nach dem ich anschließend gefragt wurde, ob ich wirklich einen Tor im Ohr habe, da mein Hörvermögen noch über dem Durchschnitt liege. Selber Schuld, wenn so ein Test daraus besteht, die Naturtonreihe rauf und runter zu spielen, wodurch man schon vorher weiß, welcher Ton wohl folgen wird.

Nun ja. Dem Test folgten weitere sechzig Minuten im Rentnerzimmer. Als nach fünfzig gelesenen Buchseiten endlich mein Name genannt wurde, wollte ich bereits erleichtert aufatmen – bis mir der Stuhl neben der Rezeption angeboten wurde, auf dem ich auf meinen Aufruf warten sollte. Dieser Platz kann nur zur Schikane der unangemeldeten Kassenpatienten gedacht sein. Denn während in mir die Hoffnung geweckt wurde, es könnte bald vorbei sein, musste ich zusehen, wie vor mir Rentner um Rentner an einen schönen Tisch und anschließend ins Sprechzimmer geholt wurden. Drei Mal füllte und leerte sich die Sitzecke vor meinen Augen mit Leuten, die, ungelogen, über eine Stunde nach mir die Praxis betreten hatten. In solchen Momenten kommen einem böse Gedanken. “Warum kommen die jetzt vor mir dran? Die haben doch heute eh nichts mehr vor. Ich muss heute noch studieren, die nur noch sterben.” Ich habe versucht, sie (die Gedanken!) zu verdrängen und an das Gute in mir zu glauben. Es hat funktioniert. Aber es war knapp!

Nach über zweieinhalb Stunden schnöden Rumsitzens erwartet man dann wenigstens eine knackige Diagnose. Meine fiel wie folgt aus: “Sie haben vermutlich ein Tuben-Katarrh. Das lässt sich nicht eindeutig feststellen. Die Behandlung wird von der Kasse nicht bezahlt, weil nicht erwiesen ist, dass sie wirkt. Denken Sie einfach an was anderes!”

Da sitzt man den ganzen Vormittag sinnlos rum – und dann so etwas! Immerhin war die Ärztin ehrlich genug, mir zu sagen, dass das Medikament, das ich für 13 Euro kaufen müsste, vermutlich gar nicht wirkt. Es regt nur die Hirndurchblutung an. Ob ich es mir trotzdem kaufe und vor einer Klausur einsetze? Auf jeden Fall habe ich meine medizinischen Grundkenntnisse wieder einmal erweitern können – um die beiden Heilmethoden “An etwas anderes denken” und ”Weghören”. Wesentlich praxisrelevanter als Wirtschaft in Afrika!

Ein großes Dankeschön geht an dieser Stelle an Günter Wallraff, ohne dessen Buch ich mein Hirn heute früh mit der “Frau im Spiegel” hätte zermatschen müssen. Kritische Bemerkungen darüber, dass zwei bis drei Stunden Warten auf zweimal fünf Minuten Behandlung mittlerweile normal sind, spare ich mir heute. Jetzt gehe ich erst einmal Weghören.

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Das Spiel des Lebens

So schön kann Youtube sein. Und so stilvoll die Sticheleien zwischen zwei Fußballvereinen.

In der zweiten Hauptrunde des DFB-Pokals trifft heute der Fußballzwerg SC Victoria Hamburg auf den großen VFL Wolfsburg. Für die Hanseaten ist es nach eigenen Angaben das Spiel ihres Lebens. Verstecken wollen sich die “kleinen Hamburger” mitnichten – ganz im Gegenteil. Sie wollen die “Wölfe” ärgern. Und zwar so:

 

Die Antwort des VFL Wolfsburg ließ nicht lange auf sich warten und erfolgte, wie ich finde, auf dem sympathischsten Weg. Mit ihrer Version des gleichen Videos:

 

Ein großes Lob an beide Vereine. Auf Hamburger Seite wird die Aktion den gewollten Effekt (mehr Zuschauer) erzielen, macht aber nicht auf dramatischen Blockbuster-Trailer. Die Reaktion der Wolfsburger war nicht überheblich, aber dennoch mit einem Augenzwinkern. So etwas hat Stil.

 

PS: Vom SC Victoria gibt es noch ein zweites Video.

Pelzige PR

“Neues aus der Anstalt”, ZDF 19.10.2010

Raus aus meiner ganz persönlichen Anstalt, rein in die “echte” von Urban Priol!

Vor der langen Sommerpause hatte Georg Schramm die “Anstalt” verlassen. Er war der Patientensprecher Lothar Dombrowski, ein hessisches SPD-Mitglied und Oberstleutnant der Bundeswehr in Personalunion. Vor allem aber war er der perfekte Partner für Anstaltsleiter Priol, machte die Sendung abwechslungsreich und sympathisch und hatte maßgeblichen Anteil am Erfolg des Satire-Formats des ZDF. Entsprechend groß ist sein Verlust.

Doch gottlob ist die deutsche Satirelandschaft sehr bunt und vielseitig. Ein neuer Co-Gastgeber war schnell gefunden: Der fränkische Kabarettist Frank-Markus Barwasser, besser bekannt unter dem Namen Erwin Pelzig.

Das Hauptaugenmerk der Sendung vom letzten Dienstag lag folglich darauf, die neue Figur mit ihrer Funktion vorzustellen, ihr Tiefe zu geben. Darunter litt natürlich das Tempo, die Anzahl der Pointen war verhältnismäßig gering, Themen vertieft behandeln konnte man auch nicht, da durch die ungewöhnlich lange Pause zu viel auf einmal abgearbeitet werden musste. Schlecht war die Sendung dadurch jedoch nicht. Es wurde viel grundlegende Arbeit geleistet, auf die man in den kommenden Monaten nun aufbauen kann. Erwin Pelzig ist in der Anstalt angekommen, seine Funktion und vor allem sein Verhältnis zum Anstaltsleiter wurden verdeutlicht. Es kann losgehen.

Pelzig ist der neue PR-Berater der Anstalt. Er soll sie auf Kurs bringen, ihr dabei helfen, ihre Ziele nun endlich zu erreichen – das Stürzen der Merkel-Regierung. Sein Verhältnis zu Urban Priol ist schnell erklärt: Pelzig schreibt ihm vor, was er zu tun hat, möchte seine Art komplett verändern, entscheidet über seinen Kopf hinweg und Priol meint: “Man hat mir einen Pressesprecher avisiert und keinen fränkischen Konsonanten-Schänder!”

Man darf sich auf die folgenden Ausgaben und das Zusammenspiel von Pelzig und Priol freuen. Bevor ich nun wieder meine persönlichen Highlights der Sendung anführen werde, möchte ich noch auf eine Aktion zu sprechen kommen, die vor lauter Hektik am Ende der sechzig Minuten fast untergegangen wäre. Urban Priol hat etwas getan, das ich mit Interesse verfolgen werde – er hat Angela Merkel beim Wort genommen. “Jedes Mitglied kann sich mit seiner Persönlichkeit in der Partei voll entfalten. Denn, wer Missstände benennen will, der darf das tun, der soll das sogar tun.” Priol hat also – richtig gedacht! – einen ganz offiziellen Aufnahmeantrag an die CDU gestellt, möchte dort Mitglied werden und knallhart das tun, was die Kanzlerin gefordert hat: Missstände benennen.

Und jetzt die schönsten Sprüche vom 19. Oktober 2010.

“… nachdem mein Patientensprecher den Köhler gemacht und sich verpisst hat…”

“… weils gar keine klaren Mehrheiten mehr gibt. Es gibt nur noch unklare Minderheiten. Die unklaren Minderheiten sind schon längst in der Mehrheit!” – “Aha. So spricht also ein ‘Juwel’.”

“Ja glauben Sie im Ernst, ich mach Ihnen hier den Seibert?”

“Die Bundesregierung ist unbeliebt, völlig zu Recht. Das Kabinett hat schon überlegt, sich verschütten zu lassen, um danach gefeiert zu werden.”

“Ja, wissen’s, wir haben grad Aufschwung, da ist sehr wenig Zeit zum Arbeiten!”

“Wir Deutsche sind ja historisch gesehen gut im Integrieren. Vom Atlantikwall bis zum Kaukasus haben wir alles schon mal integriert!”

“Die RAF soll wiederkommen? Welche von den Nasen sollten die denn entführen? Da zahlt doch heute keiner mehr Lösegeld. [...] Einer wieder Brüderle, der textet die so lange zu, bis sie den Kofferraum aufmachen und sagen ‘Geeeeehhhh!’”

“Ich bin kein Freund des Ehrenmordes. Aber wäre er im Finanzwesen nicht eine geradezu erfrischende Innovation?”

Die ganze Folge gibt es wie immer in der ZDF-Mediathek.

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Neues aus der Anstalt #18

22. Oktober 2010 1 Kommentar

Im fünften Semester studiere ich mittlerweile KMW (Kommunikations- und Medienwissenschaft). Was die Studenten des Moduls 106, Kommunikationsmanagement/PR, gestern Abend als Seminar verkauft bekommen haben, ist Wasser auf meine Mühlen. Seit Studienbeginn plane ich eine Initiative zur Umbenennung der KMW in “EAW” – Erweitertes Allgemeinwissen.

Einige Highlights der bahnbrechenden Erkenntnisse der gestrigen 90 Minuten möchte ich hier präsentieren.

1. Pressemitteilungen sind von Unternehmen/Organisationen verfasste Mitteilungen an die Presse. Sie sind nach journalistischen Standards aufgebaut, geschrieben nach dem “Climax-First-Prinzip”. Ob Pressesprecher deshalb öfter Single sind?

2. Die Presseinformation ist eine Information von Unternehmen/Organisation an die Presse. Wichtig bei PIs ist die Beantwortung der “W-Fragen”.

3. Bei den Beispielen für Inhalte der W-Fragen gab es eine Überraschung. Den Fragen wurden als Beispiele sogenannte “Nachrichtenelemente” gegenübergestellt. Ein Paar wirkt irgendwie fehl am Platz.

  • Wann? – Aktualität
  • Wo? – Nähe
  • Wer? – Öffentliche Bedeutung
  • Was? – Folgenschwere, Dramatik, Konflikt
  • Wie? – Kuriosität
  • Warum? – Liebe (Sex)

4. In einer Presseeinladung sollten Ort, Zeit und Anlass der Veranstaltung stehen. Einen kleinen, besonderen Anreiz für die Journalisten, der sie anlockt, sollte es auch geben. Ich selbst habe so schon in der Grundschule meine Geburtstagseinladungen geschrieben. Bin ich vielleicht der geborene Pressesprecher? Oder sind diese Informationen einfach trivial?

5. Die “Gesellschaft für Technische Überwachung” (GTÜ) mit Sitz in Stuttgart hat die Anschrift “Vor dem Lauch 25″.

6. Zu Pressekonferenzen mit interessanten Gästen kommen mehr Journalisten als zu PKs mit unbekannten Gästen.

Und zuletzt ein Punkt in eigener Sache:

7. Zu interessanten Vorlesungen kommen viele Studenten, die bis zum Ende bleiben. Bei langweiligen ist das nicht der Fall.

 

Wie freuen wir uns alle auf die nächsten Vorlesungen!

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